Mit Spatenstich am 5. September 2022 begann die vom Bürgerverein Gohlis und vielen Anwohnerinnen und Anwohnern schon lang ersehnte Sanierung des Gohliser Angers. Am 17. April wurde der fertiggestellte Stadtplatz dann offiziell freigegeben. Gleichzeitig erinnerte das Projekt aber auch daran, wie sehr Leipzig das Thema der Stadtplätze über Jahre hat schleifen lassen. Das sollte doch zu denken geben, meint der Bürgerverein Gohlis e. V.

Zum fertiggestellen Gohliser Anger stellt der Bürgerverein Gohlis fest: „Darüber freuen wir uns sehr, wird doch nun aus dem wilden Parkplatz wieder eine ansehnliche Grünfläche im Herzen der Menckestraße. Auch die Idee, mit einem Trinkbrunnen Menschen vor der zunehmenden Hitze zu schützen, begrüßen wir. Allerdings wird aus unserer Sicht bislang mit dem Umbau des Angers eine große Chance vertan, über die Sanierung der Grünfläche hinaus ein Modellprojekt für einen modernen, klimagerechten und autoarmen Stadtumbau zu wagen. Das möchten wir ändern.“

Im Frühjahr 2022 erhielt die Stadt Leipzig den Zuschlag von der EU, als eine von 100 Modellkommunen „Klimaneutrale Stadt 2030“ zu werden. In der Ratsversammlung am 13. Oktober 2022 beschloss der Stadtrat das Energie- und Klimaschutzprogramm 2022.

Beide Ereignisse begrüßt der Bürgerverein, stellt aber die Frage: Wie will Leipzig diese sehr ambitionierten Ziele so kurzfristig erreichen?

„Wir meinen: Am besten, indem sie konkrete Projekte in den Stadträumen dafür nutzt. Dabei muss die Stadt das Rad nicht neu erfinden, sondern sollte bei den Projekten, an denen sie bereits arbeitet, gleich Klimaschutz und Klimaanpassung mitdenken und vor Ort umsetzen“, findet der Bürgerverein Gohlis e.V. Nach dessen Auffassung bietet sich die Maßnahme am Gohliser Anger bestens an, um über die reine Sanierung der Grünanlage hinaus zu denken und den gesamten Straßenraum neu zu gestalten.

Wie kann man den Gohliser Anger nachhaltig denken?

Was aus Sicht des Bürgerverein Gohlis e. V. in diesem an sich sehr schönen Projekt fehlt, ist die Berücksichtigung von Fragen wie:

Wie kann der eigentliche Förderzweck, „nachhaltig aus der Krise“ zu kommen, erreicht und die Grünfläche zu einem Raum für soziale Begegnungen und für Bewegung, vor allem für Kinder, werden? 

Wie kann der Straßenraum zwischen den neuen Gehwegnasen und den Schienen so gestaltet werden, dass er für den Radverkehr sicher ist? Aktuell ist in dem Bereich durch die Pflastersteine kein gradliniger, risikoarmer Radverkehr möglich. 

Wie kann die Maßnahme dafür genutzt werden, den Menschen Stadträume zurückzugeben und den Zielen des Leipziger Nachhaltigkeitsplans näherzukommen, die Anzahl der PKW in Leipzig deutlich zu reduzieren? 

Wie kann die Umgestaltung des Gohliser Angers dafür genutzt werden, nachhaltige Mobilität zu befördern und ein positives Exempel zu statuieren, wie PKW-Stellfläche reduziert, aber gleichzeitig Lebensqualität gewonnen werden kann? 

Blick vom neu gestalteten Gohliser Anger in die Menckestraße. Foto: Sabine Eicker
De rBlick vom neu gestalteten Gohliser Anger in die Menckestraße. Foto: Sabine Eicker

Bürgerverein fordert gesamtheitliches Denken

Das Areal der Menckestraße rund um den Gohliser Anger wäre aus Sicht des Bürgervereins Gohlis eine wunderbare Gelegenheit gewesen, eine Maßnahme auf viele gesamtstädtische Ziele auszurichten.

„Wir sehen den Raum zwischen Schlösschenweg und Gohliser Straße als echte Chance, ein Exempel zu statuieren, bei dem vermeintlich so gegensätzliche Interessen wie Aufenthalt und Bewegung im Freien, generationenübergreifendes Quartier, familienfreundliches Wohnen und quartiersnahe Sport- und Freiraumangebote, nachhaltige Mobilität und vor allem klimabewusste Stadtgestaltung miteinander in Einklang gebracht werden können, zum Vorteil aller“, betont der Bürgerverein.

