Es gibt viele Möglichkeiten, Landwirtschaft anders zu organisieren – umweltfreundlicher, solidarischer. Erstaunlicherweise verorten sich einige dieser Projekte derzeit um das Städtchen Taucha im Leipziger Nordosten. Bei Sehlis will das Kollektiv Ackerilla 14 Hektar Land dauerhaft ökologisch und solidarisch bewirtschaften. Am Freitag, 7. Juni, stellen das Kollektiv Ackerilla und die Kulturland Genossenschaft ihr Projekt im Ost-Passage-Theater in Leipzig vor.

Denn sie brauchen noch Mitstreiter. An der Finanzierung des Flächenkaufs und dem Aufbau der solidarischen Landwirtschaft können sich Bürgerinnen und Bürger beteiligen – durch Anteile an der Kulturland-Genossenschaft und Nachrangdarlehen an die Bewirtschafter/-innen. Insgesamt sollen 145.000 Euro für den Kauf der Flächen und 200.000 Euro für den Aufbau des Betriebes eingeworben werden.

Das Kollektiv Ackerilla besteht aus Nils Haubner, Dr. Winfried Meyer, Isabel Matthias, Cristina Santana, Benno Fuchs und Ferenc Benke, die sich über ihre Leidenschaft zum Gärtnern zusammengefunden haben. Im Herbst 2019 starten sie ihre gemeinschaftlich getragene Landwirtschaft (SoLaWi). In einer gemeinschaftlich getragen Landwirtschaft werden die Kosten und die Ernte geteilt.

Zu Beginn eines Jahres werden den Mitgliedern die Kosten für das kommende Anbaujahr vorgestellt. In einer Bietrunde werden diese Kosten dann solidarisch auf alle Mitglieder verteilt. Dafür bekommen diese wöchentlich einen Ernteanteil. Das Obst und Gemüse hat dadurch keinen Preis mehr und die Bewirtschafter/-innen haben Planungssicherheit für die kommende Saison.

Die vier Flurstücke, um die es jetzt geht, liegen in Sehlis, etwa 20 Kilometer nordöstlich von Leipzig, und werden derzeit noch konventionell bewirtschaftet. Der Kauf erfolgt über die Kulturland-Genossenschaft mit Unterstützung der ortsansässigen Stiftung Partheland.

„Seit 2008 haben sich die Bodenpreise beinahe verdoppelt, weil landwirtschaftliche Flächen zu Spekulationsobjekt von Investoren verkommen sind“, stellt Vorstand Dr. Titus Bahner das Grundproblem dar. „Die anhaltende Bodenversiegelung für Baumaßnahmen und der Biogas-Boom der vergangenen Jahre tun ein Übriges. Junge Menschen, die keine Höfe erben, aber trotzdem einen landwirtschaftlichen Betrieb aufbauen wollen, haben eigentlich keine Chancen mehr, an Ackerflächen zu kommen, ohne sich hoch verschulden zu müssen.“

Die Genossenschaft mache es anders. Sie kaufe mit ihren Mitgliedern Land, nehme es damit aus der Spekulation und verpachte es zu günstigen Konditionen an regional eingebettete Bio-Höfe, so Bahner. „Mit dem Landkauf in Sehlis unterstützen wir das Kollektiv Ackerilla, das im Herbst 2019 mit einer gemeinschaftlich getragenen Landwirtschaft auf einer der Flächen starten wird. Gleichzeitig können hier in den nächsten Jahren weitere gemeinschaftsgetragene Projekte zusammen mit den bereits etablierten SoLaWis in Leipzig umgesetzt werden.“

Die Kulturland eG ist eine Gemeinschaft von Bäuerinnen und Bauern und Bürgerinnen und Bürgern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, landwirtschaftliches Land aus der Spekulation zu befreien. Mit dem Geld aller Genossinnen und Genossen erwirbt die Kulturland eG landwirtschaftliche Flächen, um sie im Sinne einer modernen „Allmende“ langfristig zu sichern und zu günstigen Konditionen an Höfe, die ökologisch wirtschaften und sich darüber hinaus sozial öffnen und bewusst in ihre Region einbinden, zu verpachten.

Der Hintergrund dabei: Seit Ausbruch der Weltfinanzkrise 2008 fließt immer mehr Spekulationsgeld von landwirtschaftsfremden Investoren in Äcker, Grünland und Wald – mit hohen Erwartungen an die Rendite. Die Folge: Die Bodenpreise haben sich seit 2008 mehr als verdoppelt, jeden Tag verschwinden Höfe und damit Ackerflächen, die an außerlandwirtschaftliche Investoren fallen. Dieses Höfesterben betrifft vor allem kleinbäuerliche Betriebe bis 100 Hektar. Große Betriebe dagegen bewirtschaften immer mehr Flächen mit immer weniger Menschen – das hat nicht nur negative Folgen für die Böden und die Artenvielfalt, sondern auch soziale und ökologische Gedanken finden immer weniger Platz.

Die Mitglieder der Kulturland Genossenschaft sind überzeugt: „Für eine nachhaltige Landwirtschaft darf Ackerland nicht zum Spekulationsgut werden. Und es braucht Gemeinschaften, Menschen, die Landwirtschaft mit Enthusiasmus, Hingabe und Fachwissen betreiben und die ehrlich und sorgsam mit Tieren, Pflanzen und Boden umgeben.“

Die gemeinschaftlich getragene Landwirtschaft bei Sehlis soll langfristig 200 Haushalte in Sehlis und Leipzig mit frischem Bio-Gemüse und Obst versorgen.

„Aktuell planen wir, etwa 120 verschiedene Sorten Gemüse und Obst anzubauen“, betont Gärtnerin Isabel Matthias vom Kollektiv Ackerilla. Und geht auch auf den Naturschutzaspekt bei diesem Projekt ein. „Bereits im Herbst pflanzen wir zusammen mit der Partheland-Stiftung große Hecken mit Kopfbäumen entlang unseres Flurstücks – das bietet nicht nur unseren Kulturen Schutz, sondern wir erhöhen damit auch die Artenvielfalt und schaffen ein weithin sichtbares Zeichen in einer sonst ausgeräumten Landschaft mit riesigen Monokulturen.“

Derzeit sei auf dem Acker noch keinerlei Infrastruktur vorhanden. Für eine Feldscheune, drei Folientunnel, Brunnen und Photovoltaikanlage und die ersten Geräte möchte das Kollektiv 200.000 Euro in Form von privaten Nachrangdarlehen einsammeln. „Damit bieten wir auch eine transparente Geldanlage, bei der das Geld nicht auf der Bank liegt, sondern einem nachhaltigen, sozialen Zweck dient“, sagt Isabel Matthias.

Auftaktveranstaltung im Ost-Passage-Theater

Zur Auftaktveranstaltung der Crowd-Investing-Kampagne laden das Kollektiv Ackerilla und die Kulturland Genossenschaft am Freitag, 7. Juni, um 19:30 Uhr in das Ost-Passage-Theater (Konradstraße 27) im Leipziger Osten ein. Im Zentrum steht die Präsentation der Kampagne mit anschließendem Film „10 Milliarden – wie werden wir alle satt?“

Freitag, 7. Juni, 19:30 Uhr, im Ost-Passage Theater.

Keine Anmeldung notwendig.

Ein mutiges Projekt Kooperative Landwirtschaft bei Taucha sucht jede Menge Miteigentümer und Unterstützer

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