Zahlen sind derzeit Geschichte, sobald sie verkündet wurden. Am 5. November 2015 gab es in Leipzig 345 minderjährige Flüchtlinge, die ohne Begleitung von Erziehungsberechtigten gekommen sind. Aufgabe des Jugendamtes ist es, diese unterzubringen, zu versorgen und zu betreuen. Eine Unterbringung in Erstaufnahmeeinrichtungen soll vermieden werden. Daher sucht das Amt für Jugend, Familie und Bildung jetzt Gastfamilien. Dafür warb nun der Leiter des Amtes.

Sie kommen aus Syrien und Afghanistan, vereinzelt auch aus Iran, Irak, Bangladesh und Eritrea und sie sind jünger als 18 Jahre. Damit fallen sie in den Aufgabenbereich des Amtes für Jugend, Familie und Bildung. Grundlage ihrer Tätigkeit ist das “Gesetz zur Verbesserung der Unterbringung, Versorgung und Betreuung ausländischer Kinder und Jugendlicher”. Die Bundestagsdebatte dazu war am 25. September. Da waren in Leipzig 127 unbegleitete Minderjährige. Am 5. November nun waren es 345. Das jüngste Kind ist 12. Derzeit ist nur eine minderjährige Jugendliche dabei. Sie wird in der Mädchenzuflucht des Internationalen Bundes betreut. Die eigentliche Umverteilung der Jugendlichen, die zumeist über Bayern kommen, beginnt in der kommenden Woche. Es ist also höchste Zeit, nach Unterkünften und Bezugspersonen Ausschau zu halten.

Nicolas Tsapos hofft nun, dass möglichst viele Jugendliche in Gastfamilien untergebracht werden können. Die zumeist männlichen Minderjährigen zwischen 14 und 17 seien zumeist umgänglich und zielstrebig. Gastfamilien können auch Paare, Lebensgemeinschaften und Einzelpersonen sein. Wegen traumatischer Erfahrungen sind Toleranz und Einfühlungsvermögen im Umgang mit den Jugendlichen und deren sozialen Herkunft, Nation und Religion wichtig. “Sie brauchen Zuwendung und Geborgenheit”, erklärt Tsapos. Das Prüfverfahren für neue Gastfamilien wird innerhalb von wenigen Wochen abgeschlossen. Finanziell sind sie Pflegeeltern gleichgestellt. Hilfreich ist aber neben dem Einsatz als Gasteltern auch ein stundenweises Engagement: gemeinsame Ausflüge, gemeinsames Kochen oder gemeinsame Sportveranstaltungen.

In den ersten Wochen ist die Sprache eine besondere Herausforderung. Da helfen zweisprachige Plakate, aber auch Übersetzungs-Apps von Smartphones, wie Tsapos erläutert. Allerdings seien die Jugendlichen rasch in der Lage, sich auch auf Deutsch zu verständigen. Um ihre Erfahrungen im Krieg und auf der Flucht zu verarbeiten, brauchen sie therapeutische Hilfe. Gasteltern sollten bereit sein, mit Netzwerkpartnern zusammenzuarbeiten. Dazu gehört auch, den Jugendlichen den Kontakt zu Freunden und Familienangehörigen in der Ferne zu ermöglichen. Also wäre WLAN in der Wohnung wünschenswert. An erster Stelle aber steht “ein Dach über dem Kopf und ein Bett.”

Auf einem Informationsabend können sich Interessierte mit der aktuellen Situation und den Anforderungen vertraut machen:

Termin: 10. November, 17:30 Uhr

Ort: Amt für Jugend, Familie und Bildung, Naumburger Str. 26, Haus C, Raum 306

Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

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Es gibt 9 Kommentare

Ich liebe das Forum.
Besonders, wenn die einen die anderen beschimpfen und dabei unsachlich werden.
Eine Artikelreihe über das Abdriften der Kommentare von der eigntlichn Aussage wäre doch echt mal amüsant.

Die Erkenntnis bestünde nämlich darin, dass das der Grund ist, weshalb Politiker und Beamte lieber gar nicht erst mit den normalen Leuten reden: weil die sich nicht beherrschen können.

