Arbeitslosigkeit treibt in Leipzig am schnellsten in die Mietschuldenfalle

Es kommt Manches zusammen, wenn man so den Ergebnisbericht zur Leipziger "Bürgerumfrage 2014" liest, der in der vergangenen Woche vorgestellt wurde, und dabei die hereinprasselnden Tagesnachrichten liest. Etwa die zu den drastisch gestiegenen Räumungsklagen im Jahr 2014. Im Bericht zur Bürgerumfrage steht sogar, wen es am häufigsten erwischte. Auf über 1.500 Räumungsklagen ist die Zahl 2014 in Leipzig hochgeschnellt. Einsame Spitze in Sachsen.

Und gleichzeitig Zeichen für den hohen Anteil armer und ärmster Haushalte in Leipzig. Das wird zwar auch in der seit über einem Jahr schwelenden Diskussion um den Wohnungsmarkt gern versucht kleinzureden. Aber schon vor dem beginnenden Anstieg des Mietpreisniveaus waren viele Leipziger mit kargen Einkommen an der Grenze ihrer Belastungsfähigkeit.

Das hat sich auch 2014 nicht geändert, auch nicht durch die Einkommenszuwächse, die vor allem den eh schon höheren Einkommen für Festangestellte zugute kamen. (Erklären wir an dieser Stelle, was das mit dem Kreativitätsverlust des so blödsinnig gefeierten ‚Hypezig‘ zu tun hat? Ein ander Mal. Sonst wird der Artikel heute zu lang.) Normalerweise geht man davon aus, dass bis zu einem Drittel des monatlichen Einkommens für die Miete drauf geht. Eher sogar weniger.

Im Schnitt kam die Bürgerumfrage 2014 auf 32 Prozent, etwas weniger als imVorjahr.  „Also werden die gestiegenen Wohnkosten durch die ebenfalls gewachsenen Einkommen mehr als ausgeglichen“, schreiben Leipzigs Statistiker. Aber das kann so nur auf die höheren Einkommen zutreffen. Die Mietschuldenmisere bei den niederen Einkommen spricht eine andere Sprache.

Leipziger Normalverdiener zwischen 1.100 und 2.300 Euro (ja, ja, da liegen Welten dazwischen) haben nach der „Bürgerumfrage 2014“ eine durchschnittliche Mietbelastung von 29 Prozent auf ihr Einkommen – 21 Prozent sind Kaltmiete, der Rest die Nebenkosten. Wer noch besser verdient, hat – obwohl er sich deutlich mehr Wohnraum und bessere Ausstattung leisten kann – sogar noch geringere Belastungen. Im Bereich der Einkommen von 2.300 bis 3.200 Euro sind es im Schnitt 22 Prozent, über 3.200 Euro Monatseinkommen sind es 19 Prozent.

Davon können die eigentlichen Leipziger Niedrigverdiener unter 1.100 Euro nur träumen. Sie haben schon heute – obwohl der Wohnungsmarkt als „entspannt“ gilt und auch noch genügend „preiswerte“ Wohnungen am Markt sind- eine durchschnittliche Mietbelastung von satten 45 Prozent. Das hat mehrere Gründe. Der eine – und schwerwiegendste – ist das niedrige Einkommen, das auch deutlich unter dem liegt, was man zum Beispiel mit Mindestlohn bekommen würde. Wer in Leipzig mit Mindestlohn Vollzeit beschäftigt ist, gehört schon zur Mittelklasse.

Zwei andere Gründe sind: Oft sind die Niedrigverdiener Singles, müssen also einen Haushalt alleine tragen. Und sie leben in kleinen Wohnungen, wo der Quadratmeterpreis aber oft genug etwas höher ist.

Und das Problem der Mietbelastung ist kein kleines. War es nie und war es auch 2014 nicht. Die einkommensschwachen Haushalte leiden heute schon darunter, dass ihnen Miete und Nebenkosten die Butter vom Brot fressen. „Jeder 20. Miethaushalt konnte in den letzten vier Jahren die Miete nicht immer pünktlich zahlen“, schreiben Leipzigs Statistiker. Und eine Gruppe von Betroffenen ragt eindeutig heraus: „Von den Haushalten, die überwiegend von Arbeitslosenbezügen leben, ist fast jeder fünfte betroffen.“

Es gab mal eine Zeit, da bezeichnete das Krawallblatt der Republik die Arbeitslosigkeit als „soziale Hängematte“. Tatsächlich ist es eine soziale Katastrophe.  Und es ist keine Ausnahmeerscheinung, wenn 19 Prozent der Arbeitslosenhaushalte sagen, sie seien in den letzten vier Jahren in Mietverzug geraten. Es ist eine Regel. Wobei auch diese Menschen versuchen, lieber nicht in Mietverzug zu kommen. Noch viel eher geraten sie in Zahlungsrückstände beim Energieversorger. Auch das ein immer wiederkehrendes Thema in Leipzig, ohne dass sich die Lage entspannt. 29 Prozent der Arbeitslosenhaushalte erzählen davon, dass sie mit der Energierechnung in Rückstand geraten sind. Das ist fast jeder dritte.

Die Arbeitslosenhaushalte sind zwar am häufigsten betroffen. Aber nicht nur die sind arm und haben keine Spielräume, wenn die Stomrechnung oder die Miete steigt. 7 Prozent aller 2014 befragten Leipziger haben schon die Erfahrung gemacht, wie es ist, zum Energieschuldner zu werden. Unter den Haushalten mit Erwerbseinkommen waren es ebenfalls 7 Prozent. Was Mietrückstände betrifft, waren es auch dort 5 Prozent. Eine deutliche Fußnote zur in Sachsen so lange gepflegten Niedriglohnpolitik. Aber auch bei Rentnern wird die Sache so langsam zum Problem: 2 Prozent von ihnen gaben an, in letzter Zeit mit der Miete in Rückstand geraten zu sein.

Bei solchen Zahlen merkt man, wie in den unteren Einkommensgruppen in Leipzig vor energetischen Sanierungen und Modernisierungen die Angst umgeht. Denn wenn die Gesamtmiete schon 45 Prozent eines eh schon knappen Einkommens auffrisst, treibt jede Kostensteigerung die Betroffenen in die Schuldenfalle.

Und da wir jetzt beim Eingemachten sind, machen wir morgen mit den Einkommen der Leipziger einfach weiter.

MietpreiseWohnungspolitikArmutBürgerumfrage
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