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Die Verkehrswende fängt mit ehrlichen Kostenberechnungen und besserer Förderung für ÖPNV und Radverkehr an

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    Wir müssen eigentlich über die Kosten unserer Mobilität nachdenken. Das ist die zentrale Botschaft des Mobilitätsatlasses, den die Heinrich-Böll-Stiftung am Montag, 5. November, zusammen mit den VCD vorgestellt hat. Denn wir werden ja nicht immobil, wenn wir auf Zug, Rad oder Straßenbahn umsteigen. Das Problem ist nur – das stellt der Atlas auch fest – dass große Teile des ländlichen Raumes so miserabel mit ÖPNV ausgestattet sind, dass die Menschen gar keine Möglichkeit zum Umsteigen haben.

    Mobilität für alle Menschen zu ermöglichen, ohne die Umwelt zu zerstören, das ist in Zeiten der Klimakrise eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, formuliert die Grünen-nahe Böll-Stiftung das Ziel der Erhebung. Damit die Verkehrswende gelingt, braucht es überzeugende Konzepte, politischen Willen und die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger. Der Mobilitätsatlas befasst sich mit den zentralen Handlungsfeldern für die Verkehrswende wie alternative Antriebe, Stärkung des ÖPNV und Vernetzung von Verkehrsträgern. Der Mobilitätsatlas ist eine gemeinsame Publikation der Heinrich-Böll-Stiftung und des ökologischen Verkehrsclub VCD. Er wurde heute in Berlin präsentiert.

    Dr. Ellen Ueberschär, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, erläuterte bei der Vorstellung: „Ein Fünftel der Treibhausgasemissionen in Deutschland kommt aus dem Verkehrssektor, davon 96 Prozent aus dem Straßenverkehr. Wir brauchen eine Verkehrswende! Für besseren Klimaschutz benötigen wir einen Mix aus klimafreundlichen Technologien und Infrastrukturen und geändertem Nutzungsverhalten. Hierfür muss die Politik Anreize setzen. Moderne Städte setzen schon heute auf ein intelligent vernetztes öffentliches Verkehrsangebot.

    Damit die Menschen das gerne und mehr nutzen, muss die Kapazität erhöht und die Qualität verbessert werden. Die klassischen Beförderer, Bus und Bahn, werden nutzungsfreundlicher, wenn sie einfach kombinierbar sind mit Sharing- und Pooling-Fahrzeugen – oder mit dem guten alten Fahrrad. Zur Wahrheit gehört aber auch: Wir müssen den Autoverkehr reduzieren – mit klugem Ordnungsrecht und klaren Preissignalen. Städte müssen lebenswert und nicht nur autogerecht sein.“

    Und deshalb enthält der Mobilitätsatlas auch eine Aufstellung der externalisierten Kosten von Mobilität, Kosten, die wir trotzdem alle zusammen tragen und bei denen dann die Nutzer umweltfreundlicher Verkehrsmittel für die umweltschädlichen Verkehrsmittel mitbezahlen.

    „Aus ökonomischer Sicht verhindert die Externalisierung von Kosten einen fairen Wettbewerb zwischen den Verkehrsmitteln“, heißt es im Atlas. „Die einen wälzen einen Teil ihrer Kosten auf die Umwelt und die Menschen ab, die anderen versuchen, dies zu vermeiden und nachhaltige Angebote zu machen. Deswegen finden es auch viele Ökonomen und Ökonominnen angebracht, dass der Staat eingreift und für eine Internalisierung der bisher externalisierten Kosten sorgt.“

    Und der Staat selbst hat daran eine gewaltige Aktie, denn in den vergangenen Jahren floss der Löwenanteil der Investitionen für Mobilität in den Ausbau des Straßennetzes, während ausgerechnet umweltfreundliche Verkehrssysteme wie Bahn und ÖPNV über 20 Jahre mit sinkenden Zuschüssen umgehen mussten. Mit dem Ergebnis, dass ausgerechnet die ÖPNV- und Schienensysteme rund um die Metropolen in Deutschland heillos überlastet sind. Oder gar massiv eingeschränkt wurden, wenn man an den Rückbau von hunderten Bahnstrecken auch in Ostdeutschland denkt.

