Die Diskussion um das neue "Wohnungspolitische Konzept" der Stadt Leipzig hat mit der Bürgerinformation am Montag, 29. Juni, gerade erst richtig begonnen. Ganze sechs Jahre hat das alte Konzept gehalten. Es hat die rasante Einwohnerentwicklung ab 2011 schlicht nicht berücksichtigt. Aber jetzt ist die Frage natürlich: Wird das nun eine lebenswerte Stadt oder nur eine marktgerechte? Schon im Vorfeld der Konzeptentwicklung gab es heftige Einwürfe insbesondere von Vereinen und Initiativen.

Die fühlten sich durch den verdichtenden Wohnungsmarkt und steigende Mieten an den Rand gedrängt. Aber nicht nur sie beschäftigen sich mit der Frage: Was macht eine Stadt eigentlich bunt und lebenswert? Kann es sein, dass sich vor allem die Stadtverwaltung mit all ihren verantwortlichen Ämtern in der Frage Wohnungspolitik umstellen muss? Aber gründlich?

Unbedingt, fordert der Leipziger Öokolöwe, der seine Forderungen für eine kompakte, umweltschonende und lebendige Stadt jetzt in einem eigenen Positionspapier gebündelt hat. Der Umweltverein würdigt durchaus, dass das jetzt vorgelegte Papier gegenüber dem Vorgänger-Konzept ein Qualitätssprung ist. Soziale und ökonomische Aspekte finden in dem Konzeptentwurf umfassend Beachtung.

Doch ein Aspekt ist dem Ökolöwen zu wenig beleuchtet. Seine Forderung: „Leipzig wächst ökologisch verträglich“.

“Die Ausrichtung im Bereich Wohnungsbau und Siedlungsentwicklung ist eines der wichtigsten Kriterien für das Ausmaß des ökologischen Fußabdrucks einer Stadt. Wohnungspolitik ist gleichzeitig auch Verkehrspolitik und Umweltpolitik. Hier entscheidet sich, ob Leipzig wirklich nachhaltig wachsen kann”, erwähnt Tino Supplies ein Thema, das in den unterschiedlichen Politikfeldern der Stadt immer wieder unter die Räder gerät. Noch immer haben viele Verantwortliche die autogerechte und ausufernde Stadt als Vision im Kopf. Das verlängert nicht nur alle Wege, erhöht die Verkehrsbelastung und sorgt dafür, dass wertvolle Wohnviertel von hochbelasteten Verkehrstrassen durchschnitten sind.

Es verteuert auch alle Aspekte des täglichen Lebens und macht Wohnquartiere unattraktiv.

Und gerade wenn Leipzig weiter so wächst, müsste die Stadt wieder deutlich kompakter werden, findet der Ökolöwe. Lücken müssen geschlossen, Ortsteile wieder aufgewertet werden.

Die Liste der Möglichkeiten, mit denen die Stadt steuern kann, ist lang.

Das beginnt mit der Forderung “Sanierung vor Neubau”, geht weiter mit der Einordnung: Wohnungsneubau soll nur in bereits mit der Straßenbahn und Einkaufsmöglichkeiten erschlossenen Gebieten in Form von Flächenrecycling erfolgen. Dies erspare den Bau überdimensionierter Infrastruktur mit entsprechenden Folgekosten. Neubau oder Erwerb freistehender Einfamilienhäuser sollten keine öffentliche Förderung erfahren. Geschosswohnungsbau nutzt den verfügbaren Platz um ein Vielfaches besser.

Ein Thema, das bislang erstaunlicherweise noch immer keine Priorität hat. Denn es gibt einige potenzielle Entwicklungsgebiete, die verkehrstechnisch ideal erschlossen sind und sich geradezu aufdrängen für den Bau von Wohnquartieren. Das betrifft das direkte Umfeld aller S-Bahn-Stationen – der Ökolöwe nennt hier vorrangig den Wilhelm-Leuschner-Platz, den Bayerischen Bahnhof und die Station MDR, aber dasselbe trifft auch auf den S-Bahn-Haltepunkt Leipzig-Nord und ein halbes Dutzend weiterer Stationen zu. Aber auf keinen Fall sollten dort reine Wohngebiete entstehen, so der Ökolöwe.

