adopt a revolution: Syrien in Plagwitz

Für alle LeserLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 73, seit 29. November im HandelDer arabische Frühling kämpft in Syrien immer noch mit dem unerbittlichen Winter. Aus dem Aufstand gegen das Assad-Regime ist ein Bürgerkrieg geworden, in dem russische Luftwaffe, türkische Truppen, der Islamische Staat und seine Milizen sowie diverse Warlords mitmischen. Und das hat mit Leipzig zu tun.

Denn bereits im Herbst 2011 gründete sich hier in der alten Handelshochschule der Verein „adopt a revolution“, um angesichts der zunehmenden Gewalt und Not die syrische Zivilbevölkerung zu unterstützen. Transnationale Solidarität nennt es Christin Lüttich. Denn auch wenn der Alltag in Syrien davon bestimmt ist, den nächsten Tag zu überleben, sehnen sich die Menschen nach sinnstiftender Gemeinschaft, nach Freiräumen, so die Geschäftsführerin.

Zivilisten sind im syrischen Krieg am meisten bedroht. © Jeanne Menjoulet

Zivilisten sind im syrischen Krieg am meisten bedroht. © Jeanne Menjoulet

Genau da setzt „adopt a revolution“ an – nicht mit humanitärer Hilfe, erst recht nicht mit militärischer. Es geht um Schulen, freie Zeitungen, Begegnungszentren, Frauenhäuser – eben Freiräume, in denen sich Menschen begegnen, diskutieren, ihre Lebenssituation gestalten, Gemeinsamkeiten entdecken und sich helfen. „Abwarten und Nichtstun ist das Schlimmste im Krieg, nicht handlungsfähig zu sein“, so Lüttich. Aber für viele geht es trotz aller Gefahren unverändert auch um eine demokratische Gesellschaft. Sie wollen nicht in die Unmündigkeit zurück.

Lüttich berichtet von der Frau aus dem Frauenhaus in Duma, einem Vorort von Damaskus: Nach Bombardierung und Vertreibung nach Idlib hätte sie aufgeben oder in die Türkei fliehen können. Allein in den kleinen, vier Millionen Einwohner zählenden Libanon flohen eine Million Syrer. Dazu kommen 1,5 Millionen Binnenflüchtlinge. Aber sie lehnte ab. Auch wenn der Aufstand gegen das Assad-Regime in der großen Geopolitik zu verschwinden scheint – er lebt.

„adopt a revolution“ unterstützt auch das “Syria Frauenzentrum” in Idlib. © Frauenzentrum Dammeh

„adopt a revolution“ unterstützt auch das “Syria Frauenzentrum” in Idlib. © Frauenzentrum Dammeh

„Wir sind das Volk“, hallte es 1989 durch die DDR. Mit „Wir sind ein Volk“ begann das friedliche Aufbegehren in Syrien. „Adopt a revolution“ hat DDR-Bürgerrechtler mit syrischen Aktivisten zusammengebracht, die weitere Parallelen entdeckten. Der Verein organisiert Infoabende, Workshops, nimmt an Soliveranstaltungen teil – Chemnitz, Berlin, Fürstenwalde. Im Idealfall sprechen dort Syrer für sich selbst, und der Verein organisiert „nur“. 650 Spender konnte „adopt a revolution“gewinnen.

Das Titelblatt der LZ 73, Ausgabe November 2019. Foto: Screen LZ

Das Titelblatt der LZ 73, Ausgabe November 2019. Foto: Screen LZ

Aber wahrscheinlich ebenso wichtig ist das Schaffen von Öffentlichkeit für die syrische Sache. Assad herrscht wieder in den größeren Städten, schildert Lüttich. Aber wo der Zentralstaat fehlt, fehle auch die Müllabfuhr, die Gesundheitsversorgung, die Schulbildung. Assad habe Bürgerwehren organisiert, häufig Schmuggler oder Drogenkriminelle, und ihnen freie Hand gelassen.

Für die Zivilbevölkerung bedeutet das keine Sicherheit sondern Plünderungen, Lösegelderpressungen, Vergewaltigungen. Männer laufen Gefahr, zwangsrekrutiert zu werden.

„Wir sind momentan elf Mitglieder“, erzählt Lüttich. Zwei stammen aus Syrien. Andere sind bilingual, sprechen syrisches Arabisch. Sie selbst war seit 2007 für den Deutschen Entwicklungsdienst in Syrien tätig, von 2011 bis 2015 dann im Libanon. Dort lernte sie Elias Perabo, Initiator von „adopt a revolution“, kennen. Beide sind sich einig: „Syrien geht uns alle an!“ Über persönliche Kontakte knüpfen sie ein Netzwerk von Partnern, bleiben mindestens dank Internet verbunden.

Eine aktuelle Kampagne mit dem Namen „Syria Not Safe“ wird auch von der Bewegungsstiftung und der Heidehof Stiftung unterstützt. Sie stellt dar, dass und warum Syrien nicht sicher ist und die politische Diskussionen um mögliche Abschiebungen und Rückführungen jeglicher Realität entbehren.

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2014 in Plagwitz entdeckt: Edward-Snowden-Platz. Foto: Marko Hofmann

Foto: Marko Hofmann

KommentarNatürlich staunten auch wir bei der L-IZ, als der Stadtrat im Januar plitzplauz und aus heiterem Himmel dem Antrag von Stadtrat Thomas Kunmbernuß (Die PARTEI) zustimmte, die Arndtstraße in der Leipziger Südvorstadt in Hannah-Arendt-Straße umzubenennen. Was dann, wie es aussah, einen ganzen Schwanz von Petitionen zu weiteren Straßenumbenennungen nach sich zog, weil ja auch andere griesgrämige Männer mit verqueren Ansichten im Leipziger Straßenraum gewürdigt wurden und werden.
Bilden Leipziger Straßennamen tatsächlich nur ein öffentliches Stadtgedächtnis?
Die viel befahrene Jahnallee. Foto: LZ

Foto: LZ

Für alle LeserMittlerweile beschäftigen ja eine ganze Reihe Anträge zu Straßenumbenennungen den Leipziger Stadtrat, nachdem der Anfang des Jahres schon der Umbenennung der Arndtstraße zustimmte. Zu jedem dieser Anträge verfasst das Dezernat Allgemeine Verwaltung in der Regel eine Stellungnahme – in der Regel ablehnend, weil seit 1999 so eine Art Stillhalteabkommen gilt, nachdem Verwaltung und Stadtrat eine Kompromissformel gefunden hatten, um die Umbenennungswelle der 1990er Jahre zu beenden.