Bei der Übergabe des Jahresgutachtens 2026 der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) an den Bundeskanzler machte dieser in der Pressekonferenz eine seiner gefürchteten Aussagen. Man muss dabei selbstverständlich anmerken, dass Friedrich Merz kein forschender Wissenschaftler ist. Rein spekulativ könnte man das auch so ausdrücken: Er hat keine Ahnung von der Materie.

Er sagte wörtlich: „Forschung ist kein Selbstzweck. Forschung muss zu Wertschöpfung, Produktion und Innovation in Deutschland und in Europa führen.“

Natürlich grenzt er das nicht ein; er sagt nicht, welche Forschung, und so kann man diese Aussage als Angriff auf die Freiheit der Forschung sehen. Diese ist in Artikel 5 (3) des Grundgesetzes für die Bundesrepublik verankert: Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.

Hier könnte der Artikel schon enden, es gibt aber noch eine andere Komponente. Wenn Forschung kein Selbstzweck, also nicht frei ist, nützt das der Wirtschaft?

Es gibt ja diese zweckgebundene Forschung längst, diese geschieht in Unternehmen oder auch in Institutionen wie der SPRIND, der Bundesagentur für Sprunginnovationen. Dort wird themen- und zweckgebunden geforscht, um konkrete Probleme zu lösen.

Soll das auch für universitäre Forschung gelten?

Abgesehen vom Grundgesetz wäre eine solche Entwicklung fatal: Wer legt denn die Richtung der Forschung fest? Macht das die Wirtschaft, dann wird nur noch an dem geforscht, was kurzfristig Rendite bringt. Sollte die Politik, genauer die Bundesregierung, über Forschungsinhalte bestimmen, dann würde aktuell wohl die an den erneuerbaren Energien eingestellt und dafür „hocheffiziente Verbrenner“ und „alternative Kraftstoffe“ erforscht.

Interessant ist, dass konkret dieses Thema am 24. Oktober 2025 auf einer Veranstaltung der Sächsischen Akademie der Wissenschaften angesprochen wurde.

Beim „Kamingespräch zur Freiheit der Wissenschaft“ mit Prof. Armin Willingmann, Minister für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt des Landes Sachsen-Anhalt, und dem Journalisten Jan-Martin Wiarda geschah das im Zusammenhang mit China.

Jan-Martin Wiarda: Ich will jetzt mal so ein bisschen den Advocatus Diaboli spielen und sagen, es gibt auch Länder, die ohne ausgeprägte Wissenschaftsfreiheit gerade innovationstechnisch recht erfolgreich dastehen, nehmen wir China zum Beispiel. Oft argumentieren wir sehr schnell, dass Wohlstand auch bedingt ist durch Wissenschaftsfreiheit, durch Innovationsfreiheit, und dann sehen wir, es gibt auch Systeme, die scheinen ohne auszukommen.

Prof. Armin Willingmann: Das ist gar nicht zu leugnen. In der Tat stellen wir fest, dass eine staatlich sehr, sehr stark reglementierte, auch beauftragte Wissenschaft, wie in China, durchaus reüssierend und erfolgreich sein kann. Ich würde in Europa, ich würde vor allem bei uns in Deutschland sehr, sehr stark allerdings darauf abstellen, dass wir diese Kultur brauchen. Für uns ist es eben ein No-Go, sich vorzustellen, dass wir ausschließlich staatliche Auftragsforschung betreiben und dass wir uns vor allen Dingen vom Staat vorschreiben lassen, was wir nicht erforschen und wo eben nichts mehr passieren darf. Also selbstverständlich können Länder in Sachen Innovation durchaus erfolgreich sein. Für uns ist es aber integraler Bestandteil unseres Verständnisses von Wissenschaft und Forschung, dass sie frei ist und eben sich wehren kann gegen staatliche Beeinflussungen.

