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Lok Leipzig fühlt sich im Stich gelassen

Von Marko Hofmann, Michael Freitag & Jan Kaefer

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    Nach der Randale beim Sachsenpokal-Halbfinale in Bischofswerda hat sich der 1. FC Lok Leipzig an die Öffentlichkeit gewandt. In einem langen Statement verurteilte der Klub das Verhalten einiger Zuschauer im Gästeblock, erklärte, von „vielen Institutionen keine oder nur unzureichende Unterstützung zu erhalten“ und kritisierte die Bedingungen in Bischofswerda. Der Bischofswerdaer FV beantragte am Montag den Ausschluss des 1. FC Lok aus dem Landespokal.

    Zwei Tage nach dem Einzug ins Sachsenpokal-Finale ist bei Lok Leipzig wenig Vorfreude auf den Finaltag zu spüren. Schon am Sonntag mussten sich die Elfmeter-Helden Felix Brügmann und Benjamin Kirsten die mediale Aufmerksamkeit mit Chaoten im Lok-Block teilen. Vor dem Spiel war es zirka 100 Personen gelungen, unkontrolliert in den Fanblock zu gelangen, mit Spielbeginn zündeten sie Pyrotechnik und demontierten während des Spiels den als Sicherheitszaun fungierenden Bauzaun. Die Polizei verhinderte einen Platzsturm. Damals wie heute ist man sich beim 1. FC Lok sicher, dass man es bei diesen Menschen nicht mit Lok-Fans zu tun hat.

    Sie nennen sich nur noch selbst so und schauen während des Spiels nicht einmal auf den Platz.

    In einem am Dienstagnachmittag, 28. März, veröffentlichten Statement verbittet sich der Klub jegliche Verbindung zwischen diesen Personen und dem Verein. „Unter diesen Personen befanden sich u.a. Leute aus Lok-fremdem Umfeld, Personen mit bundesweitem Stadionverbot und Personen, die in Probstheida seit geraumer Zeit Hausverbot haben“, heißt es in der Erklärung, die mit ihren weiteren Formulierungen einigen Wind in den ostdeutschen Amtsstuben aufwirbeln wird.

    Wenige Personen reichten aus, um den Leipzigern das Fußballfest in Bischofswerda zu vermiesen. Foto: Jan Kaefer (Archiv)
    Wenige Personen reichten aus, um den Leipzigern das Fußballfest in Bischofswerda zu vermiesen. Foto: Jan Kaefer (Archiv)

    Lahmende Ermittlungen, fehlende Gerichtsurteile

    Denn der Klub fühlt sich im Umgang mit dieser kriminellen Klientel seit längerer Zeit und vielfach im Stich gelassen und muss sich erneut erstmal selbst helfen. Anhängige Verfahren kommen nicht zur Anklage, längst identifizierte Straftäter werden nicht verurteilt, die Polizei ermittelt ohne Konsequenzen gegen Menschen, die auch mit den Vorfällen am 11. Januar 2016 beim Überfall auf die Wolfgang-Heinze-Straße in Verbindung stehen oder Anschläge auf sächsische Justizminister begehen.

    „Da der Verein von vielen Institutionen keine oder nur unzureichende Unterstützung erfährt, werden zum Selbstschutz in Zukunft weitere Maßnahmen ergriffen, die zu gegebener Zeit bekanntgegeben werden“, heißt es nun seitens Lokomotive Leipzig.

    Auf Nachfrage von L-IZ.de erläutert Vizepräsident Alexander Voigt die Problematik aus Sicht des Vereins: „Wir kommen uns von der Justiz im Stich gelassen vor. Wir müssen ständig hinterher telefonieren und stehen derweil jede Woche vor demselben Problem, dass wir Fußballspiele absichern müssen.“ Vor fast zwei Jahren endeten alle Aufstiegshoffnungen des 1. FC Lok auch nachdem Zuschauer im Gästeblock beim Spiel bei Rot-Weiß Erfurt II für einen Spielabbruch sorgten.

