Es wird ein Riesenprojekt. Und es wird die Anwohner besonders im östlichen Waldstraßenviertel mindestens bis ins Jahr 2030 beschäftigen: die Öffnung des Pleißemühlgrabens bis zum Zoo. Am 14. Dezember hat die Stadt den Beschluss der Dienstberatung gemeldet, hier mit den Planungen zu beginnen. Über den Planungsbeschluss freilich muss noch der Stadtrat beschließen, denn allein dafür braucht es 2,7 Millionen Euro.

Diese Planungsgelder sollen in den Jahren 2021 bis 2023 aufgebracht werden. Wobei es verblüfft, dass hier Planungen für zwei Grabenabschnitte forciert werden, für die es noch gar keine wasserrechtliche Genehmigung gibt.„Wasserrechtlich ist die Offenlegung des Pleißemühlgrabens vom Schleußiger Weg bis zur Gottschedstraße mit dem Planfeststellungsbeschluss vom 28.11.1997 legitimiert“, stellt das Amt für Stadtgrün und Gewässer in der Vorlage für den Stadtrat fest.

„Für den nördlichen Bereich des Pleißemühlgrabens ab Gottschedstraße, so auch für die Planungsabschnitte zwischen der Käthe-Kollwitz-Straße und der Parthe, existiert noch keine wasserrechtliche Genehmigung und damit kein Baurecht. Dieses ist auf der Grundlage der zu beauftragenden Planungen zu beantragen.“

Die wasserrechtliche Genehmigung muss freilich ebenfalls beantragt werden. Dass sie nicht mal für den Abschnitt am Goerdelerring vorliegt, um den die Stadtverwaltung ja nun seit 2016 so vehement gekämpft hat, verblüfft schon.

Hochwasserentlastung für den Zoo

Warum nun beide Grabenabschnitte – der vor der Feuerwache und der vom Naturkundemuseum bis zum Zoo – jetzt in einen einzigen Planungsbeschluss gepackt werden, erklärt das Amt so: „Aus hydraulischen Gründen ist es erforderlich und zielführend, den Verlauf des Pleißemühlgrabens zwischen Käthe-Kollwitz-Straße und Zoo (die Bauabschnitte 11 a und 11 b) in einer gemeinsamen Planung zu betrachten und in einem Wasserrechtsverfahren zu beantragen.“

Wobei der Abschnitt bis zum Zoo erst seit 2019 überhaupt in der Debatte ist – nämlich als Lösung für die Hochwasserprobleme, die im Zoogelände bei Parthehochwasser entstehen können.

Wie das funktionieren soll, schildert die Vorlage so: „Aufgrund der beengten Flächenverhältnisse galt es zu prüfen, inwieweit aus wasserbaulicher/hydraulischer Sicht tatsächlich durch die Offenlegung des Pleißemühlgrabens zwischen Rosentalwehr und Mündung in die Parthe eine wirksame Entlastung für den Hochwasserschutz des Zoos erreicht werden kann.
 
Voraussetzung dafür wäre, dass sich im Hochwasserfall (> HQ25) der Parthe die Fließrichtung des Wassers im Pleißemühlgraben entgegen der natürlichen Fließrichtung umkehrt und die Parthe über den Pleißemühlgraben, über das Rosentalwehr in den Elstermühlgraben fließt.
 
Hierfür wurden grundlegende Untersuchungen mit einer 1D- und 2D-hydraulischen Modellierung zur Klärung der technischen Machbarkeit bis zum 3. Quartal 2019 durchgeführt. Im Ergebnis ist festzustellen, dass aufgrund der Höhenverhältnisse der Sohl- und Wasserspiegellagen der Parthe, des Pleißemühlgrabens und des Elstermühlgrabens grundlegend die Möglichkeit besteht, im Hochwasserfall den Pleißemühlgraben zur Ableitung von Teilmengen des Hochwasserabflusses der Parthe über den Pleißemühlgraben in den Elstermühlgraben zu nutzen.
 
Für das in der Berechnung angesetzte Jahrhunderthochwasser HQ100 wird eine Absenkung des Wasserspiegels der Parthe im Zoo um 87 cm gegenüber dem Ist-Zustand erreicht. Alle Tiergehege entlang der Parthe werden somit von der Hochwassergefahr befreit. Gleichzeitig wird die Belastung der Brücken im Zoo reduziert, sodass sich Umbauanforderungen reduzieren lassen. Damit wird bei der Offenlegung in der historischen Linienführung des Pleißemühlgrabens ein Effekt für die Verbesserung des Hochwasserschutzes des Zoos erzielt.“

Bauzeit von 2026 bis 2032

Die Zustimmung des Landes für diese Lösung hat die Stadt noch nicht. Auch darauf weist die Vorlage hin: „Die Planung zur Offenlegung des Pleißemühlgrabens und Anbindung an die Parthe ist in enger Zusammenarbeit mit dem Freistaat Sachsen, vertreten durch die Landestalsperrenverwaltung, durchzuführen, da sowohl Gewässer I. als auch II. Ordnung betroffen sind und die Offenlegung sich in die Hochwasserrisikomanagementplanung für die Gewässer der Stadt Leipzig einordnen muss.“

Der geplante Abschnitt für die Öffnung des Pleißemühlgrabens. Quelle: LeipziGIS 2021
Der geplante Abschnitt für die Öffnung des Pleißemühlgrabens. Quelle: LeipziGIS 2021

Wobei die Zeit erst einmal nicht drängt. Denn die Bauarbeiten sollen nach jetziger Planung erst 2026 starten. Das Gesamtprojekt von Käthe-Kollwitz-Straße bis Zoo wird mit 59,4 Millionen Euro kalkuliert, wobei Leipzigs Wasserverwaltung schon mal tapfer mit einer Förderung in Höhe von 45 Millionen Euro rechnet.

