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Mit Prognosen von 2010 lässt sich Sachsens Zukunft nicht beschreiben

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    Wer mit falschen Prognosen arbeitet, kommt zu falschen Ergebnissen. Das gilt auch für den neuen Bericht zum Wohnungsbaumonitoring 2014/2015, den die Sächsische Aufbaubank – Förderbank – (SAB) am Dienstag, 6. Januar, veröffentlicht hat. Der stellt zwar nun - im Unterschied zu manch früherem Bericht - fest, dass Sachsen in Schrumpfungs- und Wachstumsregionen zerfällt. Aber er arbeitet wieder einmal mit überholten Prognosen. Und das ist tragisch.

    Denn damit wird wieder ein wichtiges Stück Politik in Sachsen bestimmt: Wie viel Geld fließt in den nächsten Jahren in Abriss, wie viel in (sozialen) Wohnungsbau. Denn wenn so ein Bericht zum Ergebnis kommt, dass die Gesamtbevölkerung weiter in Hunderttausender-Dimensionen schrumpft und weitere Hunderttausende Wohnung leer gezogen werden, dann kann man wohl schon die Aussagen des Innenminister (derzeit immer noch Markus Ulbig von der CDU) zum Thema vorwegnehmen, dass Abriss und Rückbau nicht nur im Wohnungsbestand die Themen der nächsten Jahre sind, sondern auch bei der Personalausstattung des Landes.

    Dabei sind die Prognosen, auf die sich auch die SAB beruft, mittlerweile fünf Jahre alt und von der Entwicklung überholt.

    „Der weitere Rückgang der Bevölkerung und der gleichzeitig zunehmende Anteil älterer Menschen bestimmen die demografischen Veränderungen in Sachsen. Dabei gibt es starke regionale Entwicklungsunterschiede“, betont die SAB zu ihrem Bericht. „Während die Regionen Leipzig und Dresden eine wachsende Nachfrage nach Wohnungen verzeichnen, müssen die meisten anderen Regionen mit steigendem Wohnungsleerstand rechnen. Im Freistaat standen auch nach mehr als zehn Jahren Rückbauprogramm zum Zeitpunkt der Gebäude- und Wohnungszählung am 9. Mai 2011 immer noch 231.000 Wohnungen leer.“

    Das „immer noch“ bezieht sich auf die Tatsache, dass von 2000 bis 2013 insgesamt 114.000 Wohnungen in Sachsen abgerissen wurden. Auch in Dresden und Leipzig, wo der Wohnungsbau mittlerweile wieder in die Gänge gekommen ist.

    Das Erklärungsmuster für den Bevölkerungsrückgang ist das alte: „Grund dafür ist u. a. der dramatische Geburteneinbruch und die starke Abwanderung Anfang der 1990er Jahre, die wellenartig die demografische Entwicklung der nächsten Jahre prägen. Die wenigen Kinder, die damals hier geboren wurden, haben derzeit auch weniger Kinder und dies beeinflusst wiederum die nächste Generation ab 2020. Die Zahl der Haushaltsgründer zwischen 18 und 30 Jahren wird bis 2025 in vielen Regionen nahezu um die Hälfte zurückgehen. Ohne weiteren Rückbau würden daher im Jahr 2030 in ganz Sachsen rund 500.000 Wohnungen leer stehen.“

    Das Problem dabei ist: Die SAB-Autoren beziehen sich auf die 5. Regionalisierte Bevölkerungsprognose. Eine jüngere gibt es für den Freistaat nicht. Erstellt wurde sie am 30. November 2010 und sie nahm für Sachsen sogar Bevölkerungsrückgänge in der Dimension zwischen 2,7 bis 11,9 Prozent an. Die Zahlen liegen allen Personalkürzungsplänen zugrunde, die die CDU/FDP-Regierung 2010 beschlossen hat – von den Streichrunden bei der Polizei bis zu den Nichteinstellungen bei den Lehrern.

