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Nach 25 Jahren stablisieren sich wenigstens die Großstädte im Osten

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    Es ist ja nicht so, dass immerfort die Ansiedlung neuer großer Werke verkündet wird in Sachsen. Es gibt keine neuen Pläne – für ein neues Solar Valley oder ein neues Jahrtausendfeld der E-Technologien. Und trotzdem sinken die Arbeitslosenzahlen stärker als in jenen Jahren, als Sachsens Regierung noch jubelnd neue Unternehmensakquisen verkündete. Auch im August. Da staunt der Westen.

    Denn für die gesamte Bundesrepublik vermeldet die Bundesagentur für Arbeit im August einen Anstieg der Arbeitslosenzahl um 23.000. Ferienbedingt, wird als Erklärung nachgeschoben.

    Der Osten hingegen verzeichnete weitere Rückgänge der Arbeitslosigkeit. Und mittlerweile liegt Sachsen an der Spitze beim Abbau der Arbeitslosenzahl. Um 3.854 oder -2,5 Prozent sei sie allein im August gesunken, im Vorjahresvergleich sogar um 16.852, so dass die Arbeitslosenquote nun bei 7,1 Prozent liegt.

    In Leipzig nicht anders.

    Gegenüber dem August 2015 ist die Arbeitslosigkeit um 1.841 Arbeitslose zurückgegangen, meldet die Arbeitsagentur. Die Arbeitslosenquote lag bei 8,6 Prozent und erreichte damit den niedrigsten Stand seit 1991.

    „Die arbeitslos gemeldeten Menschen in Leipzig profitieren von der positiven Beschäftigungsentwicklung in der Stadt Leipzig. Unser Ansatz der Qualifizierung und arbeitsplatznahen Trainings macht sich zunehmend bezahlt. Da werden wir in beiden Rechtskreisen weiter investieren“, meint die Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Leipzig, Reinhilde Willems.

    Aber hat der Rückgang tatsächlich irgendetwas mit den Maßnahmen der Bundesagentur zu tun?

    Insgesamt waren Ende August in der Stadt Leipzig 25.419 Menschen, 790 weniger als im Juli, bei der Arbeitsagentur und dem Jobcenter arbeitslos gemeldet. Im Rechtskreis SGB III betrug der Rückgang im Vergleich zum Vormonat 138 und im Rechtskreis SGB II 652. Im Vergleich zum August 2015 sank die Arbeitslosigkeit insgesamt um 1.841 Menschen.

    „Der deutliche Rückgang bei der Arbeitslosigkeit in der Grundsicherung zeigt, dass auch die Menschen, die schon lange arbeitslos sind, ihre Chancen nutzen. Ich kann die Arbeitgeber nur bestärken, weiter in die Einarbeitung von Kräften zu investieren, auch wenn die Biografie Zeiten der Arbeitslosigkeit enthält“, versucht Willems das zu erklären.

    Schön wär’s. Aber die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Nur jede vierte Jobcenter-Kunde, der als „Abgang“ gezählt wird, wechselt tatsächlich wieder in eine Erwerbstätigkeit. Und das können schon rein statistisch nicht viele ältere Jobcenter-Kunden sein und auch nicht die Langzeitarbeitslosen.

    Bei den über 50-Jährigen ging die Zahl der registrierten Arbeitslosen um 137 zurück, bei den Langzeitarbeitslosen (die Gruppe deckt sich ja in Teilen mit den älteren Arbeitsuchenden) waren es 249. Man kann also davon ausgehen, dass ein großer Teil nicht in Arbeit wechselte und auch nicht in Qualifizierungsmaßnahmen, sondern in den (vorzeitigen) Ruhestand.

    Der Effekt des Abschmelzens geht nach wie vor auf einen ganz anderen Hauptgrund zurück: Ältere Arbeitnehmer werden wesentlich seltener entlassen, was vor allem die Zugangszahlen in Arbeitslosigkeit schmelzen lässt. Denn Arbeitslose sind ja keine starre Gruppe. Die Arbeitslosenzahl entsteht durch fortwährende Zugänge und Abgänge. Wenn aber die Firmen weniger Personal freisetzen, die Einstellungen aber stabil bleiben, sinkt die Arbeitslosenzahl.

