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Ist der Osten bei der Dienstleistung schwach auf der Brust oder sind es die simplen Erklärungsmodelle der Wirtschaftsmathematiker?

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    Mathematik ist schon etwas Seltsames. Sie dominiert ja bekanntlich die aktuelle Art der Wirtschaftswissenschaften an deutschen Hochschulen. Auch am Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH). Da hat jetzt der Forscher Hans-Ulrich Brautzsch ein paar Zahlen zur Beschäftigtenentwicklung in Ost und West in seine Rechenmaschine gestopft und kommt – eher beiläufig – zu einem erstaunlichen Ergebnis.

    Eigentlich hat er sich nur dafür interessiert, wie die Beschäftigungsentwicklung in Ost und West im Jahr 2015 verlief, warum es im Osten zu kleckern schien und im Westen zu klotzen.

    Denn irgendwie sah es ja aus IWH-Sicht so aus: In Ostdeutschland wurden deutlich weniger neue Beschäftigte eingestellt als in Westdeutschland. Hintergrund sind vor allem die schwachen Impulse des Dienstleistungssektors im Osten. Das wiederum habe vor allem strukturelle Gründe.

    Während die Beschäftigung im Westen der Republik im Jahr 2015 um 1,0 % gegenüber dem Vorjahr zunahm, stieg sie im Osten nur um 0,4 %. Für 2016 lässt sich in Ost und West ein gleicher Anstieg von 1,0 % erwarten.

    Da man die Zahlen auf Bundesländergröße hat, bekommt man auch immer so kleine Hinweise, dass das ganze Herumgetanze mit Ost und West vielleicht einen Fehler haben könnte.

    „Der gute Wert für Ostdeutschland wird aber maßgeblich von Berlin getragen. Hier hat die Beschäftigung um 2,1 % zugenommen, während sie in den Flächenländern sogar um 0,1 % gefallen ist“, erklärt Dr. Hans-Ulrich Brautzsch, Forscher am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Zudem ließen sich große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern erkennen: „In Mecklenburg-Vorpommern hat die Beschäftigung zum Beispiel um 0,5% zugenommen, in Sachsen-Anhalt ist sie aber um 0,6 % gefallen.“

    Seine Vermutung: Eine maßgebliche Ursache für den lahmenden Beschäftigungsaufbau im Osten liege im Dienstleistungsbereich.

    „Der deutlich geringere Aufbau lässt sich vor allem darauf zurückführen, dass der Dienstleistungsbereich im Osten merklich weniger Impulse für die gesamtwirtschaftliche Beschäftigung gibt als in Westdeutschland.“

    Wirklich?

    Brautzsch versucht es, über die Expansionsbeiträge zu berechnen. Das sind die Anteile verschiedener Wirtschaftsbereiche an der Veränderung der Erwerbstätigkeit gegenüber einer Referenzperiode – seit 2011 in diesem Fall.

    Wobei man schon hier vorsichtig sein muss: Erwerbstätigenzahlen sind diffuse Gebilde. Und gerade im Osten waren die vergangenen 15 Jahre vom Aufbau eines riesigen Feldes prekärer Beschäftigungsmodelle geprägt. Die Menschen waren zwar statistisch  erwerbstätig, steckten aber in Mini-, Midi- und anderen Job-Provisorien.

    Eigentlich hätte es sich auch bis nach Halle herumsprechen müssen, dass der Abbau dieser Art Jobverhältnisse seit ziemlich genau drei Jahren anhält – echte Arbeitskräfte für echte Jobs werden dringend gesucht.

    Aber diese Zeitenwende bilden die von Brautzsch verwendeten Zahlen nur indirekt ab.

    Die zeigen nämlich nur, dass die Zahl der Erwerbstätigen in Ostdeutschland seit 2011 um 1,8 % gestiegen ist, in Westdeutschland allerdings um 4 %. Der Dienstleistungsbereich hat im Osten 1,7 Prozentpunkte zur Expansion beigetragen – im Vergleich zu 3,2 Prozentpunkten im Westen.

    Unter den ostdeutschen Flächenländern seien nur in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen die Impulse der Dienstleistungsbereiche überhaupt spürbar, interpretiert Brautzsch die Zahlen. In fast allen ostdeutschen Flächenländern sei es eher das Verarbeitende Gewerbe, das die Beschäftigungsexpansion vorantreibe.

    Und dann – na hoppla:

    Berlin nimmt hier eine Sonderstellung ein. In diesem Bundesland nahm die Beschäftigung im Zeitraum von 2011 bis 2015 mit 7,9 % am stärksten zu, wobei der kräftige Beschäftigungsaufbau nahezu vollständig aus den Dienstleistungsbereichen stammt.

