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An 300 Tagen im Jahr würde der Kahnsdorfer See ganz gut als Eisenfalle für die Pleiße funktionieren

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    Ockergelb fließt sie nach Leipzig herein: Die Pleiße. Früher mal ein sehr lebendiges und fischreiches Flüsschen. Aber heute leidet sie unter den Folgen des Bergbaus im Leipziger Süden. Und der Bergbausanierer LMBV hat eine Aufgabe zu lösen, die logischerweise auch Anrainer auf den Plan ruft. Denn die Pläne, die Pleiße in den Kahnsdorfer See zu leiten, sorgten 2016 für Sorgen am benachbarten Hainer See.

    Im Ergebnis öffnete sich die LBMV, die ja ihren Kummer mit einem ganz ähnlich gearteten Problem an der Spree hat, den Sorgen der Anlieger und initiierte eine Reihe von Workshops, in die die Betroffenen mit einbezogen wurden.

    Der jüngste fand jetzt am Mittwoch, 11. April, statt. Dort informierte die LMBV die Workshop-Teilnehmer über den aktuellen Untersuchungsstand und die neuen Erkenntnisse zur Gewässergüteverbesserung der Pleiße. Vorausgegangen war bereits im September 2017 ein erster Workshop.

    Der Teilnehmerkreis bestand aus dem Bürgermeister der Gemeinde Neukieritzsch, Vertretern der Gemeinden Borna, Böhlen und Rötha, den Vertretern der zuständigen Behörden Sächsisches Oberbergamt und Landratsamt Landkreis Leipzig, der Bürgerinitiative Kahnsdorfer See, der Landestalsperrenverwaltung, des Zweckverbandes Planung und Erschließung Witznitzer Seen sowie des Regionalen Planungsverbandes Leipzig-Westsachsen und des Sanierungsträgers LMBV.

    Zunächst gab Prof. Dr. Andreas Berkner vom Regionalen Planungsverband als Einladender und Moderator eine kurze Einführung mit Standortbestimmung zum erreichten Sachstand. Im Anschluss informierten Mitarbeiter der LMBV über den aktuellen Untersuchungs- und Bearbeitungsstand der derzeit laufenden bzw. seit dem 1. Workshop abgeschlossenen Untersuchungen.

    Das Problem: „Im Rahmen der Braunkohlegewinnung südlich von Leipzig wurde u.a. die Pleiße in den 1960er Jahren über die Kippe Witznitz II verlegt. Nach Einstellung der bergbaubedingten Wasserhaltungen zur Grundwasserabsenkung steigt das Grundwasser großräumig wieder an. Dadurch kommt es zu einer Exfiltration von saurem, eisen- und sulfatbelastetem Kippengrundwasser in die Pleiße. Diese Eisenhydroxidschlämme (EHS) führen zu einer sichtbaren Veränderung des Wasserkörpers sowie einer möglichen Schädigung der aquatischen Lebensgemeinschaften von Fischen, Makrozoobenthos und Makrophyten.“

    So zu lesen im 2017 vorgelegten Bericht „Umverlegung der Pleiße im Bereich des ehemaligen Tagebaus Witznitz II zur Sedimentation von EHS“.

    Ockerbraun: Pleiße bei Markkleeberg. Foto: Ralf Julke
    Ockerbraun: Pleiße bei Markkleeberg. Foto: Ralf Julke

    Exfiltration heißt einfach: Das wieder angestiegene Grundwasser spült aus dem Abraum Eisen und Sulfate aus. Die Pleiße funktioniert jetzt zwar wieder richtig als Grundwasserableiter. Aber sie nimmt damit eben auch die eisen- und sulfatbelasteten Wasser auf, die dafür sorgen, dass sich das Flüsschen ockergelb verfärbt. Aber das verändert eben nicht nur die Farbe, sondern verschlechtert auch die Wasserqualität, so dass „Fische, Makrozoobenthos und Makrophyten“ geschädigt werden.

    Makrozoobenthos sind am Flussgrund lebenden Organismen: Muscheln, Krebse, Schnecken, Egel usw. Die Pleiße war ja mal für ihren Krebsreichtum bekannt. Das kann man heute alles vergessen. Die Wasserqualität ist durch die Einspülungen so schlecht, dass alle diese Lebewesen hier keine Lebensgrundlage finden.

    Aber Sachsen ist verpflichtet, die Wasserqualität seiner Flüsse und Bäche deutlich zu verbessern, damit all diese Tierchen wieder drin leben können. Dafür ist die sogenannte EU-Wasserrahmenrichtlinie da. Deswegen muss die LMBV handeln.

    Makrophyten sind die typischen Wasserpflanzen, die heute aus purem Lichtmangel ebenfalls nicht mehr auf dem Grund der Pleiße wachsen.

