Zeitreise: „Am Anfang war Gewalt“ – Die November-Revolution in Leipzig

Für FreikäuferLZ/Auszug Ausg. 61„Am Anfang war Gewalt“, so heißt das Buch des irischen Historikers Mark Jones über die Revolution 1918/1919. Gewalt gründet die Weimarer Republik, so Jones. Die revolutionäre Gewalt beginnt Ende Oktober, als sich Matrosen weigern, in eine letzte Schlacht zur Ehrenrettung der deutschen Marine zu ziehen. Fortan tobt im Norden ein Hin und Her um die Macht. Matrosen oder Offiziere, alte oder vermeintlich neue Macht: Wer hat das Sagen?
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Am 4. November dann der Durchbruch: Die inhaftierten Kieler Matrosen demonstrieren im Gefängnis und erhalten Unterstützung ihrer Kameraden von außen. Die militärische Führung in Kiel muss endgültig einsehen, dass sie keine Chance gegen die aufkeimende Revolution hat.

Am 5. November ruft der Reichskanzler Prinz Max von Baden zu Ruhe und Ordnung auf. Die „Leipziger Neueste Nachrichten“ (LNN) veröffentlicht seinen Aufruf. „An das deutsche Volk! Die Not der Zeit lastet schwer auf der Welt und auf dem deutschen Volk. Wir müssen diese schweren Tage und ihre Folgen überwinden. Heute schon müssen wir arbeiten für glücklichere Zeiten auf die das deutsche Volk ein Anrecht hat. Die neue Regierung ist am Werk, diese Arbeit zu leisten.“

Um das Volk zu überzeugen, listet der Reichskanzler alle guten Taten auf, die die gerade erst ins Amt gekommene SPD-Regierung, der man später den Waffenstillstand und vor allem den Versailler Vertrag in die Schuhe schieben wird, seit Oktober 1918 vollbracht hat. „Der Reichskanzler und seine Mitarbeiter bedürfen zu ihrer Amtsführung des Vertrauens des Reichstages und damit des Volkes. Grundlegende Rechte sind von der Person des Kaisers auf die Volksvertretung übertragen worden.“

Wohl wissend, dass das wohl nicht ausreichen wird, die Straße zu beruhigen, erklärt er: „Selbstzucht und Ordnung tun not. Jede Disziplinlosigkeit wird den Abschluß eines baldigen Friedens auf das Schwerste gefährden.“ Keine vier Tage später wird Max von Baden eigenmächtig den Kaiser zurücktreten lassen und die Verfassung brechen, die Lawine rollt also bereits. „Deutsche Männer und Frauen! Kampf und Friede sind unsere gemeinsamen Aufgaben. Staat und Recht sind unsere gemeinsame Zukunft. Euer Vertrauen das uns unentbehrlich ist in der Stunde der Gefahr, ist in Wahrheit nichts anderes als das Vertrauen des deutschen Volkes zu sich selbst und zu seiner Zukunft.“

Endkampf und Bolschewismus

Über die Zukunft des Kaisers macht man sich auch in Leipzig so seine Gedanken, man sieht das Ende der Monarchie bereits. „Wenn man alle Gefühlsmomente und rein menschlichen Gesichtspunkte ausschaltet, so handelt es sich bei dem Kaiserproblem heute sachlich im Wesentlichen um zwei große Fragen: Den Endkampf und den Bolschewismus. Eine dritte, die noch vor kurzem wichtig war, besteht nicht mehr, denn die Autokratie ist beleidigt. Es gibt keine irgendwie gefährliche Kaisergewalt mehr, der Kaiser hat in gewissem Sinne abgedankt, er hat, wenn auch nicht den Thron und den Titel, doch seiner Macht entsagt.“

Einen Tag später, am 8. November 1918, wird es auf dem Titelblatt der LNN konkreter, vielleicht hilft ein Ventil? „Ultimatum der Sozialdemokraten. Die Abdankung des Kaisers gefordert! Volksgenossen! Männer und Frauen!“. Es sind ein weiterer Appell an die Masse und die Vergewisserung, dass der Frieden nun verhandelt wird. Diesmal kommt es von der SPD-Regierung. „Das Blutvergießen nimmt ein Ende! Unsere Unterhändler sind beim feindlichen Befehlshaber! Hüten wir uns alle gerade jetzt vor Zwietracht! Laßt euch nicht freimachen durch phantastische Versprechungen, die nur einseitigen Machtgelüsten dienen“. Was damit gemeint ist, wird nicht klar.