    Eigentlich schon der erste Punkt zum Stutzen.

    Dieser Eindruck setzt sich auf der Ebene der Kreise fort: Nur in wenigen ostdeutschen Zentren, so zum Beispiel in Berlin, Leipzig oder Dresden und ihren umliegenden Kreisen, nahm die Beschäftigung maßgeblich zu. Gleichzeitig gingen auch nur dort von den Dienstleistern positive Beiträge für die Beschäftigung aus.

    Was ja schlicht bedeutet, was wir an dieser Stelle schon seit Jahren schreiben: Die modernen Wirtschaftsstrukturen sind Dienstleistungsstrukturen, die sich fast ausschließlich auf die großen Städte und Metropolkerne konzentrieren. Im Osten heißen die tatsächlich: Berlin, Leipzig, Dresden.

    Im Westen gibt es davon deutlich mehr.

    Der Dienstleistungssektor in den ostdeutschen Ländern liefert keine geringen Expansionsbeiträge, auch wenn es Brautzsch so aus den Zahlen zu lesen glaubt. Eigentlich liest er sogar das Gegenteil heraus.

    „Neben regional sehr unterschiedlichen Anteilen von geringfügig und Teilzeitbeschäftigten spielt auch die demographische Struktur eine Rolle“, meint er. „In Ostdeutschland ist die Bevölkerung zwischen 2011 und 2015 nur um 0,5 % gewachsen. Gleichzeitig trugen die Dienstleistungsbereiche nur 0,7 Prozentpunkte zur Expansion bei. Das ist ein deutlicher Unterschied zu 1,7 % Bevölkerungswachstum und einem Beitrag von 1,6 Prozentpunkten im Westen.“

    Das „nur“ ist an dieser Stelle sogar mathematisch falsch.

    Denn das bedeutet nun einmal, dass der Dienstleistungssektor im Osten viel mehr zum Arbeitsplatzaufbau beiträgt als im Westen – gerade weil das Bevölkerungswachstum geringer ist.

    Brautzschs nächste Vermutung: „Betrachtet man nur die östlichen Flächenländer, geht mit einer Bevölkerungsabnahme auch ein Sinken des Wachstumsbeitrags der Dienstleistungsbereiche einher.“

    Eine weitere Ursache dafür sei ja auch irgendwie die Siedlungsstruktur in Ostdeutschland. Die östlichen Bundesländer haben im Vergleich zum Westen nur wenige Ballungsräume. Aber gerade dort falle der Expansionsbeitrag der Dienstleister viel stärker aus.

    Womit er eigentlich belegt hat: Das heutige Wirtschaftswachstum konzentriert sich in Ost wie West einzig und allein auf die Ballungsräume.

    Und schließlich spielten auch die Strukturen innerhalb der ostdeutschen Industrien eine Rolle, meint der Forscher noch. Als in den 1990er Jahren die ehemaligen Staatsbetriebe privatisiert wurden, konzentrierten sie sich auf das Kerngeschäft – die Fertigung. Dienstleistungsaktivitäten wurden aufgegeben oder ausgegliedert. „Kritisch ist auch, dass es in Ostdeutschland so wenige Konzernzentralen gibt. Denn die haben nicht nur einen hohen Bedarf an Mitarbeitern, die überdurchschnittliche Einkommen haben und selbst Dienstleistungen nachfragen“, versucht der IWH-Forscher einen weiteren Erklärungsansatz. „Sie ziehen auch wissensintensive Dienstleistungsangebote an, zum Beispiel Rechts- oder Beratungsleistungen. All diese Einflüsse sind in Ostdeutschland viel geringer.“

    Was aber die Entwicklung der letzten fünf Jahre im Osten nicht erklärt, die vor allem mit der Halbierung der Ausbildungsjahrgänge ab 2010 zu tun hat und dem daraus folgenden Nachwuchsmangel an Fachkräften. Was übrigens die Haupttriebkraft der „Verwandlung“ prekärer Jobs in richtige Vollzeitstellen war. Der Beschäftigungsaufbau im Osten war vor allem ein „versteckter“: Ein Großteil der prekären Jobs wurden endlich in belastbare Vollzeitstellen umgewandelt – was zu einem Großen Teil den wachsenden Arbeitskräftebedarf kompensierte.

    Im Grunde hat Brautzsch die erste Normalisierungsphase auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt beschrieben, die 2015 durch die Einführung des Mindestlohns noch verstärkt wurde.

    Aber sein Computer hat’s beim Rechnen gar nicht gemerkt.

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