Der Stadtrat tagt: Alt, krank, fehlt? Wie geht’s den 10.000 kommunal Beschäftigten gesundheitlich?

Für alle LeserDas Jahr 2017 ist längst eingebimmelt und den Grünen fehlte etwas. Der Krankenstandsbericht der Stadtverwaltung aus dem Jahr 2015. Der von 2013/14 hatte nichts Gutes ahnen lassen, von erhöhten Krankenständen und Bewegungsarmut war die Rede. Und die Verwaltung hatte laut der Fraktion eine „ansteigende Anzahl der Arbeitsunfähigkeit von 5 % im Jahr 2007 auf 6,8 % in 2013/2014 und einen deutlichen Anstieg bei den Langzeiterkrankungen bei den Mitarbeiterinnen der Stadtverwaltung“ eingeräumt. Nun vermisste man den Bericht von 2015, so die Anfrage der Grünen. Gewürzt mit ein paar Vorahnungen und Ideen zur Mitarbeiterfitness in der Leipziger Verwaltung.
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Die Ahnung, dass es nicht schnell gesünder wird am Verwaltungs-PC, der Stadtwerkeregistrierkasse oder dem LVB-Terminal war im Bericht aus den beiden Vorjahren bereits angelegt. In der Auswertung kam man auf „Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems – vermutlich Beschwerden aufgrund mangelnder Bewegung und Übergewicht – und psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen – vermutlich im wesentlich Burn-out aufgrund von dauerhafter Arbeitsüberlastung und schlechtem Betriebsklima -“ zu sprechen.

Zyniker würden da schon fragen, ob das dressierte Hündchen im Käfig nach all den Jahren nicht mehr bellen kann, wenn der Gauner über den Zaun hüpft – denn das Wort „Verhaltensstörung“ ist ja kein leichter Terminus. Von ungesunder Ernährung und fehlender Bewegung sprach das Attest vor rund 3 Jahren noch dazu. Das Hündchen kann also auch nicht mehr rennen, wenn der Gauner vorüberzischt oder sich der Bürger mit einem eiligen Anliegen meldet. Oder auch nur eine Frage hat?

Nun darf sich ja für gewöhnlich jeder selbst so gut ruinieren, wie er eben kann (und es auch viele aktiv tun), aber im Falle der kommunalen Eigenbetriebe sah man im Jahr 2015 auch seitens der Verwaltung selbst Gründe zum Alarm gegeben. Hier nun gehe es um Steuergeld.

Die Fitness des Verwalters desselben ist demnach eine Königsdisziplin!

Man führte einen „Gesundheitstag“ und Beratungsangebote ein, Vorträge wurden gehalten. Angesichts des „wirtschaftlichen Schadens aufgrund der vielen Fehlzeiten“ für die Stadt Leipzig, wie die Grünen nochmals anführten, auch eine Frage, was denn nun wirklich beim gesunden Arbeiten hilft. Und wo der Bericht bleibt?

„Für 2015 wurde bisher kein Bericht vorgelegt. Ein Verweis darauf, dass Sportstudios und Krankenkassen entsprechende Angebote vorhalten, ist innerhalb der Gesundheitsfürsorgepflicht der Stadtverwaltung und Eigenbetriebe für ihre derzeit ca. 10.000 Mitarbeiterinnen zu wenig.“

Welche Konzepte, Maßnahmen (hier auch zur Raucherentwöhnung, hust) zur Gesundheitsförderung der 10.000 nicht ganz unwichtigen Mitarbeiter der Stadt die Verwaltung so in petto hat, wollte man auch noch wissen. Und dies zu Recht.

Erwartungsgemäß hatten die Grünen auch noch ein paar eigene Ideen in ihre Anfrage vom 8. März eingestreut. „Es ließen sich Maßnahmen, wie kontinuierliche Ernährungsberatung und konkrete Angebote zur gesunden Ernährung, sportliche oder Bewegungsangebote – ggf. auch regelmäßig angeboten über das Intranet der Stadt („Gymnastikpause am PC“) – problemlos und kostengünstig etablieren. Andere Unternehmen nehmen diese Verantwortung längst viel stärker wahr und bieten erfolgreich für eine verbesserte, gesündere Arbeitsumgebung und Anreize zur selbstständigen Verhaltensänderung an.“

Break

Leipzigs Stadtverwaltung wird zur neuen Google-Zentrale mit Spielzimmer, Hüpfburg und kongenialer Entwicklungsumgebung für intellektuelle Überflieger, denen Fingerfood auf Leichtobstbasis gereicht wird? Nicht in Deutschland, Leipzig, Rathaus – nicht heute. Nicht in einer Verwaltung, obwohl das Bemühen um die nicht ganz preiswerten Mitarbeiter in der Ratsversammlung am 8. März sichtbar wurde.

Video – Quelle: Livestream der Ratsversammlung.

Break 2

Das Kantinenangebot im Rathaus haben die grünen Frager offenbar lieber umschifft – mit Debatten rings um den „Veggie-Day“ hat die Partei die leidvolle Erfahrung, dass da der Spaß bei den schweinefleischfreudigen Deutschen für gewöhnlich aufhört, ja bereits gesammelt. Weshalb man auch am 8. März im Neuen Rathaus zwischen Jäger- und Putenschnitzel wählen konnte und für den Vegetarier der kalte Salat bereitstand. Die gereichte Pilzsuppe hatte zumindest Potential – allerdings nicht für einen Vegetarier, geschweige Veganer angesichts des schmeckbaren Speckwürfels und der Butterbeigabe.

