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Sonntag, 17. Januar 2021

3. Oktober 2018: Vereint und zerrissen

Von Jens-Uwe Jopp

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    KommentarDer Oktober ist der „Einheitsmonat“. Vielleicht auch DER Symbolmonat unseres Landes, der neben dem „goldenen“ Herbst auch die schwarz-roten Kontrastfarben als deutsche Befindlichkeits-Trikolore farblich abbildet. Klingt etwas an der Haaren herbeigezogen, meinen Sie? Doch ist sie endlich beim Schopfe zu packen, die deutsche Einheit, die am 3. Oktober immer wieder beschworen wurde, diesmal in Berlin gefeiert, als wolle man ihr in angeschlagenem Zustand Hauptstadtgewicht verleihen, sich fit und gerüstet für den kommenden Winter zu präsentieren.

    Sie zeigt sich längst nicht mehr verführerisch. Die deutsche Einheit kommt 2018 längst nicht mehr fröhlich und anziehend daher, sie lenkt den Blick nicht mehr hin zum vollen Schaufenster, zu üppigen Auslage, zu ihrem schmucken Dekolleté. Dabei ertrug sie hoffnungsfroh Anfang der 90er Jahre ihre pfälzische „Gechichts“-Autorität Helmut Kohl als deren Papa und den „Genossen der Zigarrenbosse“, also auch noch Onkel Gerhard Schröder ab 1998 und hat heute ein charakteristisches Gesicht.

    Zurechtgeputzt, mit stoischem Blick steht sie scheinbar unerschütterlich, Haltung und Hände stets in Kontinuitäts- und Harmoniegestus. Wie ein rüstiger Rentner kommt sie daher, die deutsche Einheit aus der Uckermark, den für sie ausgesuchten Ehemann, Demokratie genannt, bereits am Rollator, hinter sich her ziehend. Immer schön in der Mitte des Fußweges gehend. Das Ziel immer fest im Blick. Welches Ziel?

    Die Wiedervereinigung. 3. Oktober 1990.

    Hier hatte man seinerzeit nicht ganz aufgepasst. Bleiben wir bei der bereits begonnenen Pärchensymbolik: Der Mann aus dem Westen nimmt sich die Frau des Ostens zu seiner Frau, weil er ihr alles versprach. Blühende Landschaften, steigenden Wohlstand für alle und Armut für wenige oder keinen. Schnell, schnell sollte alles gehen, dass die Braut nicht zu zweifeln beginnt oder sich gar an den Ex-Mann erinnert. Deswegen mussten großzügige Geschenke und Offerten her. Der neue Wagen, das neue Haus, das neue Leben.

    An das alte wurde stets als Horrorshow dauermedial erinnert. Durch Konsumterror ersetzt. Wobei: Die Trennungsgründe vom Ex-Partner waren ja nachvollziehbar, die Neuvermählung als Macht- bzw. Kraftakt inszeniert allerdings mehr als fragwürdig. Da wurde keine neue gemeinsame Wohnung bezogen – nicht das Grundgesetz durch eine gesamtdeutsche Verfassung ersetzt- sondern da wurde gleich der Unterkunft des Ehemannes „beigetreten“, die alte Behausung abgemeldet.

    Bye bye Unrechtsstaat. No way back.

    Jetzt wurden Verwandtschaftsverhältnisse neu gestaltet, sortiert, justiert und justifiziert. Fragebögen „undemokratischen Verhaltens“ kursierten in Schulen, Hochschulen und Universitäten, Ämter befassten sich mit der schlimmen Vergangenheit der Braut. Die war – von ihren alten Vormündern als per se antifaschistisch erklärt – doch nicht so ganz sauber und unschuldig, wie sie noch vor Jahresfrist umworben wurde.

    Im Kindergarten auf den Topf gezwungen, später eine Mauer ums Haus gebaut, sich dennoch dankbar Pakete vom Lover aus dem Westen schicken lassen, hatte man lange die antifaschistische Immunisierung, die eine Zeitlang auch vor dem Neoliberalismus schützte, empfangen, obwohl man Schlange vor den exquisiten Läden stehen musste und materielle Begehrlichkeiten wuchsen. Ideologischer Kadavergehorsam und fehlende Selbstbestimmung begann die Dame aus dem Osten zwar mehr und mehr zu verunsichern, und der starke Mann aus dem Westen hätte eigentlich viel früher zu seinem Ziel kommen wollen. Was er natürlich heftig bestritt, klar. Prinzipiell arbeitete er unwissentlich mit seiner großen Ost-Konkurrenz Hand in Hand, denn der ständig betrogene Staatssozialismus begann sich in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts mehr und mehr selbst abzuschaffen: Intershop, Westgeldbesitz und Korruptionsbewusstsein fegten sozialistische Ideale alltäglich beiseite.

    Die Brautgenossen wurden selbst immer unzufriedener

    Die Marktwirtschaft begann nicht nur Schritt für Schritt im „Feindesland“ die träge, unbewegliche, ideologisch dauergeweihte Planwirtschaft eindeutig zu überholen, sondern ja sogar links liegen zu lassen. Fehlende Motivation, Meuterei und Desertion waren die Folge im Osten. Man ging nicht einmal mehr mit der Macht ins Bett, misstraute ihren Erfolgsmeldungen, enttarnte sie als „Fake News“.

    Und wie es in einem Ehestreit der finalen Phase oft zu beobachten ist, findet man so gar nichts mehr attraktiv am alten, übelriechenden Partner. Man will einfach nur weg.

    Der Bräutigam vom Rhein strahlte übers ganze Gesicht

    Er gab sich gönnerhaft bescheiden, lobte den revolutionären Akt der friedlichen Selbstbefreiung, tauschte gleich den Feiertag 1953 zum erfolgreichen Versuch 1990. So manchem war nicht wohl beim Hochzeitspomp, so mancher aus der Ostverwandtschaft spülte vorausahnend bei seinem Vereinigungssekt gleich mit klarem Wasser nach, sich wieder mal warm anziehend, so einigen begann es auf der Straße schon kalt zu werden …

    Der Sieger zog triumphierend los. Fast die gesamten 90er Jahre. Man gewann wieder Wahlen ganz klar, Welt- und Europameisterschaften im Trendsport Nr. 1, dem Fußball, mistete den fremden Stall aus, versprach traumhaft treuhänderische Gewinne den Mitgewinnern aus dem Westen und siegte sich in einem atemberaubenden Tempo wieder einmal durch die deutsche Geschichte. Die Braut hingegen wurde auf die Schlankheitsfarm geschickt, sie kam frisch gestylt und fast faustisch verjüngt zurück. Nur die schnelldemokratische Vitaminkur schlug nicht so richtig an.

    So schleppte man sich jetzt wieder im Osten in der Existenz, trug sein Päckchen des Alltags und den Gewissenskatalog der ständigen Selbstoptimierung in den privaten Haushalt. Nur nicht an die Wahlurne zur Systemakklamation und zum Gedenktag der Hochzeitsfeier fing man auch schon mal launig an zu knurren.

    Diese Undankbaren aus dem Osten

    Eigentlich hätten sie doch aus Erfahrung wissen müssen, dass alles seine Zeit hat und „Wohlstand für alle“ sowieso nur die Faulen motiviert, wenn man sich wirklich einen festen Einheitsstandpunkt ge-BILD-et hat!

    Die Braut aus dem Osten begann fremdzugehen. Aber der alte Sozialdemokrat, noch dazu halb grün hinter den Ohren, kam doch arg vierschrötig daher. Er begann das Arbeitsregime, das den Haushalt der Braut bereits belastete, sogar noch zu verschärfen. Alles immer unter einem ökonomischen Vorbehalt, wurde ihr bedeutet, das „Fördern und Fordern“ klang wie Hohn im Minijob, sie wurde depressiv. Und so blieb bald nur noch die Auszeit und der Urlaub im Har(t)z.

    Eine Note 4 bekam sie von ihrem Ehemann, wenn sie wütend wurde, sich nicht privat krankenversichern wollte, Schutzimpfungen gegen bereits überwundenes Gedankengut rechter krimineller Energie verloren an Wirkung. Geld zu Wiederauffrischungsimmunisierung war angeblich nicht da. Und auch nicht nötig. Sagte man ihr.

    Der Rest ist schnell erzählt

    Die Ehe geriet in eine handfeste Dauerkrise. Aggressivität des Marktes – darauf hatte der Ehemann immer verwiesen, er sei nicht selber schuld – führte zur Aggressivität auf Seiten der Braut im Osten. Die Verwandtschaft im Westen ließ sich direkt davon anstecken, denn Onkel Herbert aus Bochum klagte auch über seine marode Schwimmhalle. Die Armut bekam Zulauf und sucht sich häufig Rat bei den Falschen: Die wollen die Ehe nicht annullieren, nur die Ehepartner neu ausstatten. Ohne Rücksicht, noch marktradikaler, Rückkehr in protestfreie Zeiten ohne Recht auf Scheidung. Das will auch eigentlich die Braut nicht.

    Aber sie ist frustriert. Bräuchte dringend einen Termin beim Paartherapeuten, ehe das Klima noch eisiger und kälter wird. Zeit wird´s. Noch ist nicht Winter.

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