Man kann alt und müde werden bei so einem Thema. „Im Februar 2021 hatte die SPD-Fraktion zur Umsetzung des Ratsbeschlusses aus 2012 hinsichtlich der Prüfung von 26 potenziellen Fahrradstraßen eine Anfrage im Rat gestellt. Die Verwaltung hatte daraufhin einen ausführlichen Prüfbericht zur Anordnung von Fahrradstraßen erstellt“, schrieb die SPD-Fraktion in ihrer jüngsten Anfrage zum Thema. Eine Fahrradzone sollte 2021 eigentlich schon einmal den nächsten Schritt sichtbar machen. Aber wo blieb die, fragte die Fraktion.

Den Prüfbericht hatte es ja tatsächlich gegeben. Und zumindest die Prüfung neuer Fahrradstraßen gab es dann auch im vergangenen Jahr, teilte das Verkehrs- und Tiefbauamt (VTA) in seiner Antwort mit:

„Der im Frühjahr 2021 erstellte ausführliche Prüfbericht zur Anordnung von Fahrradstraßen an den Stadtrat weist 17 Straßenabschnitt aus, die zum damaligen Zeitpunkt eine Prüfung als Fahrradstraße als zielführend erkennen ließen. Aus dem Prüfbericht wurden bis Anfang 2022 drei Straßenabschnitte einer straßenverkehrsbehördlichen Prüfung unterzogen; auf Vorschlag des Stadtrates und des Radverkehrsbeauftragten wurden diese um weitere drei Straßenabschnitte ergänzt, für die eine Prüfung zweckmäßig erschien.“

Aber die Ergebnisse der Prüfungen sind geradezu enttäuschend.

Die Prüfergebnisse aus Sicht des VTA:

Augustinerstraße: Anordnung als Fahrradstraße nicht möglich
Biedermannstraße im Abschnitt Bornaische bis Probstheidaer Straße: Anordnung als Fahrradstraße ohne vertiefende planerische Untersuchung nicht möglich.
Nonnenstraße im Abschnitt Karl-Heine-Straße bis Erich-Zeigner-Allee: Anordnung als Fahrradstraße (erst) mit baulichen Anpassungen möglich
Ernst-Mey-Straße im Abschnitt Nonnenstraße bis Könneritzstraße: Anordnung als Fahrradstraße (erst) mit baulichen Anpassungen möglich
Rennbahnweg: Anordnung als Fahrradstraße möglich, aber Fußverkehrsregelung nicht gelöst

Einzige Ausnahme: „Goldrutenweg: Anordnung als Fahrradstraße bereits erfolgt. Umsetzung“.

Keine Kapazitäten für die Planung

Das VTA selbst kommentierte diese Prüfungsergebnisse mit den Worten: „Es fällt auf, dass neben der verkehrsrechtlichen Prüfung oft auch der bestehende bauliche Zustand der Fahrbahn sowie weitere planerisch zu lösende Randbedingungen die weitere Anordnung von Fahrradstraßen erschweren. Für die planerisch und baulich herbeizuführenden Lösungen sind derzeit keine Kapazitäten frei.“

Was zumindest verblüfft. Denn genau dafür wurden ja erst zusätzliche Planerstellen geschaffen. Und was an Straßen wie der Biedermannstraße umgeplant werden müsste, erschließt sich nicht wirklich.

Wird die Biedermannstraße bald Fahrradstraße? Foto: Ralf Julke
Wird die Biedermannstraße bald Fahrradstraße? Foto: Ralf Julke

Und dabei wächst der Bedarf an ausgewiesenen Fahrradstraßen im ganzen Stadtgebiet. „Aus Anträgen von Stadtbezirksbeiräten ergaben sich seit Vorliegen des Prüfberichts von 2021 weitere Bedarfe für Prüfaufträge“, teilt das VTA mit und zählt auf:

Triftweg: Der Prüfauftrag ist in Vorbereitung.
Kleinpösnaer Straße: Der Prüfauftrag ist in Arbeit.
Zum Alten Seebad zwischen Brandiser Straße und An der Hebemärchte: Die verkehrsrechtliche Anordnung ist in Arbeit

Kein Quartier geeignet als Fahrradzone?

Und da ist ja noch die eigentlich brisante Frage nach einer richtigen Fahrradzone, also einem Stadtquartier, in dem einmal alle Straßen Fahrradstraßen sind. Aber auch dieses Thema schmettert die Verwaltung mit dem oben schon sichtbaren Argument ab: die baulichen Voraussetzungen fehlen. Erst müsse – so sehen das die Verantwortlichen – der ganze Straßenraum umgebaut werden, damit Fahrradzonen eingerichtet werden können:

„Es hat 2021 ein ämterübergreifender Abstimmungstermin stattgefunden, da das Thema Fahrradzone neben einem verkehrsrechtlichen vor allem einen städtebaulichen Schwerpunkt hat. Fahrradzonen können im Zuge einer Neuorganisation von Verkehrsflächen und Seitenräumen in Anliegerstraßen eine unterstützende Wirkung zur Verkehrsberuhigung haben. Es wurde dabei festgestellt, dass bislang kein Quartier oder Gebiet in Leipzig die baulichen Voraussetzungen für die Anordnung einer Fahrradzone aufweist.

