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Der Kunstraub von Rotterdam ist jetzt selbst zum Kunstwerk im Heftformat geworden

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    Im Grunde war es so eine richtige Ganovenklamotte, in der alles zusammenkam: Ein spektakulärer Kunstraub in Rotterdam, ein augenscheinlich geniales Gaunergespann, eine lange Jagd quer durch Europa und dann die Landung in Rumänien. Der Bandenchef heißt auch noch Radu. Sage mal keiner, dass Europa keinen Stoff für echte Ganovengeschichten bietet.

    Im realen Leben sind Bonnie & Clyde in der Regel drei Nummern kleiner als im Kino. Was die Medien als Genialität gefeiert haben, entpuppt sich in der Regel als reine Kaltschnäuzigkeit, Unverfrorenheit oder – wie in diesem Fall – völlige Selbstüberschätzung. Und der Minutenraub aus der Rotterdamer Kunsthalle, die 2012 ihr 20-jähriges Bestehen mit einer Sonderausstellung mit 150 wertvollen Gemälden aus aller Welt feierte, erweist sich im Nachhinein als tolldreister Spaziergang, bei dem sich auch noch die Sicherheitsvorkehrungen als geradezu fahrlässig erwiesen. Keine drei Minuten brauchten die Diebe, um einfach hineinzumarschieren in die Ausstellung, sieben Bilder aus ihren Rahmen zu schneiden, rauszusprinten und scheinbar auf nimmer Wiedersehen zu verschwinden.

    Die Medien standen Kopf, die Polizei bekam zu tun. Und am Ende stellte sich der ganze Coup als so dämlich geplant heraus, dass selbst die Olsenbande sich verwundert den Kopf gekratzt hätte. Denn die sieben geklauten Gemälde von Picasso, Matisse, Monet, Gauguin und Kollegen wurde nicht umsonst als unverkäuflich bewertet. Das hätten echte Kunstganoven gewusst.

    Schließlich scheiterte Radus Bande daran, die Bilder irgendwie auf dem Schwarzmarkt in ganz Europa zu verkloppen. Selbst die kleinen Dealer wussten längst aus der Zeitung, was für unverkäufliche Ware Radu versuchte, loszuschlagen.

    Doch die eigentliche Pointe für diese Gaunerstory kam erst, als Radus Mutter am Tag der Prozesseröffnung aus lauter Mutterliebe die sieben unverkäuflichen Kunstwerke einfach in den Ofen steckte. Womit diese Gemälde dann tatsächlich für immer fort waren.

    Eine Geschichte, die die Leipziger Grafikerin Kristin Foltan augenscheinlich nicht schlafen ließ. Wie kann man nur! Picasso! Gauguin! Matisse! Unfassbar. Oder sollte man so etwas irgendwann einfach mit Humor nehmen? Ist nicht alle Kunst vergänglich, egal, wie viel Geld damit auf den Kunstmärkten erzielt werden könnte und wie berühmt der Künstler ist?

    Kristin Foltan hat in Leipzig Kunstpädagogik studiert und in Halle Kommunikationsdesign und Illustration. Da hat man auf die große, heilige, gemalte Kunst sowieso einen anderen Blick. Ein bisschen schelmisch, mit Augenzwinkern. Erst recht, wenn die Leipziger Künstlerin auch noch ein Faible für Pulp-Magazine hat. Das, was in der Regel Jungen mögen: Echte Abenteuer mit allem, was dazu gehört, in billigen Magazinen, deftig illustriert. Und genauso hat’s Kristin Foltan angepackt, hat sich die Essenz aus dem Bericht gezogen, den Ingeborg Ruthe am 19. Juli 2013 für die „Berliner Zeitung“ schrieb, und daraus eine stimmungsvolle Bildergeschichte gemacht. Die Mitglieder von Radus Diebesbande bekommen ein Gesicht. Der trübe Oktobertag, an dem der Diebeszug stattfand, bekommt Atmosphäre. Und wofür Romanautoren in der Regel zehn Seiten brauchen, das zeichnet sie auf einer Seite. Schwups sind die Wände leer, die Diebe wetzen und am nächsten Tag erlebt die Kunsthalle einen Publikumsandrang, der sich gewaschen hat.

    Szene aus Kristin Foltans "Der Kunstraub von Amsterdam". Foto: Ralf Julke
    Szene aus Kristin Foltans „Der Kunstraub von Amsterdam“. Foto: Ralf Julke

    Da kommt dann schnell so eine schöne Frage auf: Was wäre eigentlich der Kunstmarkt ohne Diebe? Würde sich überhaupt irgendjemand für die Herren Picasso und Gauguin interessieren, wenn ihre Werke nicht ab und zu spektakulär geklaut werden würden und ansonsten nach ebenso spektakulären Auktionen immer wieder in privaten Tresoren verschwänden?

    Und wenn nicht ab und zu Dilettanten wie Radu dabei wären, die es ganz schrecklich vermasseln? Das muss ja nicht in alle Breite da zu lesen stehen. Bei den Texten hat sich Kristin Foltan denkbar kurz gehalten. Die ganze wilde Story passiert in ihren Bildern. Auch der dramatische Moment der Mutter, die in panischer Besorgnis um ihren Sohn am Ende keinen anderen Rat mehr weiß, als die Bilder in den Ofen zu stecken.

    Entstanden ist so Nr. 44 aus der Reihe der Tollen Hefte, in denen begnadete Illustratorinnen und Illustratoren immer wieder mit neuer Phantasie zeigen, was mit beherzter Grafik alles möglich ist. Sonst steht ja die Illustration meist im Dienste der Geschichte. Hier ist es einfach mal andersherum: Die Geschichte dient brav den Bildern, der Text gibt nur die nötigsten Anregungen für alles, was bei phantasievollen Menschen in der Regel im Kopf abläuft, wenn sie in der Zeitung so eine Story lesen. Es soll ja noch Zeitgenossen geben, die dann Bauklötzer staunen und noch immer erstaunt sein können, wie romanhaft das richtige Leben der Menschen sein kann und wie wenig fehlt, dass sich ein Häuflein irdischer Versager in ein Ensemble filmreifer Gestalten verwandelt.

    Für Liebhaber der Reihe natürlich wieder eine Bestätigung, dass es die jungen Gafikerinnen aus den Hochschulen des Landes drauf haben – und dass dergleichen viel zu selten auch in normalen Romanneuerscheinungen auftaucht. Deswegen füllt die Reihe der Tollen Hefte auch eine Lücke und erfreut vor allem all jene, die Illustration mit all den modernen Drucktechniken und Bildfindungen lieben, die längst zum Standard der jungen Begabungen gehören. Und wenn da draußen schon kein Mensch mehr vom Kunstraub von Rotterdam redet, wird so mancher Sammler das Heft aus dem Regal nehmen und mit Freude betrachten, was da in einer nieseligen Rotterdamer Nacht geschah.

    Kristin Foltan Der Kunstraub von Rotterdam, Die Tollen Hefte, Heft 44, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt, Wien und Zürich 2015, 16,95 Euro.

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