Der lange Weg zurück: Aufsteiger HC Leipzig ist ins Abenteuer 2. Bundesliga gestartet

Für FreikäuferLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 71, seit 27. September im Handel Als im Juli 2017 die HC Leipzig Bundesliga GmbH Insolvenz anmelden musste, lag der bis dahin so erfolgreiche Frauenhandball der Stadt faktisch am Boden. Nahezu alle Spielerinnen suchten ihr Glück bei anderen hochklassigen Teams. Leipzig wurde zwei Ligen strafversetzt und musste von der 3. Bundesliga aus den Neuanfang starten.

So ganz von Null mussten die Blau-Gelben jedoch nicht beginnen, denn in dieser 3. Liga spielte ja sowieso bereits das HCL-Juniorteam. Dessen Akteurinnen waren zwar durchweg von jugendlichem Alter, hatten aber eine exzellente Handball-Ausbildung genossen.

Einige hatten zudem bereits Erfahrungen im Frauenteam und/oder in Auswahlmannschaften sammeln können. Unter dem Dach des HC Leipzig e. V. sollte der lange Weg zurück nun angetreten werden. Doch bevor das überhaupt möglich war, mussten der neu gewählte Präsident Rainer Hennig und seine Vorstandskollegen den Verein innerhalb kürzester Zeit von einem 155.000 Euro hohen Schuldenberg befreien. Das gelang durch den Verzicht aller Gläubiger und so startete das blutjunge HCL-Team 2017/2018 in die Drittliga-Saison.

Mit 13 Siegen und 9 Niederlagen kam Leipzig am Ende im sicheren Mittelfeld auf dem 7. Platz ein. Für die Saison 2018/2019 waren dann schon einige gezielte Verstärkungen drin – und es wurde ein Spieljahr zum Einrahmen. Nur drei Punkte ließ die Mannschaft im Laufe der gesamten Saison liegen, gewann 20 von 22 Partien und stieg ungefährdet in die 2. Bundesliga auf.

„Für diese Saison ist die größte Herausforderung, dass wir mit dem relativ kleinen Etat gut über die Runden kommen. Wir haben einen Etat von etwa 360.000 Euro, das liegt in der 2. Liga im unteren Bereich“, erklärt HCL-Präsident Hennig. „Wir haben uns vorgenommen, in der 2. Liga zu bleiben. Schön wäre ein einstelliger Platz, aber ich glaube, um den Abstieg werden wir nicht mitspielen müssen. Ich traue der Mannschaft viel zu. Wer allerdings das erwartet, was wir in der letzten Saison hatten, dann ist das Träumerei. Denn das war eine Traumsaison, und ich weiß nicht, ob es die jemals wieder geben wird.“

Der Titel der neuen LEIPZIGER ZEITUNG: Jetzt überall im Handel

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Der 73-Jährige wird sich Ende des Jahres jedoch „aus gesundheitlichen und privaten Gründen“ von seinem Amt zurückziehen, wie er bereits vor Saisonbeginn öffentlich machte. „Die letzten zwei Jahre waren richtig hart. Einen Verein, der kurz vor der Insolvenz stand, innerhalb von zwei Jahren nicht nur wirtschaftlich zu konsolidieren, sondern ihn mit dieser Mannschaft, diesem Trainerteam und meinen Präsidiumskollegen in die 2. Liga zu führen, war wirklich mehr als anstrengend“, blickt Hennig zurück.

Dass die Mannschaft auch in der 2. Bundesliga nicht zu unterschätzen ist, bewies sie gleich am ersten Spieltag in der heimischen Sporthalle Brüderstraße. Hier schickte sie den Vorjahres-Vierten TVB Wuppertal mit 33:27 wieder nach Hause und verbuchte so die ersten wichtigen Punkte.

„Wir sind megastolz und glücklich, heute hier die zwei Punkte geholt zu haben, denn das konnten wir im Vorfeld nicht unbedingt erwarten“, freute sich HCL-Trainer Jacob Dietrich. „Wir haben von Anfang an das umgesetzt, was wir uns vorgenommen hatten. Das heißt, wir wollten aggressiv in der Abwehr sein und mit viel Tempo nach vorne spielen. Das ist uns gerade in der 1. Halbzeit sehr gut gelungen. In der 2. Halbzeit hat man zwischendurch gemerkt, dass noch ein bisschen Erfahrung fehlt. Aber insgesamt bin ich sehr zufrieden.“

Für die noch immer sehr junge Truppe wird es vor allem auch darum gehen, sich möglichst schnell auf die Anforderungen der neuen Spielklasse einzustellen. „Es ist eine Liga höher, das heißt, das Tempo ist höher, und die Körperlichkeit ist deutlich präsenter als das in der 3. Liga der Fall war. Aber genau darauf haben wir uns in den letzten Wochen entsprechend vorbereitet. Wir haben versucht, uns athletisch auf ein höheres Niveau zu spielen und taktisch auf ein höheres Level zu bringen. Das hat heute gut funktioniert, trotzdem warne ich davor, jetzt zu glauben, dass das noch mal so eine Saison wird wie letztes Jahr“, bleibt Trainer Dietrich realistisch.

Wie recht er damit hatte, zeigten die beiden folgenden Derbys gegen die Spitzenteams BSV Sachsen Zwickau und SV Union Halle-Neustadt. In Zwickau, das übrigens vom ehemaligen HCL-Coach Norman Rentsch trainiert wird, fiel die Niederlage mit 20:27 schon recht deutlich aus. Im Heimspiel gegen den Aufstiegsaspiranten aus Halle hieß es dann sogar 32:41. Zum aktuellen Zeitpunkt belegt der HC Leipzig damit den 11. Tabellenplatz.

„Ich glaube, dass 32 eigene Tore sehr ordentlich sind, aber 41 Gegentore natürlich zu viel sind, gar keine Frage. Dort wollten wir eigentlich mehr Druck ausüben, aber das ist uns heute nicht gelungen“, so Dietrichs Fazit zur Heimniederlage gegen die Wildcats aus Halle. „Wir haben es im Angriff sehr ordentlich gemacht, aber müssen noch lernen, in der Abwehr mit mehr körperlicher Härte dagegenzuhalten und noch aktiver zu sein, um die gefährlichen Fernwurfschützen weiter weg vom Tor zu halten.“

Dass die beiden deutlichen Schlappen seine Mannschaft in ein mentales Tief ziehen werden, glaubt Jacob Dietrich indes nicht. „Wir sind als Trainer ja dazu da, dafür zu sorgen, dass wir die Köpfe wieder hochbekommen. Ich bin auch überzeugt, dass wir das hinbekommen, weil wir eine motivierte Truppe haben. Daher mache ich mir keine Sorgen, dass wir jetzt psychisch zusammenfallen. Im Gegenteil: Wir ziehen die Motivation raus, es gegen Rosengarten schon wieder besser machen zu dürfen.“

Die Partie gegen die „Handball-Luchse“ Buchholz 08-Rosengarten – am 13. Oktober um 16 Uhr in der Sporthalle Brüderstraße – wird gewiss eine weitere harte Prüfung für die Moral der Liganeulinge aus Leipzig. Denn in den letzten beiden Jahren hatte Rosengarten die 2. Bundesliga sportlich dominiert, konnte sein Aufstiegsrecht jedoch aus finanziellen Gründen nicht wahrnehmen.

Der Weg zurück in die Beletage des deutschen Frauenhandballs würde für den HC Leipzig nicht leicht werden. Das war und ist allen Beteiligten klar. Doch Verein und Team stellen sich den wachsenden Anforderungen. „Unsere Zielstellung ist der Klassenerhalt – und wir haben uns vorgenommen, dafür dreißig Spiele lang alles zu geben“, verspricht Jacob Dietrich.

Alle für Einen, Einer für Alle - Auf seine Fans kann der HCL zählen. Foto: Jan Kaefer

Alle für Einen, Einer für Alle – Auf seine Fans kann der HCL zählen. Foto: Jan Kaefer

Die Leipziger Zeitung, Ausgabe September 2019 ist am 27. 09. 2019 erschienen und hier zu kaufen.

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