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Die Initiative „Hardware for Future“ repariert Technik für bedürftige Personen

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    LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 84, seit 23. Oktober im HandelViele Abläufe in Schulen, Universitäten und Büros sind in der heutigen Zeit und vor allem in der westlichen Welt digitalisiert. Ein Leben ohne Computer, Handy, Internet, Social Media, Messengerdienste und vieles anderes ist nicht nur kaum noch vorstellbar, sondern auch fast unmöglich. Dass dafür die nötige Technik zunächst einmal vorhanden und – wenn möglich – auf dem neuesten Stand sein sollte, hat uns die Corona-Pandemie nur allzu deutlich vor Augen geführt.

    Schnell wurde im Lockdown klar: Vor allem in Schulen und Bildungseinrichtungen fehlt es an technischen Geräten. Der Polylux – wenn auch besonders beliebt bei der alteingesessenen Lehrerschaft – hat ausgedient. Während der Ausgangsbeschränkungen waren Schüler/-innen, Eltern und Lehrende auf Online-Lernplattformen und digitale Nachrichtendienste angewiesen.

    Mal davon abgesehen, dass man sich in die Materie einarbeiten muss und das alles nicht nur Willen, sondern auch Zeit braucht, sind in vielen Haushalten schlichtweg die technischen Voraussetzungen dafür gar nicht geschaffen. Ist man automatisch weg vom Fenster, wenn man keinen eigenen Computer besitzt?

    Das Projekt „Hardware for Future“ (HfF) hat es sich zur Aufgabe gemacht, ausrangierte technische Geräte wieder funktionstüchtig zu machen, diese kostenlos bereitzustellen und damit Menschen, die sich die Technik nicht leisten können, den Zugang in die digitale Welt zu ermöglichen. Eine Gruppe von vier Mitgliedern des Vereins „Dezentrale“ im Leipziger Westen repariert in ihrer Freizeit gespendete Computer und macht die Hardware fit für die weitere Nutzung.

    Im April begannen die Vorbereitungen für das Projekt; bis in den Mai hinein waren die Mitglieder vor allem damit beschäftigt, Platz in der Werkstatt in der Dreilindenstraße zu schaffen, um mehrere Endgeräte gleichzeitig zu „bespielen“, sprich: von Daten zu befreien und grundlegende Programme zu installieren und zu lagern.

    Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 83, Ausgabe September 2020. Foto: Screen LZ
    Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 83, Ausgabe September 2020. Foto: Screen LZ

    Dazu kamen diverse kleinere Anschaffungen, Ersatzteile, Kabel, Werkzeug und einiges mehr. Die finanzielle Unterstützung dafür kam von der Stadt. Einige Monate nach Ausrufung des Klimanotstands in Leipzig war die Verwaltung auf der Suche nach einem gemeinnützigen und nachhaltigen Projekt im digitalen Bereich an den Verein herangetreten.

    Die Idee dafür trieb die Hacker schon länger um. Das Angebot der Stadt kam sozusagen wie gerufen. „Einige unserer Mitglieder engagieren sich ebenso beim BUND Leipzig; das ganze Thema Nachhaltigkeit spielt von jeher eine wichtige Rolle für den Verein“, erzählt Karin von HfF. Das Angebot der Verwaltung haben die Tüftler deshalb auch dankend angenommen.

    „Es ging ja nicht nur darum, die Voraussetzungen in der Werkstatt zu schaffen. Wir mussten das Projekt auch bekannt machen, haben beispielsweise Flyer und Beutel ge/bedruckt.“ In denen bekommen die künftigen PC-Besitzer auch sämtliches Zubehör wie Kabelage, Maus und Tastatur ausgehändigt.

    „Menschen, die keinen Zugang zu technischen Geräten haben, werden mehr und mehr abgehängt. Inzwischen gibt es Anträge und andere Dienstleistungen, die nur noch online laufen“, stellt Karin das Problem dar, dem HfF begegnen möchte. Auch solle Interesse für die Technik geweckt werden.

    „Eines unserer Mitglieder arbeitet hauptberuflich als Informatik-Lehrer. Er liefert einen guten Überblick darüber, welche Programme beispielsweise in Schulen verwendet werden.“ Sobald sich das Projekt noch weiter eingespielt hat, möchte der Verein auch regelmäßig Schulungen anbieten. Es geht darum, nicht nur „das Spielzeug“ zu liefern, sondern auch den richtigen Umgang damit zu lehren.

