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15 bekannte Fälle aus der Glücksritterzeit der Nach-„Wende“-Jahre

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    Wer kein Geld hat, kann nicht mitbieten. So einfach ist das. Und wer nicht an der Quelle sitzt, weiß auch nicht, was die ganze Sache wert ist. Es ist nicht das erste Buch, das über die Glücksritter- und Raffer-Zeit der "Wende"-Jahre geschrieben wurde. Aber es gehört natürlich in die sonst etwas inhaltsleere Erinnerung an 25 Jahre deutsche Einheit.

    Die Geschichten, die Sebastian Fink und Olaf Jacobs erzählen, sind im Grunde nicht neu. Die meisten wurden in den vergangenen Jahren immer wieder erzählt – auch von den Helden der Glücksritterjahre selbst. Entstanden ist das Buch innerhalb eines medienübergreifenden Projekts, zu dem auch drei Fernsehdokumentationen gehören, die beim MDR unter Beteiligung von NDR und Arte entstanden. Natürlich geht das Thema „Wem gehört der Osten“ weit über die frühen 1990er Jahre hinaus, denn es ist ja nicht so, dass die Ostdeutschen 1995 auf einmal Geld in der Tasche hatten und nun mitbieten konnten, wenn mal irgendwo was zu holen war oder wieder auf den Markt kam.

    Die entscheidende Analyse darüber, was die Treuhandanstalt eigentlich falsch gemacht hat, fehlt bis heute. Dass sie Vieles falsch gemacht hat, ist bekannt. Dass sie das „größte Bereicherungsprogramm für Westdeutsche, das es je gegeben hat“ in Gang gesetzt hat (wie Hamburgs früherer Bürgermeister Henning Voscherau mal sagte), ist gewiss. Aber eben nicht nur für Westdeutsche. Die alten Funktionsträger der DDR, die im entscheidenden Augenblick 1990 Zugriff auf Betriebe, Ferienheime, Hotels, Genossenschaften hatten, waren oft genug Helfershelfer der gewaltigen Bereicherungsorgie, haben teilweise auch selbst ihre Pfründen gesichert.

    Die Schätzungen darüber, in welcher Dimension damals Besitz unrechtmäßig angeeignet, verschoben, versilbert und vergoldet wurde, sind bis heute lächerlich klein. Doch eine belastbare Antwort dazu, wieviel Wertbesitz seinerzeit für einen Appel und ein Ei, manchmal auch eine symbolische Mark, an fragwürdige Neubesitzer kam, fehlt bis heute. Eine fundierte Aufarbeitung der Treuhandarbeit scheint so unmöglich zu sein wie die Aufarbeitung der NSU-Geschichte des Verfassungsschutzes.

    Der Karikaturist Klaus Stuttmann hat die ganzen Geschichten, die über die wirklich faulen Deals der „Wende“-Zeit im Lauf der Jahre publik wurden, in bissigen Zeichnungen festgehalten. Sie sind im Buch eingestreut und machen auch die medialen Reaktionen aus dieser Zeit wieder lebendig, die im Grunde zwischen blankem Entsetzen und mutloser Verzweiflung schwankten. Denn das Fazit nach 25 Jahren ist ja nun einmal: Es gab damals nichts und niemanden, der dem großen Reibach Einhalt gebot. Meistens waren es Journalisten, die die Skandale erst öffentlich machten, Ross und Reiter benannten. Meistens kamen aber auch sie viel zu spät. Fabriken, die problemlos den Weg in die Marktwirtschaft geschafft hätten, waren entkernt, zerstückelt, verramscht worden, ihre Millionenbestände in dubiosen Briefkastenfirmen verschwunden, die cleveren „Retter“ abgetaucht. Und die verantwortlichen Treuhandmitarbeiter taten ahnungslos, waren es vielleicht auch in vielen Fällen, völlig überfordert von dem Job, zu dem sie gekommen waren wie das Kind an der Losbude zum Glücksteddy.

    Man bekam das schon frühzeitig mit, denn die Ganoven warteten ja nicht, bis die goldene Chance vorüber war. Aber jede einzelne der 15 in diesem Band gesammelten Geschichten erzählt davon, wie schwer es deutschen Ermittlern und Gerichten fiel und fällt, die wirklich schweren Fälle von Wirtschaftskriminalität aufzuarbeiten, die veruntreuten Vermögen aufzufinden und die Täter dingfest zu machen.

    Wobei – das muss hinzugefügt werden – nicht jede der 15 Geschichten eine Ganovengeschichte ist. Manchmal erzählt die Geschichte nur vom zermürbenden Umgang mit diversen Erbstücken der DDR-Vergangenheit – wie dem schon im Rohbau da stehenden Atomkraftwerk Stendal. Oder vom dilettantischen Umgang mit dem wertvollen Grundstück des DDR-Rundfunks in Berlin, bei dem die fünf ostdeutschen Bundesländer am Ende Millionen draufzahlten und ein anderer mit Cleverness seinen Reibach machte. Es gibt auch die positiven Geschichten – in diesem Band vertreten mit der Rettung der Spreewaldgurke. Genauso wie es eine Geschichte darüber gibt, wie eine Treuhandniederlassung mit allen Mitteln versucht, ein Management-by-out im Gestüt Ganschow zu verhindern.