Das war nicht alles, es gab auch eine Nachfrage zum Thema vom Autor des Artikels und die Antwort von Prof. Willingmann. Diese war: „Ich glaube nicht, dass eine staatlich gelenkte Wissenschaft den Forschungsertrag bringen kann wie die freie Wissenschaft, wie wir sie kennen. Richtig ist, dass man sich durchaus dieser Erkenntnisse, die wir hier haben, leichter bedient.“

Im obigen Video können Sie die entsprechenden Teile im Zusammenschnitt sehen, die komplette Veranstaltung finden Sie als Videoaufzeichnung im Netz.

Fazit: Es ist wieder einmal eine dieser unüberlegten, vielleicht auch wohlkalkulierten Aussagen von Friedrich Merz. Er muss sich aber die Frage gefallen lassen, ob er in die grundgesetzlich verankerte Freiheit der Forschung eingreifen will und wenn ja, mit welchem Recht? Die andere spannende Frage ist: Wer soll festlegen, was erforscht werden soll? Machen das dann Politikerinnen oder Politiker, oder gleich „Die Wirtschaft“? In beiden Fällen ist nichts Gutes zu erwarten, besonders für die Grundlagenforschung.

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Bei “Sprunginnovation”, lieber Autor, möchte ich am liebsten immer noch ein “Ei-” davorsetzen. Aber das nur am Rande.

Jedenfalls weiß Herr Bundeskanzler nicht, wovon er bei “Forschung” spricht. Woher auch? (Seine BeraterInnen werden es auch nicht wissen.) Merz mag zwar dann und wann forsch aufgetreten sein. Aber den für Forschung zudem erforderlichen Zweifel kennt er nicht. So wird er glauben, das Maulaufreißen in der Forschung reicht, also sowas wie systematisch und planmäßig “Heureka!” zu rufen, und im Handumdrehen steht er da, der leibhaftige Goldesel, den man dann also ohne Umschweife vermarkten kann. Oder denkt Merz an Kampfroboter? Supi.

Und ansonsten kann ich Sie beruhigen, lieber Autor, die hiesige Forschungswelt kommt kaum noch auf eigene Gedanken, alles hechelt den Calls der einschlägigen Förderprogramme hinterher und plustert sich nach Kräften Call-gemäß auf, und die Calls strotzen oft genug von Anzeichen von Lobbyismus (call boys & girls – einmal anders). Mehr noch, die meisten, die in diesem längst gegängelten Forschungskosmos wirken, verpulvern die überwiegende Zeit in Antragsformalien und hinsichtlich ihres Fachgebietes ganz abseitigen Feldern, wie Finanzkalkulationen, tippen sich die Finger wund, um Call-gemäß paßförmige Projektkonsortien zu schmieden, deichseln in absurdester Weise Zeitpläne genau so, daß die behördlichen Förderer ja keinen formalen Makel finden, denn sonst geht es zurück auf Anfang, und die ach so hehre ForscherInnenkarriere fährt mitten in der schönsten Kettenbefristung ganz an den Baum. Und eine weitere schöne Ressourcenvergeudung ist das Berichtswesen für ForscherInnen: engmaschig ist niederzuschreiben, welche virtuellen Verrückungen möglich plangemäß wann und wie erfolgt ist. Das ist im Grunde ätzend.

Und die Industrie? Die ist offenbar schon lange zu doof für eigene angewandte Forschung. Sprichwörtlich händeringend sucht man nach Frischfleisch, also sog. Startups, die sich mit einem jeweiligen Spezialthema auf eine Ochsentour begeben hatten, aber üblicherweise im Erfolgsfall irgendwann eine Gelegenheit suchen, sich von einer Großfirma schlucken zu lassen, in der wiederum alle interne Energie in Hahnenkämpfen und dergleichen verpulvert worden ist, aber eben nicht in eigene Forschung oder, hier kommt das eigentliche Zauberwort, Entwicklung geleitet wurde.

Merz will Entwicklung, gar Produktentwicklung, durch Forschung und Wissenschaft. Das ist dummdreist.

Wiglaf Droste dichtete einst:

Früher war der Frosch noch forsch.
Heute sind die Knochen morsch.
Sein Greisentum erscheint ihm weise:
dieses ist die Altersmeise.

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