Leipzigs Mobilitätsstrategie 2030

Die Mobilitätsszenarien unter der Lupe (1): Das „Fortführungsszenario“

Für alle LeserSechs Mobilitätsszenarien haben Leipzigs Verkehrsplaner erarbeitet, um überhaupt erst einmal griffige Visionen für die Leipziger Verkehrsentwicklung bis 2030 zu entwickeln. Alle sechs gehen davon aus, dass Leipzigs Bevölkerung bis 2030 so weiterwächst wie bisher und dann 700.000 Menschen in der Stadt leben. Unterwegs sind noch viel mehr. Und wenn Leipzig Pech hat, fahren die meisten im Auto und der Stau verstopft die Stadt.

Deswegen stehen ÖPNV und Radverkehr ganz zentral im Mittelpunkt aller sechs Szenarien. Nur wenn man diese beiden Verkehrsarten deutlich stärkt, kann man die Lage für Autofahrer und Wirtschaftsverkehr entspannt halten.

Deswegen passte sogar die Verkehrsstudie der IHK nahtlos in das Konzept. Denn ihr Kern war ja tatsächlich die Forderung, deutlich mehr dafür zu tun, dass der ÖPNV gestärkt wird. Tunnel und neue Straßen kommen deshalb in den sechs Szenarien nicht vor.

Aber die bleiben nicht außen vor, sagt OBM Jung. Man werde trotzdem prüfen, ob ein Ost-West-Tunnel für die S-Bahn Sinn macht. Oder ein Tunnel für den Kraftverkehr von der Berliner Straße bis zum Waldplatz. „Wir werden völlig unvoreingenommen prüfen“, sagt Jung. „Wir wären schlecht beraten, wenn wir es nicht tun.“

Dasselbe betrifft Angebotserweiterungen im S-Bahn-Verkehr. Die Anbindungen von Bus und Straßenbahn ins Umland hat man mit betrachtet, betont Michael Jana, der Leiter des Verkehrs- und Tiefbauamtes.

„Wir haben die Verbindungen ins Umland auch in der Metropolregion Mitteldeutschland zum Schwerpunkt gemacht“, sagt Jung. „Ich bin mit meinen Kollegen in Halle, Torgau, Zwickau und so weiter dazu in intensiven Gesprächen. Man hat das Thema dort längst erkannt.“

Denn die Region profitiert natürlich direkt davon, wenn sie gute Verbindungen in die Großstadt hat. Für S-Bahn-Orte wie Delitzsch oder Eilenburg zahlt sich das schon aus. „In Grimma“, so Jung, „sieht das schon ganz anders aus.“

Alle diese Themen kommen natürlich auf die Stadt auch dann zu, wenn sie überhaupt keine neue ÖPNV-Vision auflegt. Denn allein das Bevölkerungswachstum wird dazu führen, dass jedes Jahr 4.000 weitere Autos in Leipzig gemeldet sind und irgendwo den eh schon nicht mehr vorhandenen Parkraum belasten.

Und der Fahrgastzuwachs bei den LVB wird ebenso weitergehen. Mit 148 Millionen Fahrgästen hat das Unternehmen 2016 die Zahl von 2015 schon mal um 10 Millionen überboten. Im Jahr 2017 deutet alles darauf hin, dass deutlich über 150 Millionen Fahrgäste gezählt werden. Auch 160 Millionen würden nicht überraschen.

Und da wird es spannend. Denn selbst im „Fortführungs-Szenario“ gehen die Stadtplaner davon aus, dass das Wachstum anhält.

„Dieses Szenario beschreibt die Option, die Ausgaben für Verkehr sowie gegenwärtige Verkehrsstrategien und -maßnahmen unter den Bedingungen des Wachstums unverändert fortzuführen. Die Gestaltung der Finanzierung des ÖPNV, insbesondere der von der Stadt/LVV gezahlte Ausgleichsbetrag und die jährlichen Fahrpreisanpassungen, bleiben weitestgehend bestehen.“

Aber da braucht man nicht mal eine Brille mit Flaschengläsern, um zu sehen: Das geht schief. In diesem Szenario geraten die LVB schon binnen weniger Jahre an ihre Grenzen. Denn 170 bis 180 Millionen Fahrgäste benennt das Unternehmen als Maximalzahl, was mit dem aktuellen System zu transportieren ist.

Aber das „Fortführungs-Szenario“ bedeutet eben auch, dass sich an der Finanzierung nichts ändert.

Datenblatt zum "Fortführungs-Szenario". Grafik: Stadt Leipzig

Datenblatt zum „Fortführungs-Szenario“. Grafik: Stadt Leipzig

Nur zur Erinnerung: Zurzeit bekommen die LVB einen Zuschuss von 45 Millionen von der LVV, dazu noch ein paar Millionen als Zuschüsse für weitere Verkehrsleistungen. Burkhard Jung spricht von 3 Millionen. Und dazu hat dann der Stadtrat noch beschlossen, 3 Millionen Euro für Investitionen (also neue Straßenbahnen) obendrauf zu packen. Macht 51 Millionen – pi mal Daumen.

Wenn sich nichts am System ändert, wird der finanzielle Ausgleich wohl auf 56 bis 59 Millionen Euro steigen. Das war es dann.

Man hat zwar hübsch die Kosten im Griff – aber bei 175 Millionen Fahrgästen hat das System seine Grenzen wohl erreicht. Das wäre 2019, spätestens 2020 der Fall. Und da stehen die Fahrgäste schon wie die Heringe.

Wenn sich der Stadtrat für dieses Weiterso-Modell entscheidet, bekommt Leipzig einen ganzen Haufen Probleme.

In der Einschätzung der Verkehrsplaner:

-Verminderte Verkehrsqualität für alle Verkehrsträger, Zunahme des Verkehrsaufkommens vor allem im MIV

– Fahrgastzahl im ÖPNV steigt proportional zum Bevölkerungswachstum (überfordert aber ab 2020 die Leistungsfähigkeit der LVB)

– Durchschnittsgeschwindigkeit im ÖPNV sinkt, für den Kfz-Verkehr sogar sehr stark (denn noch mehr Autos sorgen logischerweise für kleine und große Staus)

– Stickoxid-Grenzwerte werden überschritten, Klima- und Lärmschutzziele werden nicht erreicht (das heißt: dicke Luft und mehr Erkrankungen in Leipzig)

– Zunahme des Parksuchverkehrs

– Sehr langsamer Wirtschaftsverkehr/erschwerte Anlieferung (die Wirtschaftskammern werden zu Recht an die Decke gehen)

Und trotzdem kommen die LVB über 18 Prozent Anteil beim Modal Split nicht hinaus, sehen sich aber zusätzlichen Investitionen von 342 Millionen Euro gegenüber. Was nur in der Summe viel klingt. Denn das ist ja der Wert für 12 Jahre. Pro Jahr kommt man gerade mal auf rund 30 Millionen.

Zum Vergleich: In den letzten Jahren investierten die LVB zwischen 45 und 60 Millionen Euro. Die 30 Millionen Euro kämen jährlich obendrauf. Und das nur, um den Status quo aufrechtzuerhalten. Was den einen oder anderen Stadtrat erschreckte: Die anderen Visionen kosten noch ein bisschen mehr. Auf einmal wird der ÖPNV als wichtiges Investitionsprojekt sichtbar. Man muss umdenken.

Die neue LZ Nr. 48 ist da: Zwischen Weiterso, Mut zum Wolf und der Frage nach der Zukunft der Demokratie

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