Hat Leipzigs Verwaltung überhaupt eine Übersicht zum vielfältigen Widerstand in der DDR-Zeit?

Sind in Leipzig eigentlich zu wenige Straßen und Plätze nach Personen benannt, die in der DDR-Zeit Widerstand leisteten oder gar Opfer des Regimes wurden? Die Frage beschäftigte die CDU-Fraktion im Stadtrat, die mit einem Antrag jetzt genauer wissen wollte, wie die Verwaltung mit Straßenbenennungen für diese Menschen umgeht. Jetzt hat sie Antwort bekommen. Prinzipiell trifft sie ja da auf offene Ohren.
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Anlass für die Anfrage der Fraktion war ein Verwaltungsbescheid aus dem Juni. Der war Antwort auf eine Stadtratsanfrage, diesmal vom Ortschaftsrat Holzhausen. Der hatte sich Gedanken gemacht, wie man die Straßen im Gewerbegebiet „Sprio“ in Holzhausen benennen könnte, nachdem eher lauter langweilige Vorschläge wie Zur Alten Ziegelei, Sprio-Ring, Industrieweg und Gewerbeweg vorgelegen hatten. Wer sich in Leipzigs eingemeindeten Ortsteilen und Gewerbegebieten umschaut, wird lauter solche einfallslosen Benennungen finden. Was schon allein deshalb ein Thema ist, weil andererseits viele Wünsche nach Straßenbenennungen in Leipzig unerfüllt bleiben und die Verwaltung immer wieder auf fehlende verfügbare Straßen verweist.

Darum ging es in Holzhausen freilich nicht. Der Ortschaftsrat hatte 2015 vorgeschlagen, eine Straße nach dem prominentesten Opfer des 17. Juni 1953 in Leipzig zu benennen, nach Dieter Teich. Was die Verwaltung dann gleich doppelt ablehnte. Einerseits sei „Dieter Teich im VEB Mitteldeutscher Feuerungsbau (Mifeu) tätig gewesen. Der Betrieb hatte zwar seinen Sitz in Holzhausen, Dieter Teich war jedoch im Mifeu-Werk 3 in Eutritzsch beschäftigt. Insoweit ist ein persönlicher Bezug zu Holzhausen nicht gegeben.“

Was natürlich völlig egal gewesen wäre, denn Eutritzsch und Holzhausen gehören beide zu Leipzig. Irgendwie scheint man die eingemeindeten Ortsteile noch immer wie abgelegene Ratsdörfer zu behandeln, wo Straßen am besten nach Hirten, Pfarrern und Dorforiginalen benannt werden.

Den anderen Grund fand die CDU nicht wirklich nachvollziehbar. Der klang so: „Im Zusammenhang mit der Umbenennung des Teilstücks der Beethovenstraße zwischen Harkortstraße und Peterssteinweg in Straße des 17. Juni (Ratsbeschluss Nr. III -1237/03 vom 22.01.2003) war außerdem festgelegt worden, dass keine Straßenbenennungen nach einzelnen Opfern des Volksaufstandes vorgenommen werden, da es auf der Grundlage der vorliegenden wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zu den Ereignissen am 17. Juni 1953 und mangels ausreichender biografischer Angaben nicht gerechtfertigt ist, einzelne Personen herauszuheben.“

Ein seltsames Argument, fand die CDU-Fraktion, wenn es 13 Jahre später wieder bemüht wird.

„Dies war im Jahr 2003, als die besagte Benennung stattfand, sicher richtig. Inzwischen sind aber 13 Jahre vergangen, und wir gehen von einem deutlich vorangeschrittenen Forschungs- und Recherchestand aus“, so die Fraktion in ihrem Antrag, mit dem sie eine Prüfung des ereichten Standes vorschlug. „Deshalb sollte dieses Thema noch mal vertieft diskutiert werden, und zwar nicht anhand von Straßenbenennungen in einem einzelnen Gewerbegebiet, sondern in grundsätzlicherer Form.“

Die Prüfung wird jetzt vom Verwaltungsdezernat zumindest wohlwollend für machbar gehalten.

