Wie die Arbeitslosigkeit aus Altersgründen wegschmilzt und die Zahl der Bedarfsgemeinschaften wieder wächst

Für alle LeserEs ist März, der Arbeitsmarkt brummt. Irgendwie. Zumindest so, dass sich der Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Steffen Leonhardi dazu animiert sieht zu sagen: „Die Arbeitsmarktentwicklung präsentiert sich weiter deutlich besser als vor einem Jahr. Außerdem hat die Frühjahrsbelebung eingesetzt.“ Er ließ noch so einen Jubelsatz in der Pressemitteilung der Arbeitsagentur Leipzig verbreiten.
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Der lautet: „Dieser große Rückgang im Vergleich zum Vorjahr zeigte auch, dass die Geschäftspolitik der Arbeitsagentur und des Jobcenters Leipzig, in die berufliche Qualifikation der Menschen zu investieren, der richtige Weg ist, um Menschen mit längerer Dauer der Arbeitslosigkeit wieder erfolgreich in Arbeitsverhältnisse zu integrieren.“

Da mag was Wahres dran sein. Aber es trifft nicht den Kern. Nicht das, was viele längere Zeit Arbeitslose wirklich erleben. Denn der Rückgang hat praktisch nichts mit der Arbeit der Arbeitsagentur zu tun.

Was man im Haus selbst eigentlich weiß, denn jeder Arbeitsmarktreport enthält auch eine Auswertung zu Zu- und Abgängen. Man kann recht genau verfolgen, wohin die Leute verschwinden, die jetzt nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik auftauchen. Nur zum Teil in Arbeit.

Die eigentliche Entwicklung, die nun seit 2011 recht eindeutig zu beobachten ist: Sie verschwinden schlicht aus Altersgründen ins Nichterwerbsleben. Und sie stammen fast alle aus der freundlichen Jobcenterbetreuung.

Im März standen 6.437 Personen, die sich neu arbeitslos meldeten, 6.863 Menschen gegenüber, die sich abmelden konnten beim Amt.

Differenz: 426.

Etliche kamen in eine Umschulung, einige bekamen auch ein neues Jobangebot. Aber mittlerweile ein sehr stabiler Posten ist der der älteren Betroffenen, die endgültig aus der Jobcenterbetreuung in den wohl eher ärmlichen Ruhestand gehen. Auf 2.196 Personen, die aus Nichterwerbstätigkeit wieder in die registrierte Arbeitslosigkeit gelangten, kamen 2.427 Personen, die in Nichterwerbsfähigkeit entschwanden.

Differenz: 231.

Das ist ungefähr der Wert, der jetzt seit Jahren auffällt und dafür sorgt, dass Leipzigs offizielle Arbeitslosigkeit jedes Jahr um rund 2.000 sinkt.

Abschmelzende Arbeitslosenzahl im SGB II, stabiler Bestand im SGB III. Grafik: Arbeitsagentur Leipzig

Abschmelzende Arbeitslosenzahl im SGB II, stabiler Bestand im SGB III. Grafik: Arbeitsagentur Leipzig

Das sind aber auch genau jene Beschäftigten, die eigentlich dem Leipziger Arbeitsmarkt fehlen. Denn sie werden ja nicht durch junge Leute ersetzt. Dazu sind die Ausbildungsjahrgänge zu dünn besetzt. Die neuen Jobs werden vor allem durch Zuwanderung besetzt. Und zwar allen voran die qualifizierten Jobs. Jenen Jobs, die nachweislich Zuwächse verzeichnen. Die aktuellsten Zahlen liegen für September 2018 vor. Da gab es im Jahresvergleich die größten Zuwächse im Bereich Erziehung und Unterricht (+ 1.842), bei den freiberuflichen wissenschaftlichen und technischen Dienstsleistungen (+ 1.397) und in der IT-Branche (+ 932).

Selbst die öffentliche Verwaltung hat 426 neue Stellen besetzt, während sehr unangenehm auffällt, dass ausgerechnet der Bereich Gesundheit 535 Stellen abgebaut hat. Man muss sich nicht mehr darüber wundern, dass sich die gesundheitliche Versorgung in Deutschland immer mehr verschlechtert. Da läuft gewaltig etwas falsch.

Eine Übersicht über die Zahlen, die die Arbeitsagentur zum März liefert:

Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit Arbeitsort in Leipzig hat mit 273.213 einen neuen Höchststand erreicht. Die neuen statistischen Zahlen dazu stammen vom September 2018. Damit stieg die Beschäftigtenzahl innerhalb eines Jahres um 6.389 oder 2,4 Prozent.

Insgesamt waren im März 19.707 (Vormonat 20.109) Männer und Frauen in Leipzig arbeitslos gemeldet. Damit ist die Arbeitslosenzahl wieder unter die 20.000er Marke gesunken. Zuletzt war diese Marke im Dezember 2018 unterschritten worden. Der Rückgang im Vergleich zum Februar 2019 betrug 402 Personen. Der Rückgang zur Zahl der arbeitslosen Menschen im März 2018 betrug 2.064.

Auch die Zahl der langzeitarbeitslosen Menschen ist im zurückliegenden Monat in Leipzig zurückgegangen. Im März waren 4.644 Menschen langzeitarbeitslos, 58 im Vergleich zu Februar. Im Vergleich zum März 2018 gab es 1.455 Langzeitarbeitslose weniger, ein Rückgang um 23,9 Prozent

Beschäftigungsentwicklung zum September 2018. Grafik: Arbeitsagentur Leipzig

Beschäftigungsentwicklung zum September 2018. Grafik: Arbeitsagentur Leipzig

Offene Arbeitsstellen: Die Wirtschaft und die Verwaltung haben 1.908 freie Stellen, das waren 588 weniger als im Februar und 33 weniger als vor einem Jahr, zur Besetzung gemeldet. Der Bestand an freien Stellen lag bei 7.673. Das waren 5 weniger als im Vormonat und 397 mehr als im März 2018.

Zum statistischen Zähltag im März betrug die Arbeitslosenquote in der Stadt Leipzig 6,4 Prozent (Vormonat: 6,5 Prozent). Die Arbeitslosenquote war die niedrigste in einem März seit 1991. Im März 2018 lag sie noch bei 7,3 Prozent.

Im März waren 6.569 Menschen in der Arbeitsagentur im Rechtskreis SGB III arbeitslos gemeldet.

Im Jobcenter Leipzig im Rechtskreis SGB II waren 13.138 Menschen arbeitslos registriert.

***

Einen verblüffenden Effekt gibt es freilich: Die Zahl der Bedarfsgemeinschaften in Leipzig wächst wieder.

In Leipzig gab es im März 34.793 Bedarfsgemeinschaften. Das waren 151 mehr als im Vormonat, 309 mehr als im Januar. Das Jobcenter Leipzig betreut aktuell 43.825 erwerbsfähige Leistungsberechtigte. Im Vergleich zum Vormonat betrug der Anstieg 123 Personen, im Vergleich zum Januar 256. Das geht nur zum Teil auf die steigende Zahl von Kindern zurück. Ganz offensichtlich steigt auch die Zahl derer wieder, die auf Leistungen des Jobcenters angewiesen sind, obwohl sie eine Arbeit haben.

Hartz-IV-Empfänger verschwinden in Rente, aber die Zahl der betroffenen Kinder schmilzt nicht

 

Arbeitsmarkt
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