Es gibt Themen, bei denen kann man zuschauen, wie sich alte, als selbstverständlich betrachtete Sichtweisen nach und nach auflösen und Stadtratsanträge, die noch vor wenigen Jahren nicht mal ein Schulterzucken in der Ratsversammlung ausgelöst hatten, auf einmal selbst die Verwaltung in Bewegung bringen. So wie bei den Blühwiesen in Leipzigs Grünanlagen, die es vor vier Jahren überhaupt noch nicht gab. Aber dann kamen ja bekanntlich drei knackeheiße Jahre hintereinander.

Manchmal müssen Verantwortliche wohl tatsächlich erst verbrannte Steppenlandschaften vor Augen haben, um zu sehen, dass ein gedankenloses Mahdregime in Leipziger Parks nicht nur keinen Sinn ergibt, sondern auch zum Artensterben beiträgt.Entsprechend deutlich war dann auch der Antrag der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen formuliert, in dem man auch den energischen Tonfall von Grünen-Stadtrat Jürgen Kasek findet, der den Antrag am 19. Januar in die Ratsversammlung einbrachte: „In der Antwort auf eine Anfrage an die Stadtverwaltung (VII-EF-01893-AW-01) schreibt die Stadtverwaltung:  Rasen und Wiesen sind wichtige ökologische, soziale und gestalterische Elemente des Stadtgrüns und werden in der Stadt Leipzig vorwiegend als Kurzgrasflächen und als Langgraswiesen bewirtschaftet. Die Häufigkeit und der Zeitpunkt der Mahd ist u. a. abhängig vom Standort und von der Witterung.“

Aber diese Witterungsabhängigkeit war dann auch im Jahr 2021 nicht zu beobachten. Im Gegenteil, betonte Kasek in seiner Stadtratsrede: Aus verschiedenen Teilen Leipzigs wurde weiterhin berichtet, dass die Wiesen stur nach Plan gemäht wurden, egal, wie das Wetter war.

Die Zeit der Steppenwiesenmahd geht zu Ende

Die Grünen: „Tatsächlich war zu beobachten, dass in der 24. Kalenderwoche 2021, während der ersten Hitzewelle, einige kommunale Grünflächen gemäht wurden. Schneidet man die Gräser trotz Hitzeperiode radikal auf vier Zentimeter herunter, sind die Gräser schlimmstenfalls irreparabel verbrannt. Selbst intensive Bewässerung kann den Schaden dann nicht wieder gut machen, maximal noch etwas abmildern. Empfehlenswert ist ein Schonschnitt mit einer Schnitthöhe von fünf Zentimetern in Verbindung mit einer ausreichenden Bewässerung. Bei Schattenrasen ist es ratsam, ihn generell, also auch im Sommer, nicht kürzer als sechs bis acht Zentimeter zu schneiden.

Absehbar wurden die mitten in der Hitzewelle frisch gemähten Bereiche durch die starke Sonneneinstrahlung geschädigt und zum Teil komplett zerstört. Dass es dazu kommen würde, war absehbar und steht diametral zu den Aussagen der Stadtverwaltung, dass die Mahd in Abhängigkeit der Witterungsverhältnisse stattfindet.

Dieser Umgang ist für viele Bürger/-innen nicht nur ärgerlich, sondern stellt auch einen ökologischen Verlust dar. Gerade vor dem Hintergrund des Insektensterbens müssen Lebensräume stärker geschützt werden. Weiterhin war festzustellen, dass die Schnitthöhe zu niedrig bemessen war, sodass die Gräser weiteren Schaden nahmen.

In der Betrachtung der unterschiedlichen Bedeutung der Grünflächen für die Stadt soll die ökologische Bedeutung zukünftig in der Betrachtung der Vorrang eingeräumt werden. Gestalterische Aspekte sind demgegenüber nachrangig zu bewerten.“

Schonung für die Wiesen

Freilich ging es im Grünen-Antrag nicht nur um Aspekte. Es ging tatsächlich um eine Reduzierung der Mahd-Zeiten und eine Schonung der Wiesen bei hohen Temperaturen. Vor allem ging es um die Erhöhung der „Anzahl an Blühwiesen und Langgraswiesen im Stadtgebiet“.

Ein Ansatz, bei dem es noch vor drei Jahren zu heftiger Ablehnung aus der Verwaltung kam. Ein paar Blühstreifen wollte man zugestehen. Wegen der Bienen natürlich. Aber ganze Parkflächen zu Blüh- und Langgraswiesen zu machen, dazu war man im Grünflächenamt noch nicht bereit.

Aber das hat sich geändert.

So sehr, dass Jürgen Kasek am Mittwoch sogar den Verwaltungsstandpunkt zur Abstimmung stellen konnte, weil fast alles drin enthalten war, was die Grünen gefordert hatten.

Zum zentralen Punkt gab es sogar bedingungslose Zustimmung aus dem Amt für Stadtgrün und Gewässer: „Die Anzahl an Blühwiesen und Langgraswiesen im Stadtgebiet soll gemäß eines zu erarbeitenden Stufenplans schrittweise erhöht werden. Die Anzahl an Kurzgraswiesen ist zu reduzieren.“

Und dass man aus den ersten kleinen Experimenten im Clara-Zetkin- und im Johannapark gelernt hat, führt nun auch dazu, dass das Amt für Stadtgrün und Gewässer auch Sinn darin sieht, das Mahdregime zu verändern, das irgendwie noch aus Zeiten zu stammen scheint, in denen englischer Golfrasen die Norm war und von Insektensterben nicht geredet wurde.

Was dann zum Alternativvorschlag führte: „Auf der Grundlage der bei der Erstellung des Pflegekonzeptes Clara-Zetkin- und Johannapark gesammelten Erfahrungen wird der Anteil der Wiesenflächen in den Leipziger Grün- und Parkanlagen erhöht und damit die Mahdhäufigkeit insgesamt deutlich reduziert. Die Mahd von Rasenflächen wird an die Witterungsverhältnisse ausgerichtet und berücksichtigt künftig die Wuchshöhe als wesentliches Kriterium zur Steuerung und Reduzierung der Mahdhäufigkeit.“

Da staunte nicht nur Jürgen Kasek. Auch SPD-Stadtrat Andreas Geisler war verblüfft, der in Lindenthal bislang auch ein nicht abgestimmtes Mahdregime erlebte.

Nun aber scheint der Lernprozess tatsächlich im Gang zu sein, auch vor dem Hintergrund, dass eine Großstadt wie Leipzig auch eine ökologische Insel ist, in der viele Insekten noch Nischen zum Überleben finden. Wenn Leipzig sie schützen will, muss sich der Umgang mit Wiesenflächen im Stadtgebiet tatsächlich deutlich ändern. Und den Leipziger/-innen selbst kommt es auch zugute, wenn es wieder blüht und summt in der Stadt.

Ergebnis: eine breite Zustimmung in der Ratsversammlung. Mal abgesehen von den elf Stadträt/-innen, die mit Naturschutz so gar nichts anfangen können.

Die Debatte vom 19.01.2022

Video: Livestream der Stadt Leipzig

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