    Doch in keinem einzigen Jahr seitdem traf die Prognose zu – nicht in der niedrigen und schon gar nicht in der höheren Variante. Nach der Prognose von 2011 hatte Sachsen im Jahr 2015 eine Bevölkerungszahl von 4.025.000 Einwohnern zu erwarten (in der Variante 2 sogar nur noch 3,982 Millionen. Und das ausgehend von der Bevölkerungszahl, wie sie bis zu Zensus 2011 galt, als Sachsen statistisch 111.700 Einwohner „verloren“ gingen.

    Was bedeutet: Eigentlich müsste der Freistaat in diesem Jahr irgendwo bei 3,914 Millionen Einwohnern landen – selbst in der günstigsten Variante. Wenn denn die Prognose zuträfe. Tut sie aber nicht. Aber mit Fug und Recht kann man davon ausgehen, dass zum Jahresende sogar nach dem Zensus-Wert mindestens 4,03 Millionen Einwohner in Sachsen leben. Und dass eine Zahl so garantiert nicht eintritt: Dass bis 2025 rund 270.000 Wohnungen leer gezogen werden.

    Doch statt die Zahlen zu korrigieren, versucht der SAB-Bericht in ganz ähnlichen Tönen, wie man sie von Innenminister Markus Ulbig kennt, die Zukunft schwarz zu malen.

    „Zusammen mit der Modellrechnung bis 2030 würde Sachsen bis dahin Einwohner in der Dimension einer Halbmillionenmetropole wie Leipzig oder Dresden verlieren“, heißt es im Bericht. Und dann tut man so, als sei die Bevölkerungsprognose von 2010 tatsächlich eine feste Bezugsgröße: „2030 werden dann voraussichtlich gut 3,5 Mio. Menschen im Freistaat leben. Für den Freistaat muss auch in den darauffolgenden Jahrzehnten – weitgehend vorgezeichnet durch die bestehende Altersstruktur – mit einer kontinuierlich abnehmenden Bevölkerung gerechnet werden. Nur deutliche Veränderungen im Wanderungsverhalten, das primär von der Anzahl und Attraktivität von Arbeitsplätzen abhängt, können hier merkliche Änderungen bewirken. Hier bleibt es abzuwarten, ob sich das derzeitige Wanderungsverhalten in den nächsten Jahren verstetigt.“

    Das ist die eigentlich entscheidende Frage.

    Denn wenn ein Land wie Sachsen attraktive Lebens- und Arbeitsbedingungen bietet, dann wird es zum Zuwanderungsland.  Dass es das jetzt schon ist und die Zuwanderung fast schon den negativen Saldo aus Geburten und Sterbefällen ausgleicht, verblüfft die Statistiker natürlich. Und sie wissen nicht so recht damit umzugehen. Die SAB-Autoren auch nicht.

    Sie versuchen es an dieser Stelle ein wenig mit Orakeln: „Die Nachhaltigkeit dieser Wanderungsgewinne wird von der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung in den europäischen Ländern gegenüber Sachsen und Deutschland abhängen. Es ist anzunehmen, dass viele der Zuwanderer aus den europäischen Krisenländern wieder in ihre Heimat zurückkehren, sobald sich der dortige Arbeitsmarkt verbessert hat. Dasselbe gilt für die Bildungswanderung. Bleiben die Auszubildenden oder Studierenden nach ihrem Abschluss dauerhaft hier, oder sind anderswo die Jobchancen und Entwicklungsmöglichkeiten größer?“

    Gute und wichtige Frage. Und das zeigt die Fehlstelle, die der Bericht lässt: nämlich die wachsende Nachfrage nach Fachkräften in Sachsen. Die Auszubildenden und Studierenden bleiben dauerhaft da, wenn die Jobchancen gut sind. Am liebsten natürlich in Leipzig und Dresden, wo die Infrastrukturen noch funktionieren.

    Und so beiläufig erklären die SAB-Autoren auch, dass die Spaziergänger im Tal der Ahnungslosen komplett auf dem Holzweg sind, denn der  Freistaat ist vor allem ein Zuwanderungsland für Hochqualifizierte.

