Die mitteldeutsche Wirtschaft hat im April eine heftige Corona-Vollbremsung erlebt

Für alle LeserSeit drei Monaten beschäftigt uns nun die Corona-Pandemie. Im März mussten fast alle Betriebe ihre Geschäfte herunterfahren – zumindest überall dort, wo die wichtigsten Schutzregeln für die Belegschaft nicht einzuhalten waren. Einige konnten weiterarbeiten – wenn man an das Baugewerbe denkt – oder mussten es sogar, wenn man etwa an Einzelhandel und Ernährungsbranche denkt. Die Krise hat die Mitglieder der Industrie- und Handelskammern genauso getroffen wie die der Handwerkskammern aus Leipzig und Halle (Saale). Aber für welchen Zeitraum gilt eigentlich die Aussage „Coronakrise stürzt mitteldeutsche Wirtschaft in Stimmungstief“?

Das ist gerade in der Coronazeit wichtig. Denn gerade die Wirtschaft hat ja frühzeitig darum gekämpft, dass die Allgemeinverfügungen wieder gelockert werden. An jedem Betrieb hängen Arbeitsplätze, Steuereinnahmen, Zukunft. Und mitten im Corona-Shutdown waren die Ängste der befragten Unternehmen nur zu berechtigt. Jeder Unternehmer will wissen, womit er rechnen kann, wann er die Leute wieder zur Arbeit holen kann und auch wieder Aufträge reinkommen.

Die versammelten Kammern aus der Region Leipzig haben ihre gemeinsamen Befragungsergebnisse am Mittwoch, 17. Juni, in Halle bekannt gegeben.

„Die Auswirkungen der Corona-Eindämmungsmaßnahmen rufen in Mitteldeutschland eine branchenübergreifende Wirtschaftskrise hervor“, schätzen sie die Zahlen ein, die sie gesammelt haben. Die Handwerkskammern sowie Industrie- und Handelskammern (IHK) aus Leipzig und Halle (Saale) präsentieren insgesamt 145.000 Unternehmen in der Region.

Thomas Keindorf, Präsident der Handwerkskammer Halle (Saale), und Kristian Kirpal, Präsident der IHK zu Leipzig, stellten die Ergebnisse am Mittwoch in Halle (Saale) vor und berichteten von einer Trendwende: Deutete sich schon vor der Pandemie eine gedämpftere, aber immer noch positive Konjunkturentwicklung an, hat der über Jahre hinweg anhaltende Wachstumsprozess des mitteldeutschen Wirtschaftsraumes nunmehr ein abruptes Ende gefunden.

Die Zahlen aus der Umfrage

Der Konjunkturklimaindex für die mitteldeutsche Wirtschaft sinkt von sehr guten 83 Punkten im Frühjahr 2019 auf aktuell -20 Punkte, den niedrigsten Wert seit 2005. Die konjunkturelle Entwicklung vollzieht in allen Wirtschaftsbereichen eine deutliche Abwärtsbewegung. Während die mitteldeutschen Unternehmen noch bis Februar 2020 eine freundliche Konjunktureinschätzung gaben, hat sich die Situation seitdem völlig verändert.

Alle Branchen – mit Ausnahme der Bauwirtschaft – melden nunmehr einen Lageindikator nahe der Nulllinie und stark einbrechende Geschäftserwartungen. „Wir erwarten für 2020 sehr deutliche Umsatzeinbußen, und in der Folge auch rückläufige Beschäftigung in unseren Unternehmen“, sagte Handwerkskammerpräsident Thomas Keindorf.

IHK-Präsident Kristian Kirpal: „Im Sturzflug ist die Stimmung der regionalen Unternehmen sogar unter den Tiefststand der Wirtschafts- und Finanzkrise von vor elf Jahren zurückgefallen. Für viele Unternehmen ist die Situation längst existenzbedrohend. Eine schwere Rezession ist nicht mehr abzuwenden.“

Die Kammerpräsidenten verweisen auf die Langfristfolgen der weltweiten Coronakrise und fordern Hemmnisse und Erschwernisse für Unternehmen auf den Prüfstand zu stellen sowie weitere Kostenbelastungen unbedingt zu vermeiden.

„Die Politik sollte jetzt Konjunkturimpulse insbesondere im Investitionsbereich setzen, um schnell wieder aus der Rezession herauszufinden. Gleichzeitig müssen zusätzliche Steuer- und Abgabenlasten für Unternehmen auf lange Sicht ausgeschlossen werden, um eine schnelle Erholung der Wirtschaft nicht abzuwürgen“, betonte IHK-Präsident Kirpal. „Ein deutliches Signal würde zudem eine Deckelung der Steuerbelastung von Unternehmen bei 25 Prozent im Zuge einer großen und überfälligen Unternehmenssteuerreform setzen.“

Handwerkskammerpräsident Keindorf forderte, der Berufsausbildung gerade in Krisenzeiten eine hohe Priorität einzuräumen. „Der Ausbildungsjahrgang 2020 darf nicht verloren gehen. Wir befürworten deshalb ausdrücklich die vorgesehenen finanziellen Hilfen für ausbildende Betriebe. Eine baldige Rückkehr zur Normalität bei Schulen und Ausbildung bleibt aber alternativlos.“

Die mitteldeutschen Kammern unterstützen die Landesregierungen in Sachsen und Sachsen-Anhalt bei allen Maßnahmen für eine langfristig erfolgreiche Fachkräftestrategie für den mitteldeutschen Wirtschaftsraum, erklärte Keindorf.

Die beiden Präsidenten mahnen die Gestaltung von wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen an, unter denen sich die Unternehmen in Mitteldeutschland weiterentwickeln können und die Region für Investoren attraktiv bleibt. Die Coronakrise dürfe den Blick jetzt nicht verengen. Die Belastungen aus der Energiewende müssten begrenzt und der Strukturwandel der mitteldeutschen Kohleregion vorangebracht werden.

Die Einschränkung: Der Befragungszeitraum

Die Coronakrise ist keine gewöhnliche Krise – obwohl sie sehr wohl eine richtige Depression nach sich ziehen kann. Aber das verbindet sich eng mit der Frage, wie schnell die deutsche Wirtschaft aus dem Shutdown kommt und welche Branchen sich wieder stabilisieren.

Um die Umfrage einschätzen zu können, braucht man zwingend den Befragungszeitraum: „An der Umfrage beteiligten sich 1.606 Mitgliedsunternehmen der vier Kammern im krisenbedingt ausgeweiteten Befragungszeitraum von Ende März bis Anfang Mai“, liest man im Kleingedruckten.

Das heißt: Die Umfrage bildet – genauso wie die zuvor veröffentlichte Frühjahrsumfrage der IHK, die Stimmung mitten im Shutdown ab, die Geschäftsführer wurden genau in jenem Zeitraum befragt, in dem die strengsten Shutdown-Regeln galten, die Straßen fast leer waren und niemand wusste, ob Deutschland glimpflich aus der Pandemie auftauchen würde, auch wenn die Zahlen aus dem April schon andeuteten, dass der Shutdown genau zum richtigen Zeitpunkt verhängt worden war, um die Epidemie in Griff zu bekommen.

Die Zahlen aus dem Sächsischen Landesamt für Statistik deuten darauf hin, dass vor allem exportierende Unternehmen besonders heftig getroffen sind, dazu natürlich sämtliche Gastronomen, Kultur- und Messeveranstalter.

Das heißt auch, dass viele Unternehmen ihr Geschäftsmodell werden ändern müssen. Denn die Coronakrise hat auch viele (Fehl-)Entwicklungen bloßgelegt, die vorher schon für Verwerfungen sorgten. Auch im Handwerk, von dem man ja eigentlich annimmt, dass es immer gebraucht wird.

Aber auch einige Handwerksbranchen leiden unter den neuen Wildwest-Bedingungen eines unregulierten Online-Marktes, der in Corona-Zeiten zusätzlich Aufwind bekam: „Aus den Handwerken für persönlichen Bedarf, den Nahrungs- und Gesundheitshandwerken sowie den Kfz-Handwerken kommen fast nur negative Ausblicke. Geschäftsschließungen, erwartete langfristige Konsumzurückhaltung und veränderte Kaufkanäle (Internet) lassen viele Unternehmen skeptisch in die Zukunft blicken. Erwartet werden deutliche Umsatzrückgänge (Saldo der Erwartungen1 -43 Prozentpunkte) und auch Beschäftigungsrückgänge (Saldo1 -19 Prozentpunkte)“, kann man in der Auswertung lesen.

Aber wie gesagt: Das sind die Einschätzungen mitten aus dem Shutdown. Die zum Beispiel auch die drastischen Einschätzungen im Handel bedingen: „Trotz der differenzierten Lage sind die Geschäftserwartungen der Branche durchweg äußerst skeptisch. Durch Kurzarbeit und drohende Arbeitslosigkeit sind Einkommenseinbußen in den privaten Haushalten kaum zu verhindern.

Der Handel befürchtet aufgrund der sinkenden Kaufkraft eine steigende Kaufzurückhaltung der privaten Verbraucher. Über die Hälfte der Firmen geht von einer Verschlechterung ihrer Geschäftslage aus, mehr als 60 Prozent rechnen in den kommenden Monaten mit sinkenden Umsätzen. Der Erwartungssaldo1 fällt dementsprechend drastisch um 53 auf -47 Prozentpunkte.“

Wie die Konjunkturpakete greifen, die Bundes- und Landesregierungen geschnürt haben, war im April auf jeden Fall noch nicht abzusehen. Das wird erst die Herbstumfrage zeigen. Dann werden wir auch ein klareres Bild bekommen davon, wer relativ robust durch die Krise kommt und für wen Corona der eine Schlag zu viel war, um das Geschäft am Leben zu erhalten.

Im März und April ging die Stimmung der Leipziger Wirtschaft durch die Corona-Krise erst einmal in den Keller

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