Wir leben in einer „Geht nicht“-Gesellschaft. 16 Jahre lang haben wir gelernt, dass man mit Verweigerung auch ganz gut leben kann. Auch wenn man damit die Energie- und Mobilitätswende gründlich ausgebremst hat. Und es geht auch 2022 munter weiter. Auch in Sachsen, wo der Umweltminister jetzt eigentlich darangehen will, einen Punkt aus dem Koalitionsvertrag von 2019 umzusetzen.

Aber wie macht man das mit einem Koalitionspartner, der sofort auf der anderen Seite der Barrikade steht und ruft: „Geht nicht. Wollen wir nicht!“

Am Mittwoch, 6. April, jedenfalls meldeten sich Waldbesitzer und Forstverbände zu Wort, um gegen die Pläne, wenigstens einen Teil des sächsischen Waldes unter Prozessschutz zu stellen, vehement zu argumentieren. Mittendrin der Landesverband Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, dessen Vorsitzender der CDU-Landtagsabgeordnete Oliver Fritzsche ist.

Unterzeichnet haben das Papier, das am Mittwoch öffentlich wurde, der Sächsische Waldbesitzerverband e. V., der Sächsische Forstverein e. V., die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft, die Stiftung Wald für Sachsen und der Sächsische Forstunternehmerverband e. V., der Bund Deutscher Forstleute sowie der Ökologische Jagdverein Sachsen e. V.

Bewirtschaftung first

Das Positionspapier argumentiert vor allem wieder aus forstwirtschaftlicher Sicht. Die wesentlichen Argumente: „Die unterzeichnenden Verbände und Vereinigungen bekennen sich nachdrücklich zur integrativen Waldwirtschaft. Ohne eine verantwortungsbewusste, nachhaltige Bewirtschaftung durch ausreichend und gut qualifiziertes Fachpersonal können die dringend benötigten ökonomischen, ökologischen und sozialen Leistungen des Ökosystems Wald nicht in dem erforderlichen Maße erbracht werden.“

Wo aber ist dann das Problem? – „Unstrittig ist die Umsetzung der nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt (NBS) mit dem Ziel, 5 % der Gesamtwaldfläche aus der forstlichen Nutzung zu nehmen. Produktive Waldbestände großflächig in Prozessschutzflächen umzuwandeln, halten wir nicht für zielführend. Damit wird keine Wirkung auf der gesamten Waldfläche erzielt und die Artenvielfalt – wenn überhaupt – nur lokal gefördert.“

„Weiterhin führt es zu Einschränkungen der regionalen Rohstoffversorgung und zu klimaschädlichen Holzimporten, welche auch aus Primärwäldern und Wäldern mit niedrigen ökologischen Standards erfolgen. Viele Förster und Waldbesitzer sind verunsichert, da sie die Wertschätzung für nachhaltige, integrativ bewirtschaftete Wälder vermissen und der Prozessschutz ohne entsprechendes Monitoring-Personal offensichtlich eine höhere Priorität besitzt.“

Das Positionspapier zur Flächenstilllegung.

Weshalb die Unterzeichner nun „eine sofortige Abkehr von weiteren großflächigen Prozessschutzflächen im Wald“ fordern, „unabhängig von deren Eigentumsform. Kleinflächige Trittsteine im Rahmen des 5 %-Ziels, welche in die Waldbewirtschaftung integriert werden, begrüßen wir. Darüber hinaus sollten dem Kleinprivatwald, der vielfach aus ökonomischen Gründen nicht mehr bewirtschaftet wird, angemessene finanzielle Angebote zum Prozess- und
Biotopschutz unterbreitet werden. Flächenstilllegungen stehen in krassem Widerspruch zu den wichtigen Holzbauoffensiven und Förderprogrammen von Bund und Ländern, mit denen eine nachhaltige, regionale und
ressourcenschonende Entwicklung gestützt werden soll. Die Verwendung von Bau- und Rohstoffen aus nicht nachhaltiger oder fragwürdiger Herkunft mit globalen Transportwegen und hoher Klimabelastung sind eine zwangsläufige Folge flächiger Nutzungsverbote.“

Wie bekommt man widerstandsfähige Wälder (nicht Forste)?

