Vortrag und Zeitzeugengespräch

Vor 30 Jahren: Kirchentag, Statt-Kirchentag und die Demonstration für Demokratie

Als vom 6. bis 9. Juli 1989 in Leipzig der Kirchentag der Evangelischen Landeskirche stattfand, wurde die Stadt zum Zentrum der Opposition. Durch die Ausgrenzung politischer Themen organisierten politisch engagierte Gruppen einen Statt-Kirchentag, an dem etwa 2.500 Personen teilnahmen. Die anwesenden Vertreter bundesdeutscher Menschenrechtsorganisationen, Parteien und Medien konnten sich dabei erstmals ein umfassendes Bild von den oppositionellen Kräften in der DDR sowie deren Aktionen und Zielen machen, darunter auch den Protesten gegen das Massaker an der friedlichen Demokratiebewegung in China oder die Fälschung der Kommunalwahl.

Bei der Veranstaltungsreihe zu Ereignissen der Friedlichen Revolution mit Vortrag und Zeitzeugengespräch werden am Dienstag, den 9. Juli 2019, um 19.00 Uhr im ehemaligen Stasi-Kinosaal Beteiligte des Statt-Kirchentages anwesend sein, die zum Teil danach festgenommen worden sind. Der Eintritt ist frei.

Aus Anlass des 30. Jahrestages der Friedlichen Revolution lädt das Bürgerkomitee Leipzig e.V. zu einer Gesprächsreihe mit Zeitzeugen ein. Im Mittelpunkt der Veranstaltungsreihe „Heute vor 30 Jahren – Leipzig auf dem Weg zur Friedlichen Revolution“ stehen herausragende Ereignisse des politischen Protestes in Leipzig, die zur Friedlichen Revolution, zum Sturz der SED-Diktatur und zu einem demokratischen Neuanfang führten.

Ebenso wie der Beginn der Weimarer Republik 1919 und die Verabschiedung des Grundgesetzes 1949 in der Bundesrepublik ist die Friedliche Revolution von 1989 ein zentrales Datum der Demokratiegeschichte in Deutschland, dem wir uns wieder stärker bewusst werden sollten. Die mit ihr wiedererrungenen Werte – Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit – sind heute für ein gemeinsames Zusammenleben in Europa grundlegend und unveräußerlich.

Rückblick: Am 15. Januar 2019 befasste sich die Gesprächsreihe zu Beginn mit der ersten ungenehmigten Demonstration für demokratische Grundrechte am 15. Januar 1989 in Leipzig. An dieser hatten sich nach der Verteilung von über 4.000 Flugblättern etwa 500 Bürger beteiligt; 53 von ihnen sind festgenommen worden. Die nächste bedeutende öffentliche Protestaktion war am 13. März 1989, als mehr als 500 DDR-Bürger, vorwiegend Ausreisewillige, nach einem Friedensgebet in der Nikolaikirche auf die Straße gingen und bei ihren Protesten lautstark riefen: „Wir wollen raus! Wir wollen raus!“

Wegen der zur Messe anwesenden westlichen Journalisten griffen die Sicherheitskräfte nicht ein. Die Situation wurde durch die gefälschte Kommunalwahl am 7. Mai 1989 verschärft. Zur Absicherung dieser „Schein-Wahl“ hatte die Stasi die Aktion „Symbol“ vorbereitet, doch Oppositionsgruppen hatten, so auch in Leipzig, eine Kontrolle der öffentlichen Stimmenauszählung organisiert. Dadurch konnte der regelmäßige Wahlbetrug der SED erstmals nachgewiesen werden.

Rund vier Wochen später, am 4. Juni 1989, folgte dann eine Aktion des politischen Protests gegen die Umweltzerstörung in der DDR. Die Route des Pleißepilgerweges verlief entlang des wegen seiner starken Verschmutzung unterirdisch kanalisierten Flusses, der Pleiße. Für die Teilnehmer des Protestzuges war der Pleißepilgerweg „Geländer für gesellschaftliche Veränderungen“. Eine Woche später wurde Leipzig erneut Zentrum der Opposition, als sich am 10. Juni 1989 Musiker aus der ganzen DDR zu einem verbotenen Straßenmusikfestival unter dem Motto „Für die Freiheit der Kunst“ trafen.