    Der Zugang in die Arbeitslosigkeit aus der Erwerbstätigkeit lag in den letzten vier Wochen bei 2.080 (Vormonat 2.301). Abgemeldet in Erwerbstätigkeit haben sich im gleichen Zeitraum 2.351 (Vormonat 2.470) Menschen.

    In den Altersgruppen gab es im zurückliegenden Monat eine einheitliche Entwicklung, meint die Leipziger Arbeitsagentur.

    Bei den jungen Menschen bis 25 Jahren sank die Zahl der Arbeitslosen um 88 auf 2.419 (Vorjahr: 2.468). Was auch von einem Effekt erzählt, der jetzt wirklich wichtig ist: Es gelingt augenscheinlich, jetzt auch die ersten Flüchtlinge in Arbeit zu bringen.

    Im August waren bei der Arbeitsagentur und dem Jobcenter Leipzig insgesamt 4.592 Ausländer, das waren 18,1 Prozent aller arbeitslosen Menschen in Leipzig, gemeldet. Im Vergleich zum August 2015 stieg diese Zahl um + 1.101.

    „Die Gruppe der geflüchteten Menschen kommt langsam auf dem Arbeitsmarkt an. Wenn wir künftig deren Potenzial für den Fachkräftebedarf nutzen wollen, müssen wir jetzt auch in sie investieren“, sagt Willems. Man hat auch was gelernt dabei im letzten halben Jahr. Denn einfach eine Schippe in die Hand drücken und los – das funktioniert nicht. Dazu haben die meisten angebotenen Jobs zu hohe Anforderungen an Sprache und Qualifikation. Die Zeit der massenbeschäftigten Hilfsarbeiter ist in Deutschland schon seit Jahrzehnten vorbei.

    Willems: „Die Bereitschaft der Betriebe zur Einstellung von Menschen mit Migrationshintergrund ist in Leipzig hoch. Für konkrete Einstellungen fehlen oft die notwendigen Deutsch- und Fachkenntnisse – das hat unsere Zusammenarbeit mit den Betrieben gezeigt. Deshalb müssen wir jetzt dort investieren, um in den nächsten Jahren auf das Potenzial zurückgreifen zu können. Einzelne gute Beispiele gibt es schon jetzt. Die Arbeitsagentur und das Jobcenter Leipzig haben 2016 bereits 200 geflüchtete Menschen aus den acht wichtigsten Herkunftsländern integriert.“

    Und auch wenn Leipzigs OBM schon so langsam seine Sorgenfalten bekommt, wenn er an die nötige Zahl neuer Arbeitsplätze für die nächsten 14 Jahre denkt, ist da augenscheinlich ein Prozess am Laufen in Leipzig, der mit den klassischen Erklärungsmustern für Jobaufbau nicht mehr viel zu tun hat. Obwohl keine neuen, aufsehenerregenden Ansiedlungen kommen, wächst die Nachfrage nach Arbeitskräften, ohne dass man sagen kann: BMW ist es oder DHL oder Porsche.

    Beim Zugang an offenen Arbeitsstellen verzeichnete die Arbeitsagentur Leipzig im August einen Anstieg gegenüber dem Vormonat. Die Wirtschaft und die Verwaltung haben in den letzten vier Wochen 2.295 freie Stellen, das waren 128 mehr als im davor liegenden Monat (2.167) und 263 mehr als vor einem Jahr, zur Besetzung gemeldet.

    Besonders groß war der Zugang mit 1.210 bei den freien Arbeitsstellen in der Arbeitnehmerüberlassung, meint die Arbeitsagentur, danach folgten der Handel + 234 und die Gesundheits- und Sozialberufe mit + 142. Aber die Zeitarbeitsfirmen verzerren diese Statistik völlig. Sie sind ja nur Mittler in jene Branchen, die Leiharbeiter einstellen.

