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Die mitreißende Geschichte eines Suchenden, der erst mal zum Martin Luther werden musste

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    Dr. Armin Kohnle ist nicht nur Professor für Kirchengeschichte an der Uni Leipzig, er ist auch einer der wichtigsten Herausgeber von Luther-Büchern und einer der besten Kenner des Forschungsobjekts Martin Luther und seiner Zeit. Denn auch wenn Luther da steht und nicht anders kann - wirklich versteht man ihn erst, wenn man ihn in seiner Zeit agieren lässt.

    Und auch erst dann versteht man wirklich, warum die Reformation mit solcher Wucht die Welt veränderte. Denn eines hatte der Wittenberger Professor, als er am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die Kirchentüren von Wittenberg schlagen ließ, ganz bestimmt nicht vor: die Kirche zu spalten. Nicht mal reformieren wollte er sie. Eigentlich wollte er nur über ein paar Thesen disputieren. Ganz wissenschaftlich. Ahnte er selbst, dass er damit ein Fass aufmachte? – Möglich ist das. Aber nicht sicher. Denn bevor Luthers Schriften ihre weltverändernde Wirkung entfalten konnten, musste Luther erst einmal Luther werden. Und das war ein langer und von Zweifeln geplagter Weg.

    Lutherlegenden

    Aber vielleicht wird der Mann auch erst fassbar, wie er da scheinbar auf ein göttliches Zeichen hin beschließt, sein Jurastudium an den Nagel zu hängen und ins Kloster zu gehen. Bilder wie dieser Blitzeinschlag von Stotternheim sind zu Standards innerhalb der Lutherlegenden geworden. Doch mit denen räumt Kohnle auf, prüft alle diese Legenden an den originalen Quellen und Überlieferungen und erzählt Luthers Lebensgeschichte immer aus seinen eigenen Lebens- und Zeitverhältnissen heraus. Und das sehr kurzweilig, denn es war ja eine Menge los in diesem Leben eines Mannes, der vor allem zweifelte – selbst während seiner asketischen Zeit als Mönch in Erfurt. Damit ähnelt Luther durchaus anderen großen Visionären und Reformern der römisch-katholischen Kirchengeschichte, die noch zu ihrer Lebenszeit zu Ordensgründern und Erneuerern innerhalb der Kirche wurden.

    Viele Luther-Biografien lassen diese Seite der Lutherschen Unruhe einfach weg, stilisieren ihn damit fast zu einer One-Man-Show, einem Mann, der sich mit einem „Ich kann nicht anders“ (das so nie gesagt wurde) gegen Papst, Kaiser und Kirchenhierarchie stellte.

    Doch selbst 1517 war er noch gar nicht soweit, auch wenn er mittlerweile zu einem anerkannten Theologieprofessor in Wittenberg geworden war. Noch war gar nicht vorgezeichnet, dass seine Thesen ihn in Widerspruch zur römischen Kirche bringen würden. Auch das lassen viele Luther-Biografien weg: Welche Rolle vor allem der Medici-Papst Leo X. spielte, der nicht nur Luther exkommunizierte, sondern auch Druck auf Kaiser Karl V. ausübte, um des „Ketzers“ habhaft zu werden.

    Vielleicht gibt’s ja irgendwann auch noch das große Buch über „Ketzer“ und „Häresien“ in der frühen Neuzeit, das die vielen abweichenden Bewegungen von der harten Linie Roms und der Inquisition nicht mehr als etwas Exotisches, geradezu Mittelalterliches malt, wie das meist bei gängigen Ketzer-Büchern der Fall ist, sondern als Normalfall einer Kirche, die bis ins 12. Jahrhundert hinein Reform als wichtige Zutat ihres Daseins begriff. Jahrhundertelang hatten die Konzile der Kirche diese Rolle als Reform- und Korrekturinstitution mehr oder weniger auch ausgefüllt.

    Doch ab dem 11. Jahrhundert begann die Kirche, Häresien zunehmend mit Feuer und Schwert zu verfolgen. Eine Kirche, die tausend Jahre lang auch unterschiedlichste Spielarten der Glaubensausübung unter ihrem Dach lebte (nicht nur duldete), begann sich zu einer Staatskirche zu entwickeln, die nur noch eine einzige Lesart duldete. Zunehmend rückte der Papst in eine allein maßgebliche Position und war auch den Konzilen immer weniger rechenschaftspflichtig. Bis zur „Unfehlbarkeit“ würde es zwar noch ein paar Jahrhunderte dauern. Aber die Zeit der großen Reformer, die allesamt von päpstlichen Instanzen zu Ketzern und Häretikern erklärt wurden, wird nur begreifbar, wenn man die vielfältige Vorgeschichte dieser dogmatischen Kirche mitdenkt.