    Dass die Pleiße auch für Angler nicht attraktiv ist (auch wenn öfters welche da stehen), hatte bei den Untersuchungen die Fischereibehörde deutlich gemacht: „Die Pleiße wird im Untersuchungsabschnitt dem ‚Gründling-Rotauge-Gewässer II‘ zugeordnet. Eine ökologische Durchgängigkeit wird durch die bestehende Fischaufstiegsanlage am Trachenauer Wehr sichergestellt. Die derzeitige Situation bzgl. der erhöhten EHS-Konzentration in der Pleiße stellt eine Beeinträchtigung des Lebensraums dar. Die Fischereibehörde erläuterte in einem Gesprächstermin am 08.02.2017, dass bei entsprechend vergleichbaren Untersuchungen in der Spree eine toxische Wirkung des EHS für Jungfische festgestellt wurde. Adulte Fische haben mit dem EHS weniger Probleme, jedoch sind aufgrund des kolmatierten Bodens in EHS-belasteten Bereichen kaum Fische anzutreffen.“

    Was eben im Klartext heißt: Überall da, wo die Pleiße ockergelb belastet ist, kommen so gut wie keine Fische vor. Die Brühe wirkt gerade auf Jungfische toxisch – also giftig.

    Die Überlegung der LMBV: Wenn man dieses hochbelastete Wasser in den Kahnsdorfer See leitet, kann man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – die Schwebstoffe aus der Pleiße sinken im See ab, werden dort zu Sediment. Und gleichzeitig verbessere das Pleißewasser dann die Wasserqualität im Kahnsdorfer See, so dass sich auch dort wieder Leben ansiedeln könnte: „Der Kahnsdorfer See stellt aufgrund seines niedrigen ph-Wertes derzeit keinen Lebensraum für aquatische Lebewesen dar. Eine Neutralisation des Sees würde zu einer wesentlichen Verbesserung führen.“

    Nur war 2016 noch nicht klar, ob das Ganze auch so funktioniert, wie es sich die LMBV vorstellte. Es fehlten noch die wissenschaftlichen Abschätzungen.

    Darum ging es nun beim Workshop. Neben vertiefenden Sedimentationsuntersuchungen zur Abschätzung der Sedimentationsgeschwindigkeit von Eisenhydroxid konnte auch eine Modellierung zum Lösungsansatz der Einbindung der Pleiße in den Kahnsdorfer See abgeschlossen werden.

    Hierbei zeigte sich, dass allein die natürlichen Sedimentationsraten nicht ausreichend sind, um die Zielwerte für Eisen im Auslauf des Kahnsdorfer Sees beim Durchleiten der Pleiße zu erreichen, stellt die LMBV fest.

    Das heißt im Klartext: Man bekommt auch mit Hilfe des Kahnsdorfer Sees die Pleiße nicht ganz sauber.

    Der Grund ist die Fließgeschwindigkeit. Damit die Schwebstoffe sich im Kahnsdorfer See absetzen, darf die Pleiße maximal 10 m³/s Wasser führen. Also relativ wenig. Das schafft sie aber im Schnitt nur an 304 Tagen im Jahr. Die anderen Tage sind durch Regenfälle, Tauwetter und damit erhöhte Wasserführung gekennzeichnet.

    Ergebnis: „Aus den mittleren Werten der 10 erfassten Abflussjahre von 2006 bis 2015 lässt sich die Erkenntnis ableiten, dass im Mittel an ca. 304 Tagen im Jahr der Abfluss von Q = 10 m³/s unterschritten und damit an ca. 61 Tagen im Jahr überschritten wird. Das bedeutet, dass in dem Zeitraum von 61 Tagen weiterhin mit einer Eisenbelastung der Pleiße im Unterwasser des Trachenauer Wehrs zu rechnen ist. Im Rahmen der weiteren Planung sollte betrachtet werden inwieweit eine Anpassung des maximalen Abflusses Qmax = 10 m³/s aus der Pleiße in den Kahnsdorfer See möglich oder gar erforderlich ist. Würde der festgelegte Abfluss beispielsweise um 30 % auf Qmax =13 m³/s erhöht, könnte die Eisenbelastung der Pleiße im Unterwasser des Trachenauer Wehrs an ca. 35 Tagen pro Jahr in etwa halbiert werden.“

    Das heißt: An regenreichen Tagen würde die Pleiße Richtung Markkleeberg und Leipzig doch wieder eine gewisse Eisenbelastung haben – aber das würde deutlich weniger sein als jetzt. Wobei der Bericht die Zustände unterhalb des Abflusses aus dem Kahnsdorfer See nicht untersucht. Denn da böte sich schon längst die Chance, die Pleiße in weiten Abschnitten naturnah zu gestalten und damit weitere Abschnitte zur Sedimentablagerung zu gewinnen.

    Im Workshop wurde der aktuelle Bearbeitungsstand der Wirksamkeitsbewertung der verschiedenen Varianten zur Behebung der Eisenbelastung in der Pleiße dargestellt. Ziel sei es, eine Priorisierung der einzelnen Varianten basierend auf der prognostizierten Eisenreduktion in der Pleiße zu erreichen, betont die LMBV. Weiterhin wurde der Arbeitsstand der Grundlagenermittlung zur (Teil)-Einleitung der Wyhra in den Hainer See dargestellt, welche aufgrund ihrer Auswirkungen auf die Pleiße einen positiven Beitrag zur Umsetzbarkeit und Wirksamkeit verschiedener anderer Lösungsansätze verspricht.

    Die Einschätzung der LMBV: Nach einem regen und konstruktiven Austausch verständigten sich die Teilnehmer darauf, den nächsten Workshop in gleicher Runde voraussichtlich im IV. Quartal 2018 durchzuführen.

    LMBV hat bislang keine Alternative zur Einleitung der Pleiße in den Kahnsdorfer See

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