Was verrät das BIP eigentlich über die Wirtschaftsentwicklung 4.0?

Für alle LeserWas passiert eigentlich, wenn man einfach mal die Wirtschaftsentwicklung aller Bundesländer nebeneinanderlegt? Sieht man da etwas? Oder bekommt man wieder nur die gewohnte Bestätigung, dass in Süddeutschland die Post abgeht und in Ostdeutschland der Hund begraben liegt? Weder noch. Auch dann nicht, wenn man weiß, dass sich Wirtschaftsleistung nicht vergleichen lässt. Nicht einmal mit dem Bruttoinlandsprodukt.

Etwas anderes hat auch Paul M. Schröder vom Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ) nicht zur Verfügung. Die Tabelle aber, in die er einfach mal die Zuwachsraten des BIP in allen Bundesländern eingetragen hat, verrät so einiges. Etwa wenn man über die erstaunlich vielen Minuszeichen im Jahr 2005 stolpert, dem Jahr, in dem „Hartz IV“ in Deutschland eingeführt wurde. Eine „Arbeitsmarktreform“, die nicht alle Bundesländer gleichermaßen traf. Die Minuszeichen sieht man fast alle nur bei den ostdeutschen Bundesländern, also genau da, wo eine Verschärfung der Arbeitsmarktgesetze sowieso schon auf eine strukturschwächere Wirtschaft traf.

Die üblichen Wirtschaftsexperten werten das im Nachhinein als eine positive Wirkung von „Hartz IV“, weil sich ja auch die ostdeutschen Länder danach wieder irgendwie berappelten. Aber das Minuszeichen folgt auch in Sachsen seit mehreren Jahren mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum um die 1,5 bis 2 Prozent.

Hier kann das nur als Frage formuliert werden: Kann es – bei den damals noch deutlich höheren Arbeitslosenzahlen im Osten – nicht auch sein, dass auch diese „Hartz“-Reform als Strukturumbruch auf die ostdeutsche Wirtschaft durchschlug? Nicht nur über den (verminderten) Konsum, dem dadurch natürlich auch Geld entzogen wurde, sondern auch durch den Abwertungseffekt für viele Beschäftigungsverhältnisse in der Dienstleistung? Denn statistisch nachweisbar ist ja seitdem der massive Ausbau prekärer Beschäftigung in vielen Branchen des Ostens.

Das ist nur ein Gedanke. Die Untersuchungen fehlen ja bekanntlich, weil die klassischen Wirtschaftsinstitute die nachfolgenden Erholungseffekte beim BIP gern als Effekt von „Hartz IV“ interpretieren, und eben nicht als Erholung nach einem vom Gesetzgeber verordneten Dämpfungseffekt.

Die Minuszeichen im Jahr 2009 sind dann eindeutig der Finanzmarktkrise zuzurechnen. Erstaunlich ist hierbei – mit Blick auf Sachsen – der überaus deutliche Erholungseffekt im Folgejahr 2010, ganz so, als hätte die Wirtschaft hier ebenso einen Nachholeffekt zu verzeichnen gehabt, der in seiner Dimension  (+ 3,1 Prozent) erstaunlicherweise dem von 2006 ( + 4,3 Prozent) ähnelt.

Man kann nur die Frage stellen: Kann es sein, dass die sogenannten Arbeitsmarktreformen viel größere Effekte auf Wirtschaftsumsätze haben, als gern behauptet? Und dass diese Effekte sogar gegenteiliger Natur sind, als meist beschworen? Denn unsere Wirtschaftsberichterstattung ist ja extrem auf die Exportwirtschaft fixiert und hat die tatsächlichen Geldströme und die Kaufkraftgewinne bzw. -verluste der Beschäftigten so gut wie gar nicht im Blick.

Was nicht nur an dieser Stelle in der Statistik steckt.

Denn natürlich nimmt man wahr, dass Länder wie Bayern und Baden-Württemberg ein deutlich überdurchschnittliches BIP-Wachstum zu verzeichnen haben, während Sachsen mit einem Wert von 115,8 Prozent gegenüber 2010 nur leicht überm bundesdeutschen Durchschnitt von 115,3 Prozent liegt.

