Marko auf der Insel (23): Warum denn ausgerechnet Tavistock? Ein Interview mit Louisa, Julia, Marcel & Sebastian (2)
Marko Hofmann
22.06.2009

Markos Interviewpartner.
Sport finden Louisa, Julia, Marcel & Sebastian, die deutschen Gastschüler im Kelly Colege in Tavistock toll, haben sie im ersten Teil des Interviews verraten. Das Tagespensum ist gewaltig, die Vorurteile der Mitschüler nerven ein bisschen. Aber wie sieht's mit den Macken aus?
Habt ihr schon irgendwelche anderen Macken bei euren englischen Mitschülern feststellen können?
Louisa: „Also die von 5. Klasse aufwärts sind viel weiter entwickelt, als wir es in dem Alter waren. Wir haben da noch mit Puppen gespielt.“
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Dossier Marko auf der Insel:
Ein Tagebuch – direkt aus einem englischen Internat
In der L-IZ schrieb Marko Hofmann über den spannenden Neubeginn des 1. FC Lok Leipzig. Dann stürzte er sich ins Lehrerstudium und landete – ganz unverhofft – im Herbst 2008 zu einem Praxissemester mitten in England. Sein Tagebuch aus einem echten Jungs-Internat hier kann man's lesen.
Julia: „Dann erzählen die, wie schlecht es mit dem Freund und so gelaufen ist.“
Louisa: „Die sind hier weiter entwickelt, weil sie schon zeitig alleine leben. Dadurch machen die viele Sachen ohne ihre Mutter. Ich frage jetzt noch meine Mutter, ob sie irgendetwas für mich machen kann.“
Rest: „Ich auch!“
Julia: „Ich glaube, die Kleinen haben ja auch Heimweh und die holen sich ihre Liebe dann von ihren Freunden.“
Mir ist bei den Engländern aufgefallen, dass manche bei jedem Wetter barfuss herumlaufen.
Louisa: „Ja! Meine Mutter sagte auch immer, dass die ja voll nackt sind. Wenn ein Sonnenstrahl da ist, da geht’s sofort ohne T-Shirt raus. Die sind ein bisschen wetterkomisch. Die haben auch einen Klamottenstil hier. Das ist aber nur hier so. In London ist das anders.“
Sebastian: „In London laufen die wie die Schlampen rum.“
Louisa: „Nein. Das stimmt gar nicht.“
Sebastian: „Die Jungs laufen in Sportanzügen rum.“
Mir ist auch aufgefallen, dass viele Schüler in grauen Trainingshosen herumlaufen …
Sebastian: „Das ist aber auch ihr zu Hause hier. Da ist es egal, was sie anziehen.“
Marcel: „Genau. Wenn die in die Stadt gehen, dann brezeln die sich auf.“
Julia: „Zum Abendessen in der Kantine machen die sich auch immer voll schön.“

Als deutscher Schüler im Kelly College kann Lernen anstrengend sein - aber auch effektiv.
Foto: Marko Hofmann
Wie ist das mit der Schuluniform? Konntet ihr euch da schnell dran gewöhnen?
Louisa: „Ja! Ich finde das einfach morgens. Sonst stehe ich morgens eine halbe Stunde vorm Schrank.“
Marcel: „Bei mir dauert es genauso lang als wenn ich keine Uniform hätte.“
Louisa: „Ich finde es ist auch gut, weil es so kein Mobbing gibt.“
Sebastian: „Hier wird trotzdem gemobbt.“
Louisa: „Aber nicht so extrem wie in Deutschland.“
Marcel: „Also bei uns in Deutschland auf der Schule wurde nie gemobbt.“
Julia: „Bei uns wurde ganz heftig gemobbt.“
Marcel: „Na, was sagen die denn dann: ´Du hast Scheiß-Klamotten an?´
Louisa: „Na ja, vor allen Dingen Picaldi gegen Polo (beides Modemarken / Anmerkung der Red.)“
Sebastian: „Aber das ist dann reich und arm!“
Louisa: „Ja, natürlich. Aber das sieht man hier in der Schulzeit nicht.“
Marcel: „Das ist doch aber nur, weil du in Hamburg auf der Gesamtschule bist. Auf anderen Schulen ist das nicht so.“
Sebastian: „Also bei mir auf der Realschule gab es nur Picaldi. Außer mir natürlich.“
Louisa: „Meine Gesamtschule ist aber in Blankenese. Das bonzigste Viertel Hamburgs und darum gibt es da die Reichen und die Hauptschüler. Auf der Schule gibt es eben jede Klasse.“
Marcel: „Na genau und deswegen gibt es Mobbing.“