    Der Fall Michal Rottmann, der das Unternehmen Wärmeanlagenbau Berlin plünderte, steht genauso drin wie der von deutscher Seite bis heute nicht aufgearbeitete Leuna-Skandal. Am Fall der Interhotels wird freilich auch geschildert, wie schwer eine Übernahme selbst für die Großen einer Branche sein konnte, wenn die gesamte Übernachtungsbranche erst einmal eine Krise erlebt. Am Fall der VNG wird das zähe Ringen um den einzigen und daher marktbeherrschenden Gasversorger im Osten erzählt – heute ja bekanntlich ein Unternehmen, bei dem selbst die Stadt Leipzig sich zutraut, dass sie es kaufen könnte. Mit Jürgen Schneider ist noch ein zweiter illustrer Fall im Buch, der Leipzig direkt betrifft.

    Man kann diese „großen Deals der deutschen Einheit“ durchaus immer wieder erzählen. Aber die Autoren erwähnen es selbst: Viele Deals gingen sogar ganz lautlos über die Bühne und niemand regte sich darüber auf – etwa wenn Wälder privatisiert wurden oder Seen. Ohne große Diskussionen wechselten auch einige der Seen in der neu entstandenen Seenlandschaft um Leipzig schon vor Jahren den Besitzer.

    Am 14. Juli berichtete der MDR darüber innerhalb der Reihe „Wem gehört der Osten?“ – „Ein Beispiel dafür ist der Goitzsche-See, den die Goitzsche Tourismus Gesellschaft (GTG) für die verhältnismäßig geringe Summe von 2,9 Millionen Euro kaufte. Investor Ingo Jung möchte an dem zweitgrößten See im Mitteldeutschen Seenland eine Regattastrecke und ein Hotel errichten“, heißt es da. „Viele befürchten, dass die größten Akteure Vorrang haben im Geschäft mit den Seen. Denn die GTG ist eine Tochter der Blausee GmbH und besitzt auch den Gröberner, Gremminer, Neuhäuser, Zwenkauer und Hainer See.“

    Das wird dann vielleicht im nächsten Buch von Sebastian Fink und Olaf Jacobs Thema werden. Denn dass auch 20 und 25 Jahre nach der deutschen Einheit ganze Landschaften privatisiert werden, hat natürlich auch mit der finanziellen Schwäche der ostdeutschen Länder und Kommunen zu tun. Selbst als es an die Verteilung der wertvollen Grundstücke der Deutschen Bahn ging, hatten die Kommunen, die die Grundstücke vor 150 Jahren meist für wenig Geld abgegeben hatten, das Nachsehen und konnten (oder wollten) ihr Vorkaufsrecht nicht ausüben.

    Es ist noch immer das Geld, das entscheidet, wer den großen Reibach macht. Die Fälle, die in diesem Buch versammelt sind, sind im Grunde alle schon Geschichte. Da und dort sind die Prozesse abgelaufen wie das Hornberger Schießen. Was aber eben nicht nur auf die Wirtschaftskriminalität der „Wende“-Jahre zutrifft. Bis heute sind deutsche Ermittler und Gerichte in Sachen Wirtschaftskriminalität schlecht ausgestattet und kaum den Winkelzügen der Täter gewachsen. Im Grunde hat die deutsche Einheit reihenweise die mürben Stellen im Bauwerk Bundesrepublik sichtbar gemacht. Nur hatten selbst die jeweils verantwortlichen Politiker eher damit zu tun, die Stellen zuzuschmieren, als sie zu reparieren. Am Ende des Buches hat man zwar das Gefühl, in ganz, ganz alten Zeitungen geblättert zu haben. Aber so ein wenig bringt es auch Klaus Stuttmanns Titelkarikatur auf den Punkt: Der Laden ist noch immer genauso reif für eine Generalrenovierung wie 1990. Nur haben sich eine Menge Leute einlullen lassen, weil alles doch irgendwie weiterlief wie zuvor.

    Haben die Banken aus der Schneider-Affäre gelernt (Stichwort: „Peanuts.“)? Haben sie nicht. Davon erzählt die Finanzkrise von 2007 genauso wie die danach ausbleibende Aufräumarbeit. Statt den Laden in Ordnung zu bringen, haben Politiker mit allem Fleiß aus einer Bankenkrise eine Staatsschuldenkrise gemacht. Was natürlich verblüfft, denn genauso hat man sich ja auch nach 1990 verhalten und die „Peanuts“ aus der wirtschaftlich vergurkten deutschen Vereinigung einfach zu Staatsschulden gemacht. So gesehen: Ein höchst aktuelles Büchlein. Von dem freilich – wie so oft – nicht zu erwarten ist, dass auch nur ein einziger maßgeblicher Politiker aufsteht und sagt: „Ich hab’s begriffen. Das ändern wir jetzt.“

    Sebastian Fink, Klaus Stuttmann, Olaf Jacobs „Wem gehört der Osten?, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2015, 14,95 Euro

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    1 KOMMENTAR

    1. Bis heute sind deutsche Ermittler und Gerichte in Sachen Wirtschaftskriminalität schlecht ausgestattet und kaum den Winkelzügen der Täter gewachsen.

      Eine Schlussfolgerung, die logisch erscheint! Ist das die ganze Wahrheit? Nein. Es gibt weitere Ursachen. Eine davon , die nicht vergessen werden sollte bzw. darf, ist, dass auch in den neuen Bundesländern ein enormer Filz u.a. zwischen Justiz, Politik und gewissen Medien entstanden ist,

      Nicht wenige Prozesse in jüngster Vergangenheit haben gezeigt, dass der Aufklärungswillen der Justiz oftmals mehr als fragwürdig ist bzw. war. Beispiele gefällig: Prozesse in Bayern bezüglich Uli H. und den unrechtmäßig in der geschlossenen Psychiatrie untergebrachten Herrn M,, Prozess „Herrenlose Häuser“ in Leipzig, Prozess gegen den Oberbürgermeister der Stadt Halle u.s.w.

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