OBM-Wahl 2020: Die gespaltene Stadt Leipzig

Für alle LeserEtwas war vor diesem denkbar knappen OBM-Wahlabend klar. Egal, wer gewinnen würde, sähe sich angesichts der erwartbaren Enge im Ergebnis einer wirklich großen Aufgabe gegenüber. Nun liegt sie im Feld von Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), der knapp über Sebastian Gemkow vor allem Dank hoch mobilisierter linker und grüner Stimmen im Leipziger Zentrum siegen konnte. Rund 3.500 Leipziger/-innen machten den Unterschied in einem Wahlkampf Alt gegen Jung, Außenbezirk gegen Innenstadt, Polemik gegen Sachargumente, Wechselstimmung gegen Beständigkeit im Chaos. Und Medien gegen Medien.

Kurz nach 18 Uhr wurde es im Leipziger Rathaus immer lauter. Auf der großen Leinwand in der Wandelhalle war die Information aufgetaucht, dass die ersten der insgesamt 477 Wahlbezirke ausgezählt sind. Doch ein Ergebnis war noch nicht zu sehen. Das änderte sich nach wenigen Minuten, als vor allem bei den anwesenden CDU-Mitgliedern lauter Jubel ausbrach. Sebastian Gemkow lag sieben Prozentpunkte vor Amtsinhaber Burkhard Jung. Mancher sah wohl schon den Sieg vor Augen und träumte von einem konservativen Wandel im Rathaus.

Doch die Stimmung kippte bald. Als immer mehr Ergebnisse aus den eher zentral gelegenen Wahlbezirken eintrudelten, holte Jung auf und überholte Gemkow bald. Nach etwa der Hälfte der Auszählung lag der Amtsinhaber etwa ein bis zwei Prozentpunkte vor dem wichtigsten Herausforderer. Diesen Vorsprung konnte Jung bis zum Ende halten.

Nie dagewesene Zahlen

Knapp 111.000 Leipziger/-innen stimmten für den alten und neuen OBM Burkhard Jung, aber eben auch 107.604 Menschen für Sebastian Gemkow. Zum Verhältnis: 2013 genügten noch 66.582 Wähler, um Jung mit 45 Prozent zu einem anschließend international anerkannten OBM in Leipzig zu machen. Horst Wawrzynski landete für die CDU mit 28 Prozent weit hinter ihm.

2013 lautete die Wählerbasis 435.599 und nun, 2020, mit 469.269 Wahlberechtigten gerade einmal 33.670 Wahlberechtigte bei einem Aufwuchs um über 100.000 Einwohner mehr. Was einerseits klarmacht, dass noch immer in Leipzig viele Menschen, die hier wohnen, nicht einmal wählen dürfen. Und andere bei dennoch nie über 50 Prozent Wahlbeteilgung beständig glauben: egal, wer da sitzt – ich behalte meine Stimme zum Herumschreien, Nörgeln und Selbstgewissbleiben.

Und andererseits beschreiben diese absoluten Zahlen ein Kopf-an-Kopf-Rennen im Jahr 2020 und ein nie dagewesenes Wählerpotential in der Gesamtmenge.

Bei einer Wahlbeteiligung von 48,4 Prozent entspricht das Wahlergebnis von Burkhard Jung einem Stimmenanteil von 49,1 Prozent. Gemkow erhielt etwa 3.000 Stimmen weniger und landete bei 47,6 Prozent. Zudem stimmten rund 7.500 Personen für Ute Elisabeth Gabelmann (Piraten), die auf 3,3 Prozent kommt. Beeindruckend an auch diesen Zahlen ist, dass die Wahlbeteiligung erstmals überhaupt quasi der der ersten Runde entsprach.

Und dass es bei einer Gesamtwählermenge von 227.353 Menschen eigentlich so etwas wie zwei Oberbürgermeister gibt. Oder eben eine gespaltene Stadt.

Außen gegen Zentrum

Erneut konnte Jung vor allem im Zentrum sowie dem aus Ortsteilen wie Volkmarksdorf, Stötteritz, Connewitz, Kleinzschocher, Altlindenau und Gohlis-Süd bestehenden Gürtel um dieses Zentrum herum punkten. Gemkow hatte wieder am Stadtrand und in Ortsteilen wie Eutritzsch, Mölkau, Probstheida, Leutzsch und Möckern die Nase vorn.

