Am 10. Dezember wurde im Stadtgeschichtlichen Museum im Böttchergässchen die Ausstellung „Silber auf Glas“ eröffnet. Sie zeigt in einer opulenten Vielfalt 280 Aufnahmen aus dem legendären Fotoatelier Hermann Walter und damit das Leipzig der Zeit zwischen 1913 bis 1935. Dazu erschien auch ein neues Buch, eigentlich schon das zweite zum Thema. Denn das erste gab Christoph Kaufmann, der Fotochef des Museums, schon 2010 heraus.

Es zeigte erstmals umfassend, dass die Geschichte des Fotoateliers Hermann Walter mit dem Tod des berühmten Fotografen 1909 nicht zu Ende war. Sein Sohn Karl Walter und sein Schwager Bernhard Müller führten das etablierte Atelier fort und setzten in den Folgejahren genauso wie Hermann Walter anspruchsvolle Fotoaufträge zum Leipziger Stadtbild und zum immer noch aufregenden Baugeschehen um. Denn Leipzig kam nicht zur Ruhe.

Kaum hatte es die eine Häutung hinter sich, begann die nächste. Und während Hermann Walter die Verwandlung der Stadt um 1900 fotografiert hatte, nahmen Bernhard Müller und Karl Walter die großen Bauprojekte der Moderne ins Visier. Und nicht nur die. Schon der erste bei Pro Leipzig erschienene Band „Fotoatelier Hermann Walter. Leipzig 1918–1935“ zeigte, dass auch seine Nachfolger das Alltagsleben der Leipziger versuchten, im Foto festzuhalten.

Und schon da wusste Christoph Kaufmann, dass man den Bestand des berühmten Ateliers nur zum Teil kannte, auch wenn das Stadtgeschichtliche Museum 1935 das 4.000 Glasplatten umfassende Firmenarchiv übernahm. Damals gab Karl Walter das Atelier aus Krankheitsgründen auf, übergab aber augenscheinlich nur jenen Bestand ans Museum, den er für die Stadtgeschichte für relevant hielt. Nicht ahnend, dass auch die klassische Atelierfotografie und selbst die Auftragsarbeiten für diverse Unternehmen für die Stadthistoriker interessant sein könnten.

Blick in die Ausstellung "Silber auf Glas". Foto: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Blick in die Ausstellung „Silber auf Glas“. Foto: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

In den vergangenen Jahren gelang es, einige dieser in verschiedenen Archiven versteckten Bestände zu finden, so zum Beispiel viele Aufnahmen, die die Entstehung der Großmarkthalle dokumentieren. Hier war just das Leipziger Amt für Bauordnung und Denkmalpflege der Fundort, was nicht überrascht. Denn die Entstehung des „Kohlrabizirkus“ ist ja eine abenteuerliche Geschichte um den Stadtbaurat Hubert Ritter, die in diesem Buch Peter Leonhardt kenntnisreich erzählt.

Denn Ritters Versuch, moderne neue Bauprojekte in Leipzig umzusetzen, kollidierte heftig mit dem sehr konservativen Denken des Stadtrats und vor allem dem Aufkommen der Nationalsozialisten, die den ungeliebten Modernisierer mit Kampagnen aus dem Amt bringen wollten. Möglicherweise war es dann die deutliche Überziehung des Kostenrahmens für die Großmarkthalle, die Ritter dann tatsächlich das Amt kostete.

Aber von Ritters Wirken erzählt ja auch der Bau des neuen Grassi-Museums, zu dem in diesem Band auch erstmals viele neue Bilder zum Baugeschehen gezeigt werden. Andere Bestände zeigen das Wirken der damals viel gefragten Baufirma Max Gotthilf Richter & Co., die vor allem eine Menge heute längst unter Denkmalschutz stehender Industriebauten in ganz Sachsen errichtete. Hier zeigen die Bilder also einerseits das Baugeschehen und die Leistungsfähigkeit der in Leipzig gegründeten Firma, zum anderen dann aber auch die sinnfällige Ästhetik der entstandenen Gebäude und Werkhallen.

Aufbau der HolzgerĂĽste in der GroĂźmarkthalle, um die Glaskuppel einzusetzen. Foto: Atelier Walter, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Aufbau der HolzgerĂĽste in der GroĂźmarkthalle, um die Glaskuppel einzusetzen. Foto: Atelier Walter, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Man sieht direkt, wie der neue Baustoff das Bauen veränderte, der Stahlbeton, der Konstruktionen möglich machte, die zuvor undenkbar schienen. Nur der heutige Betrachter stutzt, weil ihm in Verbindung mit diesem modernen Baustoff die modernen Baustellenansichten nicht aus dem Kopf wollen mit Betonmischern, Kränen und Stahlgerüsten. All das gab es noch nicht. Bauen war tatsächlich noch echte Hand- und Hebearbeit.

Baugerüste wurden aus ganzen Wäldern von Holzlatten zusammengebaut. Zuweilen hat man das Gefühl, der Fotograf war allein schon von diesen gewaltigen Holzkonstruktionen fasziniert. Auf jeden Fall war es ihm ein Anliegen, das Bauen selbst möglichst eindrucksvoll ins Bild zu bekommen und auch die Bauleute zu zeigen, die die uns heute so beeindruckenden Gebäude in echter körperlicher Arbeit gebaut haben. Und das erstaunlich schnell.

Der neue Band ergänzt natürlich den 2010 erschienenen, bringt aber – in informative Kapitel gegliedert – neue Facetten zum Wirken des Ateliers Hermann Walter ab 1913. Da das Atelier augenscheinlich viele Aufträge bekam, um aktuelle Bauprojekte oft von der Fundamentlegung bis zur Fertigstellung zu begleiten, ergänzt die Arbeit des Ateliers natürlich das, was Hermann Walter selbst für seine Epoche geleistet hat. Und Christoph Kaufmann ist entsprechend froh, wenn immer neue Bilder doch noch in den Museumsbestand finden, wissend darum, dass vieles wahrscheinlich in den Zeitläufen verloren gegangen ist.

Aber selbst das, was geblieben ist, gibt einen sehr reichen Einblick in das Leipzig jener Zeit, die man ruhig die Moderne nennen kann, in der – trotz Nachkrieg, Inflation und Wirtschaftskrise – erstaunlich viele markante Gebäude entstanden sind, die die Stadt bis heute prägen. Wobei auch die Verluste sichtbar werden, die nicht alle mit Krieg und NS-Zeit zu tun haben, sondern auch mit den wirtschaftlichen Fehlentwicklungen der jüngeren Zeit – etwa im Kapitel „Die Kammgarnspinnerei Stöhr und Co. AG“ von Nadja Staab.

Hier haben die Firmenchefs selbst die fotografische Dokumentation in Auftrag gegeben und ein Teil der Gebäude für das prosperierende Unternehmen stehen ja noch heute an der Erich-Zeigner-Allee. Nur Garne werden dort nicht mehr gesponnen. Nach 1990 verlor Leipzig seine komplette Textilindustrie. Heute lassen wir unsere Textilien unter unzumutbaren Bedingungen in Fernost produzieren, weil alles billig sein soll, schnell gekauft und schnell weggeworfen.

Und die Stöhrsche Firmenleitung war stolz auf ihre modernen Maschinen oder das neue Kesselhaus. Und dass man als Unternehmer kein Nazi und Unmensch sein musste, auch nicht in der Nazi-Zeit, das belegt ja das Schicksal von Walter Cramer, der Vorstandsmitglied bei Stöhr war und Vertrauter von Carl Friedrich Goerdeler und der ebenfalls von den Nazis umgebracht wurde.

Und da die alten Werkhallen ja alle beräumt wurden (es ist schon erstaunlich, wie schnell nach 1990 die Maschinen verschwanden) und man heute nur noch leer geräumte Hallen sieht, zeigen die Bilder natürlich auch eindrucksvoll, in was für einer Maschinenlandschaft die vielen Hundert Angestellten bei Stöhr arbeiteten, wie eigentlich vor 80 Jahren der riesige Bedarf an Konsumwaren in Deutschland produziert wurde.

Und das war ja nicht nur im Leipziger Westen so, das war in ganz Sachsen so. Es gibt kaum eine Stadt, die nicht über solche imposanten Fabrikgebäude verfügt, deren Kern in der Regel stabiler Stahlbeton ist, deren Klinkerfassaden aber auch vom Gestaltungswillen der beauftragenden Unternehmer und der Architekten erzählen.

Ausstellungstipp: Die Ausstellung „Silber auf Glas“ ist vom 11. Dezember 2019 bis zum 19. April 2020 im Stadtgeschichtlichen Museum zu besichtigen.

Stadtgeschichtliches Museum Leipzig (Hrsg.) „Neues aus Beton und Stahl“, Pro Leipzig, Leipzig 2019, 24 Euro

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