Vorgesehen ist daher die Entwicklung von Kriterien, unter denen in Leipzig die Anordnung von Fahrradzonen möglich wird. Anhand dieser Kriterien soll im Anschluss ein Gebiet identifiziert werden, dass diese Kriterien mit möglichst geringen baulichen Maßnahmen erfüllen kann, um daraus ein Pilotprojekt zu entwickeln. Aus Kapazitätsgründen konnte das Thema Fahrradzone jedoch noch nicht weiter vertieft werden.“

Da genügt schon ein Blick auf Wikipedia, um zu sehen, wie sehr Leipzig unter den Großstädten in Deutschland inzwischen bei der Einrichtung von Fahrradstraßen hinterherkleckert. Seit 2012 wurden und werden immer neue Gründe gefunden, solche nicht einrichten zu müssen. Oder nicht einrichten zu können, weil die Straße erst umgebaut werden müsste. Wie machen das dann eigentlich Städte wie München, Kiel oder Bonn?

Schon 2002 hat sich Leipzig ein Handlungskonzept gegeben, dessen erster Punkt lautete: „Leipzig will sich als fahrradfreundliche Großstadt weiterentwickeln.“ Das ist bis heute nicht umgesetzt.

Die 2012 zur Prüfung als Fahrradstraße vorgesehenen Straßen. Grafik: Stadt Leipzig, Radverkehrsentwicklungsplan 2010
Die 2012 zur Prüfung als Fahrradstraße vorgesehenen Straßen. Grafik: Stadt Leipzig, Radverkehrsentwicklungsplan 2010

Spaßeshalber packen wir hier noch die Liste der Straßen mit ins Bild, die laut Radverkehrsplan von 2012 zur Widmung als Fahrradstraße geprüft werden sollten.

Was ja bekanntlich damals zu einem gewaltigen Aufschrei diverser Lobbyverbände und Parteien führte, die – mal wieder – den armen Autofahrer behindert und vertrieben sahen. Was dann bei der Umsetzung des Fahrradstraßenprogramms einen jahrelangen Stillstand zur Folge hatte.

Dass etliche dieser Straßen tatsächlich baulich eine Katastrophe sind und für Radfahrende eine Zumutung, steht auf einem anderen Blatt. Viel frappierender ist es, dass das Zögern auch zehn Jahre später immer noch weitergeht.

In der Ratsversammlung am 13. Juni wurde zu dieser Antwort auf die SPD-Anfrage nicht weiter nachgefragt, weil Baubürgermeister Thomas Dienberg nicht anwesend war. Die Nachfragen soll es nun im Fachausschuss Verkehr geben – also ohne Öffentlichkeit.

Den alten Radverkehrsentwicklungsplan findet man auf der Homepage der Stadt. Der neue ist je bekanntlich noch in der Erarbeitung. Man kann gespannt sein, wie viele Fahrradstraßen drin sind. Oder ob es planerisch weiter als ein Problem erscheint, in Leipzig ein funktionierendes Netz von Fahrradstraßen zu schaffen.

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Es gibt 6 Kommentare

Ich gehörte lange nicht zu den Hysterikern, doch mache ich diesbezüglich gerade einen Wandel durch.

Unsere tolle Stadt – so modern, chic, hip etc. pp. – die wächst und wuchert ganz fleißig. Aber mit dem Wachstum wachsen auch die Probleme und derer gibt es viele besonders wenn man mal den Blick aus seinem durchgentrifizierten Kiez (trifft auf mich nicht zu, dafür ist es aber auch nicht so toll) wendet.

Das Thema Verkehr ist hier ein Schlüssel und es ist ein Vollkatastrophe. Nur weil es dank “natürlicher” Randbedingungen wie dem Nord-Süd-Flusslauf und dem Auwald sowie der einen oder anderen stillgelegten Bahnstrecke für einige Streckenbeziehungen schon gute Verbindungen gibt, stinkt die Stadt statistisch nicht völlig ab. Jenseits davon ist das Radwegenetz eine Katastrophe und das ÖPNV-Netz ist – wenn wir mal von den Gefälligkeitsumfragen, die man sich kaufen kann – absehen, weitgehend mies, belastet, langsam und dabei teuer. Kann nicht z.B. mit Dresden mithalten.

Und das Schlimmste: Es passiert nichts. Jahrein Jahraus gar nichts.

Und der Klimawandel ist da, man merkt es doch in so vielen Sommern der letzten Jahre. Und was macht die Stadt, was die Verwaltung? Weiter schlafen.