Dass ein amtierender SPD-Oberbürgermeister in einer Großstadt nur knapp gegen einen CDU-Herausforderer gewinnen kann, dürfte viele überrascht haben, die Leipzig in seiner Struktur nicht kennen. Es ist ein rotes Herz mit hohen Geburtenraten und viele eingemeindete Dörfer ringsum, deren Bedürfnisse bei ÖPNV-Anbindung, aber auch ihren ganz eigenen Fragestellungen aus Eigenheimansiedlungen und Autofreuden zu wenig gesehen werden.

Über weitere Gründe für diese knappe Entscheidung, die Einflußsphäre der AfD-Wähler auf das CDU-Ergebnis eines fast schon klandestin handelnden (unsichtbaren) Kandidaten statt eines transparenten Wahlkampfes wird in den kommenden Tagen wohl viel spekuliert werden. Lag es am Wahlkampfthema Sicherheit? Oder daran, dass Gemkow das direkte Duell scheute? Oder waren 14 Jahre mit Jung für viele einfach genug und der Herausforderer dennoch nicht in der Lage, einen Sieg aus der Gewohnheit an Burkhard Jung zu machen?

Oder ist irgendwann schlicht auch zu vielen aufgefallen, dass hier eine Partei mit noch immer ungenanntem, hohem Geldeinsatz versuchte, eine Oberbürgermeisterwahl durch große Werbebudgets in LVZ und BILD in den Stadtteilen regelrecht zu kaufen, die noch immer kein gefühlter Teil der Großstadt Leipzig sind? Und diese Zeitungen tatsächlich noch lesen.

Die Frage lautet wohl ab jetzt, welche namhaften Investitionen die Bürger außerhalb der innenstädtischen Quartiere wirklich selbst wollen? Oder ob sie tatsächlich glauben, dass man eigene Themen an einen Oberbürgermeister abordnet.

Und wie gespalten diese Stadt eigentlich ist?

Kann man von einem progressiven Mitte-Links-Lager sprechen, das in den vergangenen Wochen trotz diverser Differenzen geschlossen hinter Jung stand? Und dazu im Gegensatz ein (rechts-)konservatives Lager, dem Leipzig in den vergangenen Jahren etwas zu hipp geworden ist?

In der Wandelhalle im Neuen Rathaus jedenfalls war die Stimmung sehr aufgeladen. Als der Sieg für Jung sicher war und viele den ankommenden „Titelverteidiger“ feierten, reagierten andere mit lauten, wütenden Buhrufen. Kurz nach den ersten Händeschüttelungen in der eigenen Siegesfeier, steckten Sebastian Gemkow und Burkhard Jung sicher noch nicht so freundlich, aber doch bestimmt, die Köpfe zusammen.

Und Torsten Bonew, immerhin der CDU-Finanzbürgermeister Leipzigs, diskutierte kurz aber heftig mit seinem alten und neuen Oberbürgermeister Burkhard Jung. Angesichts der gestiegenen finanziellen Möglichkeiten des Leipziger Stadthaushaltes vielleicht die eigentliche Paarung des Wahlabends. Bei aller Polarisierung im Wahlkampf müssen genau diese beiden Männer auch weiterhin für Leipzig weiterarbeiten.

Sebastian Gemkow wiederum hat die Chance, als weiterhin amtierender Wissenschaftsminister Sachsens seine Verbundenheit mit seiner Heimatstadt Leipzig zu beweisen. Für den OBM-Posten war er angesichts seiner Podiumsdebattenflucht zu inkompetent.

Vorausgesetzt natürlich, dass dieser Wahlkampf nicht einfach nur eine teure Machtdemonstration der CDU Sachsen (siehe Impressum) gewesen sein soll. Bei der sie gleich zwei Leipziger Zeitungen korrumpiert hat. Doch dazu später. Denn auch da verlaufen längst Spalten innerhalb der Leipziger Stadtgesellschaft.

Während Burkhard Jung noch feiert, ist er angesichts der durch das Wahlergebnis entstandenen Situation nicht wirklich zu beneiden für seinen knappen Sieg. Für vier Jahre hat er noch eine rot-rot-grüne Mehrheit im Stadtrat, um seine Ziele umzusetzen. Dann kommt die nächste Kommunalwahl.

Liveticker OBM-Wahl in Leipzig: Tag der Entscheidung

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