HHL-Professorin erntet harsche Kritik für ihre Aussagen zum Flughafen Leipzig/Halle

IT-gestützte Logistik ist das Steckenpferd von Professorin Iris Hausladen, Inhaberin des Heinz-Nixdorf-Lehrstuhls für IT-gestützte Logistik an der Handelshochschule Leipzig (HHL). Am 19. Dezember erschien in der LVZ ein Artikel, der die Professorin zitierte. Der Flughafen kam auch drin vor. Und die Befragte ließ durchblicken, wie in sich verschachtelt das Weltbild der Leipziger Logistiker mittlerweile ist.
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Eigentlich gibt es gar keine Welt mehr außerhalb ihrer „trimodalen“ Logistik-Betrachtungen (Flughafen, Schiene, Straße). Dass sie freilich die Denkbarrieren insbesondere auf die Nachtfliegerei deutlich machte, hat mit der Ursprungsfrage des Redakteurs zu tun, der irgendwie wissen wollte, wie sich eigentlich ein Nachtflugverbot am Flughafen Leipzig/Halle auswirken würde. Ein Thema, das die Grünen im Sächsischen Landtag per Antrag ins Gespräch gebracht haben, nachdem sich alle amtlichen Gremien, die mit dem Flughafen zu tun haben, seit Jahren weigern, auch nur die simpelsten Lärmentlastungen für die Anrainer umzusetzen.

Darauf äußerte die Professorin dann laut LVZ: „Logistik ist ein Nachtgeschäft, mit einem Nachtflugverbot würde man diesem Bereich die Geschäftsgrundlage entziehen. Der Leipziger Branchenprimus DHL müsste in solch einem Fall sehr genau prüfen, ob das Unternehmen in Leipzig noch Geld verdienen könne und gegebenenfalls den hiesigen Standort zugunsten eines anderen aufgeben.“

Direkt nach dem Fluglärm befragt, machte die Professorin dann endgültig deutlich, dass sie jenseits der Logistik-IT eigentlich nicht viel mitbekommen hat von dem, was am Flughafen passiert. Die LVZ: „Gleichwohl müsse konstatiert werden, dass erhebliche Lärmschutzmaßnahmen installiert worden seien. Zudem liege der Flughafen Leipzig/Halle auch nicht in solch einer bevölkerten Region, wie sich die Situation in anderen Städten darstelle.“

Das brachte am 23. Dezember schon Dr. Lutz Weickert auf die Palme, der der weltvergessenen Professorin einen Offenen Brief schrieb.

Aber geradezu fachlich fragwürdig findet Bert Sander, bis 2014 Stadtrat der Wählervereinigung Leipzig, die Haltung der Logistik-Professorin zur nächtlichen Fluglärmbelastung.

Bis zu 140 Starts/Landungen pro Nacht – davon bis zu 95 in der besonders schützenswerten Nachtkernzeit – sorgen in den Leipziger Stadtteilen Lindenthal, Lützschena-Stahmeln, Wahren, Möckern, Böhlitz-Ehrenberg, Burghausen und Rückmarsdorf allabendlich dafür, dass „der Bär tanzt“.

Sander, selbst an der Hallenser Burg Giebichenstein im wissenschaftlichen Sektor aktiv, wirft seiner Kollegin Hausladen „Ignoranz und Arroganz“ vor, wenn sie mit den Worten „Zudem liege der Flughafen Leipzig/Halle auch nicht in solch einer bevölkerten Region, wie sich die Situation in anderen Städten darstelle“, argumentiert.

„Alle inzwischen von Fachkollegen menschlicherer Wissenschaftsgebiete festgestellten Gesundheitsschäden des Fluglärms bleiben unbeachtet, einer Politik der vorsätzlichen Körperverletzung wird als hemmungsloser Wirtschaftslobbyismus das Wort geredet.“

Im „wissenschaftlichen“ Diskurs wirft Sander Hausladen eine dummdreiste Verhöhnung der Betroffenen vor.

„Wer in der Einflugschneise wohne, habe sicherlich damit zu kämpfen. Gleichwohl müsse konstatiert werden, dass erhebliche Lärmschutzmaßnahmen installiert worden seien“, zitierte die LVZ die IT-Professorin.

„Glücklich die, die es nicht hören bzw. Nacht für Nacht ertragen müssen oder die, die es noch ignorieren können“, sagt Sander. Und weist darauf hin, dass DHL aus Brüssel nicht weggegangen ist, weil dort die Rahmenbedingungen so schlecht waren. „In Brüssel hat nicht die Politik, sondern das Aufbegehren der Bürgerinnen und Bürger ‚für besseres Klima‘ gesorgt und DHL den Stuhl vor die Tür gesetzt. Ein Anspruch, den Leipzig schon vor Jahren, als ebenso Dogmen die Grundrechte beschnitten, bereits erfolgreich praktizierte. Vielleicht sollten wir uns nicht nur zum die angebliche Freiheit erhellenden Event des Lichterfestes daran erinnern, lieber mal wieder richtig aktiv werden?“

Denn noch bevor die Start- und Landebahn Süd 2007 in Betrieb ging, sicherte die sächsische Staatsregierung DHL eine unbeschränkte Nachtflugerlaubnis zu. Ob tatsächlich fast alle Frachtflüge in der Nachtkernzeit abgewickelt werden müssen, hat seitdem niemand hinterfragt. Auch IT-Logistikerin Hausladen nicht.

Warum auch sollte DHL eine Verlagerung der Flugzeiten prüfen, wenn es dazu von der Politik keinen Druck, nicht einmal eine Nachfrage gibt?