    Nach Branchen geordnet sieht die Nachfrage ganz anders aus: 1.593 Arbeitnehmer wurden im Bereich Rohstoffgewinnung, Produktion, Fertigung gesucht, 1.329 im Bereich Verkehr, Logistik, Schutz und Sicherheit, 846 im Bereich Gesundheit, Soziales, Lehre und Erziehung. Nichts da mit Leiharbeit oder Handel. Der Handel kommt – zusammen mit Vertrieb und Tourismus – erst auf Platz 4.

    Und der öffentliche Dienst?

    Der kommt viel zu langsam aus dem Knick. Sachsen fehlen hunderte ausgebildeter Lehrer – gesucht wurden im Bereich Erziehung und Unterricht in Leipzig aber nur 54 Personen. Und man kann Gift drauf nehmen, dass das vor allem ErzieherInnen für die Kitas waren.

    Als wenn die Staatsregierung einfach nur zuschauen wolle, wie der Arbeitsmarkt gründlich leergefegt wird  – und dann, wenn wirklich keine Reserven mehr da sind, kommt er angekleckert und bestellt ein paar Aushilfslehrer.

    Denn dass sich der sächsische Arbeitsmarkt so entwickelt, hat ja mit einem doppelten Effekt zu tun: den dahingeschmolzenen Ausbildungsjahrgängen, die den Nachschub rar gemacht haben. Und einer überfälligen Stabilisierung, die vor allem mit dem (Schein-)Wachstum der Großstädte einhergeht. Denn was in den Prognosen so exorbitant aussieht, ist ja – nicht nur mit Blick auf Leipzig – eine nach 25 Jahren endlich stattfindende Stabilisierung der wirtschaftlichen Netzknoten. Es sieht nur wie ein überraschendes Wachstum aus, wenn man die katastrophale Depressionsphase der 1990er Jahre nicht mitdenkt.

    Den großen Berg an prekär versorgten Arbeitslosen (SGB II) hat Leipzig in den 1990er Jahren aufgebaut. Und das Leipziger Jobcenter hat genauso wenig Mittel, diese Menschen wieder in stabile Erwerbstätigkeit zu bringen wie andere Jobcenter. Darauf ist dieses Verwaltungssystem gar nicht angelegt – auch wenn es immer wieder davon redet.

    Ergebnis: Nur langsam schmilzt der hohe Berg an Bedürftigen ab.

    Im August waren 5.683 Menschen im Rechtskreis SGB III in der Arbeitsagentur arbeitslos gemeldet. Das ist sozusagen die eigentlich „normale“ Arbeitslosengröße für Leipzig, der Bestand jener Menschen, die tatsächlich nur vorübergehend in der Arbeitsagentur aufschlagen und ziemlich bald wieder eine relativ gut bezahlte Stellung finden. Das waren 138 weniger als im Vormonat und 433 weniger als im August 2015.

    Und dann gibt es da diesen Berg, der einfach nicht im erwarteten Tempo kleiner werden will: Im Rechtskreis SGB II waren 19.736 Menschen im Jobcenter Leipzig arbeitslos registriert. Das waren 652 weniger als im Juli 2016 und 1.408 weniger als vor einem Jahr.

    Das ergibt dann: In Leipzig gab es im August 40.044 Bedarfsgemeinschaften. Das sind 388 weniger als im Vormonat und 1.911 weniger als im August des Vorjahres. Das Jobcenter Leipzig betreut aktuell 49.302 erwerbsfähige Leistungsberechtigte. Im Vergleich zum Vormonat betrug der Rückgang 435. Im Vergleich zum Vorjahr sank die Zahl um 2.314 Personen.

    Ein paar mehr Auszubildende gibt es: Seit Oktober 2015 wurden der Arbeitsagentur Leipzig 2.504 Ausbildungsstellen zur Besetzung gemeldet. Das waren + 181 mehr als vor einem Jahr. Gegenwärtig sind davon noch 625 Ausbildungsstellen unbesetzt. Im gleichen Zeitraum meldeten sich 2.751 Bewerberinnen und Bewerber für eine Ausbildungsstelle. Das waren + 181 mehr als bis August 2015. Ende August waren noch 550 unversorgt.

    Aktuelle Arbeitslosenquote nun rechnerisch: 8,6 Prozent. Vor einem Jahr waren es noch 9,5 Prozent.

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