Andererseits ist ausgerechnet das lange Zeit verlachte Berlin mit 123,5 Prozent der eigentliche Primus, hat also die deutlichste Entwicklung beim BIP hingelegt, ohne dass dort tatsächlich ein neuer Konzerngigant aus dem Boden gestampft wurde. Denn natürlich hat Berlin eine ganz ähnliche Entwicklung genommen wie andere deutsche Großstädte auch: Der Dienstleistungssektor ist massiv gewachsen, insbesondere die Digitalwirtschaft hat zugelegt. Ein Effekt, den ja auch Sachsen hat: Das sächsische BIP wird nicht durch die ländlichen Bereiche getrieben, sondern durch die drei Großstädte. Und in den Großstädten ist der Dienstleistungsbereich der am stärksten wachsende Sektor.

Was ja auch heißt: In dieser BIP-Entwicklung zeichnet sich auch eine andere Wirtschaftswelt ab, als sie landläufig die Wirtschaftsseiten der Zeitungen bestimmt, eine, die nicht nur durch hochqualifizierte Arbeitsplätze in der Digitalwirtschaft geprägt ist, sondern auch durch die Fokussierung auf die großen Metropolen, dort, wo auch der Ausbau der Breitband- und Funknetze schneller geht. Eine neue Wirtschaftsstruktur ist längst am Entstehen. Was übrigens auch den Transformationsdruck in den großen Städten erhöht. Nicht nur im Wohnungsbau, sondern auch im Verkehr, beim Ausbau von Schulen, Kitas und Gesundheitsinfrastrukturen.

Wie das vonstatten geht, verraten die langen BIP-Reihen in der Tabelle nicht, dass es vonstatten geht, schon. Und dass einige Bundesländer die Kurve noch nicht gekriegt haben, auch.

Leipziger Zeitung: Wo ein Wille ist … zwei Wahlen stehen vor der Tür

WirtschaftswachstumBIAJ
Print Friendly, PDF & Email
 


Schneller informiert mit dem L-IZ-Melder
Weitere Nachrichten:Bewegungsmelder | Wortmelder | Rückmelder | Sport | Polizei | Verkehr


Weitere aktuelle Nachrichten auf L-IZ.de

Organisationen fordern andere Unterbringung der in Dölzig lebenden Asylbewerber/-innen
Erstaufnahmeeinrichtung in Dölzig im Sommer 2015. Foto: L-IZ.de

Foto: L-IZ.de

Für alle LeserIn Dölzig nahe Leipzig leben mehrere hundert Asylbewerber/-innen auf relativ engem Raum. Die im Angesicht der Coronakrise empfohlenen Abstandsregeln sind so kaum einzuhalten. Deshalb und wegen angeblicher hygienischer Missstände fordern 18 Organisationen in einem Offenen Brief eine bessere Unterbringung der Geflüchteten. Sie schlagen vor, leere Hotelzimmer dafür zu nutzen.
Über 20.000 Menschen pendeln aus dem Ausland nach Sachsen zur Arbeit
Woher ausländische Arbeitnehmer in Sachsen kommen und wo sie arbeiten. Grafik: Arbeitsagentur Sachsen

Grafik: Arbeitsagentur Sachsen

Für alle LeserSeit 2010 ist die Zahl der Grenzpendler in Sachsen um das 37-fache gestiegen, teilt die Arbeitsagentur Sachen in Auswertung zu dem am Dienstag, 7. April, vorgelegten IAB-Kurzbericht mit. Der Anstieg war deutschlandweit am höchsten (Bund: Anstieg um das Dreifache). Der Grund sind vor allem die kurzen Wege aus den Nachbarländern.
Der Knackpunkt sind auch in Deutschland Krankenhäuser, Personal und ITS-Betten
Auch das Leipziger Uniklinikum behandelt Coronafälle. Foto: L-IZ.de

Foto: L-IZ.de

Für alle LeserWissenschaftler sind Leute, die sich nicht kurzfassen können. Aus gutem Grund: Sie müssen ihre Ansätze und Thesen erklären. Und das passt nun einmal selten in knackige „News-Überschriften“. Wir haben an dieser Stelle schon einmal über eine recht detaillierte Kritik des Leipziger Wissenschaftsverlages zu den aktuellen Corona-Zahlen berichtet. Zahlen, die ja bekanntlich von Land zu Land erstaunlich differieren und zu lauter Mutmaßungen Anlass geben.
In der Corona-Pandemie dominieren in den Netzen Verschwörungstheorien statt Falschmeldungen
Prof. Dr. Thorsten Quandt. Foto: WWU - Matthias Hangst