Fakt ist allerdings: Matthias Erzberger, der Leiter der deutschen Delegation für die Verhandlungen um einen Waffenstillstand und seine Begleiter sind tatsächlich über die Frontlinie gelassen worden und haben die Verhandlungen in einem Eisenbahnwagon in einem Wald bei Compiègne aufgenommen. Entsprechend fordert die Regierung: „Schließt euch keinem Umzuge an! Bewahrt die Ruhe! Gebt den verantwortlichen Männern in ihren Verhandlungen um den Frieden Sicherheit und Stärke durch ruhiges Verhalten! Die Tage der Spannung sind vorbei! Seid besonnen! Der Friede marschiert! Bewahren wir ihn im Lande!“. Probieren kann man es ja mal.

Ein Zufall, dass ausgerechnet am selben Tag der Staatssekretär des Kriegsernährungsamts verspricht, dass die Brotrationen steigen werden? Man droht und lockt zugleich: „Andere Erleichterungen werden allmählich folgen. Voraussetzung dafür, wie überhaupt für die weitere Versorgung der Bevölkerung, ist die unbedingte Aufrechterhaltung der Ordnung.“

Unbeirrte Normalitäten in Leipzig

Von den Ereignissen scheinbar unbeirrt, begeht in Leipzig derweil der Albert-Zweig-Verein sein 50-Jähriges. Prinzessin Johanna Georg wird noch einmal den Staat repräsentieren und für den König Auszeichnungen verleihen. 1867 war der Verein in Dresden auf Bestrebung der damaligen Prinzessin Carola, nach der noch heute in Dresden eine Brücke benannt ist, gegründet. In Friedenszeiten bildet er Krankenschwestern aus, in Kriegszeiten kümmern sich diese um Verwundete. Der Nebenverein in Leipzig hatte sich am 25.10.1868 gegründet.

Friedrich Ebert (1925, SPD). Am Ende der Novemberrevolution wird die Sozialdemokratie in die schwere Weimarer Zeit lenken. Foto: Bundesarchiv

Friedrich Ebert (1925, SPD). Am Ende der Novemberrevolution wird die Sozialdemokratie in die schwere Weimarer Zeit lenken. Foto: Bundesarchiv

„Im Laufe der Jahre seien hunderte von Frauen und Jungfrauen als Schwestern ausgebildet worden“, sagt Stadtrat Dr. Ackermann. Der Verein stellt die Schwestern für die städtischen Krankenhäuser St. Jacob, dem Vorgänger der Uniklinik, und St. Georg sowie für das Kinderkrankenhaus. Mittlerweile haben die Schwestern auch die Waisenpflege übernommen. Anlässlich des Jubiläums spenden Leipziger laut LNN insgesamt 106.000 Reichsmark, darunter 20.000 von der Stadt Leipzig, die der amtierende Oberbürgermeister Dr. Rothe nun selbst übergibt.

Am Abend spricht der Rektor des Thomasgymnasiums, Dr. Karl Tittel, über das „bedeutsame Thema: Der Knabe bzw. der junge Mann auf der höheren Schule“.

Kein Pilsner mehr …

Die LNN spielen Lektor für die LVZ. Die hatte am Vortag behauptet, im Rathause seien acht Maschinengewehre aufgestellt worden. „Hierzu erfahren wir von zuständiger Seite, daß die Mitteilung vollständig aus der Luft gegriffen sei.“ Von wem, sagt auch die LNN nicht – vielleicht haben sie auch einfach mal vor Ort nachgesehen?