„Grundlage für das gemäß Antrag zu erstellende Konzept zu Straßenbenennungen nach Personen aus dem Themenkreis ‚Opposition, Widerstand und Zivilcourage in der DDR/Opfer des SED-Regimes‘ ist der derzeitig erreichte Forschungsstand“, gesteht es jetzt in seiner Antwort zu. „Zu bedenken ist dabei, dass es zu den Ereignissen aus der jüngeren deutschen Vergangenheit in der Forschung noch immer Diskussionen zum Gegenstand, beispielsweise zur Definition von Opposition, Widerstand und Zivilcourage, gibt. Als umfassend oder gar abschließend anzusehende Arbeiten liegen nicht vor.“

Was schon erstaunlich ist. Aber augenscheinlich fand noch niemand das Kapitel so wichtig, dass er dazu ein umfassendes Forschungsprojekt initiiert hätte. Es gibt viele ambitionierte Einzelforschungen – zum Beispiel zum studentischen Widerstand an der Universität, zu den Ereignissen von 1953 und 1968. Aber eine Gesamtübersicht über Opposition und Widerstand in der DDR-Zeit fehlt.

Die müsse noch irgendwie gemacht werden, findet das Verwaltungsdezernat: „Forschungen zu dem Thema erfordern die systematische Sichtung der Quellen im Stadtarchiv, im Stadtgeschichtlichen Museum, im Sächsischen Staatsarchiv/Staatsarchiv Leipzig, in der BStU und einigen weiteren Einrichtungen mit möglicher Einbeziehung der Universität Leipzig und der HTWK. Diese Arbeiten benötigen ausreichend personelle und finanzielle Ressourcen und können von der Stadtverwaltung weder initiiert noch durchgeführt werden. Bereits laufende Recherchen zum Antragsthema durch die genannten ‚sachkundigen Akteure‘ werden in das Konzept einfließen, sind aber aufgrund der verfügbaren begrenzten Kapazitäten nicht mit systematischen Forschungen gleichzusetzen.“

Da klafft also ein Loch.

Was auch schon bei der Auswahl sichtbar wird von schon benannten Plätzen und Straßen – angefangen mit dem 1951 in Moskau ermordeten Studenten Herbert Belter, nach dem seit 2000 eine Straße in Schönefeld-Ost benannt ist, oder dem Studenten Werner Ihmels, der 1949 in Bautzen starb (und nach dem seit 2001 die Ihmelsstraße in Anger-Crottendorf benannt ist), bis zum einstigen Leipziger Polizeipräsidenten und SPD-Funktionär Heinrich Fleißner, der nach 1945 Opfer der Stalinisierung wurde und nach dem seit 2010 die Fleißnerstraße in Gohlis benannt ist.

„Weiterhin wurde am 24.02.2016 im Rahmen eines Festaktes der Beschluss der Ratsversammlung DS-00451/14 vom 25.03.2015 ‚Benennung der Stadtteilbibliothek Gohlis nach Erich Loest‘ umgesetzt“, teilt das Verwaltungsdezernat noch mit. Und: „Im Straßennamensvorrat steht Rudolf Paul Rothe.“

Rothe war – nach seiner Entlassung aus dem KZ Buchenwald – beim Wiederaufbau der Leipziger SPD beteiligt, wurde aber nach der Zwangsvereinigung ebenso kaltgestellt wie Fleißner, blieb aber nicht in Leipzig sondern wechselte 1947 in den Westen.

Das Problem bei Leipziger Straßenbenennungen ist: Die Stadt hat zwar jeden Umbenennungsbeschluss auf ihrer Homepage, aber nirgendwo findet man ein Übersicht aller Neubenennungen mit entsprechenden Erklärungen. Womit natürlich auch die Stadträte im Dunkel tappen, wenn sie zum Beispiel wissen wollen, wie präsent der Widerstand in DDR-Zeiten heute im Leipziger Straßenbild ist.

Der Antrag der CDU-Fraktion.

Die Stellungnahme des Verwaltungsdezernats.

Der Standpunkt zum Gewerbegebiet „Sprio“.

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