Leipziger Umweltzone: Lkw-Umleitung durchs Musikerviertel ist Schildbürgerstreich, findet die SPD
Redaktion
30.11.2010

Harkortstraße Leipzig.
Foto: Ralf Julke
Die Umweltzone in Leipzig ist seit 2009 ein Dauerthema, ein Ärgernis, ein Streitfall. Im Frühjahr 2011 soll sie nun - nach zweimaliger Schrumpfkur - eröffnet werden. Doch weiterer Ärger ist vorprogrammiert. Zum Beispiel im Musikviertel.
Da plant die Stadt nun augenscheinlich die einzige Notlösung für ein Problem, das mit dem aktualisierten Luftreinhalteplan entstanden ist: Um die Feinstaubbelastung auf dem Innenstadtring deutlich zu reduzieren, dürfen ab März 2011 keine LKW mehr durch die Harkortstraße fahren. Die Harkortstraße aber ist der direkte Zubringer von der Autobahn B 2 aus Richtung Süden auf den City-Ring.
Schon die Eröffnung der A 38 im Leipziger Süden hat Leipzig von einem Teil des Lkw-Durchgangsverkehrs befreit. Aber augenscheinlich noch nicht genug. Signifikante Rückgänge des Lkw-Verkehrs konnten 2007, ein Jahr nach Freigabe der A 38 - sowohl in der Permoser Straße im Osten (- 45 %), in der Lützner Straße im Westen (- 33 %) und in der Rippachtalstraße im Südwesten (- 36 %) gemessen werden. Aber besonders interessant war für die Verkehrsplaner natürlich die B 2, die von vielen Transportunternehmern als Abkürzung quer durchs Leipziger Stadtgebiet genutzt wurde.
Was verständlich ist: Sowohl im Norden wie im Süden ist sie bis an den Innenstadtring autobahnmäßig ausgebaut. Es wäre ein Appell an die Blödheit der Lkw-Fahrer gewesen, diese Straßen nicht zu nutzen. Nur für den Ring selbst war - und ist es - an manchen Tagen der K.O. Regelmäßig sichtbares Zeichen dafür, dass deutsche Straßenplaner bis heute nicht begriffen haben, dass Kfz-Nutzer sich nicht rational verhalten, sondern menschlich. Sie wählen immer den Weg des geringsten Widerstandes. Auch wenn er in den Stau führt.
Das soll nun mit großformatigen Verkehrslenkanzeigen auf den Autobahnen geregelt werden. Und innerstädtisch mit Durchfahrverboten. Wie in der Harkortstraße. 2006 hatte die Verkehrszählung sowohl an der B 2 im Norden (Maximilianallee) als auch an der im Süden die tatsächlichen Spitzenbelastungen gemessen. Fuhren von Norden her täglich 6.600 LKW in die Stadt, so waren es von Süden her 3.500.
Mit der Schließung des Autobahndreiecks um Leipzig reduzierten sich zwar auch hier die Zahlen auf 5.200 LKW auf der Maximilianallee (- 20 %) und 2.700 LKW auf der B 2 Süd (- 25 %). Aber um die Innenstadt vom Feinstaub zu befreien, reichte das am Ende nicht. Auch 2007, 2008 und 2009 riss Leipzig die Grenzmarke für die Überschreitung der Feinstaubwerte. Wahrscheinlich sehr zur Überraschung des ein oder anderen Sachbearbeiters. Wahrscheinlich war das Hoffen darauf, die A 38 würde Leipzigs Luftbelastungsprobleme lösen, einer der Gründe dafür, warum nicht nur das Leipziger Umweltdezernat lange zögerte, wirklich drastische Verkehrsmaßnahmen zu überlegen, sondern das sächsische Landesumweltamt genauso. Man erinnert sich an die Panik im Januar 2009, als der Leipziger Luftreinhalteplan - noch nicht einmal fertig - gleich wieder kassiert werden musste, weil jetzt das Landesamt für Umwelt die Aufnahme einer Umweltzone verlangte.

Soll's ab 2011 nicht mehr geben: LKW-Gedränge in der Harkortstraße.
Foto: Ralf Julke
Mittlerweile ist die Umweltzone zwei Mal modifiziert worden. Was freilich noch immer drin steht, ist die Durchgangssperre für LKW in der Harkortstraße. Ausweichmöglichkeiten gibt es eigentlich keine. Auf die Karl-Liebknecht-Straße kann der LKW-Verkehr nicht ausweichen. Nun aber scheint die Verkehrsplanung der Stadt da eine Lösung zu überlegen, die das Problem - einmal - nur wieder verlagert, aber nicht aus der Welt schafft: Die Brummis sollen künftig durchs Musikviertel abgeleitet werden.
„Das Ganze liest sich wie ein großer Schildbürgerstreich, der aber leider offensichtlich ernst gemeint ist", erklärt dazu SPD-Stadtrat Heiko Oßwald. "Gerade die Ferdinand-Rhode-Straße ist überhaupt nicht, sowohl vom Zustand als auch vom Verlauf, für Durchgangsverkehr geeignet. Vor allem wären direkt mehr Anwohner - besonders Familien und Senioren - betroffen als in der Harkortstraße. Dort befindet sich ein großer Kindergarten. Viele Eltern bringen und holen ihre Kinder mit dem Auto ab. Die Gefahrenquellen, die man damit schafft, sind keinesfalls hinnehmbar und auch nicht durch den Luftreinhalteplan zu rechtfertigen“, so Heiko Oßwald, der den Wahlkreis Mitte für die SPD vertritt.
Naheliegender wäre die Tauchnitz-Straße. „Aber auch die Karl-Tauchnitz-Straße kann den Verkehr nicht aufnehmen", sagt Oßwald. "Schon jetzt ist es schwierig für die Bewohner des Musikerviertels, die Tauchnitz-Straße zu überqueren. Rückstaus am Kreisverkehr würden die Luft um ein Vielfaches verpesten."
Und so wundert es gar nicht, dass der SPD-Stadtrat nun fordert: „Die vorgeschlagene Einzelmaßnahme im Luftreinhalteplan muss nochmals auf den Prüfstand, damit aus dem Plan kein Luftverschmutzungsplan wird. Das Umweltamt hat hier auf Druck eines Rechtsanwaltsbüros eindeutig über das Ziel hinausgeschossen und warnende Stimmen der Verkehrsplaner offensichtlich ignoriert.“
Bei allem Verständnis für die Ziele des Luftreinhalteplanes, müssten die Maßnahmen am Ende auch praktikabel sein und dürften die Situation durch Staus, Verkehrsgefährdung und Lärm nicht noch weiter verschärfen. „Ich kann den Bürgerverein Musikerviertel in seiner Haltung nur unterstützen und ermutigen, hier nicht locker zu lassen und gemeinsam mit den Stadträten vor Ort nach Alternativen zu suchen“, sagt Heiko Oßwald.
www.leipzig.de/umweltzone
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