Da wohnt doch gar keiner. So könnte man die Stellungnahme der Stadt zu einer Petition zusammenfassen, welche die Umbenennung des Marienwegs im südlichen Teil fordert. Ein zumindest verwirrendes Unterfangen, denn der Marienweg ist seit 1914 nach der Marienbrücke benannt, die kurz nach dem Zusammenfluss von Elstermühlgraben und Weißer Elster über die Weiße Elster führt – genau in diesem Teil des Marienweges.

Doch Roland Hahn, der die Petition gestellt hat, hat ein paar gute Gründe für sein Anliegen angeführt: „Den Straßennamen Marienweg gibt es innerhalb des Leipziger Stadtgebietes doppelt – im Stadtbezirk Mitte und im Stadtbezirk Nordwest. Vor mehr als 40 Jahren waren ‚beide Marienwege‘ miteinander verbunden. Heute kann man an dieser Stelle, früher ein Bahnübergang, die ursprüngliche Fortsetzung nicht mal mehr erahnen.

Das liegt an einer Lärmschutzwand sowie an der Einzäunung eines Grundstücks samt Vegetation. Aus unbekannten Gründen steigen die Hausnummern im Marienweg stadteinwärts an. Bei falscher Anfahrt resultiert ein Umweg von mehreren Kilometern, was mit entsprechendem Zeitverzug verbunden ist. Insbesondere bei Notfalleinsätzen sind Verwechslungen dieser straßennamentlichen Doppelung sehr gefährlich.

Die Leipziger Volkszeitung berichtete am 1. Dezember 2022 von einem Todesfall im Marienweg – die Hilfe kam zu spät. Schon im Jahr 2019 stellte der Brandort mehrerer Baufahrzeuge ‚im Marienweg‘ ein Einsatzhindernis dar. Aus Orientierungsgründen muss zur Schaffung einer nachweislich notwendigen Problemlösung (zwingende Vermeidung weiterer Verwechslungen) einer der beiden Marienwege dringend umbenannt werden!“

Was die LVZ da berichtet haben mag, ist völlig unklar. Tatsächlich gab es einen wohl gesundheitlich bedingten Tod eines Fahrers eines Sattelzuges am frühen Morgen des 24. November, worüber die Polizei am 30. November 2022 berichtete. Dass er starb, weil die Rettungskräfte zu spät am Unfallort eingetroffen sein sollen, berichtete die Polizei freilich nicht.

Verwirrende Adressen?

Es gibt freilich noch ein paar andere Probleme, wie Roland Hahn feststellte: „Begleitend befinden sich in der zur Umbenennung vorgeschlagenen Straße drei große wichtige hausnummernlose Grundstückszufahrten, die alle drei mit der Adresse ‚Am Sportforum‘ beschildert sind. Das ist ebenfalls nicht tolerabel und bedarf einer Lösung (Adressvergabe)!

Der neue Straßenname des Marienwegs im Stadtbezirk Mitte sollte namentlich bis zur Neuen Luppe verlängert werden. Die aktuelle Adresse ‚Marienweg 10‘ benötigt auch zukünftig eine gerade (nicht ungerade) Hausnummer, die entsprechend der Länge der Straße (aktuell knapp 1,5 Kilometer) zur guten Orientierung dreistellig (zum Beispiel Hausnummer 100) sein sollte.
Die Zufahrt zur Adresse Waldstraße 175 einschließlich Briefkasten erfolgt über den im Stadtbezirk Mitte liegenden Marienweg.

Der Eigentümer kennt das Adressproblem – vor Ort existiert ein viel zu kleiner Hinweis, der leider auch eine falsche Entfernungsangabe hat.

Das Wenden auf der Waldstraße ist selbst im Notfall für Einsatzfahrzeuge aus diversen Gründen (kein Platz, schmale Straße, Straßenkurve, Straßenbahn) sehr riskant beziehungsweise unmöglich. Der straßengebundene Umweg beträgt mehr als 500 Meter – unter Beachtung der fehlenden Wendemöglichkeit noch deutlich mehr, was ebenfalls auch wieder Zeit kostet! Eine Adressänderung im Zusammenhang mit der Umbenennung des dortigen Marienwegs ist zweifelsfrei nötig.“

Eigentlich viele Gründe, die eine zeitnahe Umbenennung dieses gepflasterten Weges, der mitten durchs Rosental führt, geraten sein lassen.

Navigationsprobleme sind nicht bekannt

Doch die Probleme, welche Roland Hahn sah, erkennt die Stadtverwaltung so nicht. Und der Petitionsausschuss folgte ihr darin: „Der Marienweg erstreckt sich von der Waldstraße im Stadtbezirk Mitte hin bis zur Slevogt­straße im Stadtbezirk Nordwest. Im Bereich der Stadtbezirksgrenze wird die Straße durch eine Eisenbahntrasse unterbrochen.

Die Unterführung an dieser Stelle ist lediglich für Fußgänger und Radfahrer freigegeben. Aus Sicht des Petenten ergibt sich dadurch ein Sicherheitsrisiko bei der schnellen Auffindbarkeit und Erreichbarkeit von Adressen durch Anlieger und vor allem Rettungsdienste.

Nach Prüfung unsererseits ist eine Umbenennung des Straßenabschnitts des Marienwegs im Stadtbezirk Mitte aktuell nicht zwingend notwendig, da Navigationssysteme die Unterbrechung der Straße berücksichtigen und auch keine belegten Hinweise vorliegen, dass es hier bisher zu Problemen gekommen sei.“

Man kann sich also in Ruhe überlegen, ob man diesen Teil des Marienweges umbenennt.

„Eine Umbenennung wäre unkritisch, da es keine Anwohner gibt, lediglich eine Liegenschaft der Deutschen Bahn ist hier ansässig, welche augenscheinlich inaktiv ist“, so der Beschlussvorschlag des Petitionsausschusses, der dann am 19. April auch ohne Debatte von der Ratsversammlung angenommen wurde.

„Es würde sich anbieten, einen Straßennamen aus dem Straßennamensvorrat dort zu platzieren. Die genannten Hinweise zu Hausnummern werden geprüft.“

Gar nichts los am Marienweg?

So ganz inaktiv ist die „Liegenschaft der Deutschen Bahn“ im Marienweg 10 freilich nicht, denn in diesem ehemaligen Stellwärterhäuschen hat der Bildhauer Christoph Hundhammer sein Atelier und seine Freiluftgalerie im angrenzenden Garten eingerichtet. Ob die Galerie wieder zum Besuch einlädt, kann man auf der zugehörigen Website „Blockstellwerk Elsteraue“ nachschauen.

Aber da gibt es noch ein paar Gründe, über die man bei der Umbenennung nachdenken sollte. Denn es ist ja nicht nur die Marienbrücke, die hier ins Spiel kommt und die ihren Namen schon seit 1872 führt. Das Gelände drumherum gehörte einst – genauso wie das Waldstück „Die Nonne“ – dem Leipziger Georgennonnenkloster.

Die Nonnen wurden augenscheinlich auch „Marienmägde“ genannt, bevor ihr Kloster im Zuge der Reformation aufgelöst wurde und die Waldstücke in den Besitz der Stadt kamen.

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