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Gegen den Siegeszug des Bösen in Epsor helfen augenscheinlich nur noch drei durchgeknallte Krieger

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    Augenscheinlich leben wir in phantasielosen Zeiten. Sonst wäre der Bedarf an Fantasy nicht so groß. Nicht nur in Filmen erleben Elfen, Orks, Zwerge, Drachen und edle Helden immer neue Variationen. Auch in Büchern tummeln sich die Wesen der Nacht, der Märchen, des Lichts, der Vergangenheit, der Schattenwelt usw. Und der Bedarf bei den Lesern scheint unersättlich.

    Wer liest das eigentlich alles? Und wer schreibt das eigentlich alles? – Eines aber ist unübersehbar: Was sich in Buchhandlungen stapelt, ist nur die Spitze des Eisbergs. Hunderte Titel erscheinen in Verlagen, die sich oft genug auf diese ganz spezielle Leserschaft konzentrieren, die auch schon im Angebot Rücksicht nehmen darauf, dass sie es augenscheinlich mit Viel-Lesern zu tun haben, die die Bände und Serien geradezu verschlingen. Und weil das mit berstenden Regalen daheim meist gar nicht mehr geht, läuft vieles gleich als eBook ins Netz. Oder in beiden Varianten.

    So ist es auch beim Aavaa-Verlag, der in Hohen Neuendorf bei Berlin heimisch ist und wo Felix Hänisch seine Bücher herausbringt. Felix Hänisch ist Leipziger, 1991 geboren und wohl genau die Mischung, die aus Fantasy-Lesern irgendwann Fantasy-Schreiber macht. „Vermutlich war es eine Mischung aus vielem, das mein damals 18-jähriges Leben beeinflusst hat“, erzählt er auf seiner Homepage. „Die lang ersehnte Ruhe und Privatsphäre der ersten eigenen Wohnung; die Ork-Romanreihe von Michael Peinkofer. Nicht zu vergessen, die Unmengen mäßiger bis hervorragender Fantasy-Produktionen, welche Fernsehen und Internet regelmäßig hergaben und die mein Genre über Jahre hinweg maßgeblich prägen sollten.“

    Aus dem Beginn mit 18 ist mittlerweile eine vierbändige Serie geworden. Der vierte Band erschien im April. Das Grundprinzip ist ein Klassiker der heutigen Fantasy: Die Welt von Epsor ist bedroht. Ein finsterer Usurpator ist dabei, die Völker, die hier 200 Jahre lang mehr oder weniger einträchtig nebeneinander lebten (Menschen, Zwerge, Elfen, Alben, Orks) zu unterwerfen. Ganz so einträchtig war es nicht. Auch vorher schlugen sich die kleinen Fürsten und Könige gern gegenseitig die Schädel ein, aber die Raufereien blieben meist lokal beschränkt, man lebte auch mit den Nachbarvölkern leidlich in Koexistenz, auch wenn augenscheinlich der Rassismus unterschwellig immer lebendig war.

    Den gibt es auch und gerade in der Fantasy. Und wer nur einen Teil all der vielen Titel gelesen hat, der weiß natürlich, dass die Welt der Orks und Elfen ein Abbild unserer Welt ist – farbenreich verfremdet, mit magischen Attributen aufgeladen, oft genug sehr märchenhaft. Aber gerade weil Fantasy oft wie am Fließband produziert wird, fehlen ein paar Filter, mit denen Autoren der so genannten ernsthafte Literatur oft ihre Ressentiments verstecken. Und nicht nur der schwelende Rassismus, der unseren heutigen Gesellschaften so zu schaffen macht, findet sich in großen Teilen der Fantasy-Produktion als Topos und moralische Frage wieder, auch die Arroganz der Reichen und Mächtigen ist überall präsent, ihre Machtgier und ihre Besessenheit von Gewalt.

    Auch bei Felix Hänisch findet man es. Verbunden mit der Ratlosigkeit der Betroffenen, wie sie sich gegen die Rücksichtlosigkeit des finsteren Gottes Loes wehren sollen, der seine Untergebenen benutzt wie Marionetten und sich alle magischen Mittel zu verschaffen versucht, um alle Völker Epsors zu unterwerfen. Wie das in der Fantasy so ist, besitzen nur einige wenige Helden die nötigen Fähigkeiten, um den Bösen zu besiegen. In diesem Fall sind es die Biest-Fähigkeiten zweier Menschen und eines durchgeknallten Elfen: Im Blutrausch sind sie in der Lage, sich in Kampfmaschinen mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten zu verwandeln. Da kann man nun das zweite Hobby des Autors, den Kraftsport, als Folie vermuten.

