23.1 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Zeitreise: Am Vorabend der Novemberrevolution 1918

Anzeige
Werbung

Mehr zum Thema

Mehr
    Anzeige
    Werbung

    Für FreikäuferLZ/Auszug aus Ausgabe 60, seit 19. Oktober im HandelDer 19. Oktober 1918. In drei Wochen ist der Krieg vorbei. Im Osten ist er seit dem 3. März 1918 vorüber. Der Friede von Brest-Litwosk beendete die Kampfhandlungen zwischen Russland und dem Deutschen Reich. Für die Leipziger bleibt es ein seltsam ferner Krieg, denn im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg ist Deutschland nie selbst Schauplatz, auch in Prag, was damals noch zu Österreich/Ungarn gehört, wird nicht gekämpft. Es verwundert daher nicht, dass sich das Leipziger Gewandhausorchester auf den Weg in die heutige tschechische Hauptstadt gemacht hat, um bei den Verbündeten einen Beweis seines Könnens zu liefern.

    Der Auftritt des seit dem 11. März 1743 (Erstauftritt) ältesten bürgerlichen, also nicht-höfischen Orchesters, 1918 unter der Leitung des Ungarn Arthur Nikisch, wird eher nicht in die Stadtgeschichte eingegangen sein. Es waren schlicht viel zu wenige Zuhörer da, die Politik macht einen Strich durch die Gastspielrechnung. Das Leipziger Tageblatt berichtet: „Es war jammerschade, daß die erlesene Gemeinschaft gerade heute am Montag im Konzerte des deutschen Kammermusikvereins spielte, denn Prag stand wieder einmal unter dem Zeichen einer politischen Kundgebung.“

    Und der Generalstreik, von den tschechischen Nationalsozialisten (!) initiiert, lag wie „gewitterschwül“ über der Stadt und ließ „viele fernbleiben, die den hohen Musikgenuß ersehnt hatten.“ Gespielt wurden Werke des Schweizer Komponisten Hermann Suter „in nahezu unvergleichlicher Wiedergabe.“

    Alter Pomp und Wohnungspolitik am Kriegsabend

    In der Heimat feiert die Schützengesellschaft unterdessen 50 Jahre Schützenhaus. Aber Halt: Es ist eher eine traurige Feier, denn das (neue) Schützenhaus gibt es schon nicht mehr. Die Beschreibung der Einweihung dessen im Jahr 1868 kann anachronistischer zu unserer Einstellung zu Waffen gar nicht sein. „Großer Festjubel herrschte damals in den Mauern unserer Stadt. Schon Tage vorher waren aus allen Teilen der näheren und weiteren Umgebung Schützen angekommen, die an der Einweihung und dem sich daran anschließenden Preisschießen teilnehmen wollten. Ueberall auf Straßen und Plätzen sah man sie in ihren charakteristischen Uniformen einhergehen.“

    Natürlich gaben die Gastgeber der Leipziger Schützengesellschaft Vollgas, um ihre Gäste würdig zu empfangen.

    „Bereits am Abend des 17. Oktobers vereinigten sich alle Teilnehmer zu einem Kommers im Alten Schützenhaus, dass sich bekanntlich dort befand, wo jetzt der Krystallpalast steht (also hinter dem heutigen Hostel am Hauptbahnhof/Anm. des Autors). Den Besuchern dieser Veranstaltung bot sich durch die Menge verschiedenartiger Uniformen ein prächtiges und farbenfreudiges Bild.“ Die eigentlichen Festlichkeiten begannen aber erst am nächsten Tag, 55 Jahre nach der Völkerschlacht.