Ihre wohlverkleidete Hetze als finanzbesorgter Bürger kotzt mich immer mehr an.

So sind sie, unsere “normal” besorgten Bürger.

Wer hier von Hetze spricht, der ist doch zu einer vernünftigen Diskussion über derartige Probleme gar nicht fähig. Die Ursachen dafür werden unterschiedlich sein.

Besonders in Leipzig wundert mich nichts mehr.

Ende

Klaus,
für ein einheimisches Kind in der Obhut einer Einrichtung der Jugendhilfe fallen täglich in etwa die gleichen Kosten an. Nicht umsonst werden ständig Pflegeeltern gesucht, weil die viel billiger sind.
Ihre wohlverkleidete Hetze als finanzbesorgter Bürger kotzt mich immer mehr an.

Ich bedanke mich sehr für Ihren Kommentar, Christian. Er zeigt aus Sicht eines Sozialarbeiters die Komplexität dieser Problematik auf. Ich habe vorwiegend den Teil aufgegriffen, der meine Stärke ist – das Geld, die Finanzierung.

Ich hoffe, dass Sie meine Kritik an den führenden Personen der Stadtverwaltung deutlich erkannt haben. Zwei der dafür verantwortlichen Herren (Haller und Fabian) sind noch heute in der Stadtverwaltung bzw. in einen Eigenbetrieb der Stadt Leipzig beschäftigt. Da ich nicht mehr Angestellter der Stadt Leipzig bin. kann ich hier klar und deutlich zum Ausdruck bringen, dass das für mich nicht nachvollziehbar ist. Das wirft auch ein kein gutes Licht auf den Stadtrat.

“Vor allem sollten sie vielleicht in ihre Rechnung auch langfristige Folgekosten mit einbeziehen, die dann entstehen, wenn Minderjährige, die einen Betreuungsbedarf haben, dieser nicht erfüllt wird. Was wird in Zukunft aus diesen Menschen?”

Selbstverständlich habe ich das gedanklich berücksichtigt. In Zahlen ausdrücken lässt sich das aber nicht. Diesen Hinweise gab es übrigens bereits vor Jahren von verantwortungsvollen Mitarbeiterinnen/ern bezüglich der gefährdeten Kinder/Jugendlichen in Leipzig und Umgebung. Er wurde nicht beachtet, u.a. deshalb nicht, weil das alles zuviel Geld kostet. Eine ganz schlimme Nummer.

Ergebnisse waren bzw. sind u.a. die Kinderbanden in Leipzig. Mir wurde noch vor wenigen Jahren gesagt, dass das alles vorhersehbar war. Besonders wegen des Geldes, was nicht zur Verfügung stand (u.a. für Fachpersonal).

Auch deshalb ist ihre Aussage “Von daher sind die Kosten nebensächlich.” so absolut nicht richtig. Leider.

Bei aller Kompliziertheit dieser Thematik sollte bzw. darf man trotzdem nicht vergessen, diese Summen sind riesig und müssen irgend woher kommen. Auch das dafür erforderliche Personal.

Ich möchte mich hier mal als Sozialarbeiter zu Wort melden.

In einem Punkt stimme ich ihnen, Klaus, zu und zwar in dem, dass es unter den Sozialarbeitern “nicht wenige gibt, welche diese vorgesehene Verfahrensweise bei den minderjährigen Jugendlichen mit großem Bauchdrücken entgegen sehen. Das deshalb, weil es wahrscheinlich überwiegend nicht gut gehen wird und diese Kinder/ Jugendlichen letztlich doch in Einrichtungen der Jugendhilfe landen werden, was dann noch größere Probleme bereiten wird.” Allerdings sehen die meisten meiner KollegInnen sicherlich nicht in den Flüchtlingen selbst oder den Kosten das Problem, sondern darin das die Verwaltung, insbesondere das Jugendamt, gerade nur sehr kurzfristig zu denken scheint und planlos handelt. Was derzeit Ehrenamtlichen zugemutet wird bzw. vom Professionellen ins Private ausgelagert wird, ist aus fachlicher Sicht nicht vertretbar. Hierzu wurde bereits vor kurzem ein offener Brief von SozialarbeiterInnnen an die Verantwortlichen veröffentlicht: http://www.l-iz.de/melder/wortmelder/2015/11/offener-brief-zur-situation-der-kinder-und-jugendhilfe-in-leipzig-vor-dem-hintergrund-der-aufnahme-unbegleiteter-minderjaehriger-gefluechteter-114141