Fertig sein soll dieses Projekt im Jahr 2032.

Was wird mit der Frankfurter Brücke?

Wobei eine der kniffligsten Stellen die alte Frankfurter Brücke sein wird, die man oberirdisch gar nicht mehr sieht.

„Die Frankfurter Brücke als ehemalige zweiteilige Sandsteingewölbebrücke ist bauwerkseitig noch vorhanden und wurde mit der Verrohrung des Pleißemühlgrabens teilverfüllt (Länge ca. 14 m). Zur Gewährleistung der Stand- und Verkehrssicherheit erfolgte 2020 noch eine zusätzliche Verfüllung mit fließfähigem Beton“, schreibt das Amt für Stadtgrün und Gewässer. Aber die neue Brücke darf ja nicht nur die historischen 14 Meter breit werden.

„Ein Bogen soll wieder statisch ertüchtigt und für den Durchfluss genutzt werden. Für den restlichen Teil der Unterquerung des Ranstädter Steinweges ist nach heutigem Kenntnisstand eine neue Brücke zu errichten (Länge ca. 32 m)“, heißt es in der Vorlage. „Alternativ gilt es zu untersuchen, inwieweit durch die Neutrassierung des Pleißemühlgrabens parallel zum Goerdelerring eine Querung des Ranstädter Steinweges östlich der historischen Trasse im Zuge der Frankfurter Brücke technisch optimaler und kostengünstiger ist.“

Was im Klartext eben auch heißt, dass die Brücke, unter der der Pleißemühlgraben dann den Ranstädter Stein weg unterqueren soll, überhaupt noch nicht in den Kalkulationen auftaucht. Hier kann man erst mit den Planungen beginnen, wenn man weiß, wo der Pleißemühlgraben nun tatsächlich den Ranstädter Steinweg unterqueren soll.

Hinterm Naturkundemuseum stehen die alten Ufermauern noch

Etwas einfacher wird es im Grabenverlauf vom Naturkundemuseum zum Zoo. Denn: „Die historischen Ufermauern sind zum größten Teil, bis auf die Mauerköpfe, an einigen Stellen im gesamten Offenlegungsabschnitt beidseitig erhalten. Über deren Zustand liegen keine aktuellen Erkundungen vor. Es wird beabsichtigt, die historischen Mauern beidseitig, gemäß den heutig geltenden statischen Sicherheitsanforderungen, wieder zu ertüchtigen. Unter dieser Maßgabe erhält der Pleißemühlgraben seine historische Breite zwischen 8 und 10 m wieder.“

Und endlich rafft sich die Verwaltung auch einmal auf, wenigstens zwei Uferabschnitte für Spaziergänger erlebbar zu machen: „Zur Erlebbarkeit des Wassers ist geplant, dass im Bereich Naturkundemuseum und südlich der Emil-Fuchs-Straße naturnahe abgeböschte Zugänge baulich eingeordnet werden.“

Jetzt wandert die Vorlage erst einmal durch die Ausschüsse des Stadtrats, bevor sie irgendwann 2022 zur Beschlussfassung in die Ratsversammlung geht.

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Keine Kommentare bisher

Nachdem die sich verselbstständigte Verwaltung in einem aberwitzigen Bürgerbeteiligungsverfahren alle Bürger an der Nase herumgeführt und ihren Willen durchgesetzt hat, nämlich statt dem originalen und qualitativ besseren Verlauf durch das Naundörfchen nun einen Kanal vor das Feuerwehrdepot zu legen (bestimmt in wunderbarer Betonmanier, denn die skizzierten grünen Bäume auf der Böschungstreppe wird es sicherlich nicht geben), macht man sich jetzt tatsächlich schon Gedanken, wie man dann den Pleißemühlgraben am Ranstädter Steinweg anbinden könnte??
Das stinkt gewaltig nach Salamitaktik und / oder geballter Unfähigkeit.

Es würde mich nicht wundern, wenn die Ausgestaltung des Mühlgrabens aufgrund der “Hochwasserthematik Parthe” wesentlich betonbehafteter und kanalmäßiger ausfallen würde. Ich denke an die bisher nicht widerrufene Öffnung der Elster in der Friedrich-Ebert-Straße, die ein riesiger Kanal werden müsste, sollte sie die Hochwasserfunktion erfüllen müssen. Also alles andere als geschmackvolle Aufenthalts- und Erlebnisqualität an einem Wässerchen. Denn fördern will man sich die Sache ja lassen.

Die Sandsteingewölbebrücke am Ranstädter Steinweg wieder auferstehen zu lassen, zumindest in einem winzigen Teil, begrüße ich jedoch. Schauen wir mal, was von der kleinen Idee noch übrig bleibt.

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