Foto: WWU - Matthias Hangst

Für alle LeserSchon in ganz normalen Zeiten sorgen Medienangebote, die es mit journalistischen Standards nicht wirklich ernst meinen, sogenannte „alternative Medien“ für Verunsicherung, Verwirrung und Berge von Falschmeldungen gerade in den sogenannten „social media“. Wie sie sich jetzt in Zeiten der Covid-19-Pandemie verhalten, haben Kommunikationswissenschaftler/-innen der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) untersucht.
Für das Publikum daheim: Karl die Große musizieren heute als erste Gruppe im Leipstream
Karl die Große. Foto: Heymo Studio

Foto: Heymo Studio

Für alle LeserDie Corona-Beschränkungen betreffen ja auch sämtliche Konzertveranstaltungen, die dieser Tage stattfinden sollten. Manche Bands und Veranstalter weichen – um das Publikum nicht ganz und gar im Regen stehen zu lassen – auf Livestreams aus. Das machen am heutigen Mittwoch, 8. April, auch die Cammerspiele Leipzig. Ab 21 Uhr sendet LeipStream das erste Mal live aus den Cammerspielen in der Kochstraße 132 und es wird gemütlich.
Der Fahrgastverband Pro Bahn hält die Fahrplaneinschränkungen im Mitteldeutschen S-Bahn-Netz für überzogen
S-Bahn in der Station Wilhelm-Leuschner-Platz. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserDas war dann schon teilweise wie ein Rückschritt in alte Zeiten: Am 1. April stellte die Deutsche Bahn ihr S-Bahn-Angebot im Mitteldeutschen Netz auf Corona-Taktung um, führte auf stark befahrenen Linien Halbstundentakte ein, ließ S-Bahnen auch teilweise wieder im Stundentakt fahren. Und das, wie sie vermeldete, in Absprache mit den zuständigen Bundesländern. Der Fahrgastverband Pro Bahn findet das überzogen.
Erwachsenwerden hinter Gittern: Wie Falk Mrázek 1978 mutig Knast riskierte, um den Weg in die Freiheit zu finden
Falk Mrázek: Erwachsenwerden hinter Gittern. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserNancy Aris hat recht, wenn sie im Vorwort zu diesem Buch betont, dass die öffentlichen Erinnerungen an die DDR auseinanderfallen. Die einen meinen, sie hätten nichts auszustehen gehabt. Die anderen können von Repressionen erzählen, die ihr ganzes Leben verändert haben. Manchmal staunt man schon, wie wenig manche Menschen wirklich mitkriegen vom eigenen Leben. Die Geschichte von Falk Mrázek erzählt davon, dass die Verklärung eigentlich nur funktioniert, wenn man die Begegnungen mit der Staatsmacht völlig verdrängt.
Dienstag, der 7. April 2020: Einmal Chemnitz und zurück
Erstaufnahmeeinrichtung in Dölzig im Sommer 2015. Foto: L-IZ.de

Foto: L-IZ.de

Für alle LeserNachdem ein Bewohner der Asylunterkunft in Dölzig nahe Leipzig die hygienischen Zustände in der Einrichtung kritisiert hatte, wurde er nach Chemnitz verlegt. Nun ist er offenbar zurück in Dölzig. Das Oberverwaltungsgericht Bautzen klärt unterdessen darüber auf, wo und mit wem man sich außerhalb der Wohnung bewegen darf. Die L-IZ fasst zusammen, was am Dienstag, den 7. April 2020, in Leipzig und Sachsen wichtig war.
Sächsische Studierendenvertretung fordert ein „Solidarsemester“
Universität Leipzig, Seminargebäude. Foto: L-IZ.de

Foto: L-IZ.de

Für alle LeserIn Sachsen hat am Montag, den 6. April, die Vorlesungszeit begonnen. Weil die Hochschulen wegen der Coronakrise aber geschlossen sind, stehen Studierende und Lehrende vor großen Herausforderungen. Ein bundesweites Bündnis, an dem sich auch die sächsische Studierendenvertretung beteiligt, hat deshalb einen umfangreichen Forderungskatalog veröffentlicht. Vieles, was darin steht, fordern auch Linke, SPD und Grüne im sächsischen Landtag.
Freizeitaktivitäten in Coronazeiten: 15 Kilometer Umkreis laut OVG Bautzen
Das alles bestimmende Thema der letzten Wochen - als Graffiti in Leipzig verewigt. Foto: Marko Hofmann