    Schützendeputationen aus 32 Städten Deutschlands bildeten einen Festzug, der „nahm seinen Anfang am Alten Schützenhaus, führte durch die Straßen der Stadt und endete am Neuen Schützenhaus. Alle Straßen, die der Zug berührte, prangten im festlichem Schmuck, und die Bürger unserer Stadt ließen damit der ältesten bürgerlichen Gesellschaft Leipzigs, deren Geschichte schon damals bald ein halbes Jahrtausend ausweisen konnte, die ihr zukommende Ehrung zuteil werden.“

    Portrait von Gewandhauskapellmeister Arthur Nikisch aus dem Jahr 1912. Foto: gemeinfrei
    Portrait von Gewandhauskapellmeister Arthur Nikisch aus dem Jahr 1912. Foto: gemeinfrei

    Und natürlich war das auch eine gute Gelegenheit, sich mal wieder zu zeigen. „Ueberall vor dem Neuen Schützenhause hatten sich die Spitzen der städtischen und Militärbehörden, Kreisdirektor V. Burgsdorff, Bürgermeister Dr. Koch, Polizeidirektor Rüder, Oberst V. Schulz, Stadtverordnetenvorsteher Anschütz und andere eingefunden.“ Nur leider musste der Schützenverein dieses Haus im Jahre 1918 wieder preisgeben. Im Rosental, wo das Haus stand, musste es wegen einer „Flussregulierung“ weichen, möglicherweise für das Elsterflutbecken. Ein Jahr später erhielt der Schützenverein sein neues Schützenhaus an der heutigen Hans-Driesch-Straße.

    Der Krieg hinterlässt auch im Leipziger Wohnungswesen langsam seine Spuren. Die Leipziger Familien werden bei den Opferzahlen kleiner, der Bedarf an kleinen und mittleren Wohnung wächst allmählich. „Mehrere Anfragen bei der Kriegsamtsstelle Leipzig geben Veranlassung, darauf hinzuweisen, daß Baugenehmigungen für kleine und mittlere Wohnungen schon jetzt erteilt werden, und daß derartige Bauten auch durch Zuweisung von Baustoffen und Arbeitskräften irgendmöglich unterstützt werden.“

    Offenbar soll diese Unterstützung auch eine Art Kompensation für den Verlust des Vaters oder der Söhne darstellen. „Allerdings sind bisher erst wenige Anträge auf Genehmigung von Wohnungsbauten bei der Kriegsamtsstelle eingegangen, soweit solche eingereicht wurden, sind sie fast ausnahmslos bewilligt worden.“

    Aber seit Januar 1918 sind nur 500 Wohnungen in den Kreishauptmannschaften Chemnitz, Zwickau, Leipzig um- oder neu gebaut worden. Gemessen an der Gesamtzahl von fast 2,5 Millionen Wohnungen verschwindend gering.

    Ernährung und die Spanische Grippe

    Dass Brot mal strenger Kontrolle unterlag, ist für Menschen des 21. Jahrhunderts, in dem jeder, der jemanden in der Brotfabrik kennt, eine Bäckerei eröffnet, undenkbar. Wir hatten allerdings schon in anderen Dekaden diese Entdeckung gemacht. Im Oktober 1918 ist das Schwarzbrot sehr feucht, was „auf die alleinige Verwendung von Roggenmehl neuer Ernte zurückzuführen ist“. Das Schwarzbrot soll nun aus „90 Teilen Roggen- und 10 Teilen Weizenmehl“ hergestellt werden.

    „Etwa beobachtete Streckung des Brotes durch die Bäcker mit Kartoffeln wäre strafbar und dem städtischen Kriegsernährungsamt anzuzeigen. Die Einhaltung der Vorschriften über die Mehlmischung durch die Bäcker wird überwacht.“ Man wünschte sich, dass auch die heutigen Bäcker derart überwacht würden.

    Das Jahr 1918 ist auch geprägt durch die Ankunft der Spanischen Grippe, an der weltweit schätzungsweise 50 Millionen starben. War die erste Welle im Frühjahr nichts Besonderes, wird es im Herbst schon kriminell. Die Zahl der Grippeerkrankten hatte in Leipzig schon einen „bedenklichen Umfang“ angenommen, als sich nun eine weitere Steigerung ereignete. Täglich meldeten sich um die 600 Leipziger mit Grippe krank.