    Seit Januar 2017, also nach 17 Monaten und nachdem Fans des Vereins bei der Identifizierung von potenziellen Tätern binnen zwei Wochen eine Vielzahl von Hinweisen sammelten, sind die Ermittlungen nun wohl abgeschlossen. Lok hat seitdem über 40 Pflichtspiele bestritten, von denen die Täter zumindest die Auswärtsspiele ungehindert hätten besuchen können. Zwar werden die Verfahren demnächst eröffnet und Lok hat schon Hausverbote ausgesprochen, aber nur Rot-Weiß Erfurt kann für zukünftige Auswärtsbegegnungen Stadionverbote aussprechen.

    Ob das der Thüringer Verein machen wird, ist offen.

    Dunkle Wolken über Probstheida. Welche Konsequenzen werden die Ausschreitungen für den Verein haben? Foto: Jan Kaefer (Archiv)
    Dunkle Wolken über Probstheida. Welche Konsequenzen werden die Ausschreitungen für den Verein haben? Foto: Jan Kaefer (Archiv)

    Selbst wenn …

    Ein bundesweites oder regionales Stadionverbot zählt nur für Fußballspiele ab der 4. Liga. Bei Fußballspielen darunter, wie beispielsweise dem Sachsenpokal-Halbfinale in Bischofswerda, können Gewalttäter, die Stadionverbot haben, trotzdem legal ein Spiel besuchen und jederzeit versuchen, ein Schlachtfeld im Stadion zu inszenieren – wie am vergangenen Sonntag.

    Ein Stadionverbot oder ein Hausverbot sind zudem schwer durchzusetzen, wie Martin Mieth, beim 1. FC Lok Geschäftsführer der Spielbetriebs-GmbH und ehrenamtlich als Sicherheitsbeauftragter für die Organisation und Betreuung von Heim- und Auswärtsspielen zuständig, zu bedenken gibt. „Wir bekommen von den Behörden nur Name und Adresse der verurteilten Personen. Aus datenschutzrechtlichen Gründen haben wir keine Fotos, die wir etwa unseren Ordnern zeigen könnten. Abgesehen davon, dass sich nicht alle Ordner alle Gesichter merken können.“

    In Bischofswerda war dies bei 40 gewerblichen Ordnern ein Ding der Unmöglichkeit.

    Passive Ordnungshüter vor Ort

    Der Verein ist also darauf angewiesen, dass Szenen wie in Bischofswerda gar nicht erst passieren oder die Polizei direkt durchgreift. Wie 2015 in Erfurt schaute die Polizei bei mehreren Straftaten im Gästeblock nur zu, ließ sich bewerfen und mit Bier bespucken, griff nicht durch. Zu gefährlich, so war die Lage für die Einsatzbeamten eingeschätzt worden. Was sie nicht wussten – ein L-IZ-Reporter saß nur fünf Meter vom Gesprächsort entfernt.

    Ein Zuschauer wandte sich per Leserbrief an L-IZ und schilderte, was er am Sonntag im Gästeblock wahrgenommen hatte. Aus seiner Sicht handelte es sich bei den Chaoten „um eine große Menschenmenge, die am gesamten Spiel nicht interessiert war. So gab es schon Schlägereien unter den einzelnen Gruppierungen sowie einzelne Gruppen, die eher an einen Rummelplatzbesuch mit Bier und Bratwurst erinnerten, als an einen Fußballbesuch. Unter den randalierenden Menschen waren einige, die innerhalb (sic!) des Spiels mehrfach Ihre Kleidung (Pullover, Jacken, Hosen etc.) wechselten um nicht aufzufallen. Eine dieser Personen beschimpfte während des Spiels immer wieder die ruhigen und friedlichen Lok-Fans, die wahren Fans mit ‚Ihr seid nicht Lok‘.“

    Die anwesende Polizei filmte die Aktionen der Meute, eine Auswertung wird aber wie im Falle Erfurt wohl erneut mehrere Jahre dauern. „Der Gästeblock verkommt so zum rechtsfreien Raum, in dem sich die Polizei mit Ketchup-Flaschen und Bier bewerfen lässt“, äußerte sich Voigt frustriert.

    Das massive Polizeiaufgebot rettete letztlich den Nachmittag noch, der ein weit schlimmeres Ende hätte nehmen können. Zum einen waren „nur“ 1.700 Personen im Lok-Fanblock und nicht 2.800, für die es mindestens Karten gegeben hätte. Auch, weil der Veranstalter nicht genau wusste, wie viele Karten er für den Bereich eigentlich verkaufen kann – und sogar anbot, im Zweifel noch mehr zu verkaufen. Zum anderen drang der 1. FC Lok darauf, dass seine Fans den Vorverkauf nutzen sollen, was bei zwei Tageskassen in Bischofswerda die Gemüter derer, die eine Karte hatten und wollten, entspannt haben dürfte.

    „Dennoch muss sich auch der Veranstalter gewisse Fragen zum Sicherheitskonzept gefallen lassen, was mit einer meterbreiten Brücke vor dem Einlass begann und mit mangelhaften Fluchtwegen endete“, so erwähnter Leser, der nachweislich selbst vor Ort war.

    Der Bischofswerdaer FV hat sogar den Ausschluss des 1. FC Lok aus dem Landespokal beantragt. Foto: Jan Kaefer (Archiv)
    Der Bischofswerdaer FV hat sogar den Ausschluss des 1. FC Lok aus dem Landespokal beantragt. Foto: Jan Kaefer (Archiv)

    Vorgespräche mit uneinsichtigen Partnern

    Schon im Dezember hatte Martin Mieth Kontakt zum Bischofswerdaer FV aufgenommen und eine Verlegung nach Leipzig schmackhaft gemacht, sein Angebot Anfang des Jahres verbessert. Der Heimverein hatte allerdings zusammen mit der Stadt ein Konzept entwickelt, was die Polizei absegnete.

    Der Sächsische Fußballverband stimmte aufgrund dessen der Austragung in Schiebock zu. Zu den ersten Sicherheitsberatungen wurden keine Vertreter des FCL eingeladen, erst zur letzten, als auch das Stadion begangen wurde. Ein entsprechendes Protokoll, dessen Anfertigung üblich ist und was an Polizei, Vereine, Verband, Stadt und Sicherheitsdienst gesandt wird, existiert bis heute nach L-IZ-Informationen nicht.

    Darin ist noch mal für alle Akteure festgehalten, wie viel Security gebraucht wird, mit wie vielen Zuschauern gerechnet wird, welchen Kategorien diese zugeordnet werden, wie ihre Anreise erfolgt. Auch, ob sie vom Bahnhof abgeholt werden müssen, wie viel Feuerwehr und Sanitäter am Tag anwesend sein werden, wie viele Einlasskontrollen es geben wird, welche Fanutensilien erlaubt sind et cetera.

    In der Erklärung von Lokomotive Leipzig vom Dienstag heißt es reichlich frustriert: „Der Bischofswerdaer FV, der sonst im Durchschnitt Spiele vor 180 Zuschauern austrägt, war absolut überfordert mit der Situation.“

    Unterdessen hat der Bischofswerdaer FV am Montag beim Sächsischen Fußballverband den Ausschluss des 1. FC Lok aus dem Landespokal beantragt. Laut Sächsischer Zeitung begründet dies Präsident Jürgen Neumann mit dem „Fehlverhalten einiger Fans“. Große Chancen dürfte er sich nicht ausrechnen können. Schiedsrichter Tim Ziegler hat das Spiel nicht eine Sekunde aufgrund von Fan-Fehlverhalten unterbrochen und auch keinen Sonderbericht verfasst.

    Auch dies allein beschreibt wohl das eigentliche Problem auch der sächsischen Fußballverantwortlichen exakter als alle anderen Erklärungsversuche für das Handeln Krimineller, die offenbar einen Freibrief haben, jedes Fußballspiel in Stadien als Hintergrund für Gewalt zu nutzen. Während Polizei, Staatsanwaltschaften und Schiedsrichter wegschauen.

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