Friedrich Merz hat ein Problem, hier lässt sich der Begriff schwerlich mit Herausforderung ersetzen, er ist unbeliebt und das wird auch kommuniziert. Allerdings geht es bei seiner Äußerung im Spiegel-Interview wohl nicht darum, dass er geliebt werden möchte. Er möchte gern mit kompetent, zielstrebig und ähnlich wohlklingenden Termini in Verbindung gebracht werden.

Was hat er eigentlich gesagt?

„Noch mal einen Schritt zurück. Schröder hatte mit hartem Widerstand zu kämpfen, aber er wurde nicht so angefeindet, wie ich angefeindet werde. Ich bin nur gelegentlich auf Social Media unterwegs. Aber wenn Sie mal schauen, was dort über mich verbreitet wird, wie ich da angegriffen und herabgewürdigt werde – kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen. Ich beschwere mich nicht darüber, aber so ist es.“

So nachzulesen im Spiegel, der das auch gleich als Aufmacher, oder Aufreger, in der Headline nutzte.

Gehen wir einen Schritt zurück

Der Kunstgriff, dieser Vergleich mit Gerhard Schröder und dem Widerstand gegen die Agenda 2010, zieht sich durch den gesamten Artikel, ist aber bei den „Anfeindungen“ falsch. Als Schröder „angefeindet“ wurde, spielte sich vieles noch in einer relativ überschaubaren Medienlandschaft und an den Stammtischen des Landes ab.

In seiner Regierungszeit, die im November 2005 endete, spielten die sozialen Netzwerke kaum eine Rolle in Deutschland. Das 2004 gegründete Facebook hatte in Deutschland überschaubare Nutzerzahlen und Twitter, heute die toxische Plattform „X“, wurde erst 2006 gegründet. Der Spin „Ich bin nur gelegentlich auf Social Media unterwegs“ impliziert eine Vergleichbarkeit, die definitiv nicht gegeben ist.

Kein Bundeskanzler vor mir

Beginnen wir bei Angela Merkel, die 2015 in Heidenau als „Volksverräterin“ beschimpft und für die auf den Pegida-Demonstrationen bereits der Galgen gezeigt wurde. Das setzte sich bei den „Corona-Protesten“ fast nahtlos fort.

Kein Kanzler, aber immerhin Vizekanzler, war Robert Habeck. Da ging es richtig zur Sache, nicht nur mit „Schwachkopf“, „Quatschkopf“, der Verwendung von „Kinderbuchautor“ als Delegitimierung (auch durch Merz) oder „schlechtester Wirtschaftsminister“. Es ging bis zu Tätlichkeiten, wie der Blockade der Fähre in Schüttsiel durch aufgebrachte Landwirte.

In der Vor-Social-Media-Zeit sei an Eierwürfe gegen die „Birne“ Helmut Kohl erinnert, oder an den Grund, aus dem ein Wolfgang Schäuble im Rollstuhl saß. Das sollte genügen.

Es gibt genügend Beispiele von Anfeindungen gegen Politikerinnen und Politiker, bis hin zu Bundeskanzlerinnen und Bundeskanzlern. Friedrich Merz sollte besser etwas leiser weinen.

Was steht noch im Interview?

Merz will das Land, im Konsens, wieder auf Kurs bringen. Er weiß, dass Machtworte selten zum Erfolg führen und es am Ende Mehrheiten im Parlament braucht. Das sollte selbstverständlich sein.

Ob absichtlich oder nicht, er distanziert sich in gewisser Weise von Söder, wenn er sagt: „Drei unterschiedliche Parteien versuchen, einen gemeinsamen Regierungsauftrag zu erfüllen.“ Immerhin erscheint das bemerkenswert, kann man doch daraus schließen, dass es nicht nur in der Koalition, sondern auch in der Fraktion kriselt.

Ansonsten macht er kommunikativ nichts falsch. Was kann er denn dafür, wenn: „… diese Sprache auf eine hypernervöse Öffentlichkeit stößt, die sich auch triggern lässt.“ Es ist wieder mal „dieses Volk“ oder eben „diese Öffentlichkeit“, die Herrn Merz einfach nicht versteht.

Fazit: Das Mimimi von Friedrich Merz, besonders dieses „kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen“, hat schon fast etwas trumpeskes an sich. Wie Trump stellt sich auch Merz gern als der Einzige dar, wenn schon nicht als der Beliebteste, dann wenigstens als das Gegenteil. Wozu soll das gut sein?

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