Denn die Aufgabe wäre tatsächlich erst einmal eine Herausforderung für die IT-Logistik.

Für Iris Hausladen jedenfalls bildet das Logistik-Netz einen einzigen unentwirrbaren Knoten, in dem alles miteinander irgendwie starr verknüpft ist: der Flughafen, die gute Schienenanbindung (die vor allem die Logistik der Autobauer stützt), Amazon und wohl demnächst noch mehr E-Commerce.

„Aber darauf bereiten sich laut Frau Professorin Iris Hausladen ‚die Logistikdienstleister mit Hochdruck vor'“, spottet Sander. „Das erscheint, auch für die, die vor Jahren den DHL-Wechsel von Brüssel nach Leipzig hemmungslos feierten, ausreichend Beruhigung. ‚Wenn Transporte nicht mehr benötigt werden, verändern sich eben logistische Aufgaben.‘ Ist doch klar, oder?“

Ist die nach wie vor offene Frage: Würde DHL weggehen von Leipzig und 4.000 Arbeitsplätze mitnehmen? Würde ein Nachtflugverbot in Summe 36.000 Arbeitsplätze bedrohen, mit denen am Drehkreuz Flughafen, den Schienenverbindungen und der Verkehrsinfrastruktur diese Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen?

Oder wird andersherum ein Schuh draus: Wird das Logistik-Drehkreuz erst dann stabil, wenn all die schönen Möglichkeiten der IT auch mal genutzt werden, um den ganzen Betrieb so zu organisieren, dass die Lärmbelastung der Anwohner sinkt?

Das schlichte Fazit aus dem LVZ-Artikel „Region Leipzig hat große Logistik-Zukunft. Iris Hausladen von der Handelshochschule sieht in guter Infrastruktur weitere Potenziale für Unternehmen“ ist augenscheinlich: Bislang haben die Logistiker die Möglichkeiten der modernen IT nur genutzt, um ihre eigene Bilanz zu verbessern. Die bewohnte Umgebung kommt in all den Konzepten nicht vor. Das nennt man dann wohl Forschung nur im Sinne der Wirtschaft und nicht der Gesellschaft. Das ist entweder – wie Bert Sander sagt – sehr ignorant. Oder ein typisches Beispiel für Schmalspur-Expertentum.

Der Brief von Lutz Weickert an Prof. Iris Hausladen:

Sehr geehrte Frau Prof. Hausladen,

die Leipziger Volkszeitung hat am 19.12.15 ein Gespräch veröffentlicht, das Herr Milde mit Ihnen zum DHL- Frachtflughafen geführt hat (beiliegend). Ich bin fassungslos, über den Unsinn, mit dem Sie dort zitiert werden.

Beispiel 1: „Zudem liege der Flughafen Leipzig nicht in einer solch bevölkerten Region, wie sich die Situation in anderen Städten darstelle.“

Wissen Sie nicht, dass die Region Leipzig- Halle, die dichtbesiedelste Region Mitteldeutschlands ist, laut Flughafenchef Markus Kopp 2 Mio. Anwohner vom FLH- Fluglärm betroffen sind,  die Siedlungsdichte um die Start-/Landebahn Süd (DHL- Frachtzentrum) vergleichbar, wenn nicht sogar höher, mit der der Flughäfen Frankfurt, München, Hamburg u.a. ist,  das Zentrum von Leipzig in Sichtweite der DHL- Start- und Landebahn liegt.

Beispiel 2: „Wer in der Einflugschneise wohnt, habe sicher damit zu kämpfen.“

Wissen Sie nicht, dass nicht nur die unter der Einflugschneise Wohnenden vom DHL- Nachtfluglärm betroffen sind, sondern dass die Leipziger Stadtteile Lindenthal, Lützschena- Stahmeln, Wahren, Möckern, Böhlitz- Ehrenberg, Burghausen und Rückmarsdorf einen Dauerlärm in der Nachtkernzeit von über 60 Dezibel ausgesetzt sind?

Beispiel 3: „Gleichwohl müsse konstatiert werden, dass erhebliche Lärmschutzmaßnahmen installiert worden seien.“

Wissen Sie nicht, dass der FLH, der Flughafen Deutschlands den schlechtesten aktiven Schallschutz aller deutschen Flughäfen hat, was auch immer wieder vom Flughafenmanagement („keinerlei Restriktionen im Nachtflug“) betont wird.

Inzwischen startet/ landet in Leipzig alles, was woanders Nachtflugverbot hat (Stichwort Bonusliste, AN124 usw.), bzw. die hohen nacht- und lärmabhängigen Entgelte anderer Flughäfen nicht zahlen will.

Das Ergebnis: bis zu 140 Starts/Landungen pro Nacht, davon bis zu 95 in der besonders schützenswerten Nachtkernzeit. Das sind nächtliche Starts und Landungen und damit verbundene Lärm-, Schadstoff- und Gesundheitsbelastungen, die es in dieser Höhe in Deutschland noch nie gab!!!

Sehr geehrte Frau Prof. Hausladen, ich kann nur hoffen, dass die Studenten/-innen an der Handelshochschule Leipzig von diesem Unsinn verschont bleiben und die Wahrheit zum DHL- Frachtflughafen gelehrt bekommen.

Nicht akzeptabel ist, dass die LVZ derartigen Unsinn unkommentiert wiedergibt, obwohl dem Autor des Beitrages, Herrn Milde, obige Fakten alle bekannt sind.

Mit freundlichen Grüßen

L. Weickert

FluglärmFlughafen Leipzig / HalleLogistikNachtflugverbot
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