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Für eine Kräuterhexe gibt es eigentlich kein Unkraut mehr im Garten

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    Es fing mal ganz klein an. In Leipzig. Im Auenwald. Da nahm Grit Nitzsche die Leipziger mit auf Kräutertour ins Grüne. Hingucken. Kennenlernen. Rausfinden, was da wächst. Denn der normale Großstädter weiß ja von nichts. Der begegnet Kräutern, die man essen kann, für gewöhnlich nur im Bio-Markt oder in Zellophan verpackt im Supermarkt. Dabei wächst der Reichtum gleich nebenan. Vor zehn Jahren ging Leipzigs "Kräuterhexe" dann den großen Schritt.

    Mit ihrem Lebensgefährten gründete sie in Falkenhain einen eigenen Kräuterhof. Ein echtes Experiment. Denn wer weiß denn heute selbst auf dem Dorf noch, was im eigenen Garten alles wachsen kann, das nicht aus der Samentüte kommt? Das Experiment glückte. Auch weil Grit Nitzsche immer offen war für Exprimente, für Tipps und Ratschläge aus der wachsenden Literatur zum Reichtum der Kräuter und Pflanzen in unseren Fluren. Denn sie ist ja nicht die Einzige, die wieder auf Entdeckungsreise ist in die Vielfalt der blühenden und grünenden Welt um uns.

    Selbst im Buchverlag für die Frau haben schon einige neugierige Autorinnen das Türchen wieder aufgestoßen zum fast vergessenen Wissen um die essbare Vielfalt da draußen, egal, ob wild in Wald und Heide oder relativ gezähmt im eigenen Garten. Wie relativ das gezähmt ist, wissen Gärtner, die immer wieder ins Grübeln kommen, wenn sie akkurat gesetzte Beete versuchen vom Unkraut zu befreien. Denn bei Lichte (und einigem Wissen) betrachtet, ist das, was da zwischen den domestizierten Pflanzen aufsprießt, eben doch kein Un-Kraut. Nur ein anderes Kraut, das sich wohl fühlt auf dem selben Boden oder gar in dieser Nachbarschaft. Über Kraut und Unkraut entscheidet oft nur das Wissen des Gärtners über Nützlichkeit und Essbarkeit der Pflanzen.

    Und so wird, wer den Kräuterhof in Falkenhain besucht, ganz bestimmt keinen akkurat gereinigten Garten finden. Eher eine kleine, gut gehegte Vielfalt, in der so manches wilde Kraut neben den erwarteten Kulturpflanzen steht und genauso wie diese tagtäglich damit rechnen muss, dass die Gärtnerin kommt und Blätter, Stengel, Blüten einkassiert. Die Küche wartet.

    In diesem Buch, das nun auch einige Erfahrungen aus diversen Sendungen im MDR-Fernsehen sammelt, versucht Grit Nitzsche nun die Leserinnen und Leser einzuführen in ihre Welt. Wer schon eifrig Kräuterbücher gelesen hat, wird nicht allzu überrascht sein, einige gute Bekannte wiederzufinden. Der Unterschied ist: Diesmal geht’s nicht hinaus in Wald und Heide, sondern in den wirklich großen Kräutergarten in Falkenhain, der eben alle Träume vom Ausprobieren, die Grit Nitzsche vor zehn Jahren mitgenommen hat, in sich vereint. Sie hat sich darauf eingelassen, auch die wilden Kräuter in ihren Beeten und Wiesen auftauchen zu sehen, hat ihr Wohlergehen studiert und hat ausprobiert, wie das ist, wenn man sie nicht einfach ausreißt, sondern so behandelt, wie die anderen – wenn man also auch diese Blätter, Blüten und Früchte erntet, wenn sie frisch sind, und sie in der eigenen Kräuterküche verarbeitet.

    Und da sie von Anfang an auch Kräuterkurse angeboten hat, die mittlerweile viele Ausflügler in der warmen Jahreszeit nach Falkenhain locken, hat sie auch längst eine Schar von Anhängerinnen und Bewunderern, die staunend miterlebt haben, wie sich ein noch nie probiertes Kraut auf der Zunge in ein Geschmackserlebnis verwandelte.

