Jedem dritten Leipziger wurde in den letzten fünf Jahren das Fahrrad geklaut

Für alle LeserSchlagzeilen machte der Leipziger Radverkehr in den letzten beiden Jahren vor allem dadurch, dass immer mehr Fahrräder geklaut wurden. Zeitweilig war Leipzig augenscheinlich zentrales Betätigungsfeld für die international agierenden Fahrradschieberbanden. Und sie klauen die Räder auch direkt aus den Kellern. Jedem Dritten wurde in den letzten fünf Jahren ein Fahrrad geklaut. Das weiß nicht mal die Polizei.

Die Zahl stammt aus der „Bürgerumfrage 2017“. 33 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen in den vergangenen fünf Jahren ein ganzes Fahrrad geklaut wurde. 28 Prozent gaben an, dass Fahrradteile gestohlen wurden. Und die meisten Fahrräder – 72 Prozent – wurden direkt aus dem häuslichen Umfeld geklaut: 37 Prozent aus Hinterhöfen und Vorgärten, 30 Prozent aus Kellern und Garagen, 5 Prozent aus Fluren und Treppenhäusern.

Dabei denkt man bei Fahrraddiebstahl meistens nur an öffentliche Räume. Aber dort passierten nur 28 Prozent der Diebstähle.

Am gefährdetsten ist der Drahtesel also tatsächlich zu Hause. Und nicht für alle Bestohlenen lohnt sich der Weg zur Polizei. Was nicht nur mit der extrem niedrigen Aufklärungsquote zu tun hat. Oft ist die Beschaffung eines neuen Fahrrades einfach einfacher und erspart die zeitaufwendigen Anzeigeaufnahmen bei der Polizei und den Papierkrieg mit den Versicherungen.

Nach den Preisen der gestohlenen Räder hat die Stadt leider nicht gefragt. Denn für Diebesbanden lohnen sich meist nur hochwertige Räder, die sie auch anderswo gut verkaufen können, während preiswertere Fahrraddiebstähle eher auf Beschaffungskriminalität hindeuten würden.

Nur 62 Prozent der Bestohlenen haben den Diebstahl dann auch angezeigt, am häufigsten Rentner (69 Prozent) und Besserverdienende (69 Prozent). Und in gewisser Weise ernüchternd ist dann, wenn man erfährt, dass 30 Prozent der gestohlenen Fahrräder codiert waren. Was augenscheinlich wenig nützt, wenn die Fahrräder dann in andere Länder verfrachtet werden.

Und trotzdem lassen sich die Leipziger nicht abschrecken. Das Fahrrad ist das häufigste Verkehrsmittel in den Haushalten. Von 70 Prozent stieg der Anteil der Fahrradbesitzer auf 72 Prozent. Und das Fahrrad ist auch noch das gerechteste Verkehrsmittel. Selbst Menschen mit Mini-Einkommen besitzen im Schnitt zu 70 Prozent mindestens ein Fahrrad. Erst bei den höheren Einkommen – ab 3.000 Euro – gleichen sich der Besitz an Fahrrädern und Pkw im Haushalt aus.

Wo die meisten täglichen Radfahrer wohnen. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2017

Wo die meisten täglichen Radfahrer wohnen. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2017

Auf den ersten Blick scheint sich in der Fahrradnutzung in den vergangenen sieben Jahren nicht viel geändert zu haben. 49 Prozent der Leipziger nutzen das Rad mindestens mehrmals im Monat. 20 Prozent nutzen es sogar täglich. Und in den innerstädtischen Quartieren sind es sogar über 25 Prozent (in Schleußig sogar 39 Prozent), die jeden Tag mit dem Rad fahren.

Und ein ähnliche Bild gibt es bei den Altersklassen: Bei den Leipzigern bis 49 Jahre liegt die tägliche Fahrradnutzung bei 20 Prozent, bei den bis zu 34-Jährigen sogar bei 26 Prozent.

Im Kapitel zu den (Diesel-)Pkw haben wir ja schon erfahren, dass sie bei Familiengründung oft gezwungen sind, dann doch aufs Auto umzusteigen.

Aber warum fahren dann die Älteren so selten mit dem Rad? Es gibt doch auch gemütliche Räder, manche auch mit Elektroantrieb? Immerhin 4 Prozent der Leipziger Haushalte haben schon ein Elektrofahrrad im Besitz – und zwar nicht nur Senioren.

Aber mittlerweile klassisch ist ja die Frage nach der Zufriedenheit mit den Radverkehrsanlagen im Ortsteil. Das Ergebnis ist wieder deutlich: Wirklich zufrieden sind nur 47 Prozent der Radfahrer. Am zufriedensten sind sie in Grünau Mitte (75 Prozent) und Zentrum-Südost (72 Prozent).

Und die Befragung bestätigt auch das hohe Sicherheitsbedürfnis der Leipziger. Denn viele Leipziger fahren selten bis nie mit ihren Rad, weil der Weg zu gefährlich ist (26 Prozent), kein Fahrradweg existiert (21 Prozent) oder die Entfernung zu weit ist (43 Prozent).

Und das ist die Frage, die auch den Leipziger OBM bewegt: Was für Radwege baut man denn dann? Die preiswerteste und schnellste Variante sind wirklich die Radfahrstreifen, die sich einfach auf den Asphalt malen lassen. Aber die rangieren mit 13 Prozent der Nennung nur auf Rang 3 der Nennungen bei den am liebsten genutzten Radwegen.

50 Prozent der befragten Leipziger bevorzugen tatsächlich separat gebaute Radwege und 60 Prozent meiden den Straßenverkehr am liebsten ganz und fahren auf separaten Wegen abseits der Straßen. Was dann natürlich das Radwegenetz durch Parks und an den Flüssen ins Blickfeld rückt, wo auch viel zu wenig passiert.

Und auch der Blick auf die Altersgruppen ändert da nichts. Die Verteilung ist in allen Altersgruppen fast identisch.

Unterschiede tun sich erst auf, wenn man die Viel-Radfahrer mit den Nur-selten-Radfahrern vergleicht und sie danach fragt, ob in letzter Zeit genug für den Radverkehr getan wurde.

Die Selten-Radfahrer finden tatsächlich zu 72 Prozent, dass genug getan wurde, sogar zu 23 Prozent „viel zu viel“. Da hört man irgendwie noch das Echo der leidigen Radstreifen-Diskussion in der Leipziger Autofahrerzeitung.

Aber das Netz einschätzen können eigentlich die Viel-Radfahrer besser. Und sie stimmen nur zu 36 Prozent der Aussage zu, es sei genug getan worden. 63 Prozent sagen hingegen, es sei zu wenig passiert. Und der hohe Handlungsbedarf beginnt eben schon city-nah – im Waldstraßenviertel, aber auch in Lindenau, Plagwitz und Volkmarsdorf.

Was eben darauf hindeutet, dass bei einem besser ausgebauten Radnetz durchaus mehr Leipziger auch täglich aufs Rad steigen würden. Was dann wieder der Luftqualität der Stadt zugute käme.

Aber das ist dann schon das nächste Thema.

Leipziger Zeitung Nr. 60: Wer etwas erreichen will, braucht Geduld und den Atem eines Marathonläufers

 

BürgerumfrageRadverkehr
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