Tradition heißt hier auch: Der ganze Tag ist streng eingeteilt.
Foto: Marko Hofmann
Also ihr würdet Schuluniform auch in Deutschland gut finden?
Alle: „Nein!“
Julia: „Man spart eben bloß Zeit und zieht die gleichen hässlichen Sachen jeden Tag an.“
Marcel: „Nein. Ich bin dagegen. Ich finde die Schuluniform irgendwann ungemütlich. Die eigenen Klamotten sind da besser.“
Sebastian: „Es hat Vorteile und Nachteile. Es ist halt einfach gut, um Mobbing aufgrund von Klamotten zu unterbinden. Aber man kann eben nicht seinen eigenen Charakter ausleben.“
Kommen wir mal auf den Unterricht zu sprechen. Gibt es denn einen großen Unterschied zu dem Unterricht in Deutschland?
Marcel: „Auf jeden Fall. Erstmal sind die Klassen viel kleiner. In einer Klasse sind wir nur vier Leute. Da kann der Lehrer viel besser auf einen eingehen.“
Louisa: „Und die Lehrer sind viel persönlicher. Die lassen sich viel mehr auf einen ein und haben auch Zeit für einen. Die sind an einem guten Abschluss interessiert. Und in Deutschland interessieren sich die Lehrer gar nicht für einen. Die wollen nur irgendwie den Tag herumbekommen.“
Julia: „Und wenn du eine Frage hast, dann sind die viel besser hier. Ein Mitschüler hat mal einen kompletten Vortrag aus dem Internet geholt. Bei uns zu Hause würdest du `ne Sechs und ordentlich Ärger bekommen. Hier wird gefragt: ´Was hast du denn? Verstehst du es nicht?´. So richtig nett. Sie würden dir auch eine Extra-Stunde geben.
Louisa: „Ich lerne hier Stoff in einer Woche, den ich in Hamburg in einer Ewigkeit nicht gelernt habe. Zu Hause ist das anders. Jeder redet, keiner hört zu und niemand interessiert sich. Den Lehrern ist das eben auch egal. Da hören sie eben auf mit Unterrichten oder reden einfach weiter.“
Julia: „Mit den Hausaufgaben ist das hier auch anders. Zu Hause mache ich nie Hausaufgaben.“
Marcel: „Aber trotzdem ist es hier im Unterricht nicht unbedingt ruhiger, finde ich.“

Und statt des Fernsehers sind abends erst die Hausaufgaben dran.
Foto: Marko Hofmann
Wie ist denn eure Meinung zum Essen?
Julia: „Das Essen ist so eklig.“
Louisa: „Jeden Tag gehe ich zum Essen und mir wird schlecht.“
Julia: „Ja, mir auch.“
Louisa: „Frühstück finde ich supergeil. Aber Mittag- und Abendessen sind zum Kotzen.“
Sebastian: „Was erzählst du denn da? Das Frühstück hängt mir zum Hals raus. Immer diese beans (baked beans/Anmerkung der Red.).“
Marcel: „Mir auch. Es gibt immer das Gleiche.“
Louisa: „Es ist ja nicht so, dass das englische Essen generell schlecht ist. Im Restaurant gibt es ja eine größere Auswahl. Aber die legen hier an der Schule einfach keinen Wert drauf.
Würdet ihr sagen, dass das Kelly besser ist, als eure Schule in Deutschland?
Marcel: „Ich würde sagen, dass die hier besser ist. Alleine schon von den Lehrern her.“
Julia: „Na auch von der Ausstattung. Zu Hause haben wir total schlechte Klassenräume. Hier gibt’s Projektoren und Touchscreen-Tafeln.
Wie ist das mit Heimweg während des Schuljahres gewesen?
Julia und Louisa: „Ja, das hatten wir!“
Marcel: „Ach, ich war froh, dass ich hier war. Ich hab versucht, den Kontakt abzubrechen.“
Julia: „Ich muss sagen, wenn man die drei Wochen um Weihnachten zu Hause war, dann ist das echt derb, wieder zurückzukommen. Du freust dich zwar, aber du hast dich zu Hause wieder eingelebt“
Marcel: „Oh ja. Das ist wirklich Mist. Wenn man allerdings eine Woche wieder hier ist, dann merkt man es gar nicht mehr.“
Was vermisst ihr denn hier in England?
Louisa: „Geiles Essen!“
Julia: „Einfach nur Party und Freiheit. Mir ist das ein bisschen zu streng. Abends wenn du mal noch raus willst, Eis essen gehen oder so. Das kannste einfach nicht.“
Louisa: „Fernseher vermisse ich gar nicht. Nur GZSZ. Außerdem, sich einfach mal abends spontan mit jemandem treffen.“
Sebastian: „Freiheit.“
Und andersrum: Was werdet ihr in Deutschland vermissen?
Sebastian: „Wahrscheinlich meine Freunde hier.“
Was ist das Kostbarste für euch, was ihr aus Deutschland mitgebracht habt?
Marcel: „Laptop. Ohne Laptop würde ich sterben.“
Louisa: „Handy und iPod. Mein Zimmer ist außerdem voller Fotos“
Sebastian: „Eigentlich nichts.“
Was würdet ihr denen raten, die an eine englische Schule gehen wollen?
Sebastian: „Englisch lernen.“
Marcel: „Ja, auf jeden Fall.“
Sebastian: „Und falls du ein Junge bist: Bring Kondome mit.“
Was hat euch die Zeit hier gebracht?
Alle: „Englisch.“
Englisch und?
Louisa: „Nichts.“
Sebastian: „Sex.“
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