    Aber ganz fremd ist Fantasys-Lesern die Ausstattung der Helden mit besonderen Fähigkeiten ja nicht. Und das Gefühl, gegen die Arroganz der Mächtigen recht machtlos zu sein, auch nicht. Denn man liest ja Fantasy auch deshalb, weil hier das passiert, was in der realen Welt so fast unmöglich scheint: Die unbesiegbar erscheinende finstere Macht wird besiegbar. Der Leser darf dabei sein. Auf der richtigen Seite sowieso. Im Grunde lebt hier auch die alte Sehnsucht der Menschen nach dem strahlenden Helden, der den bösen Usurpator vertreibt.

    Der Vorteil in der Fantasy: Dort ist alles fein sortiert. Der Böse ist als solcher erkennbar. In diesem Fall ist er auch noch ein Prahlhans, der seinen engsten Untergebenen auch noch ständig erzählt, was für ein toller Hecht er ist und was er alles vor hat. In Fantasy-Romanen sind die finsteren Gestalten immer erstaunlich gesprächig, eitel bis zur Narretei, eingebildet bis zum Platzen. Aber ist es in der Realität eigentlich anders? Nur dass sie ihre Eitelkeit lieber in Aufsichtsräten, Regierungskabinetten und Memoiren zelebrieren …

    Da grollt und grummelt also was, auch in dieser Geschichte, die Felix Hänisch nun immer weiter treibt, mit immer neuen Enttäuschungen und Niederlagen für die Völker in Epsor, die der machtgierige Gott der Finsternis behandelt wie Ungeziefer. Brauchbar sind ihm die Unterworfenen nur als Krieger seiner blutrünstigen Armee. Auch das kennt man ja irgendwie aus den Nachrichten der Gegenwart. Und das macht wohl auch einen der wichtigsten Flucht-Reize der heutigen Fantasy aus: diese tiefe Durchdrungenheit unserer Welt von Krieg, Hass, Vernichtungswut, die latente Verachtung für andere Völker, für friedliche und damit scheinbar wehrlose Existenzen. Nicht die Friedensstifter werden in die Nachrichten gehoben, sondern die arroganten Kriegsherren.

    Das spiegelt sich in Hänischs Geschichte zum Teil auf sehr blutige Weise. Gemütlich geht es darin nicht zu. Und seine beiden Helden Darius und Therry haben mehr Ähnlichkeit mit den für den Krieg perfektionierten Strangers von Jennifer Lehr als mit üblichen lichten Helden des Genres.

    In diesem vierten Band der Biest-Serie steigt man mitten in die Handlung ein – Band 3 ist mit einem großen Gemetzel und einer gerade noch geglückten Flucht zu Ende gegangen. Band 4 endet – mit zwei kleinen Gemetzeln. Und die Flucht ist noch lange nicht zu Ende. So richtig beherrschen Darius und Therry das Tier in sich noch nicht. Es sieht also auch noch lange nicht so aus, dass sie dem Bösen vielleicht Paroli bieten können. Sie entdecken Abgründe, die sie sich vorher nicht geträumt haben. Augenscheinlich ist in einer Welt, in der das Böse triumphiert, jeder Missbrauch möglich. Oder spiegelt sich darin auch wieder nur die Panik unserer Zeit, die so eng gepaart ist mit der medialen Faszination des absolut Bösen und des wilden Blutrausches und der Vernichtung der Kultur?

    Manchmal ist man durchaus geneigt, in der Wirklichkeit die Auferstehung der finstersten Ängste aus der Fantasy zu sehen. Aber wahrscheinlich ist es genau andersherum: In den Träumen vom zähen, blutigen und zermürbenden Kampf gegen die Fürsten der Finsternis spiegelt sich eine Welt, die schon lange außer sich ist und in der die Ängste immer irrationaler werden, die Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen aber immer ungreifbarer.

    Bleibt da nur die Flucht in die Bücher? Oder bleibt uns die Flut der Fantasy-Geschichten als Begleitmusik einer Gesellschaft, die nicht mehr zu sich kommen kann, weil sie die falschen Ideale gesetzt hat?

    So gesehen ist diese Welt, mit der sich Felix Hänisch seit fünf Jahren beschäftigt, gar nicht so fremd, eher auf makabre Weise vertraut. Eigentlich höchste Zeit zum Aufwachen, könnte man sagen.

    Felix Hänisch „Das Biest in dir. Band IV. Die Tränensteine, Aavaa Verlag, Hohen Neuendorf 2015, 11,95 Euro

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