Aber diese Stadt hat keine Zeit mehr weiter zu schlafen. Was heute entworfen wird, wird in frühestens 5 Jahren gebaut, manches dauert noch viel viel länger. Dann kocht hier schon lange alles.

Passend dazu der Beitrag neulich zu den Straßenbäumen: Auch hier eine Katastrophe, die Stadt wird heißer und heißer und bei den Bäumen hält man kaum mit den Fällungen mit!

Dieser “Fluss” im Zentrum gen Norden stinkt jeden Sommer mehr und mehr ab. Da passiert natürlich auch nichts. Na schönen Dank auch!

Aber ja, wir sind so hip. Und ja, die Zuwanderer aus allen Herren Ländern sollen alle mehr und mehr kommen, damit es immer immer mehr Folgeprobleme gibt, wo wir doch die heutigen Probleme schon nicht mehr im Griff haben. Juhu!

Aber wenigstens freuen sich die Reichen über die für sie noch günstigen Lebensverhältnisse, und die Immobilienbesitzer über schöne Wachstumsraten im überquellenden Mietmarkt.

Was für eine schöne Stadt.

@fra
Na 2/3 sind es mindestens. Um den Spielplatz herum liese sich da sicher noch etwas optimieren. Aber in meinem ersten Post schrieb ich ja, dass auch für einen wie auch immer abgetrennten Fußweg Platz wäre. Da die Straße breit genug ist könnte darauf durchaus auch verzichtet werden.

@TLpz
Sie kämpfen also nicht für die Bevorzugung der Radfahrer, den ich sprach von der Zukunft und das da wieder eine Mobilitätsart, wie heißt das so schön attraktiver gemacht werden soll.
Ich für meinen Teil laufe auf den Rennbahnweg, den der ” direkt daneben befindet sich der Clara- Park mit einem parallel zur Straße führenden Weg” ist nur auf der Hälfe präsent.

@fra
Doch, wir lernen, dass die Bevorzugung einer Mobilitätsart in Leipzig weiter Bestand haben wird. Dieser Mobilitätsart wird alles untergeordnet. Und das zeigen die Antworten des VTA ganz deutlich. Kleiner Tip: Die Radfahrer sind es nicht!
Im von mir benannten Beispiel Rennbahnweg geht es nicht darum, die Belange von Fußgängern unter den Tisch zu kehren. Vielmehr zeige ich auf, dass die derzeitige Situation konträr zur Antwort des VTA ist: Es gibt auch heute an dieser Straße keinen Fußverkehr, denn dieser spielt sich auf den danebenliegenden Parkwegen ab! Ergo muss dieser gar nicht beachtet werden, so dass diese Aussage des VTA nur bedeutet, dass man nicht gewillt ist, diese Straße in eine Fahrradstraße umzuwidmen. Und das scheinbar nur, um die dortigen Parkplätze für PKW zu erhalten.

Wie so üblich lernen wir mal wieder nichts. Schon wieder soll eine Mobilitätsart bevorzugt werden. Die Niederländer zeigen uns ja ganz deutlich wie es auch geht. Es gibt nur einen Straßenraum, also keine Bürgersteige, keine Fahrbahn und keine Radwege. Alle nutzen den vorhandenen Raum und passen aufeinander auf. Bei denen geht das, keiner wird vertrieben. Dann muss man auch nicht verächtlich auf die Belange von Fußgänger reagieren.

Wo bitte gibt es in Leipzig Fahrradstraßen? Also so richtige Fahrradstraßen? Die auch baulich und bezüglich Ihrer Einbindung in die übrige Fahrrad- Infrastruktur der Stadt als solche bezeichnet werden können? Es fehlt in Leipzig nicht (nur) an Planern, es fehlt am politischen- und Verwaltungswillen, die Radinfrastruktur zu verbessern. Ich persönlich setze keinen Pfifferling auf den neuen Radverkehrsentwicklungsplan. Wer in der entsprechenden Umfrage dazu “Winterdienst” als Antwortmöglichkeit für Wünsche an das Leipziger Radnetz hat die gesamte Thematik aus Sicht der Radfahrer nicht verstanden. Man hat oftmals den Eindruck, das Entscheider und Planer die Radverkehrsanlagen, die sie entwickeln, nie benutzen oder auf ihre Funktionalität überprüfen.

Am besten ist die Antwort zum Rennbahnweg: “Anordnung als Fahrradstraße möglich, aber Fußverkehrsregelung nicht gelöst”. Welche Fußverkehrsregelung? An dieser Straße existiert bereits heute kein Fußweg und direkt daneben befindet sich der Clara- Park mit einem parallel zur Straße führenden Weg. Oder man markiert einfach den jetzigen rechten Parkstreifen (lt. Goggle scheinen dort auch noch Reste einer Straßenmarkierung zu sein) als Fußweg, die restliche Straßenbreite reicht locker noch als Fahrradstraße. Im ‘Linien auf die Straße kleistern’ ist das VTA ja mittlerweile reichlich geübt…

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