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Wie bekommt man wirklich heraus, welches die „größten Probleme“ aus Bürgersicht sind?

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    Was haben sie uns ins Bockshorn gejagt all die Jahre mit ihrem scheinbaren Superproblem „Straßenzustand“. Jahrelang stand der „Straßenzustand“ bei Leipziger Bürgerumfragen fett und breit auf Platz zwei der „größten Probleme aus Bürgersicht“. 2019 hat das Amt für Statistik und Wahlen sein Frageschema zu den „Problemen“ gründlich überarbeitet. Im neuen Quartalsbericht versucht Martin Waschipky zu analysieren, was das gebracht hat. Sind die Probleme jetzt realistischer dargestellt?

    Seit Fazit könnte man so zitieren: „Dabei zeigte sich, dass die benannten städtischen Probleme in ihrer Rangfolge nahezu identisch sind.“

    Aber das trifft es nicht ganz. Vor allem möchte er ja herausbekommen, ob auch das neue Verfahren mit offenen Antwortmöglichkeiten gegenüber dem alten mit einer anzukreuzenden geschlossenen Liste einen signifikanten Unterschied ergibt. Die geschlossenen Antworten hatten immer ein doppeltes Problem: Einerseits fiel nicht auf, wenn wichtige Probleme dort nicht auftauchten.

    Zumindest dem Ankreuzenden meistens nicht. Den Statistikern schon, die ja jedes Jahr von Journalisten geärgert werden, die aus guten Gründen nachfragen, warum dieses und jenes Problem dort einfach nicht aufgelistet ist oder in seltsamer Formulierung.

    Bekanntestes Beispiel ist der jahrelang verwendete Topos „Zusammenleben mit Ausländern“. Den konnte man aus rein rassistischen und menschenfeindlichen Gründen als Problem ankreuzen. Man konnte hier aber auch ankreuzen, wenn man die Rassisten als Problem für das Zusammenleben mit Ausländern ansah.

    Dass hier die Kritik nur zu berechtigt war, zeigte sich, als Leipzigs Statistiker dieses Ankreuzfeld auseinandernahmen. Und siehe da: Das „Zusammenleben mit Ausländern“ schrumpfte als Problem regelrecht zusammen, auch wenn nun (wie 2018) 16 Prozent der Befragten hier trotzdem ihr Kreuz machten.

    Dafür wurde jetzt endlich sichtbar, dass 14 Prozent der Leipziger/-innen in der Fremdenfeindlichkeit ein Riesenproblem sehen. 2019 wechselten beide übrigens die Plätze: Fremdenfeindlichkeit blieb mit 14 Prozent der Nennung Problem Nr. 11, das „Zusammenleben mit Ausländern“ schrumpfte auf 10 Prozent – Rang Nr. 16.

    Wie sich die Probleme bei geschlossenen und offenen Antwortmöglichkeiten unterscheiden. Bitte beachten: Die Spalten für geschlossene und offene Antworten sind vertauscht. Hinweis dazu im Text. Grafik: Stadt Leipzig, Quartalsbericht 1/2020
    Wie sich die Probleme bei geschlossenen und offenen Antwortmöglichkeiten unterscheiden. Bitte beachten: Die Spalten für geschlossene und offene Antworten sind vertauscht. Hinweis dazu im Text. Grafik: Stadt Leipzig, Quartalsbericht 1/2020

    Aber eine gravierende Veränderung macht Martin Waschipky tatsächlich aus. Denn was passiert, wenn die eine Gruppe der Befragten die vorgegebene Liste zum Ankreuzen bekommt und die andere sich etwas ausdenken kann?

    „Hinsichtlich der wahrgenommenen Priorität spielt der Problemkreis Verkehr die bedeutendste Rolle für die Befragten, weshalb dieser einer genaueren Betrachtung unterzogen wird: Fast 9 von 10 Leipzigerinnen und Leipzigern sehen – offen abgefragt – Handlungsfelder im Bereich Verkehr. Bei der geschlossenen Abfrage sind es 24 Prozentpunkte weniger“, liest man da.

    Die beigegebene Tabelle zeigt scheinbar das Gegenteil. Aber wie Martin Waschipky uns mitteilt, ist der Tabellenkopf verdreht. Wo „geschlossene Abfrage“ steht, müsste „offene Angabe“ stehen – und umgekehrt. Wenn Antwortmöglichkeiten vorgegeben sind, kreuzen 62 Prozent der Befragten ruckzuck Dinge wie Straßenzustand, Parkplätze und Baustellen an. Sind die drei Antwortmöglichkeiten aber offen, erreichen Aussagen zum Verkehr sogar 86 Prozent.