9. Juli 1989 – Kirchentag, Statt-Kirchentag und die Demonstration für Demokratie

Vom 6. bis 9. Juli 1989 fand in Leipzig der Kirchentag der Evangelischen Landeskirche Sachsen statt, den die staatlichen Stellen im Bezirk mit einem großen Aufwand zu „sichern“ versuchten. Die Bezirksverwaltung für Staatssicherheit erließ eigens für diese vier Tage unter dem Decknamen „Aktion Kongress 89“ einen 13-seitigen Maßnahmeplan.

An die Genehmigung des Kirchentages hatte der Staat eine Vielzahl von Bedingungen, vor allem die Friedensgebete betreffend, geknüpft. „[…] die über Monate geführte intensive Gesprächsführung und differenzierte Einflussnahmen auf allen Ebenen“ zeitige ihre Wirkung. Das offizielle Programm enthielt dann auch viele Zugeständnisse an den Staat.

Die Veranstalter stellten religiöse Themen in den Vordergrund und klammerten bewusst politische Probleme aus. Sie distanzierten sich unter dem staatlichen Druck deutlich von den Basisgruppen. Ein Fernschreiben der SED-Bezirksleitung Leipzig an das ZK der SED formulierte: „Im Gefolge der intensiv geführten Auseinandersetzung mit der sächsischen Kirchenleitung wurde bereits im Vorfeld des Kirchentages auch Klarheit darüber geschaffen, dass sie gegenüber den bekannten Gruppen die volle Verantwortung trägt und selbst für deren Disziplinierung zu sorgen habe.“

Die Leipziger Basisgruppen organisierten in der Lukaskirche bei Pfarrer Christoph Wonneberger einen „Statt-Kirchentag“, an dem ca. 2.500 Personen teilnahmen. Hier traf sich die Opposition fast aus der ganzen DDR und tauschte sich über die aktuelle Lage sowie über zukünftige Konzepte und Aktionen aus.

Nach dem Abschlussgottesdienst des offiziellen Kirchentages an der Leipziger Rennbahn bildete sich spontan eine Demonstration gegen den Wahlbetrug und für Demokratie sowie gegen das Massaker an den friedlichen Protesten in China vom 4. Juni 1989. Auf dem Weg in Richtung Innenstadt entrissen Stasi-Mitarbeiter den Demonstranten die Transparente und flüchteten in eine Straßenbahn. In der Peterskirche fand die Aktion mit einer Andacht ihren Abschluss.

Mit dieser Aktion wurde Leipzig nur wenige Monate nach der institutionellen Gründung einflussreicher Oppositionsgruppen und dem Beginn der Friedlichen Revolution für einige Tage das Zentrum der DDR-Oppositionsbewegung. Da auch Vertreter bundesdeutscher Menschenrechtsorganisationen, Parteien und Medien anwesend waren, konnten diese sich dort erstmals ein umfassendes Bild von den oppositionellen Kräften sowie deren Aktionen und Zielen machen. Durch die Berichterstattung der Westmedien wurden auch die DDR-Bürger über die Proteste der vergangenen Wochen informiert.

Zeitzeugen erzählen über den Statt-Kirchentag vor 30 Jahren

Bei der Veranstaltungsreihe „Heute vor 30 Jahren: Leipzig auf dem Weg zur Friedlichen Revolution“ werden die jeweiligen Ereignisse aus dem Jahr 1989 und deren Hintergründe zunächst in einem einführenden Vortrag durch Prof. Dr. Jürgen Wenge, Vorsitzender des Bürgerkomitee Leipzig e.V., beleuchtet.

Im Anschluss kommen die Zeitzeugen Roland Quester, Karl-Heinz Baum und Oliver Kloss unter der Moderation von Reinhard Bohse vom Bürgerkomitee Leipzig e.V. über das damalige Geschehen, aber auch über dessen Bedeutung für die heutige Gesellschaft miteinander und mit dem Publikum ins Gespräch.

Sie berichten über die Stimmung auf dem Kirchentag, aber auch über die Reaktion der staatlichen Organe. Während der Veranstaltung wird auch zeitgenössisches Filmmaterial gezeigt und Roland Quester präsentiert einige Fotos, die er auf der Abschlussveranstaltung auf der Leipziger Rennbahn gemacht hat.

Veranstaltungsort: ehem. Stasi-Kinosaal der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“. Eintritt frei.

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