    „Feststellbar ist aber, dass in den letzten Jahren die Anteile an Hochqualifizierten deutlich gestiegen sind, sowohl bei den EU-Bürgern als auch bei Nicht-EU-Bürgern. Von einer ‚Armutszuwanderung‘ kann daher aus derzeitiger Sicht nicht gesprochen werden. Das gilt auch für bulgarische und rumänische Bürger, die seit 2014 die uneingeschränkte Arbeitnehmerfreizügigkeit erhalten haben. Nach einer internen Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hätten die meisten, oft gut ausgebildeten Zuwanderer rasch eine Arbeit in Deutschland gefunden.“

    Oder anders formuliert: Auch Sachsens Unternehmen schreien unüberhörbar nach qualifizierten Fachkräften. Wer sich da als Eingeborener auf seinem Hauptschulabschluss ausruht, hat wirklich schlechte Karten.

    Natürlich muss der Wohnungsbestand angepasst werden. Wenn es mehr Hochbetagte gibt, braucht es mehr barrierefreie Wohnungen. Der energetische Umbau des Wohnungsbestandes muss vorankommen – und das wird ohne Fördermittel des Landes nicht gelingen.

    Bei den Schlussfolgerungen aber wird es schwierig. Denn wenn man sich auf Prognosen verlässt, die weiteren Bevölkerungsrückgang und steigende Wohnungsleerstände voraussagen, dann lautet die Empfehlung der SAB so: „Angesichts wieder ansteigender Wohnungsleerstände plädiert der Bericht dafür, den Stadtumbauprozess engagiert weiterzuführen und das Förderprogramm Stadtumbau mit den Programmen der Landeswohnraumförderung enger zu verzahnen.“

    Das ist dann wohl genau die Schlussfolgerung, die sich Innenminister Markus Ulbig gewünscht.

    Zumindest ein leichtes Umdenken kündigt sich an, wenn die SAB formuliert: „Stadtentwicklung und Wohnungsmarkt können nur im Einklang funktionieren, damit eine Stadt lebendig wird. Deshalb ist es wichtig, dass die Städte und Gemeinden ein Gesamtkonzept entwickeln und umsetzen. Der Fachbegriff dafür lautet ‚integrierte Stadtentwicklung‘.“

    Als wenn das in Leipzig nicht jahrelang der Standard war und eigentlich noch ist, nur dass die Fördermittel dafür von EU und Land mittlerweile drastisch eingedampft wurden.

    Wenn die SAB mit dem Begriff nicht nur die Rückbaustrategien in den Kommunen im ländlichen Raum meint, dann wird es in Sachsen zwei völlig unterschiedliche Wohnraumkonzepte geben müssen: eines für die ländlichen Räume (die dringend stabilisiert werden müssen) und eines für die drei Wachstumszentren Dresden, Chemnitz und Leipzig. Die eigentlich schon wieder Wachstumsregionen sind, denn das Wachstum der Großstädte strahlt teilweise weit in die Region aus.

    Im Bericht kurz so umschrieben: „Auf der anderen Seite verliert Sachsen auf großer Fläche weiterhin Einwohner. So mussten 47 der insgesamt 59 Wohnungsmarktregionen (80 %) sowohl Sterbeüberschüsse als auch Wanderungsverluste hinnehmen.“ Heißt: 12 Wohnmarktregionen wachsen, 47 schrumpfen. Und die jungen Sachsen und die Zuwanderer streben vor allem in diese 12 Wachstumsmärkte.

    Da sollte sich der (künftige) Innenminister sehr genau überlegen, ob er 1 Milliarde Euro beim Bund beantragt und reineweg zum Wohnungsabriss aus dem Fenster schmeißt. Denn so ähnlich schlägt es er SAB-Bericht indirekt vor, wenn er vermerkt: „Für die Marktbereinigung dieser zusätzlich leer stehenden Wohnungen müssten vom Bund weitere Fördermittel zur Verfügung gestellt werden. Rein rechnerisch würde sich ein Förderbedarf in Höhe von 950 Mio. Euro ergeben.“

    Das ist noch immer das alte, auf Schrumpfung und Niedergang fixierte Szenario, das sich in den vergangenen fünf Jahren schon als falsch erwiesen hat.

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