    „Bedeutsamer ist jedoch, dass die Rangfolge der Problemkreise kaum durch die Erhebungsmethodik beeinflusst wird“, meint Martin Waschipky. „Zweitens sind die neuen Kategorien deutlich komprimiert und ermöglichen eine gleichberechtigte Bewertung: Während bei der geschlossenen Abfrage beispielsweise auf den Bereich Verkehr fünf Antwortmöglichkeiten entfielen, standen für den Komplex Wohnen nur zwei Auswahloptionen zur Verfügung.“

    Auch das hat das Ergebnis verzerrt. Wobei die Kategorie „Kriminalität und Sicherheit“ so aus Mediensicht immer fragwürdiger wird. Denn während Themen wie Wohnen und Verkehr kleinteiliger definiert werden, liegt dieses Thema seit Jahren als undefinierter Riesenbrocken quer im Raum. Welche Kriminalität ist eigentlich gemeint? Die Straßenkriminalität? Die Steuerhinterzieher? Und welche Sicherheit? Die reale? Die gefühlte? Die des geklauten Fahrrades? Oder das Erschrecken, wenn die Potzblitz-Zeitung wieder ein Ereignis in Connewitz hochschreibt?

    Wobei Waschipkys Auswertung auch deutlich macht, dass die offene Angabe von Einzelproblemen durchaus neue Spielräume öffnet – etwa wenn dann 40 Prozent „Wohnen“ als Problem ankreuzen, während es bei der geschlossenen Antwortmöglichkeit nur 35 Prozent nennen. Und das, obwohl allein 34 Prozent die Wohnkosten als Problem sehen.

    Der „Wohnungsleerstand“, der sonst noch konkret abgefragt wurde, ist in den letzten Jahren völlig aus der Wahrnehmung verschwunden. Dafür ist das viel größere Problem von fehlendem freien Wohnraum nicht als Topos aufgetaucht, obwohl man es nach sachlichem Ermessen als eines der größten Leipziger Probleme benennen müsste. Genauso wie Klimawandel und Hitzebelastung, die schlichtweg in „Umweltbelastung/Lärmbelastung“ nicht abgebildet sind.

    Wobei Martin Waschipky auf ein Problem aufmerksam macht, das beim automatischen Auswerten der offenen Fragen auftaucht: Die „automatische Klassifikation“ findet in manchen Themenfeldern nicht alle zugehörigen Aussagen. Sichtbar wird das beim Topos „medizinische Versorgung“, wo erst eine manuelle Auswertung einen Bestand an Problemfeststellungen ergab, der das Problem wirklich erst sichtbar macht. Denn bei der medizinischen Versorgung hapert es in völlig verschiedenen Bereichen – beim Arzttermin genauso wie beim Mangel an Pflegekräften. Und das war noch vor Corona.

    Und noch einmal zum Verkehr, von dem wir alle wissen, dass er eben nicht nur aus Straßenzuständen und Parkplätzen besteht. Und warum eigentlich „Parkplätze“? Kreuzen hier wirklich alle an, die „fehlende Parkplätze“ meinen? Oder nicht auch die, denen das Wildparken in Leipzig auf den Keks geht?

    Auch wenn das Amt für Statistik und Wahlen die Kategorisierung nun deutlich geändert hat, bleiben die alten Probleme der „größten Probleme“: Die Antworten sind meist zu unspezifisch. Und wenn sie spezifisch sind (wie der ÖPNV), tut sich die Verwaltung schwer, die Schwere des Problems zu erkennen und frühzeitig zu handeln.

    Was auch noch mit einem anderen Problem zu tun hat, das auch in Leipzig meist nicht erkannt wird: Dass „Männerprobleme“ in der Stadtpolitik bislang immer schwerer wogen als „Frauenprobleme“. Und zwar in der realen Politik noch viel schwerer als in den Bürgerumfragen, wo immer wieder deutlich wird, dass Straßenzustand, Parkplätze und Baustellen häufiger von Männern als „wichtigstes Problem“ angekreuzt werden, während Frauen Themen wie Kindertagesstätten und Schulen als drängender empfanden.

    Das letzte Wort zu den „wichtigsten Problemen“ ist also noch nicht gesprochen. Es wird weiter justiert werden müssen.

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