Auch schlechte Nachrichten aus Böhmen, der gute Alkohol wird knapper in Leipzig. „Der Pilsner Nationalausschuß hat die Ausfuhr von Pilsner Bier verboten, damit der heimische Verbrauch gedeckt werde; außerdem weil keine Bürgschaft dafür bestehe, daß die Waggons wieder zurückgesandt werden.“, so die LNN.

Die Revolution in Leipzig

Am nächsten Tag ist das allerdings auf jeden Fall nicht das größte Thema. Am Nachmittag des 8. Novembers kapituliert das Generalkommando in Leipzig vor einem Leipziger Arbeiter- und Soldatenrat. Ohne Blutvergießen. Die Zeitungen sind angehalten, einen Bericht der neuen Machthaber zu veröffentlichten. Er nimmt uns mit ins Leipzig des 9. November 1918.

„Während auf den Straßen die Offiziere von militärischen Patrouillen entwaffnet werden, wurde in den Kasernen ein Soldatenrat gewählt. Der Soldatenrat trat im Generalkommando zusammen. Man berief Vertreter der Unabhängigen Sozialdemokraten (die SPD hatte sich im Streit um die Bewilligung weiterer Kriegskredite während des 1. Weltkriegs in Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) und USPD gespalten/Anm. des Autors) zur Information nach dem Generalkommando.“

Inzwischen hat sich ein provisorischer Arbeiterrat aus der Parteileitung der Unabhängigen Sozialdemokraten gebildet, so die LNN weiter im revolutionären Hofbericht.

„In seinem Auftrage trafen die Herren Lipinski und Reichstagsabgeordneter Geyer in Verbindung mit dem Soldatenrat und verhandelten gemeinsam mit dem Soldatenrat mit den Offizieren des Generalkommandos. Es gelten folgende Bestimmungen. 1. Völlige Uebergabe der Kommandantur und der militärischen Gewalt an den Arbeiter- und Soldatenrat. 2. Völlige Uebergabe sämtlicher militärischer Depots, enthaltend Lebensmittel, Munition und militärisches Material 3. Unterwerfung der Offiziere unter die Befehlsgewalt des Soldatenrates.“

Den ersten beiden Punkten stimmen die Offiziere zu, den letzten wollen sie nicht anerkennen. „Die Wahl des Arbeiterrats erfolgt nach Betrieben. Auf je 500 Arbeiter entfällt ein Delegierter. Die Post ist besetzt. Die Abrüstung der Polizei ist vollzogen. Arbeiter- und Soldatenrat verfügen über die tatsächliche Macht.“ Was das bedeutet kündigen „die Neuen“ auch mit an. „Morgen treten sämtliche Betriebe außer den Betrieben der Lebensmittelversorgung und des Verkehrs in den Generalstreik. Eine Proklamation des Arbeiter- und Soldatenrats wird ergehen. Die Durchführung der sozialistischen Republik ist also in Leipzig in die Wege geleitet.“

Die Ernte war gut …

Nun gilt es, das Gemüse über den Winter zu bekommen. Daher ist es „dringend erwünscht, daß die Haushaltungen für den Winterbedarf Gemüsevorräte einlagern oder Sauerkraut in Töpfe oder Fässer einschneiden. Den Kleinhändeln ist die Abgabe größerer Gemüsemengen an denselben Verbraucher gestattet.“

In den Tagen der Revolution wird im Auguste-Schmidt-Haus Berufskleidung „für Arbeiterinnen, Betriebsbeamtinnen, Frauen, die in Verkehrsbetrieben arbeiten usw.“ vorgeführt. Das öffentliche Leben, es scheint weiterzugehen als wenn nichts wäre. Dass die Tage ereignisreich und durcheinander sind, zeigt sich dennoch: Die LNN erscheint immerhin seit zwei Tagen zweimal täglich.