Und das betrifft nicht nur die o.g. Gastfamilien, sondern ebenso ehrenamtliche Vormundschaften, die Einschnitte in die bestehende Kinder- und Jugendarbeit usw. Es kann meiner Meinung nach nicht sein, dass minderjährigen Flüchtlingen, die extreme Erfahrungen (u.a. mit Gewalt) gemacht haben und vermutlich zu einem großen Teil traumatisiert sind, professionelle Hilfe in Form von ausgebildeten SozialarbeiterInnen, PädagogInnen, TherapeutInnen vorenthalten wird. Und das anders herum, solche komplexen Problemlagen Ehrenamtlichen aufgebürdet werden, die dann schnell an ihre Grenzen kommen und frustriert sind. Dieser Punkt wiegt für mich auch viel schwerer als die Kostenfrage.

Noch etwas zu ihrer Kostendiskussion, lieber Klaus. Es besteht für die minderjährigen Flüchtlinge ein Rechtsanspruch darauf, vom Jugendamt unterstützt und ggf. in Obhut genommen zu werden, um eine Gefährdung des Kindeswohls abzuwenden. Es besteht eine Fürsorgepflicht für alle Kinder und Jugendlichen, egal welcher Herkunft. Von daher sind die Kosten nebensächlich. Vor allem sollten sie vielleicht in ihre Rechnung auch langfristige Folgekosten mit einbeziehen, die dann entstehen, wenn Minderjährige, die einen Betreuungsbedarf haben, dieser nicht erfüllt wird. Was wird in Zukunft aus diesen Menschen? Und welche Folgekosten zieht es nach sich, wenn bspw. psychische Beeinträchtigungen nicht rechtzeitig erkannt und behandelt werden? Oder wenn niemand den Menschen Halt und Orientierung bietet und sie dann “auf die schiefe Bahn geraten”? Dann werden diese das Sozialsystem erheblich mehr belasten, als es der Fall wäre, wenn sie eine Zeit lang begleitet und zu selbstständigen und eigenverantwortlichen Menschen erzogen werden.

Da ich selbst Sozialarbeiter bin, weiß ich wie teuer z.B. stationäre Plätze in Wohngruppen oder Heimen sind. Aber wenn man an die Folgekosten denkt und die gute Arbeit berücksichtigt, die Sozialarbeiter und Andere dort leisten, lohnt sich die Investition.

Egal, was es kostet oder nicht: bei unsrer gegenwärtigen Bürokratie ist es gänzlich unmöglich, das Menschen guten Willens mal so hopla ein Pflegekind aufnehmen. Was man da alles nachweisen muss. Und wer kann das schon finanziell schaffen, zugunsten eines Pflegekindes, nicht mehr arbeiten zu gehen, um es zu betreuen? Und wenn man nicht mehr arbeiten geht, kann man nicht mehr den Unterhalt nachweisen und und und …
Jedoch die Ansprache an die Bürger ist doch irgendwie positiv, eben, dass die Beamten uns das zutrauen.
Aber ich finde noch was anderes: vielleicht sollten all die in Sachsen, die die Kinder- und Jugendarbeit seit Jahren verwalten, mal zu ihren Wurzeln zurückkehren und für 2-3 Jahre praktisch arbeiten, Wohngruppen betreuen und so?

Und über Geld zu diskutieren wenn es um Kinder geht ist einfach traurig.

Was sie als traurig bezeichnen, gehört mit zur Realität. Wer solchen Diskussionen ausweicht, weicht der Realität aus. Nur mit humaner Brille kann man solche Probleme nicht lösen. Leider.