    Seit Beginn der Ausgaben gingen bisher 300 Computer „über den Tisch“. Etwa 70 davon stammten von der LECOS, dem IT-Dienstleister der Stadtverwaltung. Weitere 60 PCs lieferte das Medienpädagogische Zentrum (MPZ). Der Großteil wurde von dem IT-Unternehmen KUPPER IT. bereitgestellt. Den geringsten Anteil machen (bisher) private Technik-Spenden aus.

    Der Bedarf ist groß. Inzwischen gibt es neben Mittwoch einen zweiten Ausgabetermin: Immer donnerstags können sich Menschen mit Bedürftigkeitsnachweis auch in der Caritas in Grünau einen Computer abholen. Dort und auch in der Ausgabestelle in der Dreilindenstraße helfen gelegentlich auch Freiwillige mit.

    Überhaupt sind helfende Hände gern gesehen. Wer mit anpacken möchte, muss kein IT-Spezialist sein; jede Unterstützung ist willkommen. Allein das Aufnehmen und Registrieren jedes Geräts und der Empfänger/-innen ist etwas aufwendig. Dennoch sei dieser Schritt für den Nachweis beim Finanzamt notwendig, so Karin.

    „Glücklicherweise können wir das recht gut unter dem Leipzig-Pass bündeln. Wer bedürftig ist, hat das Recht auf einen dieser Pässe. Der hat den Vorteil, dass nur wenige persönliche Daten darauf vermerkt sind, wie der Name, ein Foto und der Gültigkeitszeitraum des Dokuments.“

    Neben dem sozialen Aspekt geht es auch um die Schonung von Ressourcen. In vielen Haushalten und Unternehmen lagern ungenutzte Laptops, Notebooks und Computer; die meisten finden ihr Ende auf dem örtlichen Wertstoffhof. Heutzutage werden die meisten Geräte bereits so konzipiert, dass sie nach einer gewissen – oft nicht allzu langen – Zeit den Geist aufgeben. Die Menschen sollen konsumieren anstatt ihre Besitztümer über Jahrzehnte zu hegen und zu pflegen. Der Wiederverwertung und Umfunktionierung technischer Komponenten hat sich der Dezentrale-Verein verschrieben.

    Die Mitglieder vereint außerdem der Spaß und die Neugier im Umgang mit Technik. Mehrmals in der Woche treffen sie sich, um gemeinsam an Ideen zu tüfteln, zu programmieren und zu basteln. Während der Großteil der Menschen sogenannte „Hacker“ eher mit Datenklau oder dem unerlaubten Zugriff in Computersysteme verbinde, liegen die Ziele der Dezentrale weit entfernt von illegalen Machenschaften, klärt „Ente“ auf, der seit einigen Jahren Mitglied im Verein ist.

    „Hacken bedeute, „neugierig mit Technik umzugehen. Wir verstehen es als kreativen Umgang mit Dingen, die nicht unbedingt technischer Art sein müssen. Ich tue etwas mit einem Produkt, das der Hersteller so nicht geplant hat und vielleicht auch gar nicht will.“ Beispielsweise den Chip in einer Druckerpatrone so zu programmieren, dass man diese nachfüllen kann. „Hacker sind, mit Abstand betrachtet, ziemlich idealistisch und ein wenig Kind geblieben.“

    Abgesehen von der Lust an Technik ist auch eine gewisse Unzufriedenheit mit der digitalen Entwicklung eine Motivation der Hacker. Ente kritisiert: „Die Menschen entwickeln sich immer weiter weg von der Technik und verstehen immer weniger, wie beispielsweise Facebook funktioniert, wie Überwachung funktioniert.“

    Dem wollen die Mitglieder der Dezentrale entgegenwirken. „In einer Welt, in der die Gesellschaft immer mehr von den Auswirkungen der Digitalisierung betroffen ist, wollen wir uns kritisch mit den Potenzialen und Gefahren dieser sich ausbildenden Informationsgesellschaft auseinandersetzen.“

    Fast an jedem Tag in der Woche findet in der Dreilindenstraße ein Themenabend statt. Besonders beliebt ist laut Ente die Technik-Sprechstunde am Donnerstag. Hier sind die Leute eingeladen, defekte technische Geräte mitzubringen und unter Anleitung zu reparieren. Kommen kann jeder, der Lust hat. „Man muss kein Mitglied sein, um hier willkommen zu sein. Alle Veranstaltungen sind immer offen, für alle und ohne Anmeldung. Das ist auch unser Anspruch: Jeder, der Lust hat, soll hier hereinkommen und wir bringen ihm gern etwas bei.“ So steht es auch in der Satzung des Vereins.

    Der Wochenkalender und weitere Informationen über die Dezentrale und das Projekt „Hardware for Future“ sind unter folgender Adresse zu finden: https://dezentrale.space

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