Auf dem Titelblatt ihrer zweiten Ausgabe für den 9. November heißt es: „Abdankung des Kaisers. Verzicht des Kronprinzen – Wahlen zur Konstituante“ Nun ist auch in Leipzig das Leben nicht mehr so normal, wie es schien. „Das Straßenbild war heute von früh an infolge des Aufstandes ungewöhnlich belebt, und an einzelnen Stellen sammelten sich auch größere Massen, so zum Beispiel am Rathause, doch wurde die Ruhe anscheinend nirgends gestört“, heißt es in dem Bericht „Die Bewegung in Leipzig“.

Doch ein paar Störenfriede gibt es doch. „Die Aufgabe des Soldatenrates (nämlich die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten /Anm. des Autors) ist nicht klein und wenn er auch Patrouillen genug zur Verfügung hat, so wird es doch der Selbstbeherrschung des Publikums selber bedürfen, sich von aller Aufregung und Sensationsgier fernzuhalten. Dies gilt namentlich auch von der weiblichen Jugend, die gestern Abend einigermaßen in Unfugstimmung zu sein schien; wenn Ausschreitungen von Soldaten ihr gegenüber vorkommen, so wird das zum großen Teil an ihr selber liegen.“

Soso, denkt man, doch konkreter wird nichts genannt. Doch „ganz allgemein kann man vielleicht aussprechen, daß wenigstens gestern noch ein Teil des Bürgertums die ganze Angelegenheit mehr wie ein Schauspiel und eine Unterhaltung angesehen hat.“

1918 an der Karli

Vor allem am Volkshaus an der heutigen Karl-Liebknecht-Straße ist reger Verkehr. Militärpatrouillen stehen zur Sicherheit vor dem Haus an der damaligen Zeitzer Straße (1839 bis 1933) und späteren Adolf-Hitler-Str.: „Die ganze Zeitzer Straße war dicht gedrängt voll Menschen; in den Zügen, die von der inneren Stadt und dem Königsplatze herströmten, befanden sich namentlich viele jugendliche Arbeiterinnen, die reihenweise untergefaßt gingen. Die Straßenbahnen auf denen mehrfach Soldaten mit roten Fahnen sichtbar waren, verkehrten, doch wurden sie hier und da abgesucht nach Militärs, das ‚umgeschnallt‘ hatte. Das war wohl nur noch ausnahmsweise der Fall, denn längst hatten alle Soldaten Gurt und Koppel abgegeben. Nirgends sah man Kokarden an den Mützen. Die Menge bewahrte überall Ruhe.“

Und so gingen die Menschen ungewissen Zeiten entgegen. „Wir stehen erst am Anfang der Bewegung und wissen noch nicht, wohin sie führt, wissen auch nicht, ob vielleicht einmal Elemente die Oberhand gewinnen können, die nicht, wie die jetzige Leitung es bisher tut, den Willen und die Kraft zeigt, die Bewegung zu zügeln.“

Am selben Tag wird Friedrich Ebert von der SPD Reichskanzler. Für einen Moment scheint es, als ob der Weg in den Sozialismus vorgezeichnet ist. Doch die Revolutionäre haben nicht alle Telefonleitungen am ehemaligen Dienstsitz von Max von Baden gekappt. Die Geheimleitung zum Generalquartiermeister Groener steht noch. Ebert sichert sich dessen Unterstützung bei der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung zu. Die SPD, sie will entgegen früherer Programme die Revolution nicht mehr.

Sie will vor allem regieren und dafür braucht sie die alten Eliten.

Bereits erschienene Zeitreisen durch Leipzig auf L-IZ.de

Der Leipziger Osten im Jahr 1886

Der Leipziger Westen im Jahr 1886

Westlich von Leipzig 1891

Leipzig am Vorabend des I. Weltkrieges 1914

Einblicke in die Jüdische Geschichte Leipzigs 1880 bis 1938

Leipzig in den „Goldenen 20ern“

Leipzig im Jahr 1932

Alle Zeitreisen auf einen Blick

Zeitreise: Am Vorabend der Novemberrevolution 1918

Eine Muntermacher-LZ Nr. 61 für aufmerksame Zeitgenossen

* Leserclub *ZeitreiseLeipzig 1918
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