Veganer haben demnach nach wie vor im Neuen Rathaus keine Chance auf den Skat, alles, was neben dem Schwein lieber herläuft, als es zu fressen, bekommt Salat an Salat auf Salat. Mit Salat – wenn man die durchaus freundlichen Menschen in der Kantine lieb fragt, wird flott aber kalt serviert. Und wer so manchen Verwaltungs-PC gesehen hat, weiß, dass der, die Stadt Leipzig sehr beschäftigende Feinstaub, auch aus der Verwaltung herausrieselt. Die funktionierenden Geräte hat hier so mancher längst privat eingebracht.

Zurück in der Ratsversammlung

Die Beantwortung übernahm der noch frische, weil neue Verwaltungsbürgermeister Ulrich Hörning. Eine Zusammenfassung zum Gesundheitsstand der 10.000 Angestellten befinde sich im „Personalbestandsbericht“ von 2015 wieder, so Hörning, die Jahre 2015 und 2016 sollen in einem gemeinsamen Bericht noch in diesem Jahr (2017) veröffentlicht werden. Doch die Entwicklung hat sich weiter fortgesetzt, so viel war schon zu erfahren. 2015 ging es beim Krankenstand von 6,7 Prozent der Mitarbeiter rauf zu 6,9 Prozent. Es ist ähnlich wie in anderen Großstädten laut Städtetag, so Hörning – alles ganz normal.

Wofür er dann eine zweite Stelle hinter dem Komma brauchte – man läge leicht unter den 6,96 Prozent des Durchschnitts. Uff, nur 5 Prozent „Verhaltensgestörte“ – aber vielleicht auch das eben nur ein Spiegel der Gesellschaft. Und der wird ja bekanntermaßen immer älter, sagen die Rentenberechner.

Mag sogar stimmen – aber jünger wird eine Verwaltung, die angesichts Leipziger Arbeitsverhältnisse hie und da kaum in eine private Wirtschaft wechselt, nachher auch nicht mehr. Also Gesundheitsball am Arbeitsplatz? Maßnahmen seitens der Stadt – so außerhalb der strategischen Konzepte, die es laut Hörning immer gibt?

Der „Anschubs“

2017 und 2018 soll es eine jährlich „Anschubs-Finanzierung von je 50.000 Euro“ pro Jahr geben (mancher Bindestrich macht eben den Gesundheitsball oder einen Tritt), für 20.000 Euro will man die Mitarbeiter befragen, was sie selber wollen und irgendwie vernuschelte Hörning noch 80.000 Euro für weitere ungenannte Maßnahmen (für die Aussagekraft des Redners kann der Rezipient nichts – siehe Video).

Mit dem Gesamtbetriebsrat befinde man sich bei einer neuen Betriebsvereinbarung auf der „Mitzeichnungsgeraden“ und dann hätte man eine „Rahmendienstvereinbarung“, in der aufgeschrieben sein soll, wie die Stadtmitarbeiter und die in den Eigenbetrieben u. a. Stadtwerke, LVB, KWL und LWB fit gehalten werden, werden (über das Komma denkt der Autor weiter nach).

„Auf gute Führung, gute Zusammenarbeit und gute Kommunikation kommt es an“, auch eine Kultur des Respektes hält eher jung und frisch, so sinngemäß Hörning. Ob es „Rückenschule und Raucherentwöhnung?“ gibt, wollten die Grünen noch wissen.

Man wird als Verwaltung erneut am „Firmenlauf“ im Juni 2017 teilnehmen und ein Angebot zu einem Lauftreff immer am Mittwochabend (ab 5. April, um rechtzeitig fit zu werden) gelte auch für Stadräte als Einladung. Was ein wenig klang, als ob die Laufgruppe sonst nicht voll würde? Oder in der Verwaltung keiner mehr laufen kann? Man weiß es nicht.

Das schönste Zitat in Sachen „wie hält mich meine Verwaltung fit“ naturgemäß am Schluss

„Des Weiteren übernehmen wir auch die Kosten, also hälftig, also bis zu 100 Euro im Jahr pro Bediensteten von zertifizierten und durchgeführten Präventionsmaßnahmen ….“

Hinten im Saal murmelte es von arbeitender, verwaltungsseitig wissender Seite angesichts der ausgelobten Bewegungsprämie von 100 Euro pro Jahr: „Das wusste ich ja noch gar nicht.“ Und Kopfschütteln. Im Vorderhirn entstand das Bild von einer eingereichten, dreifach belegten, einhundert Euro schweren Quittung über ein Seminar bei einer sehr zertifizierten Yogamutter, die leise murmelt: „Leg Dich hin, bleib einfach ruhig. Sei der Fels in der Brandung. Und vor allem: Lass sie reden. Denn das können sie am Besten. Und wer wärst Du, ihnen ihr Bestes zu nehmen?“

Und morgen fahren die meisten (natürlich auch Verwaltungsmitarbeiter) wieder mit dem Rad zur Arbeit. Auch, weil es keine ÖPNV-Richtungsentscheidung gab. Aber – selbst von Zipfel zu Zipfel: von Gohlis Nord bis nach Dölitz sind es eben nur 13,5 Kilometer. Mit angezogener Handbremse ne halbe Stunde, bergab und ohne Autos im Weg. Der Rest übt mal, wie schnell man zu Fuß aus dem Süden im Zentrum ist (25 Minuten). Und erkläre das einem Berliner.

Nur das mit der Kantine, dem Alter und der Motivation … Und dem armen Herrn Hörning, der das dann 2018 wieder erklären muss.

* Video *Stadtrat
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