    „Wenn diese Fälle auch nicht die Höchstziffern der Epidemie des Winter 1889/90 erreicht, wo es Tage mit 988 und 914 Erkrankungen gab, so muß doch immerhin der jetzige Stand der Krankheit als ein sehr bedrohlicher bezeichnet werden.“ Zumal es gegen das „Blitzartige Auftreten und Umsichgreifen der Krankheit kein rabiates Mittel“ gibt. Das Gesundheitsamt rät, größere Menschenansammlungen zu meiden und zieht die Schließung der Schulen in Betracht, um die Ausbreitung einzudämmen.“

    Die Revolution bahnt sich an

    Seit dem 29. September 1918 sind Kaiser Wilhelm II. und Reichskanzler Georg von Hertling durch Erich Ludendorff im Bilde, dass die deutsche Front nicht mehr lange zu halten ist. Die Öffentlichkeit erfährt am 5. Oktober, dass die neu eingesetzte Regierung unter Max von Baden unter SPD-Beteiligung der Entente einen Waffenstillstand angeboten hat – im Reich gärt und rumort es seither immer lauter.

    Mit dem Aufstand der Matrosen und Arbeiter am 3. November 1918 beginnt in Kiel die Novemberrevolution. Bereits am 6. November greift die revolutionäre Bewegung auf Wilhelmshaven über. Das Bild zeigt den Soldatenrat des Linienschiffes "Prinzregent Luitpold". Foto: gemeinfrei
    Mit dem Aufstand der Matrosen und Arbeiter am 3. November 1918 beginnt in Kiel die Novemberrevolution. Bereits am 6. November greift die revolutionäre Bewegung auf Wilhelmshaven über. Das Bild zeigt den Soldatenrat des Linienschiffes „Prinzregent Luitpold“. Foto: gemeinfrei

    Am 29. Oktober werden Soldaten auf der Schilling-Rede meutern, die infolgedessen ausbrechende, sogenannte Novemberrevolution wird in genau drei Wochen die Hauptstadt Berlin erreichen. Kaiser Wilhelm II wird abdanken und der Sozialdemokrat Friedrich Ebert verfassungswidrig zum Reichskanzler ernannt. Dass es schon vorher im Kleinen konkrete revolutionäre Bestrebungen gibt, zeigt sich in einer unscheinbaren Meldung des Leipziger Tageblatts.

    Eigentlich hatten sich nur Gewerkschaftsfunktionäre im Großen Saale des Zoos versammelt. Einberufen hatte sie das Gewerkschaftskartell, was sozialdemokratisch, also politisch gemäßigt eingestellt ist.

    Blöd nur: Die Mehrzahl der Versammelten betrachtet sich als „unabhängig“. Die nun in Regierungsverantwortung agierende SPD hatte sich im Laufe des Ersten Weltkriegs nach einem Streit um die Bewilligung weiterer Kriegskredite durch den Reichstag aufgespalten. Die Mehrheitssozialdemokraten der MSPD und die unabhängigen Sozialdemokraten der USPD mochten einander nicht mehr leiden.

    In der aufkommenden Revolution wird das Tischtuch endgültig zerschnitten. Der Rest ist deutsche Parteigeschichte, aus der USPD wird Anfang der 20er Jahre die KPD hervorgehen.