    Geldgieriger Kirchenapparat

    Was Luther sah, war tatsächlich ein gewaltiger, geldgieriger Kirchenapparat, der sich um die eigentlichen Probleme der Menschen nicht mehr sorgte. Ämter und Pfründen wurden verkauft, weltliche und kirchliche Macht vermischten sich. Und wer die dogmatische Haltung des Vatikan auch nur infrage stellte, wurde fast zwangsläufig zum Abweichler und bekam ziemlich schnell die „Instrumente“ zu spüren. Da wurde nicht diskutiert, auch wenn Luther darauf beharrte, seine Thesen mit ausgebildeten Theologen nach damaligem wissenschaftlichen Standard diskutieren zu wollen.

    Die Antwort aus Rom war die Aufforderung zum Abschwören. Das ist die Begleitmusik zu all den Verhören (1518 / 1521) und Disputationen der frühen Jahre, die allesamt nichts änderten, weil der Papst in Rom keineswegs bereit war, zu diskutieren. Dass er damit die Chance einer echten Reform der Kirche versiebte, hat Leo X. wohl nie auch nur geahnt. Erst seine harte Haltung führte zum Wormser Edikt, zu Luthers Wartburgaufenthalt 1521 und 1529 dann zur Protestation von Speyer, als 14 Reichsfürsten sich gegen die Verhängung der Reichacht gegen Luther aussprachen.

    Bis dahin hatte auch Kaiser Karl V. noch die Chance, in Deutschland ausgleichend einzugreifen. Doch der Kaiser, in dessen „Reich die Sonne niemals unterging“ war bis 1530 vollkommen mit Frankreich beschäftigt. Danach eigentlich auch noch. Aber auch Karl begriff nicht wirklich, welche Zentrifugalkräfte da am Werk waren. Nicht nur Frankreich ging einen eigenen Weg, der englische König sagte sich gleich komplett von der römischen Kirche los, auch wenn er statt des lutherischen Protestantismus doch lieber eine eigene anglikanische Kirche gründete.

    Und nur wenige Luther-Verehrer können sich heute noch vorstellen, wie wenig sich Luther selbst 1517 vorstellen konnte, was er da anrichtete.

    Luthers Positionen

    Armin Kohnle schildert sehr einfühlsam, wie sich Luthers Positionen nach 1517 so langsam ausformten. Die harsche Abweisung durch Rom zwang den Wittenberger Professor geradezu, seine Grundpositionen auszuformulieren und in immer neuen Schriften öffentlich zu machen. Seine Hauptschriften erschienen alle um 1520. Und das war für den Mann, der als Mönch versucht hatte, endlich ein neues Verhältnis zu Glauben und Gott zu finden, noch lange nicht das Ende des Weges. Oft waren die neuen Mitstreiter an seiner Seite viel schneller, um die Folgen seiner konsequenten Berufung auf die Bibel zu sehen.

    Da flog nicht nur der Primat des Papstes über Bord, den es nun einmal in der Bibel nirgendwo gibt, dasselbe geschah mit dem Zölibat und dem nirgendwo in der Bibel nachlesbaren Keuschheitsgelübte der Priester. Dass Luthers Sicht eine, für seine Zeit, konsequent moderne war, merkten auch die Fürsten, denn wenn nur noch das eigene Verhältnis zu Gott zählte und kein Papst und kein Ablass mehr gebraucht wurden, um dieses Verhältnis zu klären, dann stand der Mensch frei seinem Glauben und seinem Gott gegenüber. Das hatte politische Folgen – bis hin zur Entstehung des Schmalkaldischen Bundes. Das hatte aber auch wirtschaftliche Folgen, denn es waren nicht ohne Grund die mehr oder weniger protestantischen Länder, die fortan die wirtschaftliche Entwicklung des Kontinents dominierten.

    Folgen hatte es auch für Luther, dem es augenscheinlich schwerfiel, vom asketischen Klosterleben Abschied zu nehmen. Bis 1525 brauchte er, um nicht nur sein Mönchsgewand abzulegen, sondern auch tapfer die entlaufene Nonne Katharina von Bora zu heiraten. Es war ja keine Liebesheirat, sondern  reiner Pragmatismus – aber sämtliche Überlieferungen erzählen davon, wie glücklich Luther in dieser Ehe und seiner Familie war.

    Und weil Armin Kohnle alle die Hintergründe miterzählt und haufenweise die gängigen Luther-Legenden hinterfragt und über Bord wirft, wird Luther beim Durchblättern dieses reich bestückten Bildbandes immer greifbarer, lebendiger, irdischer. Ziemlich bald sagt man sich beim Lesen: Dieser Typ könnte auch hier und heute leben, genauso verzweifelt auf der Suche nach dem richtigen Verhältnis zu Gott, Glaube, Gnade und Leben. Und wahrscheinlich genauso heftig befehdet von den Dogmatikern der Zeit, die es einfach nicht aushalten, wenn Menschen suchen, verzweifeln, hadern und widersprechen.