Foto: Marko Hofmann

Für alle LeserSeit Wochen drehen sich nun die Debatten um die Frage, was die sächsische Staatsregierung in ihrer erst als Allgemeinverfügung und seit dem 31. März als Verordnung verfassten Ausgangsbeschränkung mit dem „Wohnbereich“ gemeint haben könnte, in welchem man sich zu Spaziergängen, Sport oder Ausflügen bis mindestens zum 20. April 2020 aufhalten müsse. Was die Staatsregierung in ihrer Krisenmaßnahme gegen eine weitere Ausbreitung des Coronavirus tunlichst vermied, tat heute das Oberverwaltungsgericht (OVG) Bautzen. Bei der Entscheidung eines Eilantrages eines Dresdners benannte das OVG eine Kilometerzahl für die Bewegung zu Freizeitzwecken in Sachsen. Und klärte zudem die Begleitung von Menschen, die nicht zum eigenen Hausstand gehören.
Ob Beiersdorf sächsische Fördermittel für das neue Werk bekommt, ist noch offen
Traditionsmarke „Florena“. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserFür Leipzig wird es eine neue Unternehmensansiedlung mit 280 Arbeitsplätzen im Leipziger Norden, wenn Beiersdorf dort seine neue Florena-Fabrik baut. Für Waldheim wird es ein echter Verlust. Ob Beiersdorf für den 220 Millionen Euro teuren Neubau im Leipziger Norden auch sächsisches Fördergeld bekommt, ist noch nicht entschieden, teilt Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) auf Anfrage der Landtagsabgeordneten Marika Tändler-Walenta und Nico Brünler (Die Linke) mit.
Linksfraktion fordert Überbrückungszahlungen für Leipzigs Honorarkräfte
Musikschule „Johann Sebastian Bach“. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserDie vielen zusammengeschusterten Hilfsprogramme in der Coronakrise machen etwas sichtbar, was sonst völlig der Wahrnehmung der fest angestellten Öffentlichkeit entzogen ist: Sie zeigen, wie löcherig die Absicherungen für Solo-Selbstständige und Honorarkräfte tatsächlich ist und wie sehr gerade sie durch die Sparorgien der letzten Jahrzehnte in ihren Honoraren gedrückt wurden. Und jetzt, wo gerade sie schnelle Unterstützung brauchen, sind sie völlig aus dem Blick der Politik verschwunden. Das betrifft auch Honorarkräfte der Stadt Leipzig, sagt Marco Götze.
Nach Lockerung der Kontaktbeschränkungen: „Wir sollten uns stark an Südkorea orientieren“
Prof. Dr. Markus Scholz. Foto: Universität Leipzig

Foto: Universität Leipzig

Für alle LeserIn Leipzig ist die Epidemie zum Erliegen gekommen, auch die Werte für Sachsen und Deutschland lassen hoffen. Die Nettobasisproduktionsrate sinkt, die Maßnahmen der vergangenen Wochen zeigen Wirkung. Das sind Ergebnisse der Berechnung von Prof. Dr. Markus Scholz vom Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie der Universität Leipzig.
Grüne schlagen temporäre Fahrradstraßen, Öffnung der Radläden und freie Fahrt in der City vor
Radfahrer auf dem Burgplatz. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserMit dem Radverkehr hat es Leipzigs Verwaltung nicht so. Das merkt auch jeder, der derzeit aufgrund von Corona seine Wege in der Stadt mit dem Fahrrad zurücklegen will. Radwege sind mit Baustellen zugebaut, Umleitungen nicht ausgeschildert. An Hauptverkehrsstraßen fehlen sichere Überwege. Und die Chance, Leipzig gerade in dieser Zeit ein wenig fahrradfreundlicher zu machen, sitzt Leipzigs Verkehrsdezernat einfach aus. Nun machen die Grünen ein paar berechtigte Vorschläge.
Sportdezernat: Leipzigs Verwaltung hat RB Leipzig kein Verkaufsangebot für das Schwimmstadiongrundstück gemacht
Der Parkplatz auf der Fläche des ehemaligen Schwimmstadions. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserKaum einen Monat liegen die Leipziger Oberbürgermeisterwahl und der knappe Wahlsieg von Burkhard Jung zurück. Fast vergessen ist schon, dass CDU und LVZ auch versucht hatten, den Verkauf eines Grundstücks am Sportforum an RB Leipzig zu instrumentalisieren. Dabei wurde dann eine Zusage konstruiert, die die Verwaltung gar nicht gegeben hatte. Das alarmierte auch die Freibeuter-Fraktion, die sehr genau wissen wollte, was da tatsächlich abgesprochen worden war.