    „Nur Mut!“ wünscht die Autorin, die auch das Wort Kräuterhexe mal mit, mal ohne Gänsefüßchen schreibt. Dann aufs Wissen kommt es an. Wer weiß, worauf man achten muss und wie die Kräuter sich ins Gartenjahr fügen, der braucht sich um neue Geschmacksabenteuer auf dem Teller nicht zu sorgen. Der muss eher die wichtigsten Regeln fürs Sammeln beachten und auf die Unterschiede der Pflanzen achten. Und dann geht’s eigentlich sofort los, erzählt Grit Nitzsche von all den Dingen, die sie mittlerweile aus dem eigenen Garten holen kann (und an denen brave Kleingärtner so oft verzweifeln). Denn alles ist essbar, Unkraut wird zur Delikatesse, wenn man’s kennt – von Breitwegerich bis zur Vogelmiere, mit denen sich das erste Kapitel beschäftigt. Da geht es nicht nur ums konkrete Kraut, sein Vorkommen und seine Eigenschaften, die essbaren  Teile sowieso. Da gibt es auch jedesmal gleich die Küchentipps dazu, die schon beim Anschauen der Fotos von Uwe Bender Appetit machen. Der Fotograf ist auch mit durch den Garten gekrochen, so dass man auch gleich sieht, wie das Kraut aussehen sollte, das man da sucht.

    Und bei den Kräutern hat sie es nicht gelassen. Ein eigenes Kapitel hat sie den Blüten, Stauden und Sommerblumen gewidmet, die man essen kann. Dahlien, Tulpen und Wicken haben lange genug nur hübsch ausgesehen im Garten oder in der Vase: Nun sind sie fällig und landen in Pfanne, Auflauf und Eiersalat. Wo kämen wir da auch hin, wenn Schönheit immer nur zum Angucken da ist? Schmecken muss sie. Und wer erst mal so am Ausprobieren ist, der überlegt irgendwann auch, was mit dem Rest der Gartenfülle anzufangen ist. Das hat die Autorin dann im letzten Kapitel „Verblüffende Nutzpflanzenausbeute“ versammelt.

    Zu jedem einzelnen Pflanzentipp gibt es in der Regel so drei Rezepte, was sich natürlich hübsch summiert in diesem Buch. Aber in der Fülle ist es natürlich eine Anregung für alle, die sich einen (großen) Garten am Haus leisten wollen oder können, einfach die Küchentür offen zu lassen und sich mit dem Wechsel der Jahreszeiten immer wieder frisch zu versorgen. Den Takt der Jahreszeiten schildert Grit Nitzsche gleich vorn im Buch, so dass man sich auch gleich so eine Art Kräuter-Küchenkalender zulegen kann.

    Im Ergebnis bekommt man wahrscheinlich etwas ganz Ähnliches wie das, was für Bäuerinnen über Jahrhunderte in ihrem Garten das Normale war. Und man lernt wieder Pflanzen kennen, die für Uroma wahrscheinlich gute Bekannte waren. Nur in unserer modernen Zeit haben wir nicht nur vergessen, wie sie alle heißen, sondern auch, wie lecker sie sind und wie wenig wir eigentlich auf all die künstlichen Aromen unserer modernen Nahrungsmittelindustrie angewiesen sind. Es ist also auch ein Buch für Gourmets, die wieder Geschmackserlebnisse haben wollen, die nicht aus der Retorte kommen.

    Und vielleicht eröffnet so ein Buch auch wieder die Neugier aufs eigene Gartenreich, möglichst groß, damit alles drin Platz findet, was Auge, Herz und Gaumen so im Jahreslauf erfreuen kann.

    Grit Nitzsche „Aus meiner Gartenküche. Die Rezepte der ‚Kräuterhexe‘, Buchverlag für die Frau, Leipzig 2015, 16,95 Euro

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