Ein möglicher Grund dafür, dass Leipzig bis heute keine Förderrichtlinie für Großveranstaltungen hat, könnte der sein, dass Leipzigs Verwaltung dieses Thema gern auslagern möchte: an einen Verein, der 2015 mal kurz eine Rolle spielte in Leipzig, der nun aber irgendwie eine neue Aufgabe sucht: der „Leipzig – Wir sind die Stadt e. V.“

Der war 2015 Träger der Festivitäten zum 1.000. Jahrestag der Ersterwähnung von Leipzig. Mit großem Sternmarsch im Frühjahr, Geburtstagstorte im Dezember und Plakaten, auf denen eine junge Dame mit dem Finger auf den Betracher zeigte: „Du bist Leipziggg.“ Zumindest Stadt und Verein halten das Jubiläumsfest für geglückt. Und der Verein ist sich sicher, dass er sich 2015 die Kompetenz aufgebaut hat, Großveranstaltungen zu stemmen und solche auch künftig nach Leipzig holen zu können.

Jedenfalls wollte man sich nach dem Festjahr nicht einfach auflösen und traf sich am 13. April im Neuen Rathaus, um die Zukunft des Vereins zu beschließen. Was schon stutzen ließ, denn wesentlicher Berichterstatter in diesem Workshop war Dirk Deumeland, Prokurist der Messe-Tochter Fairnet, deren Hauptaufgabe es ist – oha – Events und Großveranstaltungen zu organisieren. Es gibt also ein professionelles Unternehmen in der Stadt, das schon längst genau das tut, was der Verein jetzt als seine Hauptaufgabe in der Zukunft sieht: Mindestens drei Bewerbungen für Großveranstaltungen zu erarbeiten, die es so in Leipzig bislang noch nicht gab, und mindestens eine jedes Jahr auch nach Leipzig zu holen.

Wobei man nicht auch noch die Organisation übernehmen will, sondern sich nur um die Akquise kümmern möchte. Aber dass da schon Organisationsstrukturen existieren in Leipzig – bis hin zum LTM, der jedes Jahr sechsstellige Summen zur Organisation von Jubiläen und Großveranstaltungen von der Stadt bekommt – war den Teilnehmern des Workshops sehr wohl bewusst. Deswegen formuliert man im Protokoll extra: “Eine Konkurrenz zu anderen Playern und Veranstaltern wird dabei nicht aufgebaut, da die wichtigen Protagonisten in die Prozesse integriert sind.“

Warum es dann noch eine weitere Organisation braucht, wird an anderer Stelle deutlich. Denn im Protokoll heißt es auch: „Gerade die fehlende Zustimmung aus der Bevölkerung hat sich bei verschiedenen Bewerbungen in Deutschland um internationale Großveranstaltungen in den letzten Jahren negativ ausgewirkt. Durch eine aktive Vereinsarbeit zu den angedachten Themen muss hier die Basis für das Vertrauen in der Bürgerschaft hergestellt werden und ein starkes Commitment der Stadtgesellschaft zur Veranstaltung erwachsen“, heißt es im Protokoll.

Commitment soll wahrscheinlich in der Bedeutung von Engagement, Hingabe und Bekenntnis gemeint sein.

Aber stutzig macht eher die Frage: Bei welchen „Bewerbungen in Deutschland um internationale Großveranstaltungen“ sich die fehlende Zustimmung der Leipziger Bevölkerung negativ ausgewirkt haben soll? Haben wir da irgendetwas verpasst, oder haben die Vereinsmitglieder Leipzig mit Hamburg und München verwechselt, wo die Bevölkerung die Austragung der Olympischen Spiele rigoros abgelehnt hat?

Andererseits wurden die Leipziger in den letzten Jahren bei keinem einzigen Großereignis um ihre Zustimmung gebeten. Was für eine Art von Großveranstaltung will dieser Verein da also in die Stadt holen, die es hier noch nicht gibt und bei der man befürchtet, die Leipziger würden sie nicht haben wollen? Die Formel 1?

Das ist jetzt zugespitzt formuliert, denn die zur Ratsvorlage beigegebenen Dokumente lassen nicht ansatzweise erahnen, warum die Vereinsmitglieder glauben, dass sie diesen Job bekommen sollen – und vor allem auch nicht, warum sie dafür auch noch Geld von der Stadt haben wollen. Schon 2016 möchten sie gern weitere 72.000 Euro aus dem Stadtsäckel (die 72.000, die 2015 übriggeblieben sind, will man gern behalten), 2017 sollen es dann 144.000 Euro sein – wobei man noch optimistisch davon ausgeht, dass auch die Vereinsmitglieder noch 40.000 Euro an Mitgliedsbeiträgen aufbringen.

Damit hätte man eine Vereinsfinanzierung, über die sich andere Vereine richtig freuen würden.

Dabei läuft die ganze Arbeit tatsächlich nur darauf hinaus, eine zusätzliche Struktur parallel zur Stadtverwaltung zu schaffen, denn egal ob Recherche, Bewerbung oder Umsetzung – jedes Mal muss der Verein zwangsläufig auf die Arbeitsstrukturen der Stadt oder der Messe zurückgreifen. Wäre es da nicht sinnvoller, eine entsprechende Stelle im Amt für Wirtschaftsförderung einzurichten, die dann auch ganz offiziell für Leipzig agieren kann?

Denn eigentlich will hier Leipzigs Verwaltungsspitze ja doch nur eine eigene Arbeitsaufgabe an einen außenstehenden Verein auslagern. Damit das überhaupt funktioniert, soll eine Förder- und Kooperationsvereinbarung mit dem Verein geschlossen werden. Mit dem Versprechen: „Eine Evaluation bezüglich Nutzen und Wirtschaftlichkeit erfolgt aller 3 Jahre.“

Vorgelegt haben den Beschlussvorschlag „Konzept zur künftigen Ausrichtung des Vereins ‚Leipzig – Wir sind die Stadt e.V.‘“ übrigens Kultur- und Finanzdezernat gemeinsam.

Die Vorlage zur Zukunft von „Leipzig – Wir sind die Stadt e. V.“

Das Protokoll zum Workshop des Vereins.

Die finanziellen Wünsche des Vereins.

Die Skizze, wie sich der Verein an Stadt und Messe andocken soll.

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