Das soll vermieden werden weil Kinder ohne den Schutz der Eltern in so einer Einrichtung einfach nicht gut aufgehoben sind. Ich weiß nicht, ob sie schonmal in so einer Erstaufnahme waren. Das ist schon für Erwachsene und Familien schwer genug. Aber für Kinder, die ganz allein sind, einfach nicht auszuhalten. Davon ab stehen Kinder – zum Glück – in Deutschland immer noch unter besonderem Schutz, das Jugendamt ist gesetzlich verpflichtet, für diese zu sorgen. Das geht in einer Erstaufnahme schlicht nicht. Diese Kinder allein dort zu lassen, ohne Betreuer, ist ganz einfach gegen geltende Gesetze.
Und über Geld zu diskutieren wenn es um Kinder geht ist einfach traurig. Ich weiß, alles muss irgendwie bezahlt werden. Aber dafür, dass wir Menschen helfen, die nicht zuletzt durch unseren Konsum, unser Verhalten in der Welt und unsere Gier aus ihren Ländern fliehen müssen – ob vor Krieg oder Armut – zahl ich meine Steuern gern, sehr viel lieber als für Architekten, die zu dumm sind, einen Flughafen zu bauen. Oder für Gehälter von Politikern, die nichtmal wissen, wie man das Wort ‘Demokratie’ schreibt. Und ich geb gern auch noch privat Geld dazu. Vor allem für diese Kinder, die in dem Alter eigentlich spielen sollten statt über Leichen zu klettern und tausende Kilometer durch fremde Länder zu laufen.
Wenn sie das nicht verstehen können tun sie mir fast mehr leid als diese Kinder. Und das mein ich wirklich nicht böse sondern von Herzen ernst.

“Aufgabe des Jugendamtes ist es, diese unterzubringen, zu versorgen und zu betreuen. Eine Unterbringung in Erstaufnahmeeinrichtungen soll vermieden werden.”

Nach meiner Ansicht soll das vorwiegend deshalb vermeiden werden, weil diese Unterbringung sehr viel Geld kostet. Ich hatte in der vergangenen Woche mehrere Gespräch mit Mitarbeitern von Landesrechnungshöfen zur Klärung von Sachverhalten bezüglich meiner Serie in der L-IZ. In einem Fall kamen wir auf die künftigen Aufwendungen im Rahmen der gegenwärtig verfehlten Asylpolitik zu sprechen. Es war ein sehr faires und realistisches Gespräch. Ich erfuhr dabei, dass dort besonders der Umgang mit diesen minderjährigen jugendlichen großes Kopfzerbrechen bereitet. Das beinhaltet auch die finanziellen Aufwendungen. Ich habe Hinweise gegeben, was diese Asylpolitik künftig kosten wird. Ich war dafür dankbar, dass ich dabei eine Angabe erhalten habe, welcher Betrag pro Tag und jugendlicher zu Buche schlagen wird. Das sind in diesem Bundesland 200,00 €. Also pro Monat rd. 6,0 T € bzw. pro Jahr 72,0 T € je minderjährigen Flüchtling.

Nein, ich bin nicht inhuman. Es ist schlimm, was auf dieser Welt passiert. Aber auch diese finanzielle Seite sollte nicht vergessen werden. Langsam kommen zwar einige aus ihren Schneckenhäusern gekrochen und werfen vorsichtig Zahlen in den Ring. Bisher habe ich noch keine gelesen, die annähernd real waren. Meine Anfragen / Argumente wurden fast alle mit der Begründung abgeblockt, dass man das eben anders sieht. So einfach geht das.

In meiner beruflichen Tätigkeit bei der Stadt Leipzig habe ich oft Bereiche geprüft, die für die Betreuung von Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Jugendhilfe verantwortlich waren. Im Gegensatz zu einigen hohen Herrn, die für diesen Bereich verantwortlich waren bzw. noch sind, habe ich dort nur positive Eindrücke gewonnen. Man leistet dort, was im Rahmen der personellen Situation machbar ist.

Ich bin mir sehr sicher, dass es in den Reihen dieser hervorragenden Betreuer/ Pädagogen/ Leitungskräften nicht wenige gibt, welche diese vorgesehene Verfahrensweise bei den minderjährigen Jugendlichen mit großem Bauchdrücken entgegen sehen. Das deshalb, weil es wahrscheinlich überwiegend nicht gut gehen wird und diese Kinder/ Jugendlichen letztlich doch in Einrichtungen der Jugendhilfe landen werden, was dann noch größere Probleme bereiten wird.

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