“Monofunktionale, reine Wohngebiete verbrauchen überdurchschnittlich viel Fläche und verursachen sehr lange Wege”, sagt dazu Tino Supplies. “Wir wollen stattdessen eine hohe Nutzungsmischung und Kleinteiligkeit, sowohl in den Grundstückszuschnitten, den Besitzverhältnissen, als auch im Design.“

Dabei sollte stärker als in der Vergangenheit auf Geschosswohnungsbau gesetzt werden, um dem fortschreitenden Flächenfraß entgegenzuwirken. Eine stringente Nachverdichtung im Innenbereich der kompakten Stadt schafft kurze Wege und schützt Flächen im Außenbereich, auf denen sich die Natur entfaltet, benennt der Ökolöwe ein ganz zentrale Thema der kompakten Stadt, das offiziell zwar schon lange Leitbild Leipzigs ist. Aber gerade in den 1990er Jahren wurden viele dezentrale Wohngebiete ausgewiesen, die nur minimal ans ÖPNV-Netz angeschlossen sind. Das seien einfach keine zukunftsfähigen Stadtstrukturen, stellt der Ökolöwe fest.

Nicht wirklich das Modell einer kompakten Stadt: Wohnpark Schönau. Foto: Ralf Julke
Nicht wirklich das Modell einer kompakten Stadt: Wohnpark Schönau. Foto: Ralf Julke

Dafür geht ein Zeitalter zu Ende: Das der von Brachen und Lücken geprägten Stadt. Aber energetisch und verkehrstechnisch sinnvoll ist nur eine kompakte Stadt der kurzen Wege. Das Bevölkerungswachstum hat bei allen Vorteilen auch die Kehrseite, dass nicht jede Brachfläche in der Stadt erhalten werden kann, benennt auch der Ökolöwe den Zwiespalt.

„Leipzig braucht daher jetzt ein aktives, strategisches Brachflächenmanagement, statt der Entwicklung hinterherzurennen wie im Fall des Leopoldparks oder der Nachbarschaftsgärten. Das muss auch personell untersetzt sein“, sagt Supplies. Und damit steht die nun seit über einem Jahr diskutierte Liegenschaftspolitik der Stadt im Fokus. Eigentlich steht sie schon viel länger in der Kritik, denn so lange der Verkauf städtischer Flächen im Mittelpunkt stand, hatten alternative Stadtentwicklungskonzepte keine Chance. Etwa die seit 20 Jahren unerfüllte Forderung nach einem autofreien Wohnquartier. So etwas könnte sich der Ökolöwe sehr gut auf der Westseite des Hauptbahnhofes vorstellen.

Mit einer aktiven, dem Gemeinwohl verpflichteten Liegenschaftspolitik könnten jene Brachflächen und Zwischennutzungen vorausschauend, nach für alle nachvollziehbaren Kriterien identifiziert und langfristig erhalten werden, die für das Quartier aus ökologischen, sozialen oder kulturellen Gründen von herausragender Bedeutung sind, stellt der Umweltverein noch fest, der im gleichen Zug für Wohnquartiere wirbt, in denen auch wieder Kinder spielen können.

In einem Punkt wurde die Positionierung des Ökolöwen sogar von der sächsischen Politik überholt: Die alte Stellplatzpflicht fällt. Die Stadt hat künftig selbst in der Hand, ob sie Hausbesitzer zur Schaffung von Stellplätzen, die oft genug wertvollen Hofraum verschlingen, verdonnert oder doch lieber auf eine Grüngestaltung der Innenhöfe drängt.

Und bedenken sollte die Stadt auch, Rückzugsräume für jene Tiere zu schaffen,die durch eine verstärkte Bautätigkeit aus der Stadt verdrängt werden könnten.

Positionspapier des Ökolöwen zum Wohnungspolitischen Konzept der Stadt Leipzig.

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Keine Kommentare bisher

Leider halte ich die Leipziger Stadtverwaltung für intellektuell massiv überfordert, um die Instrumente, die ihr ja zur Verfügung stehen, überhaupt wahrzunehmen und dann vielleicht einzusetzen. Den Weitblick hat man dort gar nicht. Kann man glatt vergessen.

Erst recht, wenn Partikularinteressen in die Stadtverwaltung hineinregieren. (Den Laden neben der Hauptfeuerwache habe ich hier ganz fest im Blick.)

Ich warte schonmal auf das stadtpolitische Desaster hinterm Bayerischen Bahnhof…

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