Schnaps-Idee der Deutschen Bahn bremst Pläne im Leipziger S-Bahn-Netz

Ökolöwe fordert den sofortigen Bau des S-Bahn-Haltepunkts am Porsche Werk

Für alle LeserSelbst die Deutsche Bahn bremst mit ihren Möglichkeiten, wenn es um die Nahverkehrsbeziehungen in Leipzig geht. Der ZVNL hätte nur zu gern längst die Planungen für den neuen S-Bahn-Haltepunkt am Güterverkehrszentrum (GVZ) begonnen, denn der wäre ideal, um endlich bessere ÖPNV-Beziehungen im Leipziger Norden herzustellen. Aber eine Schnapsidee der Bahn bremst alles aus.

Darüber berichtete Oliver Mietzsch, Geschäftsführer des ZVNL, ebenfalls am Dienstag, 5. Dezember, im Zusammenhang mit den Neuerungen im Mitteldeutschen S-Bahn-Netz. Darüber, dass die riesigen Gewerbeansiedlungen im Leipziger Norden deutlich besser mit dem ÖPNV erschlossen werden müssen, sind sich alle einig. Auch die Wirtschaftskammern. Jeder Berufspendler, der ohne Probleme mit der S-Bahn zur Arbeit bei Porsche oder einem der vielen anderen Unternehmen am Güterverkehrszentrum kommt, entlastet Leipzigs überlastete Straßen.

Aber der Zweckverband Nahverkehrsraum Leipzig (ZVNL) kann nicht einmal die Planungen beauftragen, sagt Mietzsch, weil die Deutsche Bahn jetzt mit dem Wunsch an die Bundesregierung herangetreten ist, ihre Bahnsteige flächendeckend im ganzen Bund von 55 Zentimeter auf 76 erhöhen zu wollen. Der Barrierefreiheit wegen. Da fasst sich auch Mietzsch nur an den Kopf. „Alle unsere Bahnsteige und Züge sind barrierefrei. Die Bahnsteige sind alle auf 55 Zentimeter ausgebaut – darauf sind auch alle Züge ausgelegt. Selbst der neue Doppelstock-ICE.“

Aber mit diesem Vorstoß hat die Bahn die Pläne für den dringend benötigten S-Bahn-Haltepunkt gestoppt, der natürlich 55 Zentimeter hohe Bahnsteige bekommen hätte – wie im ganzen S-Bahn-Netz.

Dabei sei es sowieso schon schwierig, neue Haltepunkte im Netz der Deutschen Bahn überhaupt zu planen, sagt Mietzsch. „Von der Planung bis zur Umsetzung können dabei locker mal fünf bis acht Jahre vergehen.“

Das heißt: Wenn der ZVNL der Bahn jetzt Pläne vorlegen würde und diese zustimmt, wäre sowieso erst 2022 mit einer Umsetzung zu rechnen. Aber nicht einmal das ist möglich, solange die Bahn an ihrer wahnwitzigen Idee festhält, alle Bahnsteige auf 76 Zentimeter erhöhen zu wollen.

Mietzsch: „Ich kenne keinen Zug, aus dem man dann barrierefrei aussteigen könnte.“

Die Verordnung, auf die sich die Bahn jetzt berufe, stamme gar aus den 1930er Jahren, so Mietzsch. Da wundere es nur, dass sich die ganze Zeit niemand drum gekümmert habe und alle ihre Kräfte gebündelt hätten, ein barrierefreies System mit 55 Zentimeter Bahnsteighöhe zu bauen.

Aber in Leipzig haut dieser Schildbürgerstreich natürlich ins Kontor. Denn wenn man beim weiteren Boom der Gewerbeansiedlungen im Leipziger Nordraum den Verkehr am Laufen halten und den Verkehrskollaps auf den Straßenzubringern verhindern will, braucht es zwingend bessere ÖPNV-Verbindungen in den Norden. Die S-Bahn wäre regelrecht das Rückgrat so einer Ausstattung, denn gerade mit den dichten Takten auf S 3 und S5 wäre sie so leistungsfähig, dass sich für viele Beschäftigte die Quälerei mit dem Auto sogar erübrigen würde – wenn denn nur die S-Bahn-Haltepunkte auch da existieren würden, wo sie gebraucht werden.

Dass es in diesem Punkt nicht weitergeht, findet auch der Ökolöwe hochproblematisch und bekundet sein Unverständnis darüber, dass immer noch kein Termin für den Bau eines S-Bahn-Haltepunktes am Porsche Werk in Radefeld steht.

„Diese Station am Porsche Werk hätte eigentlich schon vor Jahren eröffnet werden müssen. In Radefeld haben über 10.000 Menschen aus der Region ihren Arbeitsplatz. Die fahren heute mangels Alternativen größtenteils mit dem Auto und sorgen gezwungenermaßen mit dafür, dass Leipzig die Grenzwerte für Luftverschmutzung nicht einhält“, erklärt dazu Tino Supplies, verkehrspolitischer Sprecher des Ökolöwen. „Der Freistaat muss bei dem Bau einer einfachen Haltestelle genauso viel Engagement zeigen, wie bei dem Bau immer neuer Staatsstraßen.“

Aus Sicht des Ökolöwen braucht es an dieser Stelle mehr Druck aus der Leipziger Region in Richtung Dresden. „Jetzt ist es notwendig, dass Wirtschaftskammern und Stadträte der Union die Grabenkämpfe der letzten Wochen endlich beenden und gemeinsam Einfluss auf die Landesregierung für den Ausbau der S-Bahn nehmen.“

Die Initiative „Mobilität Leipzig 700 plus“ der Wirtschaftskammern hat es in ihrem Aktionsplan übrigens genauso formuliert: „Attraktive ÖPNV-Anbindung (S-Bahn) an arbeitsplatzintensive Standorte (Nordraum) und touristische/Freizeitdestinationen (z. B. Leipziger Neuseenland)“.

Die S-Bahn ist eindeutig das Rückgrat der Wirtschaftsregion. Jeder zusätzliche Haltepunkt im Norden (und Süden) wird zusätzliche Effekte bringen und auch die Entwicklung des Ballungsraums Leipzig/Halle voranbringen. Da wird sich auch „Dresden“ in Berlin stark machen müssen, dass die irritierende Konzernpolitik der Bahn wieder zur Tagesordnung gerufen wird und sich um das Alltagsgeschäft kümmert.

Und gerade in den Ballungsräumen ist ein im Berufsverkehr funktionierendes S-Bahn-Netz das Alpha und Omega. Was auch auf andere Strecken zutrifft, wie Supplies betont: „Nachgefragte Stammstrecken wie die S1 nach Grünau brauchen zukünftig einen 15-Minuten-Takt. Die immer noch zu großen weißen Flecken im S-Bahn-Netz müssen geschlossen werden. Wir dürfen die Menschen nicht länger mangels Alternativen ins Auto zwingen.“

Das ist ein wichtiger Teil der Lösung all der Probleme im Mobilitätskonzept, die jetzt diskutiert werden.

ÖkolöweZVNLMitteldeutsche S-BahnMobilität Leipzig 700 plus
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