Die Argumentation kehrt also immer wieder zu den Holzressourcen der Wälder zurück. Obwohl gerade die Jahre 2018 und 2019 unbarmherzig zeigten, dass die forstlich genutzten Wälder nicht wirklich fähig waren, der anhaltenden Trockenheit und dem Borkenkäferbefall zu widerstehen. Auch in Sachsen gab es viel zu wenige Wälder, die noch naturbelassen waren und die nötige Resilienz aufweisen, auch mit den zunehmenden Klimaextremen fertigzuwerden.

Und die 5 Prozent als Zielmarke waren auch keine sächsische Erfindung, sondern stammen aus der Nationalen Strategie der biologischen Vielfalt (NBS), die bundesweit eine Stilllegung von Waldfläche vorsieht, um mehr widerstandsfähige Wälder zu schaffen, die zu wichtigen Inseln für die bedrohte Artenvielfalt werden können.

Als die neue sächsische Regierungskoalition das abgewandelt in ihren Koalitionsvertrag übernahm, freute sich sogar der NABU Sachsen: „Positiv ist auch das Ziel, bis Ende 2022 zehn Prozent der Flächen des Staatswaldes aus der wirtschaftlichen Nutzung zu nehmen. Bislang läuft Sachsen dem bundesweiten Ziel von fünf Prozent ungenutzter Waldfläche bei weitem hinterher, wie die gemeinsame Wildnisstudie von NABU und BUND Sachsen im August 2019 offenbarte. ‚Umso wichtiger, hier endlich aktiv zu werden und sich ambitionierte Ziele zu setzen – und einzuhalten‘, konstatiert Heinitz.“

Schon 2019 im Koalitionsvertrag aufgeschrieben

Im Koalitionsvertrag war es noch etwas genauer formuliert, denn den Löwenanteil von Wald, der unter Prozessschutz gestellt werden soll, soll der Freistaat selbst mit seinem Landeswald beisteuern: „Wir wollen erreichen, dass gemäß der Nationalen Biodiversitätsstrategie der Anteil ungenutzter Wälder an der gesamten Waldfläche langfristig auf fünf Prozent gesteigert wird. Wir werden dabei verantwortungsvoll und vorbildlich vorangehen, mit dem Ziel, bis Ende 2022 zehn Prozent der Flächen des Staatswaldes aus der wirtschaftlichen Nutzung zu nehmen.“

Viel kleiner darf die Zielgröße gar nicht sein, sonst entstehen eben nicht genug zusammenhängende Flächen, damit sich Artenvielfalt wieder stabilisieren kann und genügend „Trittsteine“ (wie es das Positionspapier benennt), damit zwischen den Biotopen auch funktionierende Übergänge entstehen, die eine Vernetzung der Populationen ermöglichen.

Wald muss doch bewirtschaftet werden …

Dass die Unterzeichner des Positionspapiers nicht wirklich von der generellen Bewirtschaftung der Wälder abrücken möchten und vor allem Wälder nach wie vor als etwas betrachten, das gepflanzt und gebaut werden muss, machen sie dann am Ende ihres Schreibens deutlich: „Ohne eine sorgsame Bewirtschaftung der Wälder durch ausreichend forstliches Fachpersonal werden die Herausforderungen des Klimawandels zulasten der folgenden Generationen negiert, in dem u. a. bis auf Weiteres keine standort- und klimaresilienten Baumarten bevorzugt werden, Holz als wichtige Substitutionsquelle missachtet und aktuell die vorhandenen nachhaltigen Ressourcen ungenutzt bleiben.

Zusammenfassung: Integrative, nachhaltige und aktive Waldbewirtschaftung auf ganzer Fläche hilft, den Klimawandel zu bewältigen. Wir fordern, auf großflächige Stilllegungen von Waldflächen zu verzichten.“

Dass es viel lebendiger wird in Wäldern, die „stillgelegt“ wurden (im forstwirtschaftlichen Sinn), werden dann wohl die sächsischen Umweltvereine und die Biodiversitätsforscher erklären müssen, die sich professionell mit Resilienz und Artenvielfalt der Wälder beschäftigen – und mit deren Verlusten genau da, wo sie vor allem nur als Nutzwälder betrachtet werden.

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