Leipziger Klimaexperten: Umweltzone musste eingeführt werden – in rund zwei Jahren erste Resultate erwartet
Matthias Weidemann
22.03.2011

Prof. Alfred Wiedensohler.
Foto: Matthias Weidemann
Weil wir solche Erdenwürmer sind, wir Menschen, müssen wir uns folglich auch immer am Boden bewegen. Damit haben wir uns die Umweltzone eingehandelt. Denn Staub bewegt sich meist in Bodennähe. Die das sagen, müssen es wissen und sind Wissenschaftler des renommierten Leipziger Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung (IfT).
Die Forscher hatten Journalisten in den Wissenschaftspark in der Permoser Straße geladen, um sie über „Mythen und Fakten zur Umweltzone“ aufzuklären. Quasi aus dem Staub ans Licht der Öffentlichkeit gestiegen waren folgende sendungsbewusste Wissenschaftler: Der Meteorologe Prof. Alfred Wiedensohler, Gerhard Spindler, verantwortlich für die Außen-Mess-Station Torgau, der Physiker Wolfram Birmili sowie Hartmut Herrmann, Professor für Chemie der Atmosphäre.
Um es vorweg zu nehmen: Die Gelehrten waren sich einig, dass eine Umweltzone durchaus Sinn macht. Seit seiner Gründung ist das Institut damit beschäftigt die Feinstaubbelastung der Luft zu untersuchen und zu messen. Diese Aerosole, als feinste Partikel, die von der Luft transportiert werden, haben einen großen Einfluss auf das Klima und damit auch auf die Gesundheit der Menschen. Im Laufe der Jahre haben sich die Spezialisten vom IFT zu weltweit anerkannten Experten in Sachen Schadstoffbelastungen in der Atmosphäre gemausert.

Hartmut Herrmann an der Feinstaubmessanlage.
Foto: Matthias Weidemann
Was man unter Feinstaub zu verstehen hat, erklärt Prof. Alfred Wiedensohler: „Das sind Partikel unter einem Mikrometer Durchmesser. Feinstaub, das ist landläufig Ruß, also schwarzer Kohlenstoff, wie er von Dieselmotoren ausgestoßen wird, oder beim Reifenabrieb auf der Straße entsteht. Diese Partikel bewegen sich in der unteren Troposphäre so zwischen 500 und 2.000 Metern. Durch Auswaschung und Regen werden diese Partikel aus der Atmosphäre entfernt. Von den Anteilen des Feinstaubs ist der Ruß toxisch, enthält Schwermetalle und Kohlenwasserstoffe. Dazu kommen chemische Reaktionen, die innerhalb der Feinstaubmasse stattfinden und wiederum toxische Stoffe erzeugen. Durch die EU wurde ein Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter festgelegt. Leipzig hat diese Grenze regelmäßig überschritten, also musste etwas dagegen getan werden.“
Fakt ist auch, dass laut Experten rund 400.000 Tote pro Jahr in Europa dem Feinstaub zugesprochen werden. Darüber, wie Luftströme und Feinstaubbelastung zusammenhängen, klärte Wolfram Birmili auf: „Bestimmte Wetterlagen begünstigen hohe Werte. So tragen trockene Ostwinde, die ihren Weg von Russland, der Ukraine, Polen oder Tschechien zu uns finden und von den dort ansässigen Industrieanlagen und Kohlekraftwerken Sulfate und Kohlenstoffe zu uns transportieren. So etwas nennt man Ferntransport von Partikeln, ein Phänomen, was wir vom Saharastaub schon kennen.“

Hartmut Herrmann, Gerhard Spindler, Wolfram Birmili und Alfred Wiedensohler (vlnr.).
Foto: Matthias Weidemann
Besonders bei ungünstigen Wetterlagen, wie stagnierender Luft, legen sich die Luftmassen wie ein Deckel über die Städte. Aber auch ländliche Gegenden sind davon nicht verschont, steigt bei solchen Wetterlagen selbst dort der Pegel nicht selten über die zulässigen Grenzen. Gerhard Spindler ist von Seiten des IfT zuständig für die Außenmessstation in Melpitz bei Torgau: „Da die Station weit entfernt von Industrieansiedlungen und verkehrsreichen Straßen liegt, können wir Vergleichsmessungen relativ zu Leipzig anstellen.“
Weit draußen auf dem Lande liegt die Anzahl der Überschreitungen bei höchstens einem Dutzend, also deutlich unter der von der EU zugelassenen Grenze von 35. Im Vergleich dazu wurden an den Messstationen Leipzig-Mitte und in der Lützner Straße bis zu 52 Überschreitungen gezählt. Gerhard Schindler: „Ein weiterer Hinweis, dass hier unbedingt etwas geschehen musste.“
Dazu gehört aber auch, dass man dringend einheitliche Maßnahmen ergreift. Denn solange in anderen Ländern die Schlote hemmungslos qualmen, wird es hier, Umweltzone hin oder her, immer wieder zu Überschreitungen kommen. Einen anderen, in den letzten Jahren immer bedeutender gewordenen Faktor der Feinstaubbelastung, hob Hartmut Herrmann hervor: „Kleinfeuerstätten, als die beliebten Kaminöfen, tragen bald mehr zur Feinstaubbelastung bei als Kraftfahrzeuge. Deshalb macht die Anweisung, dass entsprechende Filter eingebaut werden müssen, auch Sinn. Die Schornsteinfeger werden hier sehr genau darauf achten. Das weiß ich aus eigener leidvoller Erfahrung.“
Inwieweit sich die Einführung der Leipziger Umweltzone auf eine Verbesserung der Luftqualität auswirkt, können die Experten noch nicht sagen. Alfred Wiedensohler: „Das ist erst ab einem Zeitraum von rund zwei Jahren möglich.“ Die Leipziger dürfen also auf die Messergebnisse gespannt sein. Wenn es soweit ist, wird die L-IZ vor Ort sein.
VGWortLIZ

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