    Dass hier schon vor Jahren hätte umgedacht und umgeschichtet werden müssen, macht der Mobilitätsatlas sehr deutlich.

    „Autos nehmen unverhältnismäßig viel Fläche in den Städten ein. Das benachteiligt andere Verkehrsformen und beeinträchtigt die Lebensqualität im öffentlichen Raum. Wo heute Autos parken oder fahren, können Grünanlagen, Spielplätze und Treffpunkte entstehen. Lebenswerte Städte benötigen öffentliche Räume, wo sich Menschen begegnen und gerne aufhalten“, betont die Heinrich-Böll-Stiftung.

    Kerstin Haarmann, die Bundesvorsitzende des VCD, ergänzte: „Wir müssen unsere Straßen zurückerobern. Dass jeder ein eigenes, oft viel zu großes Auto besitzt, das mehr als 23 Stunden am Tag rumsteht und wertvollen Raum blockiert, macht ökologisch wie ökonomisch keinen Sinn. Wir brauchen mehr und sichere Rad- und Fußwege, den Umstieg auf kleine Elektroautos, am besten im Sharing-Betrieb, und einen starken ÖPNV. Multimodale Handy-Apps können einfach und übersichtlich verschiedene Mobilitätsangebote für eine bestimmte Wegstrecke anzeigen, die digital gebucht und abgerechnet werden. So sähe eine moderne, umweltschonende und bezahlbare Mobilität für alle aus.“

    In ländlichen Räumen ist die Situation weitaus schwieriger: Hier geht ohne Auto oftmals nichts. Im kleinstädtischen oder dörflichen Raum ist die Zahl der Autobesitzer höher als im Bundesdurchschnitt. Für bis zu 70 Prozent aller Wege wird hier ein Kraftfahrzeug genutzt und damit deutlich häufiger als in Großstädten.

    Dr. Ellen Ueberschär betonte: „Gerade in ländlichen Räumen müssen die Alternativen zum Auto gestärkt und zum Teil auch erst geschaffen werden. Wer kein Auto benutzen möchte oder kann, braucht zur Grundversorgung bessere Verbindungen mit Bus und Bahn sowie umweltfreundliche Mitfahrangebote. Ein moderner, gut vernetzter und flexibler ÖPNV muss gerade in infrastrukturschwachen Regionen gezielt politisch gefördert werden. Das ist eine Mammutaufgabe, die Bund, Länder und Kommunen dringend angehen müssen. Gleichzeitig müssen die Bedingungen für Elektromobilität verbessert werden. Neben zielgerichteten Investitionen für den Ausbau öffentlich zugänglicher Ladesäulen braucht es eine bessere politische Koordination.“

    Kerstin Haarmann verwies darauf, dass die Folgekosten des Verkehrs für Mensch und Umwelt in keiner Rechnung auftauchten, sondern von der Allgemeinheit getragen werden: „Drei Viertel aller Bürger fühlen sich in ihrem Wohnumfeld von Lärm belästigt. Lärm und Abgase können krank machen und führen zu tausenden von vorzeitigen Todesfällen. Die Preise im Verkehr spiegeln nicht die ökologische Wahrheit wider. Das Verursacherprinzip wird missachtet. Der geplante CO2-Preis ist viel zu niedrig. Flug- und Straßenverkehr profitieren zudem von klimaschädlichen Steuerprivilegien und Subventionen in Milliardenhöhe. Aber auch wer bei Wind und Wetter nur Fahrrad fährt, muss für die Umweltschäden, die andere verursachen, mitbezahlen. Das ist ungerecht.“

    Die Heinrich-Böll-Stiftung und der ökologische Verkehrsclub VCD fordern von der Politik deshalb, das Klimapaket nachzuschärfen und einen höheren CO2-Preis anzusetzen, damit die Wende für die Mobilität von morgen heute schon beginnt.

     

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