    Irgendwie wird dabei auch sichtbar, wie Veränderungen in der Welt tatsächlich vor sich gehen, wie die großen Veränderer selbst erst langsam reifen und ihre Fragen von heute so langsam zu den Thesen von Morgen und den Grundpositionen von Übermorgen gerinnen. Wie sie aber trotzdem verfangen bleiben in ihrer Zeit, in ihrer Moral und ihrem Charakter. Das diskutiert Armin Kohnle recht ausführlich an Luthers Position zu den Juden (die sich im Laufe seines Lebens mehrfach änderten) und zur Obrigkeit.

    Wucht der Reformation

    Viele Luther-Biografien erwähnen nicht mal die Zwei-Reiche-Lehre, ohne die die Wucht der Reformation gar nicht zu erklären wäre. Denn nachdem das Papsttum nun fast 500 Jahre versucht hatte, sich mit Buß- und Bannandrohungen über alle weltlichen Mächte, Könige und Kaiser zu stellen, las Luther aus der Bibel etwas anderes heraus, nämlich die Wirksamkeit Gottes über zwei Regimente – das kirchliche und das weltliche. Wobei Luther unter kirchlich schon längst nicht mehr die Kirchenhierarchie der römisch-katholischen Kirche verstand, sondern das, was auch Paulus als Ecclesia ansprach: die Gemeine, die durch die Gläubigen selbst gebildete „verborgene Kirche“.

    Und als weltliche Macht sah er nun einmal die eingesetzten Fürsten und Obrigkeiten, die er zeitlebens nicht infrage stellte, erst recht nicht, als der thüringisch-fränkische Bauernaufstand die Gemüter erhitzte.

    Wobei Kohnle freilich in diesem Fall die Frage nicht erörtert, warum Luther derart laut und grimmig die Seite der Obrigkeit verteidigte. Aber zumindest mutmaßen kann man, dass der von Verhaftung, Verurteilung und Feuertod bedrohte Professor aus Wittenberg sehr genau wusste, dass ohne den Schutz durch seine Fürsten – insbesondere Friedrich des Weisen – sein Leben nichts mehr wert war. Denn Friedrich war es, der die Macht besaß, Luther eben nicht auszuliefern. Selbst dem Kaiser konnte der Wettiner abtrotzen, dass der sein Auslieferungsgeheiß niemals nach Wittenberg schickte.

    In Friedrich begegnet dem Leser ein Fürst, der genauso wie Luther zwischen den Zeiten steht, eigentlich noch ein idealer Vertreter des alten, von Reliquien und Heiligenverehrung geprägten Zeitalters, aber in seiner abwägenden, oft zögerlichen Art auch wieder ein moderner Politiker, der sehr genau wusste, dass man mit klugem Taktieren durchaus viel erreichen konnte – meist sogar mehr als in all den blutigen Kriegen und Scharmützeln der Zeit, aus denen sich der weise Friedrich wohlweislich heraushielt.

    Armin Kohnle hat mit diesem großen Bilderbuch eine der lebendigsten und komplexesten Lutherbiografien geschrieben, obwohl er an vielen Stellen gar nicht erst tief ins Detail geht, weil sonst der Bildband einfach zu dick und auch zu teuer geworden wäre. Auch so umfasst der Band vierzehn herrlich bebilderte Kapitel – eigentlich dreizehn, die Martin Luther als echten, suchenden und irrenden Menschen beschreiben, als begabten Teamworker, Marketingfachmann, Autor und Familienmenschen. Das 14. Kapitel widmet sich dezidiert dem „Mythos Luther“ und der immer neuen und meist unpassenden Glorifizierung (oder Verdammung) des Mannes, der so gern die ganze Kirche reformiert hätte, und nicht nur die halbe.

    Im Grunde ist die kritische Lutherforschung gerade einmal 100 Jahre alt und erst heute wird der Mann in all seiner Lebendigkeit so langsam greifbar, weil sich die Forscher auch wieder mit seiner Zeit, seinen Mit- und Gegenspielern und vor allem auch seiner langen Suche nach dem eigenen Weg beschäftigt haben.

    Am Ende fällt einem ein Stein vom Herzen: Dem Burschen ging es also genauso wie unsereins heute. Und manchmal bringt einer die Dinge einfach dadurch in Bewegung, dass er mit mönchischer Sturheit klären will, wie das nun ist mit Gottes Gnade, ob man sich die nun erwerben oder gar kaufen kann. Das war für 1517 eine deutliche Botschaft: Nein, man kann Gottes Gnade nicht kaufen.

    Vielleicht hätte er es nicht so deutlich formuliert wie in seinen 95 Thesen, wenn er gewusst hätte, was da auf ihn zukam …

    Armin Kohnle „Martin Luther. Reformator Ketzer Ehemann, Evangelische Verlagsanstalt / Stiftung Christlicher Medien, Leipzig 2015, 29,95 Euro.

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