Tatsächlich wurden diese Punkte im Gespräch mit dem Grünflächenamt vor Ort geführt, bei der kurzfristig anberaumten Bürgerveranstaltung im Gohliser Schlösschen im August 2021.

„Bei der dortigen Vorstellung erster Überlegungen hatten wir bereits darum gebeten, das Projekt über die Grünfläche hinaus zu überdenken und soziale und klimaschützende Aspekte mit einzubeziehen. Dabei baten wir ganz konkret um Abstimmung mit dem VTA, dem Referat für Nachhaltige Entwicklung und Klimaschutz und dem Stadtplanungsamt. Wir hätten uns gewünscht, dass diese Hinweise aufgegriffen und ein Konzept über die Grünfläche hinaus entwickelt würde. Dies war leider nicht der Fall“, stellt der Bürgerverein fest.

Der im Nachgang zur Bürgeranhörung in einem breiten Meinungsbildungsprozess zwischen AG Umwelt und Klimaschutz, AG Verkehr und Mobilität, AG Stadtteilgeschichte und Vorstand eine Vision entwickelt hat, wie das soziale Leben auf der Menckestraße zwischen Gohliser Straße und Schlösschenweg aussehen könnte.

Blick auf den neu gestalteten Anger in der Menckestraße. Foto: Sabine Eicker
Blick auf den neu gestalteten Anger in der Gohliser Menckestraße. Foto: Sabine Eicker

„Wir wünschen uns einen Mencke-Kiez, weg von reiner (Auto-) Verkehrsplanung, wo die Begegnung von Menschen und die Aufenthaltsqualität im städtischen Raum im Vordergrund stehen, einen Kiez, bei dem nicht nur der Platz, sondern der gesamte Straßenraum mitgedacht wird“, fasst der Bürgerverein zusammen.

„Einen Gohliser Anger, der – wie es seiner historischen Funktion entspricht – ein Platz im Herzen von Gohlis-Süd ist, wo Menschen allen Alters und mit und ohne körperliche Einschränkungen gefahrlos miteinander die Grünfläche nutzen können, sich gern aufhalten, begegnen und miteinander ins Gespräch kommen.

Wie sich der Bürgerverein Gohlis den Mencke-Kiez vorstellt

Das Projekt Gohliser Anger soll nicht nur als Ausschüttung der zur Verfügung stehenden Fördermittel gesehen werden, sondern mittelfristig als gesamtstädtisches Konzept gedacht werden.

Diese Ideen sollt aus Sicht des Bürgervereins dabei schrittweise umgesetzt werden:

Die Platzgestaltung denkt mittelfristig eine Nutzung auch für Kinder und Jugendliche mit. Bei der Verwendung der Fördermittel wird entweder eine solche Nutzung bereits umgesetzt, mindestens aber vorbereitet und auf jeden Fall nicht durch Umsetzung der bisher geplanten Gestaltungsvariante verhindert. Aus historischer Sicht wird bei der Platzgestaltung die bauliche Gestaltung der Menckestraße mitgedacht. Der Platz wird so gestaltet, dass der Denkmalschutz einer Weiterentwicklung nicht entgegenwirkt, um perspektivisch weitere Nutzungsmöglichkeiten offenzuhalten, wie zum Beispiel als Spielplatz und als generationsübergreifender Begegnungsraum.

Bereits in Planung ist ein übersichtlicher Zugang: Etwa in der Mitte des Platzes soll ein barrierefreier, gut einsehbarer und markierter Übergang vom Fußweg über die Straße zum Gohliser Anger führen. Ergänzend dazu wünschen wir uns, dass neben diesem Übergang die Fläche für ruhenden Verkehr so gestaltet ist, dass hierdurch eine freie Sicht von der Querung in den Straßenraum möglich ist. Unsere Idee ist: Von der Mitte (Querungsmöglichkeit) nach außen werden auf der Straße, auf der Seite zum Fußweg, Stellflächen für Fahrräder, Lastenräder, Räder mit Kinderanhängern etc. geschaffen.

Auf der inneren Straßenseite hin zum Gohliser Anger soll Parken gänzlich untersagt sein. Dadurch soll die Querung für Jung und Alt gefahrlos möglich sein und zugleich klimafreundliche Mobilitätsformen unterstützt werden. Nach außen folgen dann Stellflächen für Car-Sharing, Parkplätze mit e-Ladestationen und Kurzzeit-Parkplätze für Anwohner-Lieferverkehr. Damit wird der Straßenraum auf der Länge des Angers für PKW-Dauerparker obsolet. Diese Parkflächen werden aber nicht „weggenommen“, sondern in Parkflächen klimafreundlicher Mobilitätsformen umgewandelt.

Der Straßenraum wird insgesamt neu definiert, um die gewünschte Nutzung des Angers zu ermöglichen. Für die Menckestraße wird perspektivisch vom Beginn (ab Gohliser Straße) bis zur Kreuzung Schlösschenweg eine verkehrsrechtliche Lösung gefunden, damit eine Nutzung des Angers, insbesondere Familien, gefahrlos und attraktiv möglich ist. Idealerweise wäre aus unserer Sicht eine Sackgasse von beiden Seiten her zu schaffen, sodass der Durchgangsverkehr außen vor bleibt. Natürlich muss die Durchfahrt für die Straßenbahn bestehen bleiben.

Die Situation an der Menckestraße

Zum besseren Verständnis weist der Bürgerverein auf folgende Punkte hin:

In den umliegenden Innenhöfen werden große Teile der Flächen als PKW-Stellflächen genutzt. Daher bieten diese Höfe weder für Kinder noch für Jugendliche die Möglichkeit, sich dort altersgerecht aufzuhalten. Bewegungsfläche für Kleine und Treffpunkte für Große sind daher nicht vorhanden – aber für ein gesundes Heranwachsen unerlässlich. 

Der Weg ins Rosental ist insbesondere für berufstätige Familien an Werktagen oft unrealistisch, eine Spielfläche vor dem Haus, bei dem man die Nachbarn trifft, wäre hingegen sehr alltagstauglich und ermöglicht auch eine spontane, wechselseitige Unterstützung bei der kurzzeitigen Kinderbetreuung. Bei einem sicheren Stadtraum könnten die Kinder sogar ohne Betreuung vor dem Haus spielen. Dies würde nicht nur die Familien entlasten, sondern die selbstbewusste Entwicklung der Kinder stärken. 

Da die Höfe wegen der Parkflächen oftmals auch nicht als Treffpunkt für die Hausgemeinschaften geeignet sind, gibt es in diesen Häusern keinen Ort, der Nachbarschaft zu begegnen, außer zufällig im Treppenhaus. Ein gemeinsamer Platz schafft daher auch Räume, um den sozialen Zusammenhalt zu stärken. An Ereignissen wie dem Parking Day, „Chill & Grill“, hat der Bürgerverein bereits sehr positive Erfahrungen damit gemacht, den Anger als Treffpunkt für die Anwohner/-innen zu aktivieren. Diese Aktionen wurden gern angenommen und sehr gut besucht.

Ein Ort, der allen Generationen Zugang bietet, schafft nicht nur Begegnungen und Kennenlernen, sondern auch Verständnis füreinander und die jeweiligen Bedürfnisse der anderen Generationen.

Die Klimakrise trifft uns bereits jetzt sehr stark mit Wassermangel und Hitze. Die deutliche Verringerung der Anzahl von KFZ ist ein vom Stadtrat beschlossenes Ziel der Nachhaltigkeitsstrategie. Wenn man die bisherigen Stellplätze so neugestaltet, dass man sie nicht einfach ersatzlos abschafft, sondern in klimafreundliche Mobilitätsformen umwandelt, kann man zweierlei erreichen: Zum einen können Passanten beim Queren die Straße deutlich besser einsehen (und gesehen werden).

Zum anderen fördert man durch die o.g. Umgestaltung die Flächengerechtigkeit im Verkehr und schafft damit ein positives Beispiel. Auch werden hierdurch die Gesundheit der Leipzigerinnen und Leipziger sowie klimafreundliche Mobilität unterstützt. Das Umsteigen wird für alle leichter und attraktiver. Mit reservierten Kurzzeitparkplätzen könnte man überdies den Anlieferverkehr, Pflegekräfte, Handwerker und das Ärztehaus berücksichtigen. 

Die Menckestraße ist das ehemalige Dorf Gohlis, der Anger das Herzstück, wo Schule, Gebetsraum, Gefängnis, Spritzenhaus der Feuerwehr u. v. m. standen. Eine solche soziale Bedeutung dem Ort zurückzugeben, wird ihm auch in historischer Hinsicht gerecht.

Auch Stadtplätze sollten klimaneutral wrden

„Wir freuen uns sehr, wenn die Ideen, konkrete Projekte, die von engagierten Bürgern vorangetrieben werden, seitens der Stadtverwaltung dazu genutzt werden, den Stadtumbau hin zu einer ökologischen, klimaneutralen und krisenfesten Stadt mit den Menschen im Mittelpunkt schnell und zielgerichtet voranzutreiben“, formuliert der Bürgerverein.

„Der Livia-Platz war hierfür ein sehr gutes Beispiel. Wir begrüßen das sehr und bieten gern unsere Unterstützung bei der weiteren Ideenfindung, Bürgerbeteiligung und Umsetzung an.“

Das Modellprojekt Liviaplatz wurde freilich nach einem Stadtratsbeschluss in diesem Frühjahr unterbrochen. Ein Vorgang, der exemplarisch zeigt, wie Stadtratsmehrheiten sinnvolle Projekte torpedieren, wenn sich das alte Autofahrerdenken doch wieder durchsetzt. Und gerade weil alte Stadtplätze in Leipzig nur zu oft auch als Parkplatzflächen genutzt werden, ist gerade bei diesem Thema auch in der Ratsversammlung immer wieder mit Widerstand zu rechnen.

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Lieber Autor, in epischer Länge machen Sie sich mit diesem Bericht zum Multiplikator des Bürgervereins Gohlis e.V. Während wohl kaum jemand etwas gegen die Renovierung des einstmaligen Gohliser Dorfangers einzuwenden haben wird, ist es aus Sicht der Aktivisten des Vereins, und anscheinend auch aus Ihrer Sicht, nun aber beiweitem nicht damit getan, sondern nun soll es erst richtig losgehen, wäre doch gelacht, wenn damit nicht auch das ganz große Rad zu drehen wäre.

Ich habe bis vor anderthalb Jahren mehr als 20 Jahre in der Menckestraße gewohnt. Ich kenne die Menckestraße und den Schlößchenweg noch aus den Siebzigern (da ist meine Mutter mal von einem im Schlößchenweg schräg (sic!) geparkten Wartburg auf ihrem SR2 umgefahren worden), in den Achtzigern bin ich phasenweise jeden Tag zweimal mit dem Velo durchgefahren. Die Menckestraße war damals (auch im Film “Ich und Du und Klein-Paris zu sehen) und ist heutzutage noch mehr eine besonders schöne Gegend Leipzigs. Der in Rede stehende Platz ging so und diente (ich denke, in den Achtzigern stand da kein Auto) nun seit ca. dreißig Jahren als Hilfsparkplatz und seit Menschengedenken als Hundewiese. Wenn jetzt mit dem Schwung der Platzrenovierung nun alle erdenklichen Ansprüche erhoben werden, ich sage nur Klimarettung, Ort um Menschen zu treffen, Flächengerechtigkeit (dieses gredrechselte Wort konnte sich die Initiative leider nicht verkneifen), Platz für Kinder, Analogie zum Liviaplatz, Gesundheit, u.v.m. (vermutlich ist auch noch eine Vollasphaltierung zwecks besserer Einsatzmöglichkeiten der endemischen E-Trottinettes im Sinn der Initiative), dann kann ich nur sagen “Wohlan! Es wird mit der weiteren Elitarisierung des Quartiers klappen. Nörgelt nur weiter, daß euch der Weg bis ins Rosental zu weit ist. Macht am besten eine Gated Community von der Friedenskirche bis zum Schillerhaus draus.”

Tatsächlich ist der Straßenbelag der Menckestraße in traurigem Zustand. Aber das wird nicht passieren, daß die Stadt hier zwei Tage einen mit Preßlufthammer hinstellt, der die ca. 500 kaputten Steine rausbricht und die Löcher von einem zweiten mit ganz sicher auf Halde liegenden Ersatzsteinen schließen läßt.

Ich habe die wenigen Aktivisten vor drei oder vier Jahren in der Menckestraße mit einem halben Auge auf der Wiesenecke sitzen sehen. Ich habe nichts gegen deren Impuls einzuwenden gehabt, den Platz zu renovieren. Ob dort nun Geselligkeit Einzug hält, bleibt abzuwarten. Die Zeiten, wo dort die Leute sich alle kannten und sich weithin mochten, etwa auch alle zu Frau Ziegenhorn, der legendären Kinderärztin, mit ihren Nachkommen gingen, sind vorbei. Es ist aber eines sicher: durch groß und breit angelegte Bauprojekte wird sich die Nachbarschaftlichkeit nicht herbeizaubern lassen!

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