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Der Sächsische Landtag diskutiert am Mittwoch über das Artensterben im Freistaat

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    Künftige Generationen werden von uns sagen: Sie hatten genügend Fakten. Sie hatten alle Möglichkeiten, umzusteuern. Und sie haben dennoch eines der größten Artensterben auf der Erde zugelassen. Wenn sie Glück haben, gibt es von einigen der ausgestorbenen Tiere noch Bilder, vielleicht sogar ein Präparat im Museum. Aber die Geschichtsbücher werden von einer politischen Ignoranz erzählen, die an der Vernunft der Menschen zweifeln lässt. Am Mittwoch ist das Artensterben Thema im Sächsischen Landtag.

    Und zwar in der Aktuellen Stunde, die von der Grünen-Fraktion angeregt wurde. Sie beackern unermüdlich ihr Kernthema, obwohl man damit in Sachsen scheinbar keinen Blumentopf gewinnt, weil rechtslastige Parteien unbedingt mit Schmackes über Zuwanderung, Obergrenzen und Flüchtlinge debattieren. Als wenn das Sachsens Probleme wären.

    Aber Probleme sind eben meist nicht so leicht in einem Feindbild festzumachen. Oft entstehen sie ungesehen, schaukeln sich auf als ein langfristiger Prozess. Niemand schreit, weil verstummende Vögel und Insekten nun einmal nicht zu hören sind. Dafür ist es verdammt still geworden in unseren Landschaften.

    Und das nicht erst heute. Der Beginn des Artensterbens liegt irgendwo in der jüngeren Vergangenheit, als die Menschheit begann, mit extensiven Methoden ihre Umwelt zu übernutzen. Das betrifft die Meere längst genauso wie die schwindenden Regenwälder, aber auch die ausgeräumten Landschaften in Sachsen. Viel zu spät stieg man in die Erforschung der Artenvielfalt ein.

    Erst seit 2013 gibt es das Deutsche Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig mit Hauptsitz in Leipzig, wo die Forschungen zur Artenvielfalt und zur Funktionsweise komplexer Lebensräume zusammenlaufen. Denn in der Natur sind alle Lebewesen Teil eines komplexen Kosmos, in dem alle von allen abhängig sind. Oft reicht das Verschwinden einiger wichtiger Arten, und ein ganzer Lebensraum bricht zusammen.

    Und es ist ja nicht so, dass niemand weiß, wie man das aufhalten kann. Selbst die so tatenunlustige Staatsregierung weiß es und hat eigentlich auch schön versteckte Ideen zur Schaffung wichtiger Lebensräume, in denen bedrohte Arten Rückzugsplätze und ausreichend Nahrungsgrundlage finden würden. Man müsste sie nur umsetzen.

    Doch genau an diesem Punkt verwandelt sich auch Sachsens Umweltminister regelmäßig in den Landwirtschaftsminister, der lieber nur das umsetzt, was die EU mit Geld fördert.

    Am Mittwoch, 25. April, ab 11 Uhr, wird das Artensterben nun im Landtag zum Thema.

    „Mit dem derzeitigen Rückgang erreichen wir langsam die kritische Situation, dass sich bestimmte Arten nicht mehr erholen werden“, erklärt Wolfram Günther, umweltpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Sächsischen Landtag. „Der Prozess des Aussterbens der Arten beschleunigt sich aktuell.“

    Unter Fachleuten herrscht längst Einigkeit darüber, dass es auch einen drastischen Insektenschwund in Deutschland gibt. Nicht so in Sachsens CDU: In einer öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Umwelt und Landwirtschaft am 2. März 2018 im Sächsischen Landtag zu einem Antrag der Grünen-Fraktion zum Thema „Insektensterben“ vertraten zwar die Sachverständigen die einhellige Meinung, dass es bereits 5 nach 12 sei und dringender Handlungsbedarf bestünde.

    Doch dann kam etwas Altvertrautes zum Vorschein – denn wenn ihr ein Thema nicht behagt, benutzt die CDU in Sachsen gern das  Schlagwort „ideologisch“. Man unterstellt den Grünen einfach, sie würden so ein Thema nur auf den Tisch bringen, um irgendwie Propaganda zu machen.

    Und so warf auch die CDU-Fraktion den Sachverständigen in einer PM „ideologische Scheuklappen“ sowie „eine Vorverurteilung der modernen Landwirtschaft“ vor.

    Konkret war es der agrarpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Andreas Heinz, der nach der Anhörung meinte: „Eine Vorverurteilung der modernen Landwirtschaft lehnen wir strikt ab. Ideologische Scheuklappen verstellen nur den Blick auf eine Vielzahl von möglichen Einflussfaktoren für diese bedenkliche Entwicklung, wie beispielsweise Klimaveränderung, Lichtverschmutzung oder auch häufiges Rasenmähen.“

    Schwups, war gleich das ganze Thema vom Tisch gewischt. Dass es viele mögliche Ursachen für das Artensterben gibt, ist keine Frage. Die meisten sind menschgemacht. Aber dann muss es eben auch viele verschiedene Lösungsansätze geben. Heinz selbst ist Diplom-Agraringenieur. Das erklärt manches an seiner Haltung.

    Und besonders rigide argumentiert man ausgerechnet gegen die sogenannte „Krefelder Studie“, die erstmals belegte, dass nicht nur einzelne Arten verschwinden, sondern dass die Insektenmasse insgesamt drastisch geschrumpft ist.

    Zahlen außerhalb der Roten Listen für die einzelnen Bundesländer sind kaum vorhanden. Ausnahme sind einzelne Studien, wie eben die aus Krefeld, die sich auf langjährige Kartierungen begründen. Die Krefelder Insektenforscher haben in den zurückliegenden 27 Jahren an insgesamt 63 Standorten in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Brandenburg Kartierungen durchgeführt und allein für diesen Zeitraum einen Rückgang flugaktiver Insekten um 76,7 Prozent festgestellt.

    Die Fakten liegen auf der Hand, stellt Wolfram Günther fest: „Die Mannigfaltigkeit der Fauna in Deutschland umfasst schätzungsweise etwa 48.000 verschiedene Tierarten, wovon über 34.000 Insekten sind. Der aktuelle Artenverlust ist ganz besonders ein Insektenverlust, nicht nur bei den Bienen, sondern auch bei den anderen Insektenarten. Die aktuellen ‚Roten Listen‘ des Bundesamts für Naturschutz (BfN) aus dem Jahr 2016 belegen einen Negativ-Trend.

    So geht aus den langfristigen Trends hervor, dass 56,5 Prozent der Ameisen, 52,2 Prozent der Wildbienen und 44,7 Prozent der Kleinschmetterlinge bestandsgefährdet sind. Insekten sind die Nahrungsgrundlage für viele andere Artengruppen, weshalb mit ihnen gerade auch die Vögel verschwinden. Unter anderem als Bestäuber erbringen Insekten unverzichtbare Ökosystem-Dienstleistungen für Mensch und Natur.“

    Das Insektensterben hat nicht erst 1990 begonnen. Aber es hat sich seitdem beschleunigt.

    „Von den bislang in den ‚Roten Listen‘ aufgenommenen 7.389 Insektenarten sind bereits 323 Arten (4,4 Prozent) ausgestorben oder verschollen. Weitere 476 Arten (6,4 Prozent) sind vom Aussterben bedroht. Man muss davon ausgehen, dass dieses Verhältnis annähernd auch den unbearbeiteten Artengruppen entspricht“, stellt Günther fest. „In der ‚Roten Liste‘ der Brutvögel Deutschlands aus dem Jahr 2016 sind fast die Hälfte der 248 heimischen Brutvogelarten (118 Arten) in einer der Gefährdungsstufen aufgeführt.“

    Und Sachsen ist keine Insel. Es sei nicht davon auszugehen, dass Sachsen von dem Rückgang der Arten verschont geblieben ist, schätzt der Abgeordnete ein. „In Sachsen sind in den ‚Roten Listen‘ seit etwa 2006 insgesamt 1.275 Insektenarten bearbeitet worden, von denen 98 Arten (7,7 Prozent) ausgestorben und 122 (9,6 Prozent) vom Aussterben bedroht sind.“

    Und mit seiner Kritik an den völlig unzureichenden „Rettungsmaßnahmen“ der Staatsregierung hält er sich nicht zurück.

    „Der Versuch der Staatsregierung, allein über Agrarumweltmaßnahmen den Rückgang der Arten in Sachsen aufzufangen, ist nicht ernst zu nehmen“, kritisiert Günther. „Denn diese Maßnahmen sind freiwillig und werden nicht selten nach Gutdünken des jeweiligen Landwirts in der Landschaft umgesetzt. Daher ist die Effizienz der Agrarumweltmaßnahmen bzgl. der Artenvielfalt sehr gering.“

    Denn unter dem enormen Preisdruck, unter dem die sächsischen Landwirte stehen, müssen sie selbst Umweltschutzmaßnahmen unter finanziellen Aspekten betrachten. Für die genannten Agrarumweltmaßnahmen gibt es meist Geld von der EU. Ein durchdachtes Gesamt-Programm der Staatsregierung gibt es nicht, weder zur Schaffung von Schutzgehölzen noch zur schonenden Bewirtschaftung wertvoller Landschaftsräume.

    Einige wenige Engagierte widmen sich dem Thema – meist ohne staatliche Förderung. Es existiert nicht mal die Grundstruktur eines solchen Planes, mit dem die Regierung aktiv darangehen könnte, die Lebensräume für die Artenvielfalt in Sachsen zu sichern – mit der Landwirtschaft gemeinsam. Aber kein Bauer wird von allein anfangen, wenn er dafür keinen Rückhalt in belastbaren staatlichen Förderprogrammen bekommt.

    „Es ist bisher leider nicht erkennbar, dass die Staatsregierung ernsthaft das Problem des Artensterbens angeht“, kann Günther mit gutem Grund sagen. „Diese Blockade wollen wir mit Hilfe der Aktuellen Debatte am Mittwoch auflösen.“

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