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Das Ziel von 220 Millionen LVB-Fahrgästen passt überhaupt nicht zum 365-Euro-Jahresabo

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    Zum 1. Januar hatte Wien 1.897.491 Einwohner. 2018 erreichten die Wiener Verkehrsbetriebe einen neuen Fahrgastrekord: 965,9 Millionen Menschen nutzten die öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt Wien, jener Stadt, die mit ihrem 365-Euro-Jahresticket mittlerweile zum Vorbild für etliche deutsche Großstädte wie Berlin geworden ist. Und natürlich auch für Leipzig.

    „Die steigenden Passagierzahlen der letzten Jahre zeigen die positive Entwicklung der Wiener Öffis klar“, kommentierte der „Umweltruf“ die Zahlen am 18. Juli. „Im abgelaufenen Jahr haben 965,9 Millionen Menschen – und damit 2,6 Millionen täglich – die Wiener Öffis genutzt. Das ist der fünfte Anstieg in Folge. 2018 waren bereits 822.000 Fahrgäste mit einer Jahreskarte unterwegs, das ist ein Plus von über 40.000 in nur einem Jahr. Nur zum Vergleich: 2012 gab es 501.000 Menschen, die mit einer Jahreskarte unterwegs waren. Heute gibt es – mit den 822.000 – mehr Jahreskartenbesitzer als zugelassene Pkw in Wien. Der Modal-Split-Anteil der Öffis liegt bei erfreulich hohen 38 Prozent, während die Autofahrer nur bei 29 Prozent liegen. In den letzten 25 Jahren hat sich damit die Nutzung von Öffis und PKWs umgekehrt.“

    Das sind alles Zahlen, von denen Leipzig noch träumen kann. Auch wenn man die Wiener Zahlen auf Leipzig herunterrechnet.

    965,9 Millionen Fahrten bedeuten – auf jeden Wiener Einwohner gerechnet – 509 Fahrten im Jahr. Natürlich fahren nicht nur die Wiener, sondern auch Pendler aus dem Umland und Touristen.

    Aber dasselbe gilt auch für Leipzig, wo zum Jahreswechsel auf 596.517 Einwohner/-innen gerade einmal 156 Millionen gezählte Fahrgäste bei den LVB kamen. Das waren lediglich 261 Fahrten pro Kopf. Ist das wichtig?

    Sollte es eigentlich sein, denn der Stadtrat hat ja nicht nur das Nachhaltigkeitskonzept bei der Mobilität auf die Tagesordnung gesetzt, sondern auch das 365-Euro-Jahresticket. Mit allen Abo-Modellen zusammen haben die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) gerade einmal die 100.000er-Grenze erreicht. Das heißt: Knapp jeder sechste Leipziger hat ein LVB-Abo. Die Wiener Zahlen fürs Jahresabo stehen oben. Danach hat jeder zweite bis dritte Wiener ein 365-Euro-Jahres-Abo (Schnitt: 2,3). Das wäre so, als würden die LVB ihre Abo-Nutzer-Zahl binnen weniger Jahre auf 258.000 steigern.

    Da bekommt natürlich selbst der hausinterne Statistiker Schnappatmung. Hat das der Stadtrat mit dem Nachhaltigkeitskonzept tatsächlich beschlossen?

    Die Vermutung liegt nahe, dass nicht einmal Leipzigs Verkehrsplaner ahnen, was das eigentlich bedeutet. Im Nachhaltigkeitskonzept für die Mobilität, das der Stadtrat im September 2018 beschlossen hat, steht eine Zielzahl für die Fahrgäste von 220 Millionen. Von 156 auf 220 Millionen – das scheint machbar, auch wenn schon dafür vor allem das Straßenbahnnetz deutlich ausgebaut werden muss. Die Schaffung neuer S-Bahn-Verbindungen stehen zwar auch im neuen Nahverkehrsplan, aber auf die hat Leipzig – anders als die Stadt Wien – keinen Einfluss. Sie kann nur darum betteln, dass die Deutsche Bahn den Bau neuer Haltepunkte und den Ausbau wichtiger neuer Strecken (z. B. die nach Markranstädt und Merseburg) nicht irgendwann um 2030 vielleicht eintaktet, sondern jetzt beginnt. Sofort.

    Aber in Deutschland geht ja nichts sofort, schon gar nicht im Verantwortungsbereich des Bundesverkehrsministers Andreas Scheuer (CSU). Die Verantwortlichen z. B. beim ZVNL wissen ganz genau, dass diese Netzerweiterungen dringend stattfinden müssen, um Leipzigs ÖPNV den Rücken zu stärken.

    Aber deutsche Städte schauen ja auch nach Wien, weil dieses so lange schlechtgeredete 365-Euro-Ticket wirklich Effekte zeigt. Die Wiener und die Umlandpendler nutzen die öffentlichen Transportmittel tatsächlich nicht nur häufiger, sondern regelmäßig, denn nicht nur das Netz wurde mit Milliardenaufwand ausgebaut, die Bahnen fahren in deutlich dichteren Takten und die Wiener Verkehrsbetriebe investieren jedes Jahr eine Menge Geld (2019 über 400 Millionen Euro), um auch den Fahrzeugpark modern zu halten. Und es wird weiter ausgebaut. Nur zum Vergleich: Die Öffentlichen haben in Wien längst einen Anteil an den täglichen Wegen der Wiener von 38 Prozent. Auch davon kann Leipzig nur träumen, wo es gerade einmal etwas über 17 Prozent sind. Und das zaghaft zurückgenommene Ziel heißt nicht mal mehr 25 Prozent, sondern 23 Prozent.

    Aber was hieße es, wenn die Fahrgastzahlen der LVB Wiener Niveau erreichen sollten? Der Umweltruf betont ja auch, wie wichtig das fürs Klima ist. Starke ÖPNV-Nutzung senkt das CO2-Aufkommen aus dem Verkehr deutlich.

    Die 2018 erreichten 965,9 Millionen Fahrgäste in Wien würden für Leipziger Verhältnisse eben nicht die bescheidenen 220 Millionen aus dem Nachhaltigkeitsszenario bedeuten. Sondern 303 Millionen. Bei der heutigen Bevölkerungszahl. Natürlich immer mit eingerechnet, dass einige Millionen auch mit der S-Bahn fahren würden, die LVB also nur einen Teil tragen müssten, der aber deutlich über 220 Millionen läge, eher in der Dimension von 270 bis 280 Millionen. Die Deutsche Bahn tut sich zwar schwer damit, aktuelle Fahrgastzahlen für die S-Bahn im Leipziger Stadtgebiet zu liefern, aber die S-Bahn-Nutzerzahlen im Stadtgebiet dürften aktuell um die 16 bis 17 Millionen Fahrgäste im Jahr liegen. Und die S-Bahn-Nutzer wissen, dass das S-Bahn-System damit auch schon oft an seine Grenzen stößt. Auch die S-Bahn kommt um dichtere Taktzeiten, mehr Wagen und neue Strecken nicht herum.

    Die Wiener Zahlen machen also recht deutlich, wie hoch die Latte liegt. Und wie sehr Deutschland bei der ÖPNV-Finanzierung hinterherhinkt.

    Allein 17 Millionen Euro zahlt der ZVNL jährlich an Stationsentgelten

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