    Aber zurück in den Zoo, wo die Versammlung „sehr stürmisch“ verlief. Am Ende lehnen die Versammelten einen Antrag des Gewerkschaftskartells ab und nehmen stattdessen eine Entschließung der „Unabhängigen“ an. Sie fordern die „sofortige Erhöhung der Lebensmittelrationen.“ Außerdem heißt es: „Die Kriegsgewinne sind sofort zu konfiszieren. Die großen Industrien und der Grund und Boden sind in gesellschaftliches Eigentum überzuführen. Die Tilgung der Kriegsschulden muß durch sofortige Beschlagnahme der großen Vermögen erfolgen.“

    Schließlich verpflichten sich die Versammelten „unverzüglich den Kampf für die Eroberung der politischen Macht aufzunehmen.“

    Auch der Deutsche Patriotenbund zur Errichtung eines Völkerschlacht-Denkmals bei Leipzig hält seine 25. Hauptversammlung ab. Und das erstmals ohne den Ehrenvorsitzenden – Oberbürgermeister a. D. Georgi ist im April 1918 verstorben. Ihn hätte sicher gefreut zu hören, dass im Jahre 1917 über 50.000 Menschen mehr das Völkerschlachtdenkmal besuchten als noch 1916. Die Besucherzahl stieg von 183.076 auf 234.399. Woran das liegt, erörtert der Verein nicht.

    Letztes Aufbäumen in der Handelskammer Leipzig

    Wie gesagt: Der Krieg ist bald vorbei – und das wissen auch die Zeitgenossen. Dass das Deutsche Reich in Friedens- und Waffenstillstandsverhandlungen eingetreten ist, ist der Öffentlichkeit bekannt. Trotzdem oder gerade deswegen ruft die Handelskammer Leipzig, Handel und Industrie zu einer weiteren, der neunten (!) Kriegsanleihe auf.

    „Das deutsche Volk will den Frieden, will ihn ehrlich und auf die Dauer. Erträglich aber und annehmbar kann nur ein Friede sein, der nicht unsere Ehre mindert und nicht unsere Lebensnotwendigkeiten beeinträchtigt. Die Feinde möchten uns, so will es bisher scheinen, einen solchen Frieden weigern. Es gilt daher für das deutsche Volk, sich zur Notwehr zusammenzuschließen und mit ernstem Vertrauen hinter die Männer zu treten, in deren Händen die Leitung der Geschicke des deutschen Volkes gelegt ist. Vor allem aber gilt es, dem Reiche die Mittel bereitzustellen, die erforderlich sind, den Kampf um die Ehre und den Verstand des Reiches, der zugleich ein Kampf um Ehre und Verstand des Einzelnen ist, bis zum Ende durchzuführen, wenn unserem Friedenswillen keine Erfüllung zuteil wird.“

    Vier Jahre hat das Kaiserreich gekämpft, hatte eine große Aktie am Kriegsausbruch. Nun bettelt es um Milde und dennoch glaubt vielleicht zum ersten Mal so mancher an einen Volksaufstand für bessere Friedenbedingungen. In drei Wochen und zwei Tagen ab diesem 19. Oktober 1918 wird nach rund 17 Millionen Toten in einem Zug in Compiègne der Waffenstillstand vereinbart. Die Nachkriegsordnung legt die Lunte an den zweiten großen Weltenbrand.

    Bereits erschienene Zeitreisen durch Leipzig auf L-IZ.de

    Der Leipziger Osten im Jahr 1886

    Der Leipziger Westen im Jahr 1886

    Westlich von Leipzig 1891

    Leipzig am Vorabend des I. Weltkrieges 1914

    Einblicke in die Jüdische Geschichte Leipzigs 1880 bis 1938

    Leipzig in den „Goldenen 20ern“

    Leipzig im Jahr 1932

    Alle Zeitreisen auf einen Blick

    Zeitreise 1918: Krieg als Normalzustand und eine Schulreform

    Leipziger Zeitung Nr. 60: Wer etwas erreichen will, braucht Geduld und den Atem eines Marathonläufers

    Anzeige
    Werbung

    Mehr zum Thema

    Mehr
      Anzeige
      Werbung

      Topthemen

      - Werbung -

      Aktuell auf LZ

      Anzeige
      Anzeige
      Anzeige