„Es ist ein richtig schöner leiser Krieg“: Schach – Kein Spiel für Schöngeister

Für alle LeserLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 83, seit 25. September im HandelSowohl die landläufige als auch die herrschende Meinung irren. Schach ist weder ein beliebiges Brettspiel noch intellektuelles leichtes Geplänkel. Das königliche Spiel, welches wohl vor anderthalb Jahrtausenden irgendwo in Persien oder Indien erdacht wurde, ist ein echter Sport. Meine These: eine Kampfsportart mit relativ wenig Körpereinsatz. Suchen wir nach Beweisen.
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„Für meine Begriffe ist Schach zwar eher friedlich, aber dennoch ein abstraktes Kriegsspiel.“ Hendrik Hoffmann ist einer der Kadertrainer des Sächsischen Schachbundes. Schach sei vermutlich von Anfang an ein Stellvertreterspiel gewesen, ein Kriegsplanspiel. Schwarze und weiße Truppen bekriegen sich mit List und Tücke auf 64 Feldern und wollen den gegnerischen König zur Strecke bringen.

Aber Schach ist vor allem stets ein Zweikampfsport, sprich ein Duell, welches nur einer gewinnen kann. Für das unbedingte Ziel, den Kontrahenten zu besiegen, ist laut Hoffmann ein gesundes Maß an Ehrgeiz und Egoismus unabdingbar. „Das kann intellektueller Natur sein oder Wille.“ Mit anderen Worten Kampfgeist. Es gilt, Ideen zu entwickeln, um zu siegen. Ideen sind nicht einfach nur Züge. Es gilt, die Phantasie zu beflügeln. Ich stelle mir vor, dass das harte Arbeit ist.

Kevin Dannhäuser sieht darin eher Kreativität, die man nicht lernen kann. Für den Jugendtrainer des Zwickauer SC zählen aber auch Fleiß, Durchhaltevermögen sowie Ehrgeiz zu den Tugenden erfolgreicher Schachspieler. Und dementsprechend gibt es unterschiedliche Spielertypen, die Dannhäuser in seiner Trainingsgruppe vereint und deren Charaktere er in ihrem Spiel wiederfindet.

Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 83, Ausgabe September 2020. Foto: Screen LZ

„Ich erkenne CDU-Wähler an ihrem wenig risikobereiten, konservativem Schachspiel! Schach sagt wirklich viel über die unterschiedlichen Menschen aus.“ In seiner Trainingsgruppe gibt es Trainingsfleißige, die auch noch zu Hause über Schachbüchern hocken und büffeln. Damit gleichen sie vielleicht das Genie der Begabteren aus.

Andere sind fast schon trainingsfaul, kommen früh auch nicht so schnell aus den Federn und wollen einfach nur Schach spielen und sich an der Ästhetik des Spiels erfreuen. Dann sind da Verbissene, die unbedingt etwas erreichen wollen. Und natürlich Strategen, die immer einen passablen Plan als Orientierung im Schach und im Leben haben.

Auch für Dannhäuser ist Schach definitiv emotional, ein Wettkampf. Eine neue Partie sieht er als neue Herausforderung. Zugleich betont er das Verbindende, das Miteinander.

„Jeder ist wichtig im Wettstreit um die richtigen Ideen, die richtigen Züge und die richtige Einschätzung einer Schachstellung.“ Das vereint die Schachspieler. Es herrschen gleiche Voraussetzungen für alle. Attribute wie Alter, Religion, Geschlecht, Einkommen seien unwichtig. Schach im Verein hat zweifellos eine starke soziale und integrative Komponente. „Für mich war und ist Schach auch ein Stück Heimat!“

Eine eigenartige Kampfsportart

All dessen ungeachtet lief Schach 2014 Gefahr, die Förderung und Anerkennung als Sportart des Bundesinnenministeriums zu verlieren. Die „eigenmotorische Aktivität des Sportlers“ sei nicht ausreichend vorhanden. In der Frage, was Sport zu Sport macht, drängen sich Parallelen zu Schießen, Angeln, Motorsport oder Skat auf.

„Als Leistungssport funktioniert Schach nicht anders als andere Sportarten“, urteilt Tatjana Melamed. „Es gibt ein Wettbewerbssystem, es gibt leistungssportliche Ziele, wie zum Beispiel Weltmeister werden. Dafür wird hart gearbeitet“, so die Landestrainerin Sachsen-Anhalts. Ein Schachprofi arbeite am Schachbrett sieben bis acht Stunden am Tag.

Es gebe keine anderen Hobbys, oder genauer gesagt, keine Zeit dafür. Auch ihre Schachkinder im Landeskader müssen neben der Schule nur Schach machen – keine Ferien, keine Freizeit, keine anderen Hobbys. „Nur so kann Leistungssport funktionieren!“

Im Schach gibt es selbstverständlich auch Doping. Einige Medikamente können die Konzentrationsfähigkeit stärken oder zumindest die Ruhe für die Konzentration verbessern. Beispielsweise senken Betablocker den Blutdruck sowie die Pulsfrequenz. Außerdem können Schachprogramme auf Smartphones beim Berechnen von Zugkombinationen helfen. Sozusagen eDoping.

Rasenschach oder Computerspiel

Trotz der Schachcomputer ist das Spiel dennoch nicht ausanalysiert und nicht totzukriegen, beteuert Dannhäuser. „Jede Stellung ist für mich immer wieder neu“, sagt er. Dabei wird die Anzahl der möglichen Stellungen auf mehr als 10 hoch 43 geschätzt. Bereits nach zwei Zügen können 72.084 verschiedene Stellungen entstehen. Hier schnuppern wir definitiv an der Magie dieses hochkomplexen Brettspiels, welches für viele Nichtschachspieler verborgen bleiben mag.

Wenn es schon nach einem Dutzend Züge mehr Möglichkeiten als Sterne im Weltall gibt. Kein Wunder, dass selbst Schachweltmeister gegen künstliche Intelligenz den Kürzeren ziehen. Umso spannender findet Dannhäuser die ewig junge Diskussion, die Suche, den Austausch und den Wettstreit um die richtige Einschätzung.

Volle Konzentration auch im Training: Luca Englert (links) und Florian Schön vom VfB Schach Leipzig. Foto: Frank Willberg

Volle Konzentration auch im Training: Luca Englert (links) und Florian Schön vom VfB Schach Leipzig. Foto: Frank Willberg

Die Deutsche Schachjugend hat eine kleine Hymne namens „Schwarz oder Weiß“ komponieren lassen. In der zweiten Strophe heißt es mit Refrain sehr zutreffend:

„Gestern ist wie heute, und heute ist wie morgen,
Vor über 1.000 Jahren wurde dieses Spiel geboren.
Mit List und Tücke stell ich eine Falle,
Versuche viele Tricks, doch du kennst sie alle.
Ich suche eine Lücke, die Figurenwand zu sprengen,
Mit Idee und Fantasie den König einzuengen.

Konzentriert aufs Brett fixiert
Steigt die Spannung an.
Es ist ein schöner leiser Krieg,
Wo kein Blut fließt, es keine Toten gibt.
Schwarz oder Weiß,
Komm und spiel das Spiel der Spiele,
Kalt oder heiß, Zug um Zug!“

Dennoch wird „Rasenschach“ eher als schmähliche Bezeichnung eines langweiligen Fußballspiels verwendet. Die Analogie ist offensichtlich: Es passiert für den Zuschauer nicht wahnsinnig viel. Die Zeit vergeht gefühlt langsamer.

Sieben Stunden wie im Tunnel

Aber wie erleben es Schachspieler/-innen? „Eine 7-Stunden-Wettkampfpartie ist wie ein Film. Es gibt darin alles: Spannung, Enttäuschung, Freude. Für mich ist jede Partie sehr emotional“, beschreibt es Melamed. Und als Trainerin, wenn sie ihre Schützlinge beobachtet, sei es noch viel schlimmer.

„Was mich am Schach fasziniert, ist die Möglichkeit, dank der eigenen Fähigkeiten die Partie zu gewinnen.“ Das erfordere starke Nerven, einen klaren Kopf, Charakter und Kampfgeist. „Es ist eine Kunst, den richtigen Plan zu finden, den Figuren eine Aufgabe zu geben, prophylaktisch zu denken, gegnerische Pläne zu erkennen, gut zu manövrieren und gute Entscheidungen zu treffen“, so Melamed.

Trainer können also taktische Motive schulen, technische Gewinnwege üben und ein strategisches Verständnis für unterschiedliche Stellungsbilder wecken. „Schach schult das kombinatorische Denken in alternativen Zweigen“, erläutert Trainerkollege Hoffmann. Taktische Logik nach dem Muster „Wenn das, dann das“. Die Rechenergebnisse von Kombinationen müssen eingeschätzt werden.

So wie man gegebenenfalls immer besser einen Plan bei der Hand hat, wie sich das Spiel entwickeln soll. „Ich versuche als Spieler, stets Minipläne durchzusetzen und taktische Dinge nebenbei mitzurechnen.“ Dabei ist es psychologisch wichtig, sich nur mit der Stellung zu beschäftigen und den Kontrahenten nicht in seinen Kopf zu lassen.

„Irgendwann komme ich dann in einen Tunnel und nehme neben dem Schachbrett nicht mehr viel wahr“, schildert Hoffmann das „Versinken in die Schachpartie“. Essen und Trinken erfolge eher unbewusst. Er merkt auch nicht, wie die Zeit vergeht.

Trotz aller Emotionalität des Duells einerseits versuchen Schachspieler also andererseits kühl wie Computer zu agieren. Kämpfen und siegen wollen und doch präzise rechnen und urteilen. Autodidaktische Computerprogramme wie AlphaZero können in wenigen Trainingstagen Millionen Testpartien spielen, ohne auch nur eine Sekunde unkonzentriert zu sein oder psychologische Schwächen zu zeigen.

Maximilian Widmann erkämpfte sich als Elfter der Setzliste im U12er-Feld einen starken 5. Platz. Foto: Frank Willberg

Maximilian Widmann erkämpfte sich als Elfter der Setzliste im U12er-Feld einen starken 5. Platz. Foto: Frank Willberg

„Ich denke, also bin ich“

Irren mag menschlich sein. Aber wenn wir schon in Phrasen abgleiten in Bezug auf Schach, dann macht Versuch auch klug. Nachdem Persien von den Arabern erobert wurde, brachten diese das Schachspiel nach Europa. Seit dem 13. Jahrhundert zählt es hier zu den Tugenden der Ritter. Und der Ausspruch des französischen Philosophen René Descartes im Jahr 1644 „Ego cogito, ergo sum“ scheint maßgeschneidert auf das Spiel: „Ich denke, also bin ich“.

Und wir können ergänzen: Ich spiele Schach, also kämpfe ich und konzentriere mich. Studien haben gezeigt, dass Schach bei Kindern die Konzentrationsfähigkeit und damit ihre schulischen Leistungen verbessert. Wie gut es um das strategisch vorausschauende und komplexe Denken bestellt ist, konnten Kinder und Jugendliche aller Altersklassen kürzlich bei der sächsischen Qualifikation zur Deutschen Einzelmeisterschaft unter Beweis stellen: Fünf Leipziger Schach-Assen gelang die Qualifikation!

Die neue „Leipziger Zeitung“ Nr. 83: Zwischen Ich und Wir

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