Eine Stadt bröckelt von den Rändern her, den Orten, die für gewöhnlich nicht so im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Diese Orte sind die ersten, für die das Geld zur Sanierung fehlt, in den Zeiten, in denen eine Stadt wie Leipzig unter Kuratel gestellt wird, weil sie gerade in die Schulden hineinwirtschaftet. Das betrifft aktuell auch die Gaststätte „Zur Schäferei“ im Erholungspark Lößnig-Dölitz, für die sich in der Ratsversammlung am 29. April nicht nur SPD-Stadtrat Marius Wittwer interessierte.
Denkbar knapp äußerte sich vor einem Jahr das Amt für Stadtgrün und Gewässer (ASG) zur damaligen Anfrage der SPD-Fraktion: „Das Objekt Gaststätte ‚Zur Schäferei‘ steht im Eigentum der Stadt Leipzig. Das Pachtverhältnis der ehemaligen Gaststätte „Zur Schäferei“ wurde am 30.11.2024 beendet. Derzeit ist die Stadtverwaltung auf der Suche nach potentiellen neuen Pächtern. Eine Vor-Ort-Besichtigung mit ca. zehn Interessenten fand Ende Mai 2025 statt. Aktuell werden denkmalschutzrechtliche Fragestellungen geklärt, auf deren Grundlage die Bewerber ihr Konzept zur Nutzung einreichen können.“
Ein Jahr später hat sich noch nichts getan. Also fragte die SPD-Fraktion noch einmal nach. „In der Antwort auf unsere frühere Anfrage teilte die Stadtverwaltung im Sommer 2025 mit, dass sich das Gebäude im Eigentum der Stadt Leipzig befindet, eine Interessentenbesichtigung im Mai 2025 stattgefunden hat und derzeit denkmalschutzrechtliche Fragestellungen geklärt werden. Zudem wurde auf Sicherungsmaßnahmen (Einbruchmeldeanlage und Bauzaun) verwiesen.“
Die Antwort aus dem Amt für Stadtgrün und Gewässer machte schon deutlich, dass es so einfach garantiert nicht werden wird, hier einen Pächter zu finden. Denn ohne Investitionen ist das Gebäude nicht verpachtbar.
Wer kann hier 3 Millionen Euro investieren?
„Ja, eine Begehung hat stattgefunden. Das Objekt inklusive des eingefriedeten Freisitzes im Hofbereich steht unter Denkmalschutz.“ Da gibt es ein Kaminzimmer, Türen und Decken, die unbedingt bewahrt werden sollten.
„Als wahrscheinlich spätere Zutat sind die Holzpaneele in den übrigen Räumen sowie die Theke mit Einrichtung und die Küchenfliesen zu deuten. Diese können dementsprechend verändert, modernisiert werden. Dies gilt insbesondere für Küche und Sanitärräume“, so das ASG. „Ein Umbau bzw. Modernisierung der Gaststätte ist mit einem Bauantrag oder mindestens mit einer denkmalschutzrechtlichen Genehmigung zu untersetzen.“
Und schon ist man beim Geld. Oder bei der simplen Tatsache, dass das Gebäude ohne Investitionen nicht gleich wieder verpachtet werden kann. Oder der Pächter hat richtig viel Geld, um erst einmal in Vorleistung zu gehen, bevor er hier wieder einen Gastwirtschaftsbetrieb aufnehmen kann. Die Größenordnung hat Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal am 29. April auch genannt, als sowohl Marius Wittwer (SPD) als auch Karsten Albrecht (CDU), Falk Dossin (CDU) und Andreas Geisler nachfragten: Es geht um runde 3 Millionen Euro.
Dass es hier auch um wichtige Installationen geht, hatte das ASG schon erklärt: „Für eine Wiedernutzung des Objektes bedarf es umfassender Sanierungsmaßnahmen. Insbesondere Heizung und Sanitär sind nicht funktionsfähig, die Kücheneinrichtung ist nicht hygienetauglich. Die Trinkwassererschließung ist beschädigt. Im Februar 2026 ereignete sich eine Havarie an der Trinkwasserzuleitung, sodass die Leipziger Wasserwerke den Anschluss gesperrt haben.“
Kein Geld, auf Jahre nicht
Da nahm Rosenthal dann schon mal das Wort „ruinös“ in den Mund. Und erklärte – auch auf Wittwers Nachfragen –, dass sich die Stadt selbst derzeit außerstande sieht, eine derartige Investition zu tätigen. Durch die Auflagen der Landesdirektion zum Doppelhaushalt 2025/2026 sind ihr solche Investitionen regelrecht untersagt. Und das wird sich im nächsten Doppelhaushalt 2027/2028 auch nicht ändern, sodass Rosenthal auch in den nächsten zwei Jahren keine Chance sieht, dass die Stadt das Gebäude wieder so instand setzt, dass es verpachtet werden kann.
Und danach? Wann wird die Stadt wieder über einen selbst gestaltbaren Haushalt verfügen? Bei der aktuellen Finanzpolitik in Bund und Land ist ein solcher Zeitpunkt nicht einmal zu erahnen. Werden es zehn Jahre sein, dass das Gebäude mit Sperrzäunen und Videoüberwachung vor sich hinrottet, wie Falk Dossin vermutete? Oder hat die Stadt ein viel größeres Problem mit ihren Liegenschaften, wie Andreas Geisler ansprach?
Denn schon in der Vergangenheit hatte das Umweltdezernat ja kein Geld übrig, um etwa am Auensee oder am Elsterstausee nachhaltig zu investieren. Und über Pachten allein kommt das benötigte Geld nun einmal nicht herein. Solche Preise können die Pächter gar nicht auf die Speisekarten schreiben.
Und so wurde – mit einer simplen Nachfrage zur Gaststätte „Zur Schäferei“ – einmal mehr deutlich, dass Leipzig im Grunde auch schon in den Vorjahren zu wenig Geld zur Verfügung hatte, um auch solche denkmalgeschützten Liegenschaften zu sanieren. Man kann auch Schlobachshof auf diese Liste setzen, wo die Stadt große Pläne auch für ein Informationszentrum hatte, aber schon 2024 vermelden musste, dass dafür überhaupt kein Geld im Stadtsäckel ist.
Und seither hat sich die finanzielle Lage durch die vom Bund nicht finanzierten Pflichtaufgaben weiter verschlechtert. So sorgt man dafür, das Städte nicht mehr handlungsfähig sind und ihre Liegenschaften verfallen lassen müssen. Für die Gaststätte „Zur Schäferei“ jedenfalls sieht Heiko Rosenthal vorerst keine Perspektive. Und auch der Interessent, der möglicherweise selbst investieren will, hat noch kein belastbares Angebot vorgelegt.
„Es liegen erste Interessenbekundungen und Kontaktaufnahmen vor, jedoch keine prüffähigen und vollständig bewertbaren Konzepte“, so das ASG, das die „Schäferei“ inzwischen in die Obhut des Liegenschaftsamtes abgegeben hat. Vielleicht findet man ja dort eine Lösung